Das kommunistische Regime ausgetrickst: Eröffnung der Kirche in Senetářov vor 55 Jahren
In der früheren kommunistischen Tschechoslowakei war der Bau von Kirchen fast unmöglich. Dennoch wurde 1971 in der südmährischen Gemeinde Senetářov ein neuer Sakralbau eröffnet. Die dortige Josefskirche entstand unter dem Radar der obersten Behörden des Landes und wurde durch zahlreiche Spenden finanziert.
Senetářov liegt knapp 30 Kilometer nordnordöstlich von Brno / Brünn. Während des Zweiten Weltkriegs befand sich der Ort in einem Gebiet, das die deutschen Besatzer zu einem Militärübungsplatz machen wollten. Die Bewohner der Gemeinde wurden 1944 auch wirklich umgesiedelt. Damals schworen sie: Falls sie nach dem Krieg in ihre Häuser zurückkehren sollten, bauen sie eine Kirche als Zeichen der Dankbarkeit.
Nach dem Ende des Krieges war die Rückkehr möglich, doch die kommunistische Machtübernahme im Februar 1948 zog einen Strich durch die Kirchenbaupläne.
Geldsammlung verbindet die Menschen
Ende der 1960er Jahre befand der Priester František Vavříček jedoch, dass dem Schwur aus der Kriegszeit entsprochen werden müsse. Deswegen organisierte er eine öffentliche Spendensammlung – und das mit enormem Erfolg. Die Menschen aus Senetářov und der weiteren Umgebung schenkten anonym Geld, manchmal waren es nur kleine Summen, einige gaben aber auch einen kompletten Monatslohn. So kamen über 2,5 Millionen Kronen zusammen, eine für die damalige Zeit sehr hohe Summe.
Vavříček wandte sich an den Bildhauer Ludvík Kolek mit der Bitte um den Entwurf eines Kirchenbaus. Dieser ließ sich von der modernen Nachkriegsarchitektur in Europa inspirieren, vor allem vom Werk von Le Corbusier. Zwar hatte Kolek bis dahin noch nicht als Architekt gearbeitet, sein Entwurf wurde jedoch zu einem der mutigsten Kirchenbauprojekte der Tschechoslowakei.
Freiwillige Bauhelfer
1969 wurde mit dem Bau der Kirche in Senetářov begonnen, und zwar auf Freiwilligen-Basis. Sowohl die örtlichen Bewohner, als auch Menschen umliegender Gemeinden sowie Studierende und Handwerker beteiligten sich an den Arbeiten. Alles geschah inoffiziell – außer der Baugenehmigung gab es kein Dokument, das höhere Behörden auf das Unterfangen hinwies. Das erwies sich als der Schlüsselmoment. Denn hätten zentrale Verwaltungsstellen vom Bau erfahren, wäre dieser sofort gestoppt worden. Stattdessen wuchs die Kirche praktisch im Geheimen immer weiter.
Erst das fertige Gebäude alarmierte die Staatsmacht. In der Folge erwogen die Behörden den Umbau zu einem Kulturzentrum, die Schließung der Kirche und sogar ihren Abriss. Es wurden die Finanzierung, die Herkunft der Baumaterialien und die Liste der Freiwilligen überprüft. Doch dann machte das Regime ein Angebot: Die Kirche sollte eröffnet, aber nicht geweiht werden können. Pater Vavříček stimmte zu.
Strenge Sicherheitsmaßnahmen bei Eröffnung
Am 11. Juli 1971 wurde die katholische Josefskirche eröffnet. Zu der Feier kamen rund 15.000 Menschen aus allen Teilen des Landes in die kleine Gemeinde mit rund 500 Einwohnern. Die Sicherheitsvorkehrungen des Regimes erinnerten an ein Geheimmanöver. Die Staatssicherheit StB riegelte alle Zufahrtsstraßen ab, Wasserwerfer wurden in Stellung gebracht, und Spitzel filzten jeden Ankommenden.
Die Feier verlief jedoch völlig friedlich. Und für viele Menschen in der Tschechoslowakei wurde sie zu einem Symbol des zivilgesellschaftlichen Mutes. Offiziell geweiht werden konnte die Kirche erst nach dem Sturz des kommunistischen Regimes, dazu kam es Anfang Juli 1991.
Architektonisches Kleinod
Die Josefskirche in Senetářov gilt bis heute als auffälliges Werk der modernen Sakralarchitektur in Tschechien. Die Silhouette des Betonbaus erinnert an einen Schiffsrumpf. Im Inneren fallen unter anderem die Glasmalereien von Ludvík Kolek auf und die abstrakten Bilder für den Kreuzweg von Mikuláš Medek, einem der bedeutendsten tschechischen Nachkriegsmaler.















