Von „Watschlaff“ über Landa zu Bolavá

Lukas Landa (Foto: YouTube)

Ob Rundfunk-Feature, Electropop, Geschichts-Comic oder Autoren-Lesung – beim Tschechischen Zentrum in Berlin hat man im Herbst die Qual der Wahl. Eine kleine Gebrauchsanleitung gibt daher die stellvertretende Leiterin des Zentrums, Christina Frankenberg, im Interview.

Václav Havel  (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Frau Frankenberg, jetzt im Herbst aus dem umfangreichen Programm des Zentrums auszuwählen, ist gar nicht so leicht. Deswegen möchte ich recht schnell zum November kommen. Gibt es aber noch Veranstaltungen im Oktober, auf die Sie gerne hinweisen würden?

„Das ist richtig, wir haben sehr viel Programm im Herbst. Für den Oktober möchte ich noch zu zwei Veranstaltungen einladen. Zum einen werden wir am 24. des Monats noch einmal an den 80. Geburtstag von Václav Havel erinnern. Dabei wird der deutsche Autor Martin Becker zu Gast sein und sein Rundfunk-Feature ‚Achtzig Mal Watschlaff‘ vorstellen. Wie der Titel schon sagt, blickt Becker mit zwinkernden Augen auf das Leben von Václav Havel zurück. Und dann werden wir am 27. Oktober die Ausstellung ‚Afterlife‘ eröffnen. Sie wurde von Studenten aus Brünn konzipiert und bezieht sich auf unsere Räume. Die Studenten denken darüber nach, was das Leben nach dem Studium bringen wird – beziehungsweise sie stellen ironisch die Frage, ob es überhaupt ein Leben nach dem Studium geben wird. Was in der Ausstellung konkret zu sehen sein wird, wissen wir selbst auch noch nicht und sind ganz gespannt.“

Lukas Landa  (Foto: YouTube)
Man kann sich also überraschen lassen… Am 4. November setzen Sie Ihre Reihe wilhelmstraße/(un)plugged fort. Dann kommt der Prager Singer-Songwriter Lukas Landa nach Berlin. Können Sie den Musiker unseren Hörern ein bisschen vorstellen…

„Lukas Landa kommt allein mit seiner Gitarre und seinem Rechner nach Berlin. Er ist ein Singer-Songwriter, der auch im Bereich Electropop/Dreampop zu Hause ist. Er schreibt seine eigenen Texte und seine eigene Musik, ist also selbst das Projekt und hat keine Unterstützung von anderen Musikern. Lukas Landa lebt in Zürich, reist aber sehr viel in der Welt herum, hat auch schon einige Konzerte in Asien gegeben. In Berlin, hier in unserer Reihe wilhelmstraße/(un)plugged, wird er aber das erste Mal auftreten. Er stellt dabei sein neues, zweites Album ‚Islands‘ vor.“

„Die Comic-Geschichten führen in die Verhörräume der Stasi, ins KZ oder an die Fronten des Zweiten Weltkriegs.“

Um einen neuen Comic geht es nur drei Tage später bei einer weiteren Veranstaltung bei ihnen. In diesem Comic wird die neueste tschechische Geschichte geschildert. Wie ist das gemacht? Und wer wird bei der Veranstaltung im tschechischen Zentrum sein?

„Der Comic ist vom Verein Post bellum herausgegeben worden. Dieser tschechische Verein sammelt Zeitzeugenberichte aus dem 20. Jahrhundert, und der Comicband ‚Noch sind wir im Krieg‘ stellt 13 dieser Geschichten vor. Sie sind sehr unterschiedlich und führen zum Beispiel in die Verhörräume der Staatssicherheit, ins Konzentrationslager oder an die Fronten des Zweiten Weltkriegs. Die Macher von Post bellum haben die Idee gehabt, die Interviews, die sie schon lange sammeln, auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Daher haben sie führende tschechische und slowakische Comiczeichner angesprochen. Und diese Zeichner haben jeweils eine Geschichte ausgewählt, von der sie besonders beeindruckt waren, in einem Comic nacherzählt. Wir werden hier in Berlin den Band zusammen mit Jan Polouček vorstellen. Er ist einer der Herausgeber des Comics und Direktor von Post bellum. Ihn wird der Zeichner Jan Bažant begleiten. Der Comicband wird bei uns in Projektionen und im Gespräch mit den beiden Gästen aus Prag vorgestellt.“

‚August im Hotel Ozon‘
Beim Filmfest in Cottbus steht Kino aus Mittel- und Osteuropa im Mittelpunkt. Regelmäßig sind auch tschechische Produktionen dabei. Diesmal ist es aber nur ein Film. Um welchen handelt es sich?

