Libuše Jarcovjáková: „Fotografieren war für mich früher wie Atmen“

Libuše Jarcovjáková

Libuše Jarcovjáková ist eine der bekanntesten zeitgenössischen Fotografinnen Tschechiens. Durch den Dokumentarfilm „Ještě nejsem, kým chci být“ („Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte“) erlangte sie vergangenes Jahr große Berühmtheit. In der Prager Nationalgalerie ist noch bis Ende März eine umfassende Werkschau Jarcovjákovás zu sehen. Und in Berlin beginnt kommende Woche eine Ausstellung mit ihren Aufnahmen aus dem T-Club, in dem in den 1980er Jahren die LGBT-Community Prags zusammenkam. Unser Redakteur hat die 72-jährige Fotografin getroffen und mit ihr über ihr bewegtes Leben, die Arbeit als Universitätsdozentin und den Zwiespalt von Instagram und analoger Fotografie gesprochen.

Frau Jarcovjáková, schön, dass Sie den Weg ins Studio zu uns gefunden haben. Ich freue mich sehr, dass Sie da sind.

„Ich bin auch ganz glücklich, hier zu sein.“

Gibt es einen Tag, an dem Sie nicht fotografieren?

„Noch bin ich nicht,  wer ich sein möchte“ | Foto: Libuše Jarcovjáková,  IDF

„Wahrscheinlich schon. Aber meistens mache ich zumindest ein paar Fotos mit meinem iPhone. Das dient mehr oder weniger der Dokumentation. Ich nehme das nicht wirklich ernst, versuche aber dennoch jeden Tag zu fotografieren. Denn oft gibt es spannende Stillleben oder Szenen. Es ist eine Gewohnheit von mir.“

Können Sie sich noch an Ihre Anfänge als Fotografin erinnern? Oder vielleicht sogar an eines der ersten Fotos, das Sie überhaupt gemacht haben?

„Ja, das war auf einem Spaziergang mit meinem Vater kurz nach Weihnachten. Ich hatte meine erste, sehr primitive Plastikkamera gekriegt. Mein Vater, meine Schwester und ich gingen zur Kampa, wo damals riesige, sehr schöne Bäume wuchsen. Davon habe ich ein paar Fotos gemacht – meine ersten überhaupt. Das waren natürlich sehr schlechte Fotos, aber es war ein Anfang.“

Haben Sie diese Bilder noch?

„Ich habe sie gut in meinem Gedächtnis abgespeichert. Aber wahrscheinlich kann ich die Fotos nicht mehr finden. Das ist schon sehr, sehr lange her.“

Ihre Fotografien, die derzeit in der Nationalgalerie in Prag ausgestellt werden und demnächst in Berlin, stammen größtenteils aus den 70er und 80er Jahren…

„Größtenteils schon. In Berlin werden die Bilder aus dem T-Club ausgestellt, die ich 1982 und 1983 gemacht habe. In den 80er Jahren habe ich wirklich sehr viel fotografiert. Aber in der Nationalgalerie hängen auch Fotos, die ich als 15- oder 16-Jährige gemacht habe, also Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Zudem sind dort Aufnahmen ausgestellt, die vor drei Monaten entstanden sind.“

Foto: Berlinale

Dass Sie Ihre Bilder aus dem T-Club während der Zeit des Kommunismus nicht ausstellen durften, ist klar. Aber warum werden diese älteren Fotos erst jetzt gezeigt?

„Die Bilder haben heimlich in meinen Schachteln im Archiv geschlummert, und keiner wusste davon. Sie haben gewartet, dass ihre Zeit kommt. Vor ungefähr zehn Jahren gab es erste Ausstellungen, und seitdem ist das wie eine Kettenreaktion.“

Es wurde ein Dokumentarfilm über Sie gedreht, der 2024 bei der Berlinale Premiere hatte. Und es gibt viele Ausstellungen mit Ihren Werken. Ist Ihnen das manchmal zu viel?

„Ja, schon. Aber ich glaube, diese Welle wird bald wieder abflachen. Und dann kann ich mich wieder in mein Privatleben zurückziehen. Der Film hat aber auch, glaube ich, edukative Momente, die ich für wichtig für die jüngere Generation halte. Ich bin deswegen froh, dass ich bei vielen Publikumsgesprächen vor allem mit jungen Leuten reden kann. Irgendwie ist mir das wichtig. Und vielleicht kann das den jungen Menschen auch helfen. Neulich hatte ich eine Vorlesung in der Nationalgalerie für Studenten der AVU (Akademie der Bildenden Künste in Prag, Anm. d. Red.). Sie haben mich gefragt, welchen Rat ich ihnen geben kann. Ich meinte: Ganz gewöhnliche Sachen fotografieren, die unmittelbar in der Nähe sind. Und: Geduld haben!“

Das fotografieren, was in der Nähe ist – das haben Sie genauso gemacht, oder?

