Neuer Band erhellt Geschichte des jüdischen Fußballs in Tschechien

Präsentation des Buchs „Die Geschichte des jüdischen Fußballs in Böhmen und Mähren“ mit Lubomír Král (2. von links). Foto: František Bořánek

Der Fußball in Tschechien hat viele Wurzeln. Denn mit der Tschechoslowakei entstand 1918 ein kleiner Vielvölkerstaat, in dem jede Ethnie ihren eigenen Fußballverband hatte. Um deren Ursprünge und Entwicklungen etwas aufzuhellen, sind bereits zwei Bücher erschienen: 2006 der Band „Die Geschichte des deutschen Fußballs in Böhmen und Mähren“ und erst kürzlich eine analoge Abhandlung über den jüdischen Fußball hierzulande. Autor beider Titel ist der Fußballhistoriker Lubomír Král.

Präsentation des Buchs „Die Geschichte des jüdischen Fußballs in der Tschechoslowakei“ mit Lubomír Král  (2. von links). Foto: František Bořánek
Bei der Präsentation seines Buchs „Die Geschichte des jüdischen Fußballs in der Tschechoslowakei“ sagte Autor Lubomír Král unter anderem:

„Wie Sie sicher alle wissen, stützte sich der 1922 gegründete Fußballverband der Tschechoslowakei auf die Prinzipien der Nationalitätenpolitik des ebenso noch jungen Staates. Das heißt, jede Nationalität beziehungsweise Minderheit hatte ihren eigenen Fußballverband – also die Deutschen, die Polen, die Ungarn und ebenso die Juden. Weil diese Zeit noch ziemlich turbulent war, gab es so auch getrennte Meisterschaften. Der Sport war damals aber trotzdem sehr attraktiv, denn die jeweiligen Meister nahmen an einem ganzstaatlichen Wettbewerb teil.“

Im Anschluss an die feierliche Präsentation des Geschichtsbands antwortete Lubomír Král ebenso auf die Fragen von Radio Prag.

Herr Král, was können Sie uns über den jüdischen Fußball in der Ersten Republik der Tschechoslowakei sagen? Wie war er organisiert?

Foto: Talmidavi,  Wikimedia Commmons,  CC BY-SA 4.0
„Der jüdische Fußballverband entstand unmittelbar nach Gründung der Tschechoslowakei, denn hierzulande organisierte jede Volksgruppe ihren Sport zunächst selbst. Im jüdischen Verband waren folglich alle Fußballer Mitglied, die sich mitsamt ihrer Clubs zum jüdischen Glauben bekannten.“

Welche jüdischen Vereine stachen besonders hervor?

„Zu den besten und bedeutendsten Clubs gehörten ohne Frage Hagibor Prag, Maccabi Brünn und Maccabi Bratislava. In der Zeit, in der keine Punktspiele ausgetragen wurden, waren diese Vereine zudem häufig auf Auslandsreisen. Sie traten in Spanien, Italien, Deutschland oder Polen an, wo sie die Mehrzahl ihrer Begegnungen gewannen und dabei auch renommierte Clubs wie Barcelona oder Juventus Turin bezwangen. Die Teams aus Brünn und Bratislava waren unter anderem deshalb so stark, weil sie eine Vielzahl von ungarischen Nationalspielern in ihren Reihen hatten.“

Gab es noch andere Gründe für die Stärke einer Mannschaft wie Maccabi Brünn?

Lubomír Král: „Der jüdische Fußballverband entstand unmittelbar nach Gründung der Tschechoslowakei, denn hierzulande organisierte jede Volksgruppe ihren Sport zunächst selbst.“

„Brünn trug damals den Beinamen mährisches Manchester. Denn in dieser Industriestadt gab es seinerzeit allein 60 bis 70 Textilbetriebe. Und die jüdischen Besitzer dieser Fabriken haben den Verein Maccabi Brünn gesponsert. Denn es war nicht anders als heute: Der Club war Unterhaltung und Werbeträger in einem.“

Haben die besten Mannschaften der jüdischen Liga auch am Spielbetrieb der gesamtstaatlichen Liga teilgenommen? Und wie haben sie sich dort geschlagen?

