55 Jahren tschechische Sendungen von Radio Freies Europa

Eine der vielen Auseinandersetzungen zwischen den beiden politischen Blöcken in der Zeit des kalten Krieges spielte sich auf dem Feld der Informationspolitik ab. Das Ziel war klar: Die Öffentlichkeit auf der jeweils anderen Seite des Eisernen Vorhangs sollte mit Informationen und Propaganda versorgt werden. An vorderster Front kämpfte dabei der in München ansässige Rundfunksender Radio Freies Europa. Dieser strahlte vor 55 Jahren erstmals tschechische Sendungen aus.

In diesem Jahr jährt sich zum 55. Mal der Start des tschechischen Programms von Radio Freies Europa. Der Sender, der bis in die Mitte der 90er Jahre in München angesiedelt war, hat zweifellos tschechische Rundfunkgeschichte geschrieben. Das hing nicht zuletzt auch damit zusammen, dass zu den Redakteuren und Mitarbeitern der Station viele intellektuelle Größen des tschechischen und slowakischen Exils gehörten, wie etwa die Journalisten Ferdinand Peroutka oder Pavel Tigrid.

Eine besondere Beziehung zwischen dem Radiosender und Tschechien hat sich sicherlich auch dadurch entwickelt, dass die ganze Anstalt im Jahr 1994 von München nach Prag verlagert wurde und mit Ausnahme der tschechischen Redaktion im ehemaligen Parlamentsgebäude unweit des Wenzelplatzes ein neues Domizil fand. Der tschechische Dienst wurde bereits ein Jahr später - als sechstes Rundfunkprogramm - in die Struktur des öffentlich-rechtlichen Tschechischen Rundfunks eingegliedert. Nachdem der amerikanische Kongress im Herbst 2002 beschlossen hatte, keine Mittel mehr für Radio Freies Europa zur Verfügung zu stellen, ging die Verantwortung für das Programm gänzlich auf den Tschechischen Rundfunk über. Seither sendet das sechste Programm täglich sechs Stunden Analysen, Kommentare oder Interviews ebenso wie Kultur- und Musiksendungen.

Bis Ende Dezember wird jeden Sonntagabend im sechsten Rundfunkprogramm eine Sendereihe ausgestrahlt, die die Geschichte der tschechischen Redaktion von Radio Freies Europa behandelt. Der Autor des Projektes ist mein Kollege Jan Sedmidubsky, mit dem ich mich nicht nur über die Dokumentarreihe, sondern auch über Radio Freies Europa unterhalten habe.

Jan Sedmidubsky
"In diesem Jahr sind genau 55 Jahre vergangen, seitdem Radio Freies Europa erstmals in Tschechisch auf Sendung ging. Die tschechische Redaktion hatte es übrigens als erstes gewagt, das auf den ersten Blick abenteuerliche Projekt anzugehen, bei dem aus dem Ausland für das heimische Publikum gesendet wurde. Wenn die Gründungsredakteure von damals vielleicht geahnt hätten, wie lange ihre Station senden wird und vor allem wie schwierig es sein, wird eine unabhängige Radioanstalt zu schaffen, hätten sie das vielleicht nicht in Angriff genommen. Wir haben es als unsere Pflicht angesehen an dieses Jubiläums zu gedenken, schon weil das sechste Programm des Tschechischen Rundfunks bemüht ist, an das Wirken von Radio Freies Europa anzuknüpfen. Wir haben es als unsere Aufgabe gesehen, diese Verpflichtung wahrzunehmen."

Neben zahlreichen Archivaufnahmen, die in den jeweiligen Folgen ausgestrahlt werden und die von der letzten Direktorin der tschechischen Redaktion, Olga Kopecka-Valeska, zur Verfügung gestellt wurden, kommen aber auch wichtige Zeitzeugen zu Wort. Zu ihnen gehören Karel Kasparek oder Hana Sirotkova, die heute noch in München leben und zu den ersten Moderatoren von Radio Freies Europa gehörten. Ist man auf Grund der Aussagen dieser Persönlichkeiten zu neuen Erkenntnissen gelangt? Jan Sedmidubsky:

"Eigentlich gibt es da gleich mehrere interessante Sachen. Vor allem weiß man allgemein sehr wenig über die wahren Gründungsväter und -mütter von Radio Freies Europa. Das waren wirklich Leute, die nach dem kommunistischen Putsch im Februar 1948 das Land verließen und überhaupt nicht wussten, was sie im Exil tun werden. Federführend waren hier die beiden Journalisten Ferdinand Peroutka und Pavel Tigrid, die die Idee einer Rundfunkstation durchsetzen konnten. Aber ansonsten hatte niemand Medienerfahrung und schon gar nicht Erfahrungen mit dem Rundfunk. Hier war also viel Begeisterung und Respekt dabei, gleichzeitig aber auch ein großes Maß an Ungewissheit darüber, ob und von wem die Sendungen überhaupt gehört werden und ob sie von den Hörern auch akzeptiert werden. Man wollte dem totalitären System und dessen Medienmaschinerie etwas entgegensetzen, gleichzeitig aber nicht auf das gleiche Niveau absinken. Das hieß vor allem auch auf die Wut zu verzichten, die einen überfallen konnte beim Gedanken an das, was sich in der Heimat abspielte, oder an die Menschen, die man zurücklassen musste."

