Nicht das Ob ist die Frage, sondern das Wie: Hilfe für ukrainische Geflüchtete in Tschechien

Tschechien erlebt derzeit einen nicht gekannten Zuzug von Geflüchteten. Bei ihrer Ankunft treffen die Menschen aus der Ukraine hierzulande auf zahlreiche gemeinnützige Organisationen und auch freiwillige Helfer. Diese zeigen ihnen den Weg zum Assistenzzentrum, versorgen sie mit Kleidung und Hygieneartikeln, vermitteln Unterkünfte oder organisieren Freizeitaktivitäten. Drei Menschen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, haben in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks über ihre Erfahrungen gesprochen. Und auch darüber, wie sich die Stimmung in der tschechischen Gesellschaft seit der Migrationskrise 2015 verändert hat.

Anna Demchuk | Foto: Nesehnutí

Anna Demchuk stammt selbst aus der Ukraine, lebt aber schon länger in Tschechien. Sie arbeitet für die Brünner NGO Nesehnutí, die sich unter anderem um die Integration von Zugezogenen kümmert. Der Angriff russischer Truppen auf ihr Heimatland hat Demchuk aus ihrer Routine gerissen:

„Am ersten Kriegstag habe ich an einer Brünner Schule gerade einen Workshop zum Thema ‚Fremde‘ gegeben. Dabei habe ich mich mit den Schülern sofort intensiv über den Krieg unterhalten. Dies hat auch mir persönlich geholfen, denn ich konnte natürlich an nichts anderes denken.“

Erfahrungen in der Flüchtlingsarbeit hat das Team von Nesehnutí bereits 2015 gesammelt, als die Menschen vor dem Krieg in Syrien nach Europa flüchteten. Als Teil eines aktiven NGO-Netzwerkes hätten sie darum nun flexibel reagieren können auf die in großer Zahl ankommenden Ukrainer, sagt Demchuk:

Foto: Patrik Salát,  Tschechischer Rundfunk

„Alles ging sehr schnell, und es war keine Zeit, sich darauf vorzubereiten. Also haben wir gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen sofort Hilfsprojekte initiiert. Die ersten Tage sahen so aus, dass jeder etwas tun wollte, aber alles unkoordiniert ablief. Es war schwer zu erkennen, wo was passierte oder etwas organisiert werden musste. Dies betraf einerseits die direkte Hilfe für die Menschen, andererseits auch die politische Ebene und die Lobbyarbeit.“

Ein gewisses Chaos der ersten Tage hat auch Petr Kašík erlebt. Der Student aus Prag ist damals mit Freunden an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren. Im Rahmen des Hilfskonvois „Svoboda bez hranic“ (Freiheit ohne Grenzen) transportierten sie Gebrauchsgüter für die dort ankommenden Flüchtlinge – boten aber gleichzeitig auch eine Mitfahrmöglichkeit zurück nach Tschechien an. Im Auffangzentrum im polnischen Przemyśl habe es zwar eine große Zahl an Koordinatoren gegeben, berichtet Kašík. Aber die Wahl sei dann eher zufällig auf zwei Schwestern und ihre vier Kinder gefallen, die nun im Wochenendhaus der Kašíks untergebracht sind. Seinen Schilderungen nach kam eine Woche später noch die dritte Schwester mit ihrer Tochter nach. Wegen fehlender Sprachkenntnisse seien die ersten Tage schwierig gewesen, gesteht der Student:

Flüchtlinge aus der Ukraine | Foto: René Volfík,  iROZHLAS.cz

„Die Frauen sprechen kein Englisch, aber mein Stiefvater kann sich mit ihnen ein wenig auf Russisch verständigen. Die Gruppe von Freunden, die damals zur Grenze gefahren ist, hält aber weiter gut zusammen. Wir wechseln uns in vielem ab und können weitere Hilfe organisieren. Dadurch steht uns jetzt etwa eine Russisch-Dolmetscherin zur Seite. So versuchen wir, den Frauen das Einleben zu erleichtern. Am Anfang war allerdings auch ihre Zurückhaltung und Angst zu spüren. Sie wussten nicht, wo sie eigentlich sind, sondern nur, dass Prag ein Stück weit weg ist. Sie sind jedoch sehr eigenständig und schon am dritten Tag allein nach Prag gefahren.“

Kašík und seine Freunde helfen den Ukrainerinnen zudem bei Behördengängen und haben sogar Schulplätze für die Kinder organisiert.

