Nach mehr als 60 Jahren: Tschechien gibt gemeinsame Atomforschung mit Russland auf

Kernreaktor

Die Folgen des Kriegs in der Ukraine betreffen auch die Wissenschaft. So hat Tschechien in der vergangenen Woche seine jahrzehntelange gemeinsame Atomforschung mit Russland beendet.

Vladimír Wagner | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

Das Vereinigte Institut für Kernforschung im russischen Dubna gibt es seit 1956. Mit seiner Gründung reagierten die Ostblockstaaten auf die Europäische Organisation für Kernforschung, also das Cern, das zwei Jahre zuvor von den westlichen Staaten in Genf ins Leben gerufen worden war. Die damalige Tschechoslowakei war eines der Gründungsmitglieder des Instituts in Russland. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs arbeiten beide Zentren für Kernforschung zusammen, und Tschechien gehörte bis vergangene Woche beiden an. Dazu der Atomphysiker Vladimír Wagner von der Akademie der Wissenschaften in Prag:

„Wir arbeiten mit russischen Physikern oder mit russischen Institutionen auch an solchen Projekten zusammen, die in anderen Ländern angesiedelt sind. Dazu gehört auch das Cern. Wir hatten jetzt gerade einen großen Erfolg bei der Bestimmung der Masse eines Neutrinos, die im Rahmen des Katrin-Experiments in Deutschland geschieht. Dabei wurde an Forschungsarbeiten in Troizk und Dubna in Russland angeknüpft. Meist sind es also internationale Projekte.“

CERN | Foto:  CERN

Das Cern und das Vereinigte Institut für Kernforschung haben jeweils eine andere Ausstattung, sie ergänzen sich darin aber. In Genf steht der weltberühmte Teilchenbeschleuniger, in Russland wird hingegen auf breiterer Ebene geforscht. Ein Schwerpunkt liegt auf superschweren Teilchen. Hier wie dort zahlen die Mitgliedsstaaten eine gewisse Jahresbeteiligung. Tschechien überweist sechs Millionen Dollar nach Dubna. Diese fließen aber in Form von Fördermitteln und Projekten an die Wissenschaftler und Firmen im Land zurück.

Nun ist Tschechien von den 19 Mitgliedern das erste, das das Vereinigte Institut für Kernforschung verlässt – als Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine. Der Kernphysiker Jan Dobeš leitet den Ausschuss für die tschechische Zusammenarbeit mit dem Institut in Dubna:

Vereinigtes Institut für Kernforschung in Dubna | Foto: Hrustov,   CC BY-SA 3.0

„In der Praxis heißt das, dass wir nun alle unsere Aktivitäten dort einstellen und auch die Zahlungen stoppen.“

Das hat Folgen für 40 Institutionen und Firmen in Tschechien. Aber letztlich ist die Kernforschung in ganz Europa davon betroffen, wie Vladimír Wagner ergänzt:

„So zum Beispiel das Projekt ‚Fair‘, in das auch wir eingebunden sind. In diesem werden sehr schwere Atomkerne fast auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und zur Kollision gebracht. Es geht um eine sehr dichte und heiße Masse wie zu Beginn der Entstehung des Weltalls oder bei Supernovae. Das Vereinigte Institut für Kernforschung liefert dafür superleistungsfähige Magneten. Nun entstehen damit aber Probleme.“

Zudem ist Tschechien gemeinsam mit Deutschland und weiteren westlichen Ländern in das Projekt Nica in Dubna eingebunden. Für diese internationalen Kooperationen müssen laut Jan Dobeš nun Alternativen gefunden werden. Weiteren Forschungsarbeiten droht, dass sie ohne Ergebnis vorzeitig beendet werden.

Projekt Nica | Foto: Nikita Sidorow,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0

„Derzeit sind 25 tschechische Wissenschaftler langfristig an das Vereinigte Institut für Kernforschung entsandt. Alle wurden aufgerufen, unverzüglich Dubna zu verlassen.“

Aber auch die weiteren vier EU-Staaten, die am Institut beteiligt sind, denken über einen Rückzug nach. Dies sind Polen, die Slowakei, Rumänien und Bulgarien.