Luftalarm per Telefon-App: RPI-Kollege Daniel berichtet von seiner Recherchereise in die Ukraine

Daniel Ordóñez (links)

Unser Kollege Daniel Ordóňez aus der spanischen Redaktion von Radio Prag International war im Februar für neun Tage in der Ukraine. Unweit der Kampfgebiete im Osten des Landes konnte er mehrere Orte besuchen und mit zahlreichen Menschen sprechen. Seine Berichterstattung auf Spanisch ist auf der Website espanol.radio.cz zu finden. Im Interview hat er uns von seinen Erlebnisse und Eindrücken berichtet.

Foto: Help to Ukraine

Daniel, Du warst im Februar in der Ukraine. Was war der Anlass, und wie wurde die Reise organisiert?

„Dies ergab sich, als ich erfahren habe, dass der Gründer der Hilfsorganisation helptoukraine.es in Prag lebt. Dies ist die größte spanische NGO, die ausschließlich die Ukraine unterstützt. Sie wurde nach Beginn des Krieges gegründet, und es ist unglaublich, was die Leute in dieser kurzen Zeit alles schon erreicht haben. Ich habe den Gründer also zum Interview bei Radio Prag eingeladen. Dabei fragte er, warum ich nicht einfach mit ihnen mitkommen würde – sie würden nächste Woche in die Ukraine fahren. Ich habe gleich ja gesagt. Bei der Reise lief alles glatt ab, denn die Mitarbeiter sind sehr gut organisiert. Um ein Visum musste ich mich nicht kümmern, denn es hat sich durch den Krieg nichts geändert: Menschen aus der Europäischen Union können wie früher frei in die Ukraine reisen, da reicht der Pass. Ich musste aber eine Krankenversicherung finden. Niemand versichert derzeit Menschen, die in die Ukraine reisen. Aber über den Tschechischen Rundfunk hat das geklappt.“

Anatolii Kurtiev | Foto: Daniel Ordóñez,  Radio Prague International

Wo genau warst Du, und mit wem konntest Du vor Ort sprechen?

„Ich habe mit einer Menge Leute gesprochen, denn die NGO ist unglaublich aktiv. Zunächst fuhren wir nach Lwiw, wo wir mit einigen Vertretern der Stadt zusammenkamen. Danach ging es weiter nach Saporischschja, und dort trafen wir den Bürgermeister, Anatolii Kurtiev. Er arbeitet eng mit Help to Ukraine zusammen. Außerdem konnten wir mit Flüchtlingen aus den besetzten Gebieten sprechen. Auch Soldaten haben wir getroffen, allerdings eher zufällig. Mit ihnen konnte ich aber kein Interview führen, das wollten sie nicht. Wenn wir sie aber etwa in der Gaststätte trafen, haben sie sich immer gern mit uns unterhalten. Sie erzählten von ihren Erfahrungen und waren auch sehr dankbar, als sie hörten, dass wir aus Tschechien und Spanien in die Ukraine gekommen waren. Wir waren nahe der Front, in dem Ort Komyschuwacha. Zu der Zeit war die Front 20 Kilometer entfernt. In der Stadt haben wir lokale Politiker getroffen, mit denen die NGO zusammenarbeitet. Oder auch eine Frau, die sich um alle obdachlosen Kinder in der Region Saporischschja kümmert. Eben mit solchen Organisationen arbeitet Help to Ukraine zusammen. Wir haben dort drei Tonnen Lebensmittel abgeliefert und auch Roboter für die Telemedizin. Durch diese Maschinen können die Menschen, deren Hausärzte an der Front sind, andere Doktoren online kontaktieren, zum Beispiel in Kiew oder auch in Madrid oder Brüssel. Die Roboter sind mit allem Nötigen ausgestattet, etwa um Blutdruck zu messen. Sie ermöglichen eine erste Diagnose und helfen damit vor allem alten Menschen, die in den Kampfgebieten zurückgeblieben sind. In Kiew waren wir auch im Gesundheitsministerium, das ebenfalls mit der spanischen NGO und mit weiteren Hilfsorganisationen zusammenarbeitet, zum Beispiel mit United for Victory. Mein Besuchsprogramm war also sehr intensiv. Und ich hatte dabei ein sehr gutes Gefühl, denn die Hilfe ist tatsächlich wirksam.“

Daniel Ordóñez  (mitte) | Foto: Eugenia Morago

Was haben Dir die Anwohner berichtet? Zum Beispiel der Bürgermeister von Saporischschja oder die Frauen in den Flüchtlingsunterkünften?

