Mit Miroslav Šašek um die Welt – und zurück nach Prag

Foto: Baobab

Miroslav Šašeks Geschichte beginnt in Prag, führt über Paris nach München und schließlich um die ganze Welt. Seine liebevoll gezeichneten Reisebücher über die Städte und Länder dieser Erde wurden in den 1960ern von Kindern wie Erwachsenen verschlungen. Allerdings nur in der westlichen Welt – in seiner Heimat konnten Šašeks Bücher nicht erscheinen. 1980 ist der Autor und Grafiker gestorben. Nun kehrt Miroslav Šašeks Werk posthum nach Tschechien zurück.

Foto: Baobab
Paris, London, Rom, New York, Edinburgh, Hongkong. Diese Städte und noch viele mehr hat Miroslav Šašek in den 1950er und 1960er Jahren bereist – und gezeichnet. Seine großformatigen Bücher enthalten jeweils etwa 80 Aquarelle. Sie zeigen eine bunte, idealisierte Welt in Bewegung und Aufbruchsstimmung. Šašek skizziert die Architektur, den Eiffelturm, das Pantheon, den Big Ben, die Wolkenkratzer. Und er karikiert die Pariser Bohème beim Flanieren, den römischen Barista mit seiner Kaffeemaschine und stoische Zeitungsleser in der Londoner U-Bahn. Wenige lakonische Sätze kommentieren die Episoden. Eine zusammenhängende Geschichte wird nicht erzählt, nur ein eleganter Herr mit Skizzenblock und Hut taucht immer wieder auf. Das ist der Autor selbst, der sich für die Bücher mitten ins Leben hinein begab. In einem Radiointerview gab Šašek 1968 Auskunft über seine Arbeit, die nie endet:

„Die Skizzen zeichne ich schon vor Ort mit der Feder oder mit Bleistift. Dann beeile ich mich, nach Hause zu kommen, damit ich nichts vergesse, und nach diesen Skizzen zeichne ich dann das endgültige Bild in Farbe. Und wann ich zeichne, das ist schwer zu beantworten, denn … Nein, es ist leicht zu beantworten, denn ich zeichne den ganzen Tag. Tag für Tag, die ganze Woche, natürlich auch am Sonntag, damit das Buch fertig wird, damit ich es so bald wie möglich abgeben kann.“

18 Reisebücher entstanden auf diese Art und Weise, und abgegeben hat sie der Emigrant Šašek stets bei seinem Verlag W.H. Allen in London. Die Hatscheks kamen dem Autor in Großbritannien abhanden. Auf den Titeln seiner Bücher, die immer mit den Worten „This is…“ begannen, wurde er zu M. Sasek. Parallel erschienen die Bücher bei Kindler in München auf Deutsch. Seinen größten Erfolg hatte Šašek aber im angloamerikanischen Raum. Bis in die 1970er waren seine Werke in jeder Buchhandlung zu finden und wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet. In Deutschland bringt seit 2012 der Verlag Antje Kunstmann Šašeks Bücher neu heraus. Die Lektorin Heike Bräutigam sieht in dem Autor einen der ersten großen Reisenden:

„Damals sind ja noch nicht wie heute alle in der Gegend herumgereist und es kannte nicht bereits jedes Kind alle wichtigen Weltstädte oder zumindest europäischen Städte. Šašek war da ganz vorne dran in der Entdeckung der Städte in Europa und der Welt.“

Foto: Baobab
Die Idee zu einem illustrierten Reiseführer für Kinder hatte Miroslav Šašek schon in seiner Heimatstadt – in Prag. Geboren 1916 im Stadtteil Žižkov wollte Šašek früh Maler werden. Er studierte Architektur sowie Malerei bei Professor Oldřich Blažiček. Als Karikaturist arbeitete er für Blätter des Prager Melantrich-Verlages, wie České slovo oder Večerníček. Außerdem illustrierte er Bücher, unter anderem eine Ausgabe des braven Soldaten Švejk. 1947 veröffentlichte Šašek das Kinderbuch „Benjamin und die tausend Seeteufel des Kapitän Barnabas“, das er selbst verfasst und bebildert hatte. Bald darauf sollte sein Leben eine grundlegende Wendung nehmen. Stanislav Dvořák ist Vorsitzender der Prager Šašek-Stiftung: „Er ist vor 1948 für einen Studienaufenthalt nach Paris gegangen, also vor dem Umsturz vom Februar 1948. Und einer seiner Pläne war es, dort im Auftrag des Prager Kuncíř-Verlages einen bebilderten Reiseführer für Kinder zu erstellen. Mit diesem Ziel ist er dort hingefahren und hat die ersten Zeichnungen angefertigt. Nach dem Umsturz von 1948 musste er den Gedanken jedoch begraben, denn der Verlag existierte nicht mehr. Šašek konnte nicht zurück nach Prag, blieb in der Emigration und musste sich ein Auskommen suchen. Das ist ihm mit einer Anstellung bei Radio Free Europe gelungen. Erst nach einigen Jahren hat er den Gedanken wieder aufgenommen, und der erste Führer über Paris konnte 1959 erscheinen.“