Radio Free Europe
Lässt sich beim Rückblick auf die Geschichte der tschechischen Redaktion von Radio Freies Europa sagen, welche Etappe die dramatischste war? Waren es die Anfänge in den fünfziger Jahren, oder dann die späten siebziger Jahre, als die Kommunisten versuchten, den Sender mit Agenten zu infiltrieren und zeitweise überlegten, das Funkhaus in die Luft zu sprengen?

"Wenn man eine Dokumentarreihe über Radio Freie Europa gestaltet, sich also einem der großen Kinder des Kalten Krieges widmet, dann geht man das Thema mit einer gewissen Ehrfurcht an. Dabei ist eines interessant: Während der großen Zeitspanne von vierzig Jahren ist eine ganze Reihe von Mitarbeitern zum Einsatz gekommen, die nur eines gemeinsam hatten - dass sie im Exil lebten. Völlig unterschiedlich waren aber ihre Erfahrungen mit dem kommunistischen Regime. Diejenigen, die nach 1968 kamen, hatten natürlich eine ganz andere Sichtweise als die erste Generation, die schon 1948 emigrierte. Das führte zu Konflikten, zu gegenseitigem Misstrauen, was wiederum der kommunistische Staatssicherheitsdienst geschickt zu nutzen wusste. Es ändere aber nichts daran, dass diese Journalisten alle Profis waren. Sie schafften es, ein sehr breites Spektrum an Sendungen abzudecken und dem Sender dadurch fast schon einen, wie man heute sagen würde, öffentlich-rechtlichen Charakter zu geben. Im Programm von Radio Freies Europa ließ sich alles finden, was der Hörer in der damaligen Tschechoslowakei, wie auch in den anderen kommunistischen Ländern, zur Überwindung des bestehenden Informationsvakuums gebrauchen konnte. Bei Weitem waren das also nicht nur politische Informationssendungen, sondern auch Unterhaltungs- und Musiksendungen. Zudem gab es Programme bei denen man als Hörer lernte, wie man bei der kommunistischen Presse zwischen den Zeilen lesen kann oder wie bestimmte, von den Kommunisten gebrauchte Begriffe, überhaupt zu verstehen sind."

Obwohl das Programm von Radio Freies Europa seit dem Jahr 1988 vom kommunistischen Regime nicht mehr offiziell gestört wurde, entzweite der Sender während seines gesamten Bestehens die tschechoslowakische Gesellschaft: Die einen sahen in ihm einen feindlichen Sender, der den guten Namen des Landes beschmutzte, die anderen wiederum vielleicht ein Tor zur freien Welt. Sind von dieser einstigen Polarisierung auch heute noch in der Öffentlichkeit irgendwelche Spuren übrig geblieben? Hören Sie dazu abschließend noch einmal den Autor der Dokumentarreihe über die tschechische Redaktion von Radio Freies Europa, Jan Sedmidubsky:

"Ich fürchte, dass diese Teilung immer noch besteht. Man kann das an einer Sache erkennen: Viele Menschen sprechen heute davon, dass die politische und gesellschaftliche Ordnung nach 1989 erneut in ein Vasallen-Verhältnis gemündet ist. Wenn also früher Moskau das Sagen hatte, wird heute angeblich alles in Washington beschlossen. Ich denke, dass das schon allein deshalb nicht stimmt, weil man heute seine Meinung offen sagen kann. Radio Freie Europa hat deshalb polarisiert, weil es keine andere Möglichkeit gab, auf die kommunistischen Unwahrheiten zu reagieren. Die Sendungen dienten natürlich in einer gewissen Weise der Propaganda und auch die Station als solche verkörperte so etwas wie ein Ghetto, wenn auch im positiven Sinn des Wortes. Wenn man heute die früheren Redakteure befragt, so hat man nicht den Eindruck, als ob sie sich nach diesem einstigen Ghetto zurücksehnen würden. Vielmehr sind sie froh, dass die Freiheit erreicht wurde und sie unter anderen Bedingungen arbeiten können."