Neumeiers Ballett „Liliom“ in der Prager Staatsoper
An diesem Donnerstag erlebt eine Neuproduktion des Balletts „Liliom“ von Choreograf John Neumeier in der Prager Staatsoper Premiere. Radio Prag International war bei der Generalprobe mit dabei.
Die Bühne in der Staatsoper verwandelte sich am Mittwochabend in einen Vergnügungspark in den USA der 1930er Jahre. Der Choreograf und langjährige Chef des Balletts Hamburg, John Neumeier, hat sich bei seinem Ballett „Liliom“ durch das gleichnamige Theaterstück des ungarischen Dramatikers Ferenc Molnár von 1909 inspirieren lassen. In den 1940er Jahren diente Molnárs Schauspiel als Vorlage für das Musical „Carousel“. Und dieses Musical kennt Neumeier aus seiner Kindheit.
Die Premiere seines Balletts „Liliom“ fand 2011 in Hamburg statt. Die Musik für „Liliom“ schrieb der französische Komponist Michel Legrand, der für seine Filmmusik schon mehrmals mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Nach 14 Jahren ist die Prager Staatsoper erst die zweite Bühne auf der Welt, auf der Neumeier sein Stück aufführt. Kurz vor der Generalprobe entstand das folgende Gespräch mit dem Solisten des Ballettensembles des Prager Nationaltheaters, Paul Irmatov.
Herr Irmatov, Sie tanzen die Hauptrolle des Liliom. Worin ist diese etwas widerspruchsvolle Persönlichkeit einzigartig?
„Es ist alles eine Frage der Interpretation dieser Persönlichkeit. Es gibt viele Theorien, wie man sie interpretieren kann. Vielleicht ist Liliom einfach nur eine Person, die ein schweres Leben hat. Er ist ein Künstler, lebt von der Kunst und lässt sich von der Kunst gefangen nehmen.“
Liliom lebt nach dem Tod scheinbar im Himmel und kehrt nach Jahren auf die Erde zu seinem inzwischen fast erwachsenen Sohn wieder zurück. Wie gelingt ihm die Rückkehr?
„Es könnte Fantasie oder eine Vision sein. Jeder hat seine eigene Weltanschauung, ich bin auch religiös aufgewachsen. Es ist interessant zu sehen, wie Menschen sich vorstellen, was ,danach‘ sein könnte. Es gibt viele Theorien. Ich würde sagen, dass Liliom zu sich selber zurückkehrt. Ein Teil von ihm lebt in dem Sohn weiter.“
Haben Sie das Theaterstück oder das Musical gesehen?
„Ich habe mir den Film (Filmmusical, Anm. d. Red.) angeschaut. Ich finde interessant, wie darin dieses Jenseits dargestellt wird, es hat eine besondere Symbolik. Als ich den Film gesehen habe, wurde mein Horizont ein bisschen erweitert.“
Wie ist die Zusammenarbeit mit dem legendären Choreografen John Neumeier?
„Es ist schon eine Ehre. Ich finde es unglaublich, wie viel dieser Mann auf die Beine gestellt hat. Ich habe großen Respekt vor ihm und bin meinem Direktor dankbar, dass er uns diese Möglichkeit gibt, mit Neumeier zu arbeiten. Ich hoffe in Zukunft auf eine weitere Zusammenarbeit.“
Kennen Sie andere seiner Produktionen – außer „Endstation Sehnsucht“, in der Sie vor ein paar Jahren in Prag tanzten?
„Ja, natürlich. Mein Bruder war in der Hamburger Ballettschule. Das war das erste Mal, dass ich von John Neumeier hörte, denn als Kind interessiert man sich nicht so wirklich für die Außenwelt. Mein Bruder war sogar bei der Uraufführung im Jahre 2011 dabei, er tanzte den Jongleur.“
Wie lange haben Sie sich auf die Rolle von Liliom vorbereitet, wie lange wurde das Stück einstudiert?
„Wir haben Anfang September angefangen und sind immer noch nicht fertig. Und es wird auch niemals fertig sein. Es wird immer etwas Neues kommen, man wird jedes Mal etwas Neues für sich entdecken. Es ist psychisch eine sehr schwere Rolle. Alles muss richtig rübergebracht werde, damit das Publikum auch versteht, worum es geht.“
Wie finden Sie die Musik von Michel Legrand, die speziell für das Ballett entstanden ist?
„Die Musik ist fantastisch, mit dieser Jazzband im Hintergrund. Es ist ein faszinierendes Zusammenarbeiten des klassischen Orchesters und der Jazzband. In manchen Momenten hat man einfach nur Gänsehaut.“
Filip Barankiewicz leitet das Ballettensemble des Prager Nationaltheaters. Auch er war bei der Generalprobe mit dabei. Das Interview entstand während einer Pause.
Herr Barankiewicz, wie ist es Ihnen gelungen, John Neumeier wieder nach Prag zu bringen und um eines seiner Stücke hier einzustudieren?
„Ich kenne John seit einer langen Zeit. Ich bin überhaupt ans Stuttgarter Ballett gegangen, weil ich Marcia (Haydée, Anm. d. Red.) und John persönlich auf der Bühne in Warschau gesehen habe. Und diese Art und Weise des Schauspiels, die die beiden im Stück ,Die Stühle‘ von Maurice Béjart vorführten, fand ich faszinierend. Ich wollte unbedingt als Tänzer nach Stuttgart gehen, weil ich einfach verknallt war in die Art und Weise, wie sie gespielt haben. Ich habe öfter mit John persönlich gearbeitet und habe mit ihm zusammen auf der gestanden, in ,Romeo und Julia‘ zum Beispiel: Er war mein Pater Lorenzo. Nach der Inszenierung von ,Endstation Sehnsucht‘ überlegten wir, was für die Prager Kompanie noch cool wäre. Wir entschieden uns für ,Liliom‘. Wir sind das zweite Ensemble weltweit, dass das Ballett aufführt. Ich könnte nicht glücklicher sein.“
Ich denke, dass Sie das Stück vorher in Hamburg mehrmals gesehen haben…
„Ja, natürlich. Ich schaue mir immer alles persönlich an. Dann versuche ich zu analysieren, ob es das Richtige für unser Publikum und auch für unsere Tänzer ist.“
Die Handlung spielt wie in einem Traum. Oder ist es Realität?
„Ich weiß es selber nicht. Aber was mir in der Handlung sehr gut gefällt, ist die Körpersprache und was man mit Körpersprache, Tanz und Musik machen kann. Wir haben außer dem Orchester auch eine Big Band auf der Bühne. Am meisten fasziniert mich, was John damit sagen möchte und wie er es schafft, die menschliche Schwäche zu zeigen. Ich hoffe, dass unser Publikum nicht nur an den ,Schwanensee‘ und den ,Nussknacker‘ denkt, sondern auch den Mut hat, etwas ganz anderes zu sehen. Beispielsweise ist die Szene, in der die Männer nach Arbeit suchen, sehr stark.“
Die Premiere der Neuproduktion des Balletts „Liliom“ von John Neumeier findet am heutigen Donnerstag in der Prager Staatsoper statt. Die Vorstellung beginnt um 19 Uhr. Die zweite Premiere steht am Freitag, 24. Oktober, auf dem Programm. Die nächsten Reprisen gibt es dann am 26. Oktober sowie am 1. und 2. November. Es gibt noch Restkarten.







