Landesverband der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien

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Seit Anfang der neunziger Jahre gibt es die Verbände der Deutschen auf dem Boden der heutigen Tschechischen Republik. Meistens engagieren sich die einzelnen Regionalgruppen in den jeweiligen Bereichen und organisieren Kulturabende, aber auch Ausstellungen oder Diskussionsrunden. Nicht selten quasi unbemerkt von der tschechischen Öffentlichkeit. Doch dann wieder rückt der Landesverband schlagartig ins Rampenlicht, z.B. wenn er, wie im vergangenen Jahr geschehen, eine Petition an das tschechische Abgeordnetenhaus stellt. Mehr dazu im folgenden Schauplatz von und mit Olaf Barth.

Bei der 1991 veranstalteten Volkszählung bekannten sich rund 50 000 Menschen in Böhmen, Mähren und Schlesien zur deutschen Nationalität.

In zahlreichen einschlägigen Quellen wurde ihre Zahl allerdings auf rund 100 000 geschätzt. Es hieß, viele hätten sich so kurz nach der Wende noch nicht wieder getraut, sich zur deutschen Minderheit zu bekennen. Es kann aber genauso gut angenommen werden, dass sich viele deutschstämmige Bürger schon längst als assimilierte Tschechen fühlten.

Bereits kurz nach der "Samtenen Revolution" organisierten sich viele sogenannte heimatverbliebene Deutsche in neuen regionalen Verbänden. Sie wollten sich dem bereits 1968 gegründeten "Kulturverband der Deutschen" nicht anschließen, da dieser noch als Überbleibsel aus kommunistischer Zeit galt.

Hans Korbel, einer der Gründer des Landesverbandes der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien und langjähriger Präsident des selbigen, berichtet, wie er diese Anfangszeit erlebt hat:

"Ich habe mich zuerst in dem Verband der Deutschen in Prag engagiert, kurz darauf haben wir in Troppau einen deutschen Regionalverband gegründet. Dieser ist am 26.07. 1991 offiziell eingetragen worden...Dann habe ich mich an der Entstehung der Landesversammlung der Deutschen beteiligt, die am 7. November 1992 gegründet wurde. Seitdem bin ich in verschiedenen Gremien dieser Landesversammlung tätig."

Und welches waren und sind seine und möglicherweise auch die primären Ziele der Landesversammlung?

Wichtige Aufgabe sei es die Deutschen in Tschechien zu einen und zu erreichen, dass sich viel mehr deutschstämmige Bürger der Republik nicht nur für ihre Herkunft interessieren, sondern auch engagieren. Noch viel zu wenige seien organisiert, meint Korbel und nennt dann sein zweites großes Ziel:

"Das zweite war die große Aufgabe, die ich mir vorgenommen habe. Und zwar die Wiedergutmachung für die Nachkriegszeit, also die Entschädigung des Unrechts, das in der Nachkriegszeit den Deutschen angetan wurde...Leider ist es nicht ganz optimal abgelaufen."

Der Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses habe nach wiederholten Verhandlungen die Petition der hiesigen deutschen Minderheit, die eine Entschädigung für das nach dem 2.Weltkrieg an Deutschen verübte Unrecht gefordert hatte, vom Tisch gefegt, hieß es z.B. in der tschechischen Tageszeitung "Pravo". Das kann man aber so nicht sagen, wirft Hans Korbel ein und berichtigt:

"Er hat es nicht abgelehnt, er hat es abgelegt, muss man sagen. Wir als deutsche Minderheit müssen noch etwas weiteres ausarbeiten und zwar müssen wir klarstellen, ob wir eine Änderung der Gesetze verlangen, durch die es zu dem Unrecht gekommen ist oder eine Entschädigung für das Unrecht, das im Rahmen der damaligen Gesetze begangen wurde."

Oder wie es die Zeitung Pravo schreibt:"Die Vertreter der in Tschechien lebenden Deutschen konnten sich nicht entscheiden , ob sie eine Abschaffung der sog. "Benes Dekrete" oder eine Entschädigung im Rahmen der früher geltenden Gesetze verlangen sollten."

Der Chef des Petitionsausschusses, Cyril Svoboda, erläuterte, man habe den Beschluss gefasst, dass sich der Ausschuss nicht eher mit der Petition befassen werde, bevor in ihr nicht eine klare Unterteilung der Forderungen formuliert sei.

Doch im Landesverband scheint man sich darüber noch nicht ganz einig zu sein. Und eine weiterer Punkt spaltet den "Landesverband der Deutschen in Böhmen, Mähren und Tschechien" in zwei Lager: Nämlich die Frage, ob man zur Unterstützung der eigenen Interessen nicht auch ausländische Verbündete wie die Sudetendeutschen Landsmannschaften oder die Medien einschalten soll. Das Lager um die neugewählte Präsidentin des Landesverbandes, Irene Kunc, ist gegen ausländische Schützenhilfe, meint, das würde der Verständigung mit den einheimischen Politikern eher schaden. Die Gruppe um den ehemaligen Vorsitzenden Hans Korbel setzt hingegen auf den Einfluss ausländischer Verbündeter, insbesondere der Medien. Laut der vom Landesverband der Deutschen herausgegebenen "Landeszeitung" habe Korbel die Wiederwahl zum Präsidenten nicht zuletzt wegen dieser Haltung gegen Frau Kunc verloren. Doch Hans Korbel hat plausible Argumente für seine Position:

"Sicher ist das: Am 8.November befasste sich der Petitionsausschuss das erste Mal damit und zwar ohne uns. Die haben niemand von der deutschen Minderheit dazu eingeladen und es ist so ausgefallen, wie Herr Pavlicek in der Zeitung Pravo vom 9. November schreibt, dass die Deutschen keinen Anspruch auf etwas hätten...und dann haben wir uns an die ausländischen Medien gewandt und schließlich hat sich der Ausschuss ein zweites Mal damit befasst. Diesmal haben sie es nicht abgelehnt, sondern abgelegt, das ist doch ein Unterschied."

