Museum in Most zeigt erstmals historische Passionsbildtafeln aus verschwundenen Gemeinden
Zu einem Teil entstanden sie wohl im Spätbarock, zum anderen auch im Klassizismus – die mannsgroßen Holzplatten mit Motiven der Passionsgeschichte, die derzeit im Museum der Stadt Most ausgestellt werden.
Zu Ostern hat das Regionalmuseum in der nordböhmischen Stadt Most (Oblastní muzeum a galerie v Mostě), die auf Deutsch einst Brüx hieß, eine besondere Ausstellung installiert. Denn erstmals überhaupt werden Fundstücke religiöser Kunst gezeigt, die aus Gemeinden stammen, die wegen des Braunkohle-Tagebaus verschwunden sind.
Drei Elemente hat die Ausstellung. Da sind zum einen die Passionsbilder, die zum Großteil aus dem Spätbarock kommen. Dann stehen dort rund drei Meter hohe Abbildungen von Palmen, die wohl noch älter sind. Zugleich sehen die Besucher die 14 Bilder eines Kreuzwegs von Beginn des 20. Jahrhunderts.
Die Passionsbildtafeln wurden in den 1970er Jahren aus der Annenkapelle in Komořany / Kommern geborgen, bevor der Kirchenbau und der ganze Ort den Baggern zum Opfer fiel. Es handelt sich um lebensgroße Darstellungen von Szenen und Personen der Passionsgeschichte. Um die Rettung dieser bemalten Platten aus Holz habe sich ihre verstorbene Kollegin Heide Mannlová Raková verdient gemacht, sagt die Kunsthistorikerin Věra Vostřelová. Sie leitet die Kunstsammlungen im Museum in Most.
„Die Kapelle war seit den 1950er Jahren nicht mehr genutzt worden. Irgendwann Anfang der 1970er Jahre stahlen Einbrecher einige Gegenstände vom Altar. Frau Mannlová erfuhr wohl davon und vereinbarte mit dem Leiter des Museums, das auch die Kapelle verwaltete, dass die restlichen Gegenstände von dort in die Sammlungen aufgenommen werden. So wurden sie erhalten und nicht zerstört“, so die Expertin.
Die Passionsbilder würden zum Großteil wohl aus dem Spätbarock stammen oder von Beginn des 19. Jahrhunderts, erläutert Vostřelová weiter im Interview für Radio Prag International. Sie haben deutsche Aufschriften, entsprechend der ethnischen Zugehörigkeit der meisten damaligen Bewohner der Gegend.
„Die Bildtafeln sind wohl nach und nach entstanden. Zunächst wurden wahrscheinlich nur einige von ihnen in Auftrag gegeben, und dann kamen die weiteren hinzu. Insgesamt sind es 17 Tafeln, was von der Zahl her einzigartig ist. Ich habe nach Parallelen in Tschechien gesucht, bekam aber von überallher nur die Information, dass man ein oder zwei Figuren habe – etwa Engel. Es handelt sich also wirklich um ein außergewöhnliches Kulturdenkmal“, findet Věra Vostřelová.
Die Figuren beziehen sich auf mehrere Szenen der Passionsgeschichte. Und zwar auf den Garten Gethsemane, die Kreuzigung und das Heilige Grab. Es sind beispielsweise schlafende Apostel oder römische Soldaten:
„Wir haben aber keine Christusfigur, sie ist in keiner der Szenen erhalten. Da die Figuren jedoch früher am Altar aufgestellt wurden, ist es möglich, dass auf ihm noch eine weitere Figur stand. Und im Heiligen Grab lag unter der Altarmensa in der Regel auch eine Jesusfigur. Daher war es wohl nicht nötig, Christus auch auf eine der Platten zu malen.“
Zwei Figuren der Kreuzigungsszene – Maria und Johannes – stammen im Übrigen nicht aus der Kapelle in Komořany.
„Wir wissen allerdings nicht, aus welcher Kirche sie ursprünglich kommen. Sie gehören zu den alten Sammlungen des Museums in Litvínov. Es sind riesige Figuren, deswegen müssen sie für eine größere Pfarrkirche entstanden sein. Sie wurden für gewöhnlich unter das Kreuz gestellt“, so die Kunsthistorikerin.
Die meisten Figuren gehören zum Grab Gottes, wie etwa die drei Marien. Zur Auferstehungsszene sagt die Expertin:
„In den Gesichtern der Soldaten spiegelt sich das Entsetzen, dass das Grab leer ist. Auf der entsprechenden Tafel steht auf Deutsch: ‚Er ist auferstanden und ist nicht hier.‘ Das ist ein Zitat aus dem Matthäusevangelium.“
Wer indes die Tafeln gemalt hat, ist laut Věra Vostřelová nicht bekannt. In jedem Fall fehlt bei allen das ursprüngliche Gestell, in das ein stützender Dorn eingelassen war. Für die Ausstellung wurden daher Löcher ins hölzerne Podest gebohrt und so die Passionsbilder mit dem Dorn befestigt.