„Es war so organisiert, dass die besten jüdischen Clubs entsprechend ihrer Qualität in der zweiten oder dritten tschechoslowakischen Liga mitspielen konnten. Das haben die Teams aus Prag, Brünn und Bratislava, aber ebenso Vereine wie Maccabi Prostějov, Maccabi Prešov oder Hapoel Košice dann auch getan. Einen großen nationalen Erfolg haben sie nicht erzielt, denn ihr Können reichte eben maximal für die zweite Liga. Zudem trugen sie vorwiegend Freundschaftsspiele aus und präsentierten sich lieber zu Werbe- und Imagezwecken auf ihren Reisen durch ganz Europa.“

Král: „Zu den besten und bedeutendsten Clubs gehörten ohne Frage Hagibor Prag, Maccabi Brünn und Maccabi Bratislava. In der Zeit, in der keine Punktspiele ausgetragen wurden, waren diese Vereine zudem häufig auf Auslandsreisen.“

Es fällt auf, dass viele jüdische Vereine den Namen Maccabi trugen beziehungsweise noch heute tragen. Was bedeutet er eigentlich?

„Maccabi heißt übersetzt so viel wie kämpferisch. Das Wort stammt aus der Geschichte der Jüdischen Kriege und gilt im Wesentlichen als ein Symbol für Zähigkeit, Kämpferherz und Anstrengung.“

Bekannt ist jedoch auch, dass die besten jüdischen Fußballer schon bald in die großen Profiklubs des Landes wechselten. Zum Beispiel zum DFC Prag. Denn auch in diesem Club, der 1903 erster deutscher Vizemeister wurde, haben Juden eine bedeutende Rolle gespielt, nicht wahr?

„Das stimmt. Eine gewisse Zeitlang standen im Kader des DFC Prag bis zu 80 Prozent Spieler jüdischer Herkunft. Und der Verein wurde von jüdischen Funktionären geprägt. Das war die Zeit, als eine ganze Reihe von DFC-Akteuren auch im Trikot der tschechoslowakischen Nationalmannschaft antrat. Und das nicht nur bei den Olympischen Spielen, sondern auch bei der Weltmeisterschaft und in zahlreichen Länderspielen.“

Sportanlage für die jüdische Jugend Prags  (Foto: Martin Šmok,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)
Wussten denn damals die Menschen in Europa, dass im tschechoslowakischen Nationalteam eine ganze Reihe von Spielern jüdischer Herkunft war?

„Ich denke, dass hat seinerzeit kaum jemand gewusst, weil es auch keinen interessiert hat. Denn die Tschechoslowakei und ganz speziell die Hauptstadt Prag standen damals für ein weitgehend harmonisches Zusammenleben von Tschechen, Deutschen und Juden. Man hat sich untereinander besucht, häufig in den Prager Cafés getroffen und eben auch gemeinsam Fußball gespielt. Es gab so gut wie keine Differenzen. Das änderte sich schlagartig im Jahr 1939.“

Und es begann eines der schwärzesten Kapitel in der Geschichte der Tschechoslowakei und so auch im Sport…

„Es war leider so. Denn mit der Besetzung des Landes durch Hitlerdeutschland und der Entstehung des Protektorats Böhmen und Mähren wurden alle bisherigen guten Beziehungen mehr oder weniger zerstört. Und leider bedeutete das auch das Ende für den jüdischen Fußball hierzulande.“

Král: Eine gewisse Zeitlang standen im Kader des DFC Prag bis zu 80 Prozent Spieler jüdischer Herkunft. Und der Verein wurde von jüdischen Funktionären geprägt. Das war die Zeit, als eine ganze Reihe von DFC-Akteuren auch im Trikot der tschechoslowakischen Nationalmannschaft antrat.“

Viele Juden wurden in das Ghetto Theresienstadt (Terezín) gebracht. Dort wurde zu Beginn der 1940er Jahre auch Fußball gespielt, und zwar in der sogenannten Theresienstädter Liga. Welche Bedeutung hatte dieser Wettbewerb?

