75. Eishockey-WM: Dort, wo die Slowaken zu Hause sind und die Deutschen hart arbeiten
Das tschechische Eishockey kann bereits auf ein Dutzend WM-Titel verweisen. Bei genauerer Betrachtung aber wird man feststellen: Exakt die Hälfte der WM-Trophäen haben die Tschechen zusammen mit den Slowaken gewonnen, als es noch die Tschechoslowakei gab. Jetzt findet die Weltmeisterschaft erstmals in der ehemals kleineren Teilrepublik statt, und das benachbarte Tschechien nimmt als Titelverteidiger an der 75. WM teil. Beste Voraussetzungen also, dass beide Länder wieder gemeinsam für Furore sorgen könnten. In der Vorrunde, die am Mittwoch zu Ende geht, aber gehörten einer dritten Nation aus Mitteleuropa die Schlagzeilen: Deutschland.
Und nicht nur das. Die Slowaken – ein kleines und sehr stolzes Volk – freuen sich riesig, mit der Eishockey-Weltmeisterschaft zum ersten Male ein richtig großes Sportevent im eigenen Land ausrichten zu dürfen. Zu Tausenden zeigen sie sich in ihren weiß-blau-roten Nationalfarben oder im Gesicht bemalt mit dem Staatswappen, dem weißen Doppelkreuz. Und sie verbreiteten auch viel Zuversicht vor dem Spiel gegen Deutschland.
Vor der Begegnung mit dem Gastgeber aber hatte die deutsche Mannschaft schon ein gehöriges Ausrufezeichen gesetzt – im Auftaktspiel des Turniers hatte sie Rekord-Weltmeister Russland mit 2:0 bezwungen. Ein deutscher Überraschungssieg nach einem sehr guten Spiel, das auch den Fan aus Prievidza sehr beeindruckt hatte:
„Die Deutschen haben wirklich genial gespielt. Es war ein tolles Spiel, das sie gegen die Russen gezeigt haben. Sicher, die Russen sind etwas überheblich in die Partie gegangen, während die Deutschen zu 100 Prozent bei der Sache waren. Ich glaube, dass das Spiel gegen Deutschland für uns deshalb heute sehr schwer wird.“Große Vorfreude auf das zweite Vorrundenspiel ihrer Mannschaft herrschte ebenso unter den deutschen Fans, auch wenn sie deutlich in der Unterzahl waren. Zwei von ihnen waren aus Freiburg angereist und hatten sich – als kleine Hommage an die erfolgreiche Eishockeytradition in Tschechien und der Slowakei – die Trikots von Spielern beider Länder übergestreift, die einst in Freiburg spielten. Sie hatten sich Tickets für sämtliche Spiele der Vorrunde in Bratislava besorgt, und zwar aus einem simplen Grund:
„Uns hat einfach der Spaß hierher geführt, um gutes Eishockey zu sehen. Und dann hat uns gestern auch die deutsche Nationalmannschaft überzeugt. Es war wirklich phantastisch, was sie gezeigt hat. Da kann ich nur sagen: Weiter so!“Am Ende eines großartigen Spiels durften die beiden Freiburger ein zweites Mal jubeln, denn Deutschland gewann mit 4:3. Die begeisterungsfähigen Fans der Slowakei aber mussten in den ersten 45 Spielminuten mit ansehen, wie ihre Nationalmannschaft vom deutschen Team ein ums andere Mal versetzt wurde. Bis dahin hatten sich die Schützlinge von Bundestrainer Uwe Krupp eine sensationelle 4:0-Führung erspielt und erarbeitet. Mit einer furiosen Schlussoffensive kamen die Gastgeber zwar noch auf 3:4 heran, den zweiten Sieg des vermeintlichen Außenseiters Deutschland aber konnten sie nicht mehr verhindern. Nach diesem begeisternden Match stand Bundestrainer Krupp folglich im Mittelpunkt des Medieninteresses. Vor einer Meute von Journalisten musste er das „deutsche Wunder“ nun erklären. Auch für Radio Prag stand der bisher einzige deutsche Stanley-Cup-Sieger Rede und Antwort:
Herr Krupp, ist es Ihnen nicht fast schon unheimlich, wie Ihre Mannschaft auftritt, oder sind Sie einfach nur stolz darauf, was Ihre Spieler hier zeigen?„Also unheimlich ist uns eigentlich nichts, aber natürlich haben wir die Erwartungen, die wir zu Turnierbeginn hatten, quasi mehr als erfüllt. Denn gegen diese beiden Gegner nicht nur gut zu spielen, sondern auch zu gewinnen, damit konnte niemand rechnen. Auf der anderen Seite haben wir einen Trainerstab, der immer genau darauf schaut, wie die Mannschaft spielt. Das ist das A und O und steht noch über den Ergebnissen. Seit der WM 2009 in Bern spielen wir sehr konstant auf einem sehr hohen Niveau, und daher haben wir auch schon einige Spiele mehr gewonnen als früher. Am Wichtigsten aber ist: Unsere Spielweise ist sehr gut. Hier in Bratislava haben wir nun auch gute Offensivkräfte dabei und gewinnen so das eine oder andere Spiel. Ich will nicht sagen, dass dies geplant ist, aber wir haben jetzt auch einen gewissen Reifeprozess in der Entwicklung der Mannschaft vollzogen.“
