Nacktes und Arrangiertes: Kunstgewerbemuseum Prag zeigt Spätwerke von František Drtikol

Foto: Archiv des Kunstgewerbemuseums Prag

Direkt neben der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität und gegenüber dem Rudolfinum befindet sich das Prager Kunstgewerbemuseum. Dort werden die Fotografien von František Drtikol aufbewahrt. Das Museum hat bereits 1922 die ersten Aufnahmen dieses tschechischen Ausnahmefotografen ausgestellt. Die aktuelle Exposition zeigt Bilder, die der Fotograf dem Museum 1942 spendete. Ihr Titel lautet daher auch „Z fotografického archivu“, zu Deutsch: „Aus dem fotografischen Archiv“.

Foto: Archiv des Kunstgewerbemuseums Prag
„Eigentlich war er ein sehr, sehr erfolgreicher Fotograf. Der erste tschechische Fotograf, der internationale Anerkennung erlangte. Gleichzeitig aber war er sehr unzufrieden.“

So charakterisiert Jan Mlčoch, Kunsthistoriker und Kurator, den Fotografen und späteren Maler František Drtikol. Der Mann vieler Begabungen und Gesichter wird am 3. März 1883 in Příbram in Mittelböhmen geboren. Er ist das jüngste von drei Kindern und von klein auf zeichnet und malt er. Auf dem örtlichen strengen katholischen Gymnasium gerät Drtikol mit den Lehrern in Konflikt. Nach der vierten Klasse verlässt er die Schule und geht bei einem Fotografen in die Lehre.

Sein erstes Erfolgserlebnis als Fotograf hat er bei seinem Studium an der Lehr- und Versuchsanstalt für Fotografie in München. 1903 belegt er den ersten Platz bei einer Ausstellung von Werken der Absolventen. Ein Rezensent schrieb damals über Drtikol:

„Drtikol ist ganz klar der Begabteste von allen Teilnehmern. Auch wenn er seine künstlerische Porträtfotografie auf sehr hohem Niveau präsentiert, sind doch Landschaft und Genrefotografie jene Gebiete, die er am besten beherrscht.“

Berühmt wird der Tscheche aber trotzdem für seine Porträtfotografie. Nach wenigen Jahren im Ausland und seinem obligatorischen Militärdienst eröffnet Drtikol 1907 ein Atelier in seiner Heimatstadt Příbram, drei Jahre später zieht er in die Hauptstadt Böhmens um, nach Prag. Durch seine Porträts wird er schnell bekannt, einige Prominente der damaligen Zeit, wie zum Beispiel der Staatsgründer und spätere Präsident T. G. Masaryk, der Maler Alfons Mucha, der Schauspieler Vlasta Burian oder der Schriftsteller Josef Čapek lassen sich von Drtikol fotografieren. Der internationale Durchbruch aber gelingt ihm mit seinen Aktfotos. Jan Mlčoch:

„1925 macht sich Drtikol auf der Art-Deco-Ausstellung in Paris einen Namen, eine Ausstellung für moderne dekorative und industrielle Kunst. Dort hat er auch eine Medaille für seine im Anschluss an die Ausstellung in Paris herausgegebenen Aktfotos erhalten.“

Am bekanntesten aus dieser Zeit ist sicher sein Werk „Vlna“ (Die Welle). Eine nackte Frau fügt sich auf der Aufnahme mit durchgestrecktem Rücken harmonisch in zwei Wellen ein.

Drtikols Aktfotos aus dieser Zeit sind im Sezessionsstil gehalten. Die Frauen werden häufig als Femme fatale oder als märchenhafte Feen dargestellt. Zunächst ist Drtikol Models mit offenen Haaren zugeneigt, ab 1925 sucht er sich Tänzerinnen für seine Akte aus. Kurator Mlčoch erklärt, was die Aufnahmen so besonders macht:

Linie (Foto: Archiv des Kunstgewerbemuseums Prag)
„Anfang der 1920er Jahre war er eigentlich einer der Ersten, der den weiblichen Körper oder den Körper überhaupt enthüllte. Dazu muss man verstehen, in dieser Zeit, als Drtikol mit seinen Ausstellungen anfing, weibliche Akte ein großes Tabu waren. Er war aber ein großartiger Fotograf, der seine Bilder meisterhaft arrangierte. Dadurch gelang es ihm, Frauen in ihrer vollen Körperlichkeit zu zeigen, und das sogar mit künstlerischem Ausdruck. Es waren also nicht einfach nur nackte Mädchen. Es waren Frauen, die häufig fröhlich und herausfordernd, ja geradezu erotisch geschaut haben.“