„Da kann ich Sie zum Glück gleich korrigieren. Es ist so, dass wir als Tschechisches Zentrum nur einen Film in Cottbus präsentieren werden. Aber insgesamt gibt es eine ganze Reihe von Produktionen aus Tschechien dort. Wir stellen den Filmklassiker ‚August im Hotel Ozon‘ vor. Dies ist eine Dystopie von Jan Schmidt aus dem Jahr 1963. Damals liberalisierte sich zwar die kommunistische Politik in der Tschechoslowakei, dennoch sind solch düstere Endzeitvisionen sehr gewagt gewesen. Dieser Film läuft in einer Reihe mit Specials beim diesjährigen Festival, sie heißt ‚Spuren suchen: deutsch-tschechisch-polnische Geschichte(n) im Wandel‘. In dieser Reihe werden viele Filme gezeigt, die sich mit der Reflektion von Umsiedlung, Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigen. Und außer dem erwähnten Streifen werden allein in dieser Reihe noch weitere tschechische Dokumentationen zu sehen sein, aber auch anderswo. So werden zum Beispiel in der Sektion ‚Nationale Hits‘ der Kinoschlager ‚In München verloren‘ – oder Tschechisch ‚Ztracení v Mnichově‘ – von Petr Zelenka und ‚Trabant – von Australien nach Bangkok‘ vom Abenteurer Dan Přibáň gezeigt. Ich werde jetzt aber nicht alle tschechischen Filme anführen, sie sind auf der Homepage des Filmfestivals und auch auf der des Tschechischen Zentrums in Berlin zu finden.“

„Das Buch ist so suggestiv geschrieben, dass man sich der Geschichte nicht entziehen kann.“

Im November knüpfen Sie des Weiteren an einen Übersetzungswettbewerb an, den im vergangenen Herbst die Tschechischen Zentren ausgeschrieben haben. Die angehenden Übersetzerinnen und Übersetzer sollten eine Passage aus dem Roman Do tmy von Anna Bolavá ins Deutsche übertragen. Was wird nun in Berlin dazu stattfinden?

„Sie wird am 16. November zu Gast sein zu einer Lesung bei uns im Tschechischen Zentrum – und zwar zusammen mit Katharina Hinderer, die den deutschen Teil des Wettbewerbs gewonnen hat. Vielleicht noch ein paar Wort zu dem wirklich sehr interessanten Buch. Es hat dieses Jahr den Magnesia litera für Prosa gewonnen, den wichtigen tschechischen Buchpreis. Und Anna Bolavá erzählt auf eine sehr poetische und suggestive Weise von einer Heldin, die sich in der Welt der Kräuter verliert. Man ahnt von Beginn an, dass sie ihrem eigenen Verderben entgegengeht. Das Buch hat von Anfang an eine bedrohliche Stimmung, ist aber so suggestiv geschrieben, dass man sich der Geschichte nicht entziehen kann. Dass wir eine sehr schöne und adäquate Übersetzung zumindest von Auszügen hier im Tschechischen Zentrum vorstellen können, darüber bin ich sehr froh.“

Anna Bolavá: Do tmy  (Foto: Verlag Odeon)
Ist denn auch geplant, den gesamten Roman zu übersetzen?

„Das ist eine Frage an die deutschen Verlage. Wir wären natürlich sehr froh. Wir werden die Probeübersetzung auch deutschen Verlagen zur Verfügung stellen, haben aber leider auf deren Entscheidung der Verlage keinen Einfluss. Ich selbst habe bereits einige Verlage angesprochen, weil ich dieses Werk wirklich wunderbar finde und es auch im Rahmen der tschechischen Literatur etwas ganz Besonderes ist. Aber unsere Entscheidungskompetenzen enden sozusagen an den Toren der Verlage.“

Außerdem findet bei Ihnen eine Verkaufsausstellung zu Glasdesign statt. Was hat es damit auf sich?

„Das ist der Design Pop Up Shop, der nun zum dritten Mal bei uns stattfindet, diesmal etwas früher als in den letzten Jahren. Er wird nämlich schon am 24. November eröffnet. Der Kurator Pavel Liška hat diesmal das Thema Glas aufgegriffen. Tschechisches Glas ist ja in der ganzen Welt bekannt, allerdings denkt man vielleicht bis heute eher an Kristall- und an Trinkgläser, die stark verziert und sehr bunt sind. Diese Verkaufsausstellung wird zeigen, wie sich das Glasdesign weiterentwickelt hat. Es werden dabei Ausstellunggegenstände, die nicht zu erwerben sind, mit Gebrauchsglas kombiniert. So zum Beispiel Produkte der Firma Kavalír, die eher bekannt ist durch ihr Laborglas oder Glas für Industrie und Technik. Die Designer haben sich für die Trinkgläser oder das Haushaltsglas von diesem Bereich inspirieren lassen. Oder man kann auch so ungewöhnliche Entdeckungen machen wie Glasurnen. Am 25. November werden die Designer, darunter auch einige bekannte, ihre Arbeit in Kurzvorträgen vorstellen.“

Autor: Till Janzer
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