„Für mich war das wie Atmen. Ich musste das machen. Und ich habe dabei nicht allzu viel darüber nachgedacht, ob das Sinn hat. Mit dem Abstand ist eine Dokumentation entstanden, die sehr viel von der Vergangenheit erzählt. Und die Leute finden das heute interessant, was mein Glück ist.“

Sie haben bereits den T-Club erwähnt – ein Club für Schwule und Lesben in den 80er Jahren in Prag, in dem Sie fotografiert haben. Was war das für ein Ort?

Der Mann mit der Schlange,  aus der Serie T-Club,  1984 | Foto: Libuše Jarcovjáková,  Nationalgalerie Prag

„Es mag ungewöhnlich klingen, aber gesetzlich gesehen war Homosexualität in der Tschechoslowakei schon ab den 60er Jahren legal. Es gab natürlich Abneigung in der Gesellschaft, aber es war erlaubt. Es gab zwei Clubs für Schwule – und es war dort wunderschön. Man muss sich vorstellen, dass man am Abend, 21 Uhr oder noch später, über die Národní třída geht. Überall ist nur wenig Licht, es sind nur wenige Leute unterwegs. In den Schaufenstern liegen Propagandagegenstände, aber fast keine Ware. Und plötzlich öffnet man die ein wenig versteckte Tür zum T-Club in der Nähe des Václavské náměstí. Man öffnet damit die Tür zu einer anderen Welt mit Musik, Farben, Freundschaft und Liebe. Das war ein riesiger Kontrast. Der T-Club war für mich wie Familie. Es hat aber länger gedauert, einige Monate, ehe ich dort fotografieren konnte und wollte. Aber dann wurde ich angefragt, Veranstaltungen zu dokumentieren. Von da an ging ich zwei- bis dreimal die Woche in den Club und machte Bilder. Als ich dann nach West-Berlin umzog, bedeutete das das Ende meiner Besuche dort.“

Auf Ihren Bildern aus dem T-Club habe ich gesehen, dass dort auch Coca-Cola getrunken wurde…

„Ja, wir waren sehr westlich hier. Ich werde etwa oft gefragt, woher die Filme und das sonstige fotografische Material stammten. Es kam teilweise von Orwo aus der DDR. Aber die westlichen Marken wollten hier ebenso ihre Ware verkaufen, und so konnten wir hier auch richtig gute Filmnegative von Kodak oder Ilford erstehen. Und das war gar nicht so teuer.“

Heute sind Filme nicht ganz billig…

Selbstporträt,  1984 | Foto: Libuše Jarcovjáková,  Nationalgalerie Prag

„Früher waren das vermutlich Dumpingpreise. Ich habe schon wirklich sehr komische Jobs gehabt und war nie reich. Aber es war mir nie unmöglich, genug Filme zu kaufen. Das war wirklich kein Problem.“

Wann hat der T-Club zugemacht?

„Vermutlich bald nach der Wende, ich glaube 1991 oder 1992. Das war mit der Privatisierungswelle verbunden. Das Haus ging zurück an den Besitzer, und der wollte keinen Club mehr haben. Das war das Ende. Ich finde das schon schade, denn es war ein wunderschöner Ort mitten im Herzen von Prag.“

Sie sind 1985 nach West-Berlin emigriert. Warum gerade dorthin?

„Ich hatte dort Freunde. Einer von ihnen, der mittlerweile schon gestorben ist, hat mir geholfen, dort einen Ehemann zu finden. In Berlin lebten mindestens drei, vier Kontakte von mir. Ich habe mich sehr gefreut, in ihre Nähe zu ziehen. Die ganze Sache mit der Schein-Ehe war aber recht kompliziert, es gab einen ziemlichen Papierkrieg. Als ich dann endlich umziehen konnte, war schon keiner mehr in Berlin – alle waren in Hamburg oder noch weiter weg. Und plötzlich stand ich da. Ohne Sprache. Ohne Geld. Ohne Freunde. Das war am Anfang nicht leicht. Es hat mehrere Monate gedauert, ehe ich ein bisschen Deutsch gesprochen habe. Und ich musste auch darüber hinaus sehr viele Sachen lernen. Ich habe das System gar nicht verstanden, diese Selbstverantwortung kannte ich aus meiner Heimat nicht. Am Ende hatte ich aber eine schöne Wohnung in der Bergmannstraße in der Nähe vom Mehringdamm. Ich konnte auch Fotos in der Presse veröffentlichen. Und dann kam die Wende, und ich bin zurück nach Prag gezogen.“

War die Entscheidung, wieder nach Prag zu gehen, leicht?