Drei Meter hohe Palmentafeln
Etwas ganz Spezielles erhält diese Oster-Ausstellung durch die rund drei Meter hohen Tafeln, auf denen Palmen dargestellt sind. Diese haben unterschiedliche Formen und Früchte. Vostřelová konkretisiert:
„Es gibt jeweils zwei Palmen der gleichen Art. Vielleicht wurden sie auch nicht alle auf einmal gemalt, sondern nach und nach. Mir gefällt an ihnen besonders, wie der Maler mit den kleinen Blüten und den Früchten gespielt hat. Das ist bis ins Detail herrlich gearbeitet.“
Nicht klar ist auch hier die genaue Entstehungszeit. Doch die Kunsthistorikerin glaubt, dass diese rund einhundert Jahre früher gewesen sein müsse als im Fall der Passionsbilder – das heißt ihrer groben Schätzung nach in den 1680er Jahren. Die Palmen stammen aber nicht aus Komořany…
„Sie wurden Anfang der 1970er Jahre im Glockenturm an der Dekanatskirche in Most gefunden. Der Turm wurde wenig später abgerissen und die Kirche bekanntlich verschoben. Die Palmen waren also deponiert, weil sie normalerweise nicht in der Kirche ausgestellt waren, sondern nur zu Ostern hervorgeholt wurden“, erläutert Věra Vostřelová.
Zusammen mit den Figuren ergeben die Palmen in der Ausstellung eine exotisch schöne Passionskrippe.
Ergänzend dazu haben Vostřelová und ihr Team die Bilder eines Kreuzwegs in ihr Museum geholt. Dabei ist wie bei den anderen Elementen der Ausstellung der Künstler nicht bekannt:
„Dieser Zyklus stammt aus der Kirche in Albrechtice bei Most, die dasselbe Schicksal hatte wie die Kapelle in Komořany. Beide Gotteshäuser standen am Rand der Kohlegrube ‚Tschechoslowakische Armee‘. Komořany lag auf der Seite von Most und Albrechtice am Rand des Erzgebirges nahe dem Schloss Jezeří. Beide Gemeinden gibt es heute nicht mehr, sie wurden in den 1980er Jahren eben wegen des Kohletagebaus zerstört. Wenigstens sind aber die Kunstschätze ins Museum gerettet worden.“
Denn bevor auch die Kirche von Albrechtice / Ulbersdorf abgerissen wurde, brachten die Denkmalschützer die Kreuzwegbilder – wie alle weiteren wertvollen Gegenstände – in Sicherheit.
„Es handelt sich um die klassischen 14 Stationen eines Kreuzwegs. Die Bilder hingen an den Wänden der Kirche, und am Karfreitag beteten die Menschen an jedem einzelnen. So gedachten sie dem Leiden Jesu Christi“, so Vostřelová.
Die Bilder entstanden laut der Expertin in den 1920er Jahren. Der unbekannte Künstler dürfte ihren Worten nach eine gute Ausbildung gehabt haben, denn er habe die Kompositionsprinzipien alter Kunst im Blick gehabt:
„Man kann in den Bildern sowohl dieses historische Moment erkennen, als auch den Versuch moderner Darstellung – in einer Art, wie dies im Kubismus gemacht wurde. Stilistisch entspricht dies der damaligen Moderne.“
Auch diese Gemälde sind nun erstmals öffentlich zu sehen – so wie die Passionsbilder. Damit habe sie posthum einen Wunsch ihrer Vorgängerin erfüllt, gesteht Věra Vostřelová:
„Frau Mannlová wollte sehr gerne die Passionsbilder ausstellen. Deswegen wurden diese restauriert. Denn auf den Fotos aus der Zeit, als die Tafeln in der Kapelle von Komořany gefunden wurden, lässt sich erkennen, in welch schlechtem Zustand sie waren. Frau Mannlová plante eigentlich, diese Werke in die Dauerausstellung zum alten Most aufzunehmen. Leider starb sie vorzeitig. Und erst jetzt ist es gelungen, die Bilder und die riesigen Palmen so zu installieren, dass die Besucher sie sich auch ansehen können.“
Die Ausstellung „Barokní pašijové malované desky“ (Barocke Passionsbildtafeln) ist im Oblastní muzeum a galerie v Mostě (Regionalmuseum und Galerie in Most) zu sehen. Sie läuft noch bis 4. Mai. Die Öffnungszeiten sind montags bis freitags von 12 bis 18 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr.
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