„Viel. Darüber könnte ich den ganzen Tag erzählen. Es hat mich überrascht und auch bewegt, wie sehr sie an den Sieg glauben. Sie sind sich dessen sicher und miteinander verbunden in dieser schweren Zeit. Erstaunlich ist auch, wie gut alles funktioniert: Die Flüchtlinge haben ein Dach über dem Kopf, niemand lebt auf der Straße, und die Straßen sind sogar sauber. Der öffentliche Nahverkehr ist kostenlos, eben weil in Saporischschja so viele Geflüchtete sind, die ansonsten nicht mobil wären. Mich hat überrascht, dass trotz der Lage alles gut funktioniert. Interessant ist auch die Frage der Sprache. Die Flüchtlinge – fast ausschließlich ältere Frauen – sprechen meist nur Russisch. Aber sie fühlen sich aus tiefstem Herzen als Ukrainerinnen. Dieses Gefühl ist mir dort sehr oft begegnet. Viele Menschen lernen jetzt erst Ukrainisch. Selbst wenn sie nur Russisch können, fühlen sie sich als Ukrainer. Ich habe noch viele weitere Dinge gehört. Und überaschenderweise hatte ich ein gutes Gefühl, als ich dort war. Es war eine sehr starke und sogar positive Energie zu spüren, und die habe ich in mir aufgenommen. Es war eine sehr angenehme Erfahrung. Ich habe die Solidarität der Leute erlebt – untereinander und mit uns Besuchern. In jeder Situation und an jedem Ort ist zu sehen, wie sich die Menschen gegenseitig helfen.“

Komyschuwacha  | Foto: Daniel Ordóñez,  Radio Prague International

War die Reise nicht gefährlich? Welche Sicherheitsvorkehrungen wurden getroffen?

„Ob die Reise gefährlich war? Na sicher. Was soll ich sonst sagen? Ein Risiko bestand. In dem Ort Komyschuwacha nahe der Front gab es allein von Jahresbeginn bis Februar acht Luftangriffe. Zu Ostern kam es zu einem weiteren, bei dem die Kirche zerstört wurde. Diese Gefahr bestand also, und in dieser Gegend mussten wir auch Schutzwesten und Helme tragen. Aber letztlich hat sich die Reise als nicht so gefährlich herausgestellt, was allerdings eher Zufall war. In jener Woche jährte sich der Kriegsbeginn zum ersten Mal. Eigentlich hatten alle erwartet, dass es dann die meisten Raketenangriffe geben werde. Aber das Gegenteil war der Fall. Als wir dort waren, besuchte auch US-Präsident Joe Biden gerade die Ukraine – so gab es keine Luftangriffe. Und am Jahrestag des Kriegsbeginns herrschte totale Stille. Ich selbst habe in der ganzen Zeit nur eine Explosion gehört, das war in Kiew. Ich arbeitete gerade auf dem Hotelzimmer und war der einzige aus unserer Gruppe, der den Knall gehört hat. Meine Kollegen waren in der Stadt und haben nichts mitbekommen. Alarm gab es aber ständig, das bekommt man auf dem Mobiltelefon angezeigt. Es sind keine Sirenen zu hören, sondern jeder sieht es auf dem Display, entweder als SMS oder per Telefon-App. Alarm gibt es wirklich dauernd. Man gewöhnt sich auch ein bisschen daran – aber eben nicht zu hundert Prozent. Es war also wirklich Glück. Zwei Wochen nach unserer Abreise starben in Saporischschja neun Menschen. Eine Rakete traf das Haus, in dem sie schliefen. Mit so etwas hatten wir auch gerechnet, aber wir hatten Glück.“

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