Zwischenmenschliche Kontakte sind wichtig

Foto: René Volfík,  iROZHLAS.cz

So individuell kann die Hilfe für die Geflüchteten aber nicht immer funktionieren. Anežka Gündogdu etwa trifft täglich auf mehrere Hundert Menschen, die aus der Ukraine mit den Zügen am Prager Hauptbahnhof ankommen. Im Rahmen der Initiative „Hlavák“ hilft die junge Frau ihnen bei der ersten Orientierung und Versorgung vor Ort – und dies in hektischer Atmosphäre:

„Wir bieten rund um die Uhr Essen und Trinken an. In Notfällen organisieren wir auch ärztliche oder psychologische Hilfe. Die Lage ist sehr angespannt, und es kommt zu Nervenzusammenbrüchen. In diesen Situationen müssen wir professionelle Psychologen hinzuziehen. Da geht es dann nicht nur darum, dass jemand mal weinen muss, sondern um eine eskalierte Krise.“

Foto: René Volfík,  iROZHLAS.cz

Für Menschen, die Familienmitglieder sowie ihr Hab und Gut im Krieg zurücklassen mussten und in ein unbekanntes Land kommen, sind zwischenmenschliche Kontakte besonders in der Anfangszeit von großer Bedeutung. Deswegen, sagt Anna Demchuk, helfe ihre Organisation Nesehnutí vor allem bei der Integration. So würden sie versuchen, durch Freizeitangebote und Nachbarschaftstreffen den Kontakt zwischen den einheimischen und den zugezogenen Menschen herzustellen:

„Das ist notwendig, vor allem in den ersten Tagen, in denen die Betroffenen noch nichts über die neue Umgebung wissen. Der zwischenmenschliche Kontakt ist wirklich sehr wichtig. Er sorgt für persönliche und psychische Unterstützung. Gleichzeitig bekommen die Geflüchteten eine Menge Informationen.“

Foto: René Volfík,  iROZHLAS.cz

Mit einem speziellen Projekt, das Demchuk und ihre Kollegen gleich zu Beginn des Flüchtlingszuzugs aufgesetzt haben, gehen tschechische und ukrainische Teenager in Brno / Brünn zusammen ins Kino, zum Konzert oder verbringen die Zeit mit Computerspielen. Dabei sei Nesehnutí unverhoffte Unterstützung zugekommen, so die Koordinatorin:

„Einige Schüler des Gymnasiums in Brünn-Bohunice haben sich bei uns gemeldet. In der Schule lernen sie Russisch und wollen ihre Sprachkenntnisse nun auch für eine gute Sache nutzen. Also haben sie den ankommenden jungen Ukrainern ihre Hilfe angeboten. Die Initiative ging tatsächlich von den Schülern aus. Das hat mich sehr berührt und positiv überrascht, denn so etwas haben wir bisher nicht erlebt.“

Ankommende Geflüchtete stehen unter immer größerem Stress

 Anežka Gündogdu | Foto: ČT24

Solche Projekte wie auch die Integration der erwachsenen Geflüchteten in den Arbeitsmarkt werden immer wichtiger. Denn nach den Beobachtungen von Anežka Gündogdu kommen die Menschen aus der Ukraine hierzulande in immer schlechterem Zustand an:

„Mein Eindruck ist, dass die Geflüchteten der ersten Tage noch besser versorgt und die Fluchtbedingungen noch einfacher waren. Dadurch waren die Menschen paradoxerweise ruhiger. Inzwischen kommen mehr Menschen aus der Ost-Ukraine und aus den besetzten Städten an. Sie stehen unter deutlich größerem Stress.“

Foto: René Volfík,  iROZHLAS.cz

Seit dem ersten Kriegstag ist die Stimmung in Tschechien gegenüber den Geflüchteten von Solidarität und großer Hilfsbereitschaft geprägt. Die Menschen spenden Geld und Kleidung, helfen bei Übersetzungen, bieten Arbeitsplätze an oder aber, wie Petr Kašík, private Unterkunftsmöglichkeiten. Die Bereitstellung von Wohnraum wird inzwischen auch durch staatliche Zuschüsse unterstützt. Gündogdu, die bereits 2015 Geflüchtete aus Syrien auf dem Prager Hauptbahnhof in Empfang genommen hat, spürt heute einen deutlichen Unterschied zu damals:

„Derzeit ändert sich die Haltung der Gesellschaft und auch der Ehrenamtlichen in Bezug auf die Flüchtlingshilfe. 2015 ist es noch mehrfach passiert, dass uns jemand bei der Arbeit auf dem Bahnhof verbal angegriffen oder unsere Fotos im Internet verbreitet hat. Damals hatten wir auch nicht so viele freiwillige Helfer. Jetzt meldet sich wirklich eine große Anzahl an Ehrenamtlichen, und viele Menschen bedanken sich sogar bei uns. Dies ist ein interessanter Kontrast.“

Foto: René Volfík,  iROZHLAS.cz

Auch Anna Demchuk empfindet die gesellschaftliche Atmosphäre in Tschechien heute ganz anders als 2015. Dabei sei, wie sie findet, die Situation in Syrien damals der heutigen in der Ukraine sehr ähnlich gewesen:

„Die Menschen sind damals vor genau dem gleichen Krieg geflohen, wurden hierzulande aber ganz anders wahrgenommen. Jetzt bieten die Leute sofort ihre Hilfe an, spenden, wollen in Kontakt treten und etwas für die Ukrainer tun. Dies ist ein riesiger Unterschied zu den früheren Reaktionen, als nicht nur die hiesige Bevölkerung, sondern auch die Politiker eindeutig dagegen waren, jegliche Geflüchtete aus Syrien aufzunehmen.“

Demchuk beobachtet diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen:

„Es ist einerseits ziemlich traurig, dass Menschen in verschiedene Kategorien aufgeteilt werden. Wenn es um weiße Personen geht, können wir uns offenbar besser in ihre Lage versetzen und sind eher bereit, ihnen zu helfen. Andererseits macht es mir Hoffnung, dass sich in der Gesellschaft die Meinung zur Flüchtlingsproblematik ändert – durch persönlich Erlebtes und auch durch die Erkenntnis, was tatsächlich alles getan werden kann.“

Foto: Lucie Hochmanová,  Tschechischer Rundfunk

So hat auch Petr Kašík schnell einen Weg gefunden, einigen Menschen aus der Ukraine konkret zu helfen. Die große Welle der Solidarität, die Tschechien derzeit erlebt, überrasche ihn nicht, sagt der Student:

„Die Frage ist nur, wie lange sie anhalten wird. Aus der Pandemie kennen wir den Moment, als das freiwillige Maskennähen plötzlich beendet war. Wir werden sehen, wie lange die Leute bereit sind zu helfen und wann es sie wieder zu stören beginnt, dass Geflüchtete herkommen. In meinem Umfeld haben aber alle positiv auf die Unterbringung des Besuchs aus der Ukraine reagiert. Meine Freunde helfen uns materiell oder einfach moralisch.“

Für Petr Kašík ist die Unterstützung von Flüchtlingen, ebenso wie für Anna Demchuk und Anežka Gündogdu, ein selbstverständliches Anliegen. Denn schließlich, so fügt der junge Mann aus Prag noch an, wäre man ja auch froh über jede Hilfe, wenn man selbst in ein fremdes Land fliehen müsste.

Autoren: Daniela Honigmann , Matěj Skalický
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