Nach drei Jahren in Paris, wo sich Šašek als Architekt und Grafiker mehr schlecht als recht durchschlug, ging er 1951 gemeinsam mit seiner Frau nach München zum neu gegründeten Radio Free Europe. Šašek, der deutsch, englisch und französisch sprach, stieg schnell vom Produktionsassistenten zum Moderator und Reporter auf. Seine eigentliche Profession trat vorerst hinter dem Journalismus zurück, doch fertigte er Karikaturen für die humoristische Rundfunk-Zeitschrift Škorpión an. Und auch auf Flugblättern fanden sich seine Zeichnungen. Der amerikanische Sender warf sie aus Fallschirmen über der Tschechoslowakei ab. Insgesamt sechs Jahre lang verbrachte Šašek beim Rundfunk. Auf die Scheidung von seiner ersten Frau folgte ab 1957 die lange Zeit des Reisens. Nun besann sich Šašek wieder auf seine Idee aus Prager Zeiten. Dass „This is Paris“ der Auftakt zu einer Reihe werden sollte, war nicht geplant. Stanislav Dvořak:

„Es waren Auftragsarbeiten für ihn, damit hat er seinen Lebensunterhalt verdient. Die Aufträge kamen zum Beispiel von Reiseagenturen oder auch von den Städten selbst, zum Beispiel von San Francisco. Später hat er dann dafür einen ‚Ehrenschlüssel‘ der Stadt erhalten. Ein Auftrag kam von der UNO, für sie hat er ‚This is United Nations‘ gezeichnet.“

This is Australia (Foto: Baobab)
München blieb die Stadt, in die der rastlose Šašek immer wieder zurückkehrte. In der dortigen Exilantengemeinde hatte er fast so etwas wie Wurzeln geschlagen. Als einzige deutsche Stadt nahm er München 1961 in seine Buchreihe auf. Im gleichen Jahr heiratete er ein zweites Mal und lebte bis Ende der 1960er mit seiner Frau Anna Molková und deren Sohn zusammen. Unterwegs schrieb er nun auch Reisereportagen, die er weiterhin selbst für Radio Free Europe einsprach. In den 1970ern wurde es ruhig um Šašek. Seine zweite Ehe zerbrach. Er erkrankte an Kehlkopfkrebs und lebte zuletzt bei seiner Schwester Vera in der Schweiz. In Wettingen bei Zürich starb er 1980. In seine Heimat konnte Šašek nie zurückkehren. Sein Werk war dort bis vor einigen Jahren so gut wie unbekannt. Eine Verwandte, genauer die Tochter von Šašeks Cousine, bemühte sich um die Publikation seiner Bücher, doch lange vergebens, wie Stanislav Dvořák berichtet:

„Nach der Revolution von 1989 ist Olga Černá an mehrere Verlage herangetreten und hat sich erkundigt, ob es da nicht Interesse gebe. Die Antwort der Verleger lautete, das Werk sei unmodern und nicht von aktueller Bedeutung. Außerdem war noch nicht genug Zeit seit dem Tod von Miroslav Šašek oder aber seit den 1960ern vergangen, als dass sein Werk im Zuge einer Retro-Welle als modern gelten konnte.“

