Widerstandskämpfer gegen Hitler – die tschechischen Opfer von Plötzensee

Strafgefängnis Plötzensee, 1922

Es sind Frauen und Männer, alte wie junge, die sich ab 1939 auf tschechischer Seite gegen das NS-Regime stellten. Viele von ihnen wurden im Berliner Gefängnis Plötzensee hingerichtet. Das ist das Thema einer Ausstellung, die derzeit im Prager Goethe-Institut zu sehen ist. Im Folgenden nun mehr über diese tschechischen Opfer von Plötzensee.

Plötzensee 1945 | Foto: Bert Sass,  Landesarchiv Berlin,  F Rep. 290,  Nr. 0007278

Das Berliner Strafgefängnis Plötzensee war während des Nationalsozialismus die zentrale Hinrichtungsstelle für politische Gefangene. Und das nicht nur aus Deutschland, wie etwa die Teilnehmer am Stauffenberg-Attentat oder die Mitglieder des Kreisauer Kreises, sondern auch aus anderen Ländern. Tschechen und Tschechinnen waren dabei zahlenmäßig die größte ausländische Gruppe, mit 671 Opfern. Ihre Lebensgeschichten sind geprägt von unglaublichem Mut und großer Entschlossenheit.

Jan Boris Uhlíř ist Historiker beim tschechischen Archiv der Sicherheitskräfte und hat zu den Opfern von Plötzensee geforscht. Im Interview für Radio Prag International macht er unter anderem auf die Journalistin Irena Bernášková aufmerksam. Wie Uhlíř sagt, engagierte sie sich nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch Hitler im März 1939 in der wichtigsten Zeitschrift des Widerstandes im Land, „V boj“ (In den Kampf):

Ausstellung 'Die tschechischen Opfer von Plötzensee' | Foto: Hana Slavická,  Radio Prague International

„Sie übernahm in der Folge zu großen Teilen auch die Leitung der Zeitschrift und kümmerte sich um den Vertrieb und die Finanzierung. Zudem schrieb sie eigene Beiträge. Nachdem sie 1940 von der Gