"Am schlimmsten ist das Haarewaschen" - Heizwerk dreht den Pragern das Warmwasser ab

"Hahn auf - Warmwasser Marsch!" Davon können manche Prager und Landsleute in der Republik im Sommer nur träumen. Denn es kann passieren, dass ihnen der Warmwasserhahn für ein bis zwei Wochen lang abgedreht wird. Warum ist das allsommerlich so und wie arrangieren sich die Prager mit der kalten Tradition?

Die Wahl-Pragerin Martina Stejskalova ist - im Unterschied zu vielen anderen Hauptstadtbewohnern - noch nicht im Urlaub. Und das hat seinen Grund:

"Ich wollte noch die zwei Wochen ohne Wasser genießen. Das ist nämlich eine Zeit, wo man dann endlich ein bisschen einfacher leben kann und sich ein bisschen abhärten kann."

"Odstavka" - heißt das Pänomen. Dieses Wort lässt so manchem Prager zur Sommerzeit einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Es bedeutet so viel wie ´vorübergehendes Stilllegen´, ´Einstellen´, ´Abstellen´. Abgestellt wird für Tage oder Wochen die Wärmelieferung des Prager Heizwerkes, mit dem auch das Wasser erwärmt wird. Die Kaltwasserbombe schlägt überall dort ein, wo mit dieser Fernwärme geheizt wird. Dazu gehören in Prag ungefähr 250.000 Wohneinheiten, also rund ein Drittel aller Prager Haushalte. Im Prager Sommer sind aber viele Haushalte verwaist. Die Stadt ist jenseits der ausgetretenen Touristenpfade im Sommer spürbar leerer. Man ist verreist. Die Frage ist, was zuerst war: ein menschenleeres Prag und deshalb die Warmwasserabstellungen oder die Warmwasserabstellungen und deswegen ein menschenleeres Prag. Martin Pavelka, ein Sprecher des Prager Zentralheizwerkes, lacht:

"Das geht nicht, jetzt darf ich nicht lachen. Also: Prag ist leer und deswegen können wir uns in dieser Zeit das Abstellen des Warmwassers für maximal zwei Wochen erlauben."

Ob das wirklich notwendig ist, frage ich den Wärmexperten.

"Ja, die Abstellung ist notwendig wegen Kontrollen und Reparaturen an den Heizkesseln und am Verteilernetz. Wie lange, das kommt darauf an, wie umfangreich die Reparaturen und die Kontrollen sind, danach richten sich die Abstellzeiten - ein Tag, eine Woche oder zwei Wochen. Wir bemühen uns das so kurz wie möglich zu halten, damit die Prager nicht so lange unter dieser unkomfortablen Situation ohne heißes Wasser leiden müssen."

Das Heizwerk ist gesetzlich verpflichtet, die direkten Abnehmer zu informieren und das sind unter anderem Wohnungsgenossenschaften, Unternehmen, Verwaltungs- und Immobilienbüros. 15 Tage vorher muss die Abschaltung bekannt gegeben werden. Das Prager Heizwerk informiert aber zum Teil sogar einen Monat zuvor über die Einstellung der Warmwasserlieferungen, wie Martin Pavelka erklärt:

"Es bleibt den Kunden also genügend Zeit, sich darauf vorzubereiten und wiederum ihre eigenen Abnehmer zu informieren. Wir gehen aber über unsere Informationspflicht hinaus und inserieren zum Beispiel in Stadtteilzeitungen und in den Prager Tageszeitungen über die Abstellung des warmen Wassers und die genauen Termine."

Eva Kopackova  (Foto: Autor)
Aber was ist mit den Hotels und Pensionen, die zur Sommerzeit Hochkonjunktur haben? Ein Problem, oder?

"Das ist genauso wie Sie sagen. Bei diesen Einrichtungen wie Hotels und Pensionen gibt es die größten Probleme. Sie wissen allerdings, dass sie diese Situation jedes Jahr erwartet und deshalb sind sie eigentlich darauf vorbereitet. Sie haben für die Zeit oft andere technische Einrichtungen, um das Wasser zu erwärmen, zum Beispiel Boiler."

