Behinderten-WG: Therapieansatz Alltagsleben
An der ersten Tür, an die wir heute klopfen wollen, klebt ein Schild mit fünf Namen. Doch bei der Wohngemeinschaft, die hinter dieser Tür lebt, handelt es sich um keine Studenten-WG, sondern um eine Wohngemeinschaft von Behinderten. Diese befinden sich nach einer Schädel-Hirn-Verletzung in einem abgeschwächten Stadium von Wachkoma. Jedes Jahr erleiden Tausende Menschen in Deutschland eine solche Schädigung des Gehirns, meist als Folge eines Unfalls, Schlaganfalls oder Herzinfarkts. Angehörige sind mit der Pflege oft überfordert. Und in den chronisch unterbesetzten Pflegeheimen können die Patienten zwar gepflegt, aber kaum gefördert werden. Alternativen zum Pflegeheim sind selten. Grit Hofmann hat eine von ihnen in Dresden besucht.
Christa Agner besucht ihren Enkel Sven. Sven Bierbaum ist 25 Jahre alt. Eine Pflegerin hat ihn gerade ins Bett gelegt. Die dünnen Arme liegen angewinkelt an seinem schmalen Körper. Reden kann Sven nicht - jedenfalls nicht mit Worten. Vor fünf Jahren hatte Sven einen schweren Autounfall, bei dem sein Gehirn stark verletzt wurde. Nach dem Klinikaufenthalt kam Sven in ein spezielles Pflegezentrum. Doch die Betreuung dort reichte seiner Mutter Petra Bierbaum nicht:
"Die Schwestern, die hat man wirklich nur gesehen, wenn sie Medikamente verabreicht oder die Patienten umgedreht haben. Sven lag meist ganz alleine in seinem Bett. Das tat mir dann so leid, weil er ja schon ziemlich wach war."
Sven brauchte Förderung. Deshalb zog er vor einem Jahr in die Wohngemeinschaft, hier in einer großen Altbauwohnung im Süden Dresdens. Um "normal zu leben". Das ist das Therapiekonzept von Katrin Schultz, der Gründerin des WG-Projekts:
"Ich finde es einfach traurig, dass in einem solchen jungen Leben einfach Schluss sein sollte. Man gibt sich zwar nach dem Erstaufenthalt im Krankenhaus viel Mühe, in der Rehabilitation, um die Leute voran zu bringen. Doch schließlich kommen sie dann doch ins Pflegeheim, um dort wieder abzubauen."
Katrin Schultz leitet die Pflege und Betreuung von Sven und seinen drei Mitbewohnern. Sie weiß, dass viele geistige Fähigkeiten nach einer Schädelverletzung noch vorhanden sind. Sie müssen nur wieder geweckt werden:
"Wir versuchen, die Leute zu mobilisieren, Reize zu setzen, eine Beziehung aufzubauen, Verbindung zu den Patienten aufzunehmen. Und wir hoffen, dass sie wieder munter werden."
Reize werden nicht nur körperlich mit Physiotherapie gesetzt. Die Gehirne der Bewohner werden auch über Gerüche oder Geräusche stimuliert. Beispielsweise wenn mit ihnen in der Küche gekocht wird. Dann lernen sie, Düfte wieder zu erkennen. Alltagsgeräusche wie die brummende Waschmaschine im Badezimmer oder der Staubsauger sollen ihre akustische Wahrnehmung wieder anregen.
Seit einigen Wochen gibt es sogar zwei Katzen in der Wohnung. Deren Schnurren wirkt entspannend und beruhigend auf die spastisch verkrampften Körper der Bewohner.
Das praxisnahe Therapiekonzept zeigt Erfolge. Sven, sagt seine Mutter ist nur ein Beispiel dafür:
"Er ist entspannt, er lacht schön, wenn wir uns unterhalten. Man merkt, er versteht alles. Die Bewohner werden mit in die Küche genommen oder in die Stube, und da wird dann gekocht und verschiedenes gemacht - das ist eben wie eine kleine Familie hier: Nicht jeder für sich, sondern alle gemeinsam."







