Veitsdom: Kirchenhistoriker fordert Staat und Kirche zum Kompromiss auf
Seit Mitte Februar sorgt die Prager St. Veit-Kathedrale wieder für Schlagzeilen in den Medien. Schuld daran ist der fast vierzehn Jahre dauernde Streit um die Frage, wem der Veitsdom gehört - der Kirche oder dem Staat?
Jaroslav Sebek vom Historischen Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften sieht die Ursachen für den auch in den Medien ausgetragenen Streit um die Kathedrale bereits im 19. Jahrhundert. Das Problem einer unterschiedlichen Wahrnehmung der Kathedrale entstand Sebek zufolge bereits Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie hänge, so der Historiker, mit der nationalen Emanzipationsbewegung zusammen. Für ihre Präsentation in der Öffentlichkeit brauchte sie damals klare Symbole, die mit den Höhepunkten der tschechischen Geschichte verbunden waren, sagt Sebek:
"In diesem Kontext schienen vor allem Symbole aus dem geistlichen Bereich als besonders geeignet - Symbole, die mit der Heiligentradition verknüpft waren - wie beispielsweise die St. Wenzel-Tradition. Aber auch Symbole des Hussitentums oder der Reformationsepoche. Hinzu kam mit der Zeit auch die Prager Kathedrale, die von der breiteren tschechischen Öffentlichkeit nicht als ein religiöses Symbol oder ein Sakralraum wahrgenommen wurde, sondern eher als ein Objekt von gesamtnationaler Bedeutung - als ein Juwel der Nation."Im Streit um die Kathedrale wird jedoch auch darauf hingewiesen, dass das Oberste Gericht in seinem jüngsten Urteil von der Kontinuität der Rechtsordnung vor und nach der Wende von 1989 ausging. Denn kurz nachdem die Kommunisten 1948 die Macht in der Tschechoslowakei ergriffen hatten, begann eine harte Verfolgung der Kirche. 1954 wurde die Kathedrale durch einen Regierungserlass auf das "tschechoslowakische Volk" übertragen. Der Erlass, den das damalige Parlament verabschiedet hatte, hat die Gültigkeit eines Gesetzes. Und dieses Gesetz, demzufolge die Kathedrale Eigentum des "Volkes" ist, gilt immer noch, denn es gibt eine Kontinuität der Rechtsordnung. Jaroslav Sebek meint:
"Dies ist eher ein Rechtsproblem. Als Historiker, und nicht nur als solcher, meine ich, dass es notwendig ist, den Dialog zwischen den beiden Seiten zu suchen. Es gibt keinen anderen Weg. Es ist notwendig, nach einem Kompromiss zu suchen, der im Sinne der Kathedrale sein wird. Man soll mit diesen peinlichen Streitigkeiten das Juwel ´Veitsdom´ nicht herabwürdigen."







