„Nacht auf Erden“ und „Seltsame Wurzeln“ – tschechische Kultur in Köln

Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Düsseldorf

„Nacht auf Erden“ heißt eine Ausstellung des jungen tschechischen Künstlers Adam Vačkář in Köln, „Seltsame Wurzeln“ ist ein Roman der Autorin Helena Frejková, aus der ebenso bald in Köln gelesen wird. Womit sich die tschechische Kultur in den nächsten Tagen im Rheinland präsentiert, dazu mehr in einem Interview mit der Leiterin des Tschechischen Zentrums in Düsseldorf, Zuzana Jürgens.

Ausstellung „Nacht auf Erden“ (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Düsseldorf)
In der heutigen Ausgabe von „Aviso: Tschechische Kultur grenzenlos“ begeben wir uns wieder einmal an den Rhein und zwar zum Tschechischen Zentrum in Düsseldorf. Frau Jürgens, Sie haben im Rheinland gleich mehrere Veranstaltungen geplant - nicht nur in Düsseldorf, sondern auch in Köln. Worum handelt es sich?

„Wir haben dort in der Tat in nächster Zeit wieder zwei Veranstaltungen. Ich freue mich immer darüber, dass wir nicht nur in einer Stadt bleiben, sondern gerade in dem dicht besiedelten Nordrhein-Westfalen auch aus Düsseldorf herausgehen. In Köln waren wir in diesem Jahr bereits sehr oft. Im Moment gibt es dort eine Ausstellung des jungen, tschechischen Künstlers Adam Vačkář, sie ist beim Kunstverein Köln zu sehen. Die Ausstellung heißt „Nacht auf Erden“ und wurde von der Kuratorin Noemi Smolíková zusammengestellt. Mich freut sehr, dass der kölnische Kunstverein selbst die Initiative ergriffen und den Künstler angesprochen hat. Ich denke, es ist gut, dass die Institutionen vor Ort Künstler aussuchen, die zu ihrem Konzept passen, aber nicht zwingend aus Deutschland kommen. Und Adam Vačkář zählt sicher zu den jungen Künstlern aus Tschechien, die derzeit immer beliebter werden und bereits erste Erfolge in der Kunstszene gefeiert haben.“

Adam Vačkář (Foto: Facebook-Seite von Adam Vačkář)
Sie sagen Vačkář sei ein erfolgreicher, junger Künstler aus Tschechien. Könnten Sie ihn etwas vorstellen?

„Adam Vačkář macht konzeptionelle Kunst mit unterschiedlichen Materialien. Das ist keine Malerei, sondern dabei werden Gegenstände benutzt und weiterverarbeitet. Zum Beispiel ist in der Ausstellung ein Notenblatt zu sehen, auf das der Künstler mit einer Pistole geschossen hat. Aus den Einschüssen sind dann Noten und somit ein neues Musikstück entstanden. Das Thema der Verwandlung, also wie sich Gegenstände durch den menschlichen Eingriff verändern, interessiert Vačkář. Als ich vorhin über seine Erfolge sprach, meinte ich zum Beispiel seine diesjährige Teilnahme an der Kunstmesse ‚Art Basel’. ‚Art Basel’ zählt zu den bedeutendsten Kunstmessen in der Welt. Es ist gar nicht so einfach, daran teilnehmen zu können.“

Rudolf Slánský (Mitte). Foto: Le journal Maariv, Wikimedia Commons
Sie haben gesagt, seine Ausstellung findet in den Räumlichkeiten des Kunstvereins Köln statt. Bis wann ist sie dort zu sehen?