Herr Korbel schließt daraus, dass erst die Publikation der ganzen Angelegenheit, also der Druck der Medien, bewirkt habe, dass der Fall nun schon positiver beurteilt wurde. Aber wie soll es weitergehen, was wird der Landesverband nun unternehmen? Dazu Hans Korbel:

"Wir müssen Kontakt zu Juristen aufnehmen. Wir sind ja keine und wir hatten bisher keinen Juristen gefunden, der sich damit beschäftigen wollte. Wenn wir mit dieser Frage zu Anwälten gekommen sind, dann haben alle gesagt, "wir wollen mit dieser Sache nichts zu tun haben". Wir müssen aber dennoch einen finden, denn ohne Juristen können wir das nicht machen. Es muss im Rahmen der Gesetzgebung sein, damit wir das vorlegen können."

Ein Jurist, nämlich der von Herrn Korbel zuvor genannte Vaclav Pavlicek, seines Zeichens Professor der Rechtswissenschaften an der Karlsuniversität, stufte in dem angesprochenen Pravo-Artikel vom 9. November 2001 die historischen Diskurse der deutschen Petition als Geschichtsverdrehung ein. Er kam zu dem Schluss, solche Behauptungen seien dazu angetan, die guten Beziehungen zwischen den Tschechen und der deutschen Minderheit im Lande zu beinträchtigen.

Das Bedenkliche für die Ziele der deutschen Minderheit ist, dass er nicht der einzige ist, der das so sieht. Die Ausschussmitglieder Vojtech Filip von den Kommunisten und der Sozialdemokrat Stanislav Krecek bezeichneten, entgegen der sonstigen parteibedingten Gegensätze, die Forderungen der Deutschen diesmal unisono als unverschämt. Außenausschussmitglied Vladimir Lastuvka, der die Petitionsverhandlung verfolgt hat, schätzt diese Aussagen wie folgt ein:

"Diese Reaktionen bezogen sich auf eher politische Behauptungen, die man nicht nur meiner Meinung nach, sondern auch gemäß der vieler anderer Abgeordneter, als einen Versuch bezeichnen kann, die Fakten des 2. Weltkriegs zu verändern. Es wird z.T. versucht aus Tätern Opfer und umgekehrt zu machen. Wenn man also Aussicht auf Erfolg haben will, muss man diese Verdrehungen rauslassen."

Ansonsten ist der CSSD-Abgeordnete aber durchaus dafür, in Einzelfällen zumindest symbolische Wiedergutmachung zu leisten. Er wisse, weil er sich damit eingehend beschäftigt habe, dass es zu vereinzelten Greueltaten gekommen sei. Und er fordert deshalb:

"Die Bürger der Tschechoslowakischen Republik waren vor dem Gesetz alle gleich. Ich denke, man muss analysieren, wie die Gesetze damals lauteten und was sich im Widerspruch dazu ereignete. Das sollte in den Einzelfällen untersucht werden. Es gab Regelungen, wie im Zuge der Entnazifizierung mit den Angehörigen der deutschen Minderheit verfahren werden sollte und falls jemand anders behandelt wurde, ihm etwas abgenötigt oder aufgezwungen wurde, dann muss man das irgendwie entschädigen. Aber über das wie muss erst noch entschieden werden."

Ein positiver Ansatz also. Ganz im Sinne der vom Landesverband der Deutschen geforderten symbolischen Entschädigungen für die nach dem zweiten Weltkrieg geleistete Zwangsarbeit sowie für Inhaftierungen und Enteignungen.

Abschließend wollte ich von Hans Korbel noch wissen, wie er das von dem Juristen Pavlicek zitierte gute Verhältnis zwischen Tschechen und der deutschen Minderheit hierzulande einschätzt:

"Die Stimmung hat sich nicht viel verändert. Die Deutschen gelten als eine Belastung des Landes, weil sie sich sogar schon etwas nehmen und das ist doch, wie der Abgeordnete Filip gesagt hat schon eine Frechheit, dass sich die Deutschen zu etwas melden... Das Zusammenleben der gewöhnlichen Menschen hat sich geändert, aber die offizielle Meinung ist so wie sie ist. Wir müssen weiter daran arbeiten, dass sich die Meinung der Menschen irgendwie ändert. Aber das ist sehr schwierig, weil die meisten tschechischen Medien nicht deutschfreundlich sind. Also müssen wir durch unsere Arbeit beweisen, dass die Deutschen nicht nur etwas schlechtes angetan haben, sondern dass sie auch etwas beigetragen haben zur gemeinsamen Geschichte und Kultur der Tschechoslowakei."

Autor: Olaf Barth
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