Allerdings beginnt Drtikol, in dieser Zeit immer unzufriedener zu werden. Auch im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise sucht der Fotograf nach anderen Wegen in seinem Leben. Hoffnung findet er im Spiritualismus, so Mlčoch:

Foto: Archiv des Kunstgewerbemuseums Prag
„Er wird eigentlich heute als Patriarch der tschechischen Buddhisten betrachtet. Seine Neigung zum fernöstlichen Glauben, insbesondere zu den Texten des Buddhismus, führte zu einer Abkehr von der Fotografie. 1935 verkaufte er sein Fotoatelier und widmete sich ganz seiner geistigen Reise und der Malerei. Man sagt, er habe in den folgenden 25 Jahren fast 4000 Bilder gemalt.“

Es wurde damals aber auch spekuliert, er habe sein Atelier wegen Schulden und Fotos einer Minderjährigen aufgeben müssen. Trotz seiner Unzufriedenheit hat er bis zur endgültigen Aufgabe der Fotografie noch eindruckvolle Werke geschaffen.

„Wir zeigen die Spätphase seines Schaffens, als er eigentlich noch im Medium der Fotografie versuchte, seinen neuen Weg zu finden. Auf der einen Seite ist das eine Reduktion des weiblichen Aktes, es ist kein Art-Deco mehr mit Wellen-, Wolken- oder Säulenkulissen. Nun sind es nur noch detaillierte Frauenkörper mit Lichtakzenten und geschnitzte Figuren auf arrangierten Fotos, die es ihm erlauben, eine vollkommen eigene Welt zu schaffen.“

Foto: Archiv des Kunstgewerbemuseums Prag
Drtikol beginnt auch, buddhistische und tibetische Literatur zu übersetzen. Da er keine fernöstlichen Sprachen beherrscht, übersetzt er aus deutschen Büchern ins Tschechische und entwickelt dabei eine eigene Lehre des Buddhismus. Noch einmal Jan Mlčoch:

„Sein Buddhismus ist etwas komplizierter, als man ihn vielleicht aus dem Lexikon kennt. Er kam ja aus Příbram und dadurch war er eng mit dem dortigen Marien- und Christuskult verbunden. Und Christus kann man nicht nur in seinen anfänglichen fotografischen Werken entdecken, sondern auch in der Zeit, die wir heute als seinen Buddhismus bezeichnen. Auch in seinen Malerarbeiten taucht der Gottessohn immer wieder auf, ebenso in seinen Aufzeichnungen aus den Meditationssitzungen.“

Foto: Archiv des Kunstgewerbemuseums Prag
Mit seinen Ideen wird der Künstler aber nicht als Spinner abgetan, sondern beeinflusst zahlreiche Größen der damaligen Zeit, zum Beispiel den Dichter und Philosophen Egon Bondy oder den Mystiker Květoslav Minařík. Im Jahr 1942 schließlich schenkt Drtikol alle seine Fotografien und Dokumentationen dem Prager Kunstgewerbemuseum, wo sie noch heute aufbewahrt werden. Aus dem Fundus, der etwa 5000 Bilder umfasst, zeigt das Museum in der aktuellen Ausstellung auch Aufnahmen, die weniger bekannt sind:

„Die Ausstellung wird durch sehr interessante Aufnahmen ergänzt vom Typ Lampe und Erleuchtetes. Das sind wenig bekannte Arbeiten Drtikols vom Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre. Wir zeigen auch Alben mit dem Thema der Kreuzigung Christi, die Drtikol für seinen eigenen Gebrauch gemacht hat.“

Foto: Archiv des Kunstgewerbemuseums Prag
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wird Drtikol zur Überraschung seiner Umgebung politisch. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Jarmila Rambousková, einer seiner Schülerinnen, tritt er der kommunistischen Partei bei. Er engagiert sich bei der kommunistischen Machtübernahme 1948 und ist Zeuge der stalinistischen Prozesse in den 1950er Jahren. In der Partei bleibt der Künstler bis zu seinem Tod 1961. Seine Krankheit hatte es ihm vorher nicht mehr erlaubt sich zu bewegen, er war die letzten Jahre seines Lebens ans Bett gefesselt. Nach seinem Tod geriet sein fotografisches Werk in Vergessenheit, erst eine Ausstellung von Anna Fárová im Jahr 1972 widmete sich wieder den Werken von František Drtikol.


Foto: Archiv des Kunstgewerbemuseums Prag
Die Ausstellung „František Drtikol: Z fotografického archivu“ (Aus dem fotografischen Archiv) ist am 5. September eröffnet worden, sie kann noch bis zum 24. November im Kunstgewerbemuseum Prag besichtigt werden. Die Ausstellungsräume sind von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.