„Die Ausstellung ist dort noch bis Mitte Dezember installiert, genauer gesagt bis zum 17. Dezember.“

Ebenfalls findet in Köln, aber nicht im Kunstverein, am 13. Dezember eine Lesung statt. Die Autorin ist Hana Frejková. Die Lesung wird anlässlich eines besonderen Jahrestages veranstaltet…

„Es handelt sich um den 60. Jahrestag der Slánský-Prozesse. Diese Schauprozesse waren in der Tschechoslowakei ein Wendepunkt für das totalitäre System und die Struktur der kommunistischen Macht. Denn verurteilt wurden nicht nur Kommunisten, sondern bis auf zwei Verurteilte waren auch alle Juden. Daher gilt der Prozess ebenso als ein Zeichen des bis dahin eher latenten Antisemitismus im kommunistischen System. Hana Frejková ist die Tochter von Ludvík Frejka, der ebenfalls in einem dieser Prozesse zum Tode verurteilt wurde. Die Autorin war damals sieben Jahre alt und hat in ihrem Buch „Divný kořeny“, auf Deutsch ‚Seltsame Wurzeln’, ihre eigene Familiengeschichte verarbeitet. Das Buch ist in Tschechien im Jahre 2007 erschienen und war sehr erfolgreich - wahrscheinlich auch, weil es keine gewöhnliche Biografie ist. Frejková hat auch Archivmaterial studiert. Außerdem zeigt sie in dem Buch auf, wie sie sich selbst mehr und mehr der Realität annähert und ihr immer wieder klar wird, wie wenig sie eigentlich von ihren Eltern weiß. Es ist ein sehr beeindruckendes Buch, denn die Autorin gehört zu den wenigen, die darüber Zeugnis ablegen, auf welche Weise die Familien von den Prozessen betroffen waren.“

Hana Frejková (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Düsseldorf)
Die Autorin wird also aus diesem Buch vorlesen?

„Genau. Das Buch wurde von Joachim Bruss bereits fast komplett übersetzt. Bislang hat sich dafür aber leider kein Verleger gefunden. Wir nutzen aber die Tatsache, dass man aus dem Buch auch auf Deutsch vorlesen kann. Im Anschluss an die Lesung wird es natürlich auch ein Gespräch mit der Autorin geben. Ich denke, ihre Familie und sie selbst stehen für das 20. Jahrhundert. Ihr Vater war ein Kommunist und Jude – er wurde in den Schauprozessen in den 50er Jahren zu Tode verurteilt. Ihre Mutter war eine deutsche Schauspielerin, die in den 30er Jahren nach Prag kam. Sie hat mit ihrer Tochter bis zu dem Prozess auch dort gelebt. Dann mussten die beiden Prag verlassen und ins Sudetenland gehen, wo sie schließlich in einem Haus von Sudetendeutschen wohnten. Allein in dieser Geschichte steckt fast alles, was einem Menschen im 20. Jahrhundert in Mitteleuropa passieren konnte.“

Düsseldorfer Andreaskirche (Foto: Beckstet, Wikimedia Creative Commons 3.0)
Vielleicht trägt die Lesung auch dazu bei, dass sich ein Verleger findet und diese Familiengeschichte als deutsches Buch erscheint. Die Lesung findet im Lew-Kopelew-Forum in Köln am 13. Dezember statt. Zum Schluss noch einmal nach Düsseldorf: Kurz vor Weihnachten veranstalten Sie dort ein Adventskonzert…

„Wir hoffen, dass wir damit auch eine Tradition anstoßen, denn das Adventskonzert in der Düsseldorfer Andreaskirche findet bereits zum zweiten Mal statt. Wie im vergangenen Jahr erklingen dabei Orgelmusik und Gesang. Eine Verbindung zu Tschechien besteht dadurch, dass die Veranstaltung in einem Dominikanerkloster stattfindet, das Pate für ein Dominikanerinnenkloster im Prager Stadtteil Lysolaje ist. Wir werden während des Konzerts Spenden sammeln und diese dann dem tschechischen Kloster, das sich noch im Aufbau befindet, zukommen lassen. In diesem Jahr ist die Organistin Markéta Schley Rendlová unser Gast, ebenso wie die Sopranistin Gabriela Pechmannová. Beide gehören zu den Spitzenmusikerinnen in ihrem jeweiligen Bereich. Sie werden gemeinsam Adventsmusik präsentieren: historische, aber auch zeitgenössische wie zum Beispiel aus den Werken von Petr Eben.“

Wann findet das Konzert statt?

„Das Konzert findet kurz vor Weihnachten statt: am 20. Dezember um 19 Uhr in der Dominikanerkirche St. Andreas.“