Wer also ein Hotel in Prag betreibt oder baut muss sich von Anbeginn mit der Situation anfreunden und Vorsorge treffen. Dieser Mangel an Komfort, wie Pavelka sagt, werde aber aufgewogen durch einen sehr niedrigen Preis für die Wärme. Außerdem sei die zentrale Wärmeproduktion wesentlich ökologischer als kleine Gasboiler. Die Prager sehen das entweder genauso oder sie haben einfach ein dickeres Fell. Beschwerden gab es laut Martin Pavelka im vergangenen Jahr nur an die zehn. Aber dafür habe man Verständnis:

"Wir leben auch in Prag, die Abstellung betrifft also auch uns selbst. Wir erfahren das am eigenen Leibe, wenn das Warmwasser 14 Tage abgestellt wird. Aber da kann man nichts machen. Wir bemühen uns das zu minimalisieren und im Vorhinein zu informieren, damit sich die Bürger ihren Urlaub in die Zeit hineinplanen können oder damit sie selber anstehende Reparaturen in ihrer Wohnung durchführen können, denn dazu dienen die Abstellungen auch. Wenn bei jemandem was kaputt ist, kann er das in der Zeit reparieren."

Bei Herrn Pavelka zu Hause wird in diesem Jahr das Warmwasser für eine Woche nicht fließen. Wie geht er mit der Situation um?

"Also entweder bade und wasche ich mich mit kaltem Wasser oder - wenn es ganz arg kommt - dann koche ich Wasser auf die klassische Art."

Und das gilt ja als gesund. Dem stimmt auch Herr Pavelka zwangsoptimistisch zu und lacht gequält ins Mikrofon. Die Prager oder vielleicht sogar alle Tschechen - die so genannten ´odstavky´ gibt es republikweit - ertragen eine ganze Menge. Bei Martina Stejskalova wurde das Warmwasser im vergangenen Sommer für 10 Tage abgestellt. Das sei aber nicht so schlimm gewesen, wie in diesem Jahr:

"Damals war es ein bisschen besser, weil das Wetter etwas wärmer war als in diesem Jahr. In diesem Jahr, da ist es einfach sehr schlimm. Ich kenne das jedoch schon von klein auf. Da, wo ich gewohnt habe, hat man das auch so erlebt, aber als Kind kann man zum Beispiel ins Ferienlager fahren oder zu den Großeltern. Jetzt ist das nicht mehr so einfach, da kann man nicht mal eben so fliehen."

Eva Kopackova, auch eine Pragerin, ist nicht daran gewöhnt. Sie traf die kalte Abreibung nach ihrem Umzug im letzten Sommer zum ersten Mal.

Martina Stejskalova  (Foto: Autor)
"Und da war ich nicht sehr schlau, da musste ich wirklich mit der Wasserkanne oder in den Töpfen das Wasser aufheizen und dann improvisieren. Und das war sehr unangenehm. Aber dieses Jahr war ich schlauer: Ich habe schon drei Angebote von meinen Freunden bekommen. Ich darf die nächste Woche besuchen du darf dabei auch duschen."

Verabredungen zum Duschen also - ein möglicher Ausweg. Und das bringt ja die Menschen einander auch näher. Das sehen Evas Mitbewohner ganz genauso:

"Die haben ja auch viele Freunde oder fahren eben in den Urlaub und sind in der Zeit nicht in Prag."

Martina Stejskalova konnte in diesem Jahr keine Vorsorge treffen: "In diesem Jahr wurde uns gar nicht Bescheid gesagt."

Eva Kopackova hat da mehr Glück gehabt. Sie hat es sogar fast eineinhalb Monate vorher erfahren. Es hängt eben auch von den einzelnen Hausverwaltungen ab, ob sie die Information weiterleiten. In Deutschland ist das Abstellen des warmen Wassers eher unbekannt und eigentlich auch unvorstellbar. Sind Tschechen geduldiger als Deutsche? Halten sie einfach mehr aus? Martina Stejskalova:

"Auf jeden Fall! (lacht) Ich meine, das ist einfach eine Sache, die dazugehört. Die gehört zum Monat Juli und man muss sich damit abfinden. Das ist unangenehm, aber man muss das einfach überstehen."

Das Heizwerk - auf Tschechisch "Teplarna" - muss also nicht mit dem Widerstand der beiden abgehärteten Pragerinnen Eva und Martina rechnen. Mit dem Widerstand ist das in Tschechien ohnehin so eine Sache, meint Martina:

"Wie wir wissen, ist das nicht nur die ´Teplarna´, die mit wenig Widerstand rechnen muss."