Ich kann Ihnen bestätigen: Es macht wirklich Spaß, dem Spiel der deutschen Mannschaft zuzuschauen, auch vor dem Hintergrund, dass ich als Wahl-Prager weiß, wie das deutsche Eishockey in Tschechien teilweise immer noch belächelt wird. Ich frage deshalb: Was ist der Grundbaustein der Erfolge Ihrer Mannschaft? Ist es die Tatsache, dass Ihre Spieler vor allem lernwillig und begeisterungsfähig sind?„Alle Spieler sind sehr ehrgeizig und fit. Sie sind stets bereit, sich sehr gut vorzubereiten auf eine Saison und natürlich auch auf eine Weltmeisterschaft. Dafür arbeiten sie jeden Tag sehr hart. Mit anderen Worten: Das ist eine Arbeitertruppe, in der aber auch einige sehr gute Spieler Akzente setzen können.“
Und Ihre Spieler sind willig, weil sie auch etwas erreichen wollen, oder?„Klar, alle ziehen am gleichen Strang und in die gleiche Richtung.“
Viel Lob aus berufenem Munde über die Leistungen der deutschen Mannschaft aber kam von allen Seiten. Auch aus dem tschechischen Lager. Einen Tag nach dem Spiel gegen Russland sagte beispielsweise Nationaltrainer Alois Hadamczik gegenüber Radio Prag:
„Die deutsche Mannschaft unter Trainer Uwe Krupp spielt sehr gut, mit System, und sie überzeugt auch kämpferisch. Ich muss jedoch ehrlich sagen, dass ich in ihrem Spiel gegen Russland schon überrascht war, was für eine starke Leistung sie geboten hat. Man kann wirklich sagen: Die Russen waren nicht besser, auch im Torschuss-Verhältnis waren die Deutschen in jedem Drittel die Aktiveren. Das hat mir sehr gefallen, sowohl die Abwehrarbeit als auch das schnelle Aufbauspiel für die Offensive. Wenn ich in der deutschen Mannschaft nach Fehlern suchen müsste, dann kann ich sagen: Ich habe keine gesehen. Die deutschen Spieler waren einfach überragend gut.“ Und in Anspielung auf die knappe WM-Halbfinalniederlage der Deutschen gegen die Russen vor einem Jahr in Köln ergänzte Hadamczik:„Das Glück, was die Deutschen bei ihrer Heim-WM nicht hatten, das haben sie jetzt gehabt.“
Glück oder Pech liegen bekanntlich im Sport eng beieinander und jeder Erfolg muss neu erkämpft werden. Deshalb war der Präsident des tschechischen Eishockey-Verbandes (ČSLH), Tomáš Král, auch ziemlich erleichtert, als die tschechische Auswahl am Samstag ihr Auftaktspiel gegen Lettland mit 4:2 gewann:
„Ich bin es vor allem deshalb, weil uns die Letten das Leben immer schwer machen. Bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver haben sie uns beinahe aus dem Turnier geworfen und auch bei dieser Weltmeisterschaft war es für uns ein schweres Spiel. Ich bin froh, dass wir es hinter uns haben.“Die Siege der deutschen Mannschaft, das Aufbäumen der Letten und der Slowenen, oder die Punktgewinne der Norweger und der Franzosen – die Leistungen der so genannten Außenseiter waren das bisherige Salz in der WM-Suppe. Tomáš Král:
„Es hat sich ein weiteres Mal gezeigt, dass bei einer WM alle Mannschaften zu Turnierbeginn mit vollem Engagement zu Werke gehen, besonders aber die Mannschaften, die als schwächer eingestuft werden. Die Teams der Weltgruppe A im Eishockey sind jedoch enger zusammengerückt, was sich hier erneut bestätigt hat. Deshalb sind viele der bisherigen Ergebnisse für mich keine allzu große Überraschung, auch wenn ich gestehen muss: Diesmal gab es ziemlich viele Überraschungen und ich bin gespannt, wie sich das Turnier weiter entwickeln wird. Dennoch glaube ich, dass der bisherige Turnierverlauf starke Teams wie Russland oder Schweden dazu animieren wird, sich zu steigern und so zu spielen, wie man es von ihnen gewohnt ist.“ Für die sportlich noch hinter den Erwartungen zurückgebliebenen Slowaken wird es allerdings schwer, nach den zwei Niederlagen gegen Deutschland und Russland ins Viertelfinale einzuziehen. Bezüglich der Organisation und der Stimmung aber fand Král nur lobende Worte für den WM-Gastgeber:„Die Begeisterung ist auf Schritt und Tritt zu spüren und für die Organisation der WM haben die Slowaken das Maximum getan. Die WM-Arena in Bratislava ist ein Schmuckstück. Auch der Service in den Hotels ist perfekt, also ich muss sagen: Ich habe schon einige Weltmeisterschaften gesehen, aber die hier in der Slowakei rechne ich bislang zu den besten.“
So gesehen dürfen sich alle Eishockeyfans also freuen, dass sie auch in der Zwischenrunde und in den einzelnen Finalrunden noch reichlich gute Kost zu sehen bekommen.