Die Welle begann erst um 2003 mit Neuauflagen in den USA, in Frankreich und in Deutschland. Seit 2013 erscheinen Šašeks Bücher auf Tschechisch. Es ist der junge Prager Kinderbuchverlag Baobab, der inzwischen ‚Paris‘, ‚London‘, ‚Australien‘ und ‚Rom‘ auf den Markt gebracht hat. Einer ersten kleinen Ausstellung mit Šašeks Werken 2012 in Tábor folgte dieses Jahr ein größere in Prag. Für 2016, wenn sich sein 100. Geburtstag jährt, ist eine weitere Ausstellung in der Hauptstadt geplant. Doch zuvor realisiert die Stiftung gemeinsam mit dem Verlag noch ein anderes Projekt, so Stanislav Dvořák:

„Diese Reihe an Reiseführern entstand vor dem Hintergrund, dass Šašek im Ausland lebte. Das heißt, er hat Städte ausgewählt, die er bereisen konnte. Prag hat er nie gezeichnet, obwohl er es gerne gemacht hätte. Das wissen wir aus Briefen an seine Zeitgenossen. Doch nur anhand von Erinnerungen war es ihm selbstverständlich nicht möglich. Wir haben uns nun entschlossen, den Verlag Baobab zu unterstützen, der die Reihe zu Ehren von Miroslav Šašek fortführen möchte. Der erste Band wird Prag sein.“

Verantwortlich für den Text ist Šašeks Großcousine, die Autorin Olga Černá. Die Grafik hat die bekannte tschechische Illustratorin Michaela Kukovičová übernommen. Folgen könnten Bände über Berlin, Wien, Istanbul oder Warschau. Stanislav Dvořák ist überzeugt vom Erfolg der Bücher. Die bereits erschienenen Originale von Šašek verkaufen sich gut. Ältere Leser entdecken in seinen Werken einen bestimmten Stil der 1950er und 1960er Jahre. Der wird in Tschechien wegen der Weltausstellung von 1958 Bruselský styl (Brüssler Stil), genannt und galt als Gegenbewegung zum sozialistischen Realismus. Fremd erscheine Šašeks Werk darum heute nicht, so Stanislav Dvořák:

This is Roma (Foto: Baobab)
„Als ich die Bücher zum ersten Mal gesehen habe, war ich überrascht und dachte mir: Das kenne ich doch, das habe ich schon einmal gesehen. Und so reagieren viele Menschen, die ihn und seine Bücher aber mit Sicherheit niemals vorher zu Gesicht bekommen haben. Er hat auf eine geniale Art und Weise die Atmosphäre und Poesie der 1960er Jahre ausgedrückt. Seine Bildsprache scheint uns heute universal und spricht uns alle an.“

Die Neuentdeckung Šašeks hat sich in den vergangenen beiden Jahren beinahe zu einem Wettlauf entwickelt. Kunsthistoriker, Architekten und Geschichtswissenschaftler interessieren sich gleichermaßen für Leben und Werk. Auch in München sorgt der Künstler für Aufmerksamkeit. Dort ist derzeit ebenfalls eine Ausstellung in Vorbereitung. Sie soll die architektonischen Aspekte in seinen Zeichnungen ausleuchten. Dem weltreisenden Workaholic Šašek hätte das sicher gefallen. Er selbst ließ sich nicht gerne bei der Arbeit zusehen. Dazu noch einmal Miroslav in einem Interview mit Radio Free Europa von 1968:

„In England oder in Schottland oder Amerika fällt es niemandem ein, sich mir zu nähern und mir über die Schulter zu schauen, was ich da eigentlich auf der Straße mache. Dagegen in Hongkong – oder auch in Israel im Mittleren Osten – da hatte ich immer eine ganze Horde von Leuten um mich herum, vor allem Kinder, die Sprachen sprechen, die ich nicht verstehe. Da muss man sich wappnen, darf keinesfalls nervös werden und muss sich weiter seiner Arbeit widmen, sonst würde man nie damit fertig werden.“


Das Interviewpassagen mit Miroslav Šašek veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des Tschechischen Nationalmuseums (Sammlung Československé dokumentační středisko 1948-1989). Der Ausstellungskatalog „To je M. Sasek“ bzw. „This is M. Sasek“ ist in tschechischer und englischer Sprache im Buchhandel in Tschechien erhältlich. Weitere Informationen zu Miroslav Šašek finden sich auf der Website der Stiftung: www.sasekfoundation.eu

Autor: Annette Kraus
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