„Ja, das war immer der Plan. Mir ging es in Berlin nur darum, Erfahrungen zu sammeln. In Prag lebte ich sehr komfortabel und wollte deshalb eine neue Herausforderung. Wie schwer das werden würde, wusste ich damals nicht. Ich bin aber sehr glücklich, dass ich diese sieben Jahre in Berlin gelebt habe. Für mich war das eine sehr wichtige Zeit.“

Während des Kommunismus durften Sie zunächst nicht Fotografie studieren…

Selbstporträt,  Berlin,  1985 | Foto: Libuše Jarcovjáková,  Nationalgalerie Prag

„Ja, ich habe zwar das Abitur machen können, wurde aber nicht an der Akademie der Künste aufgenommen – ohne richtige Gründe. Erst mit 25 Jahren konnte ich studieren.“

Heute haben Sie den Lehrstuhl für Fotografie an der Westböhmischen Universität in Pilsen inne. Was bedeutet das für Sie, Dozentin zu sein und Ihre Erfahrungen weiterzugeben?

„Eigentlich unterrichte ich bereits seit 1992. Für mich ist das sehr wichtig. Die Möglichkeit, mit einer anderen Generation Zeit zu verbringen, zu diskutieren und gemeinsam zu arbeiten, bedeutet mir sehr viel. Und es macht mir Spaß. Die heutige Situation der Studierenden ist übrigens viel schwieriger als zum Beispiel meine damals. Man ist heute gezwungen, seine Arbeit sofort online zu teilen. Die Bilder sollen einzigartig sein. Außerdem ist die Konkurrenz groß, und angehende Fotografen müssen oft Auftragsarbeiten annehmen, was nur schwer mit der eigenen Kunst vereinbar ist. Gott sei Dank war ich nicht in so einer Lage. Ich hatte Zeit und musste niemandem meine Aufnahmen zeigen.“

Generell hat sich das Fotografieren massiv gewandelt. Sie haben früher Schnappschüsse gemacht und relativ häufig abgedrückt. Heute macht das jeder mit seinem Telefon und veröffentlicht die Bilder anschließend auf Instagram.

„Das stimmt, wir sehen andauernd Millionen von Fotos. Aber wenn etwas Gutes dabei ist, sticht das gleich hervor. Gute Fotografie setzt sich immer durch.“

Sie haben zu Beginn gesagt, dass Sie viel mit ihrem iPhone fotografieren, und in der Nationalgalerie ist auch digitale Fotografie von Ihnen zu sehen. Ich habe aber ebenso gelesen, dass Sie wieder analog fotografieren…

Blau | Foto: Libuše Jarcovjáková,  Nationalgalerie Prag

„Ja. Das kam so, dass ich 2018 eine Ausstellung im Tschechischen Zentrum in Berlin hatte. Meine Mitarbeiterin Lucie Černá hatte mir damals die Aufgabe gegeben, wieder einen Schwarz-Weiß-Film zu kaufen. Ich habe mich darauf eingelassen. Seitdem habe ich immer eine Kamera mit schwarzen Negativen bei mir.“

Und welche Kamera und welchen Film benutzen Sie?

„Meistens Kleinbildkameras wie die Olympus Mju. Also zwar nicht primitive, aber doch eher einfachere Kameras. Der Film kommt meistens von Ilford oder Fuji. Und ich verwende fast immer einen Schwarz-Weiß-Film.“

Warum fotografieren Sie nicht in Farbe? Oder probieren Sie das manchmal auch aus?

„Ich sage immer, dass man in einem Wald spazieren gehen oder aber Pilze sammeln kann. Das sind zwei komplett verschiedene Dinge. So ist das auch mit Schwarz-Weiß- und Farbfotografie. Wenn ich einen Farbfilm eingelegt habe, sehe ich ganz andere Sachen. Ich mache das ab und zu und bin immer angenehm überrascht. Die Farbfotografie lehne ich also nicht grundsätzlich ab, aber Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind mir näher.“

Hat das digitale Fotografieren ihre Sichtweise verändert – auch wenn Sie vorwiegend mit Film fotografieren?

„Ich bin kein Freund von Digitalkameras – mit Ausnahme von denen in Telefonen. Ich habe damit einfach nicht die gleichen Ergebnisse, und mir fehlt etwas dabei. Natürlich muss ich ab und zu digital fotografieren und kann das auch. Aber mein Hobby ist das nicht.“

In der Nationalgalerie ist eine große Bandbreite Ihrer Werke ausgestellt. Da sind Bilder aus dem T-Club, Aufnahmen der Roma-Minderheit, Fotografien vietnamesischer Einwanderer in der Tschechoslowakei oder Fotos ihrer Mutter, die sie gepflegt haben. Gibt es aber auch Bilder, die Sie für sich behalten und nicht ausstellen wollen?

„Eigentlich habe ich sehr wenige Geheimnisse. Irgendwelche gibt es bestimmt, aber es sind nicht allzu viele. Ich bin schon sehr offen.“

Libuše Jarcovjákovás Werkschau in der Prager Nationalgalerie kann bis zum 30. März besucht werden. Die Ausstellung in der Berliner Galerie Kvost wird am Mittwoch kommender Woche eröffnet.