„Die Theresienstädter Liga wurde von den jüdischen Spielern und Funktionären selbst organisiert. Sie half ihnen hauptsächlich dabei, dass schreckliche Leben im Ghetto besser zu ertragen. Die Juden wussten zwar, dass sie jederzeit mit dem Abtransport in die Vernichtungslager im heutigen Polen rechnen mussten. Dennoch haben sie von 1942 bis 1944 diese Liga ausgespielt, auch um von ihrer drohenden Deportation abzulenken. Die meisten von ihnen konnten ihrem traurigen Schicksal leider nicht entrinnen.“

Damit wurde auch der jüdische Sport in der Tschechoslowakei zu Grabe getragen. Dafür taten sich jüdische Exilanten umso mehr in ihrer neuen Heimat hervor, besonders in den Vereinigten Staaten. Was können Sie dazu sagen?

„Im New Yorker Stadtteil Brooklyn gab es damals eine große jüdische Gemeinde, die den Fußballsport unterstützte. Deshalb haben viele der aus Österreich und der Tschechoslowakei emigrierten Juden dort Fußball gespielt. Es waren Juden, die ab Anfang der 1930er Jahre fortwährend dorthin auswanderten und so den Zweiten Weltkrieg überlebten.“

Welcher Spieler oder Fußballfunktionär hat in der Geschichte des jüdischen Fußballs in der Tschechoslowakei die nachhaltigsten Spuren hinterlassen?

„Da muss auf jeden Fall der Name Paul Mahrer genannt werden. Er hat mehrfach für die tschechoslowakische Nationalmannschaft gespielt und dabei unter anderem 1924 an den Olympischen Spielen in Paris teilgenommen. Mahrer hat in der ersten Hälfte der 1930er Jahre eine gewisse Zeit für das Old-Star-Team der jüdischen Gemeinde in Brooklyn gespielt, bevor er 1936 nach Prag zurückgekehrt ist. Er hat die drohende Gefahr aus Hitlerdeutschland unterschätzt und ist so im Zuge der Besatzung der sogenannten Rest-Tschechei in das Ghetto Theresienstadt gebracht worden. Seine amerikanische Frau intervenierte jedoch mit Hilfe des Roten Kreuzes gegen seine Verhaftung. Das rettete Mahrer und er gelangte zwischen 1945 und 1946 auf leidvollem Wege zurück zu seiner Familie nach Amerika. Dort genoss er dann ein würdiges Leben, in dem er seine Söhne aufzog und auch immer wieder gern die Tschechoslowakei besuchte, um dort Freunde zu treffen. Zu ihnen gehörten ehemalige Nationalspieler wie der große Torwart František Plánička.“

Král: „Mit der Besetzung des Landes durch Hitlerdeutschland und der Entstehung des Protektorats Böhmen und Mähren wurden alle bisherigen guten Beziehungen mehr oder weniger zerstört. Und leider bedeutete das auch das Ende für den jüdischen Fußball hierzulande.“

Wie ist es um den jüdischen Sport und im Besonderen um den jüdischen Fußball im heutigen Tschechien bestellt?

„In den 1990er Jahren haben einige jüdische Vereine ihr sportliches Treiben wieder aktiviert, zunächst aber nur auf der Basis von Wanderungen, Radtouren und anderen ähnlichen Aktivitäten. Einige Vereine bieten auch Wassersport wie Schwimmen, Rudern oder Wasserball an, wie zum Beispiel Maccabi Brünn oder Maccabi Bratislava. Zudem widmen sich jüdische Kinder auch wieder dem Turnsport.“

Autor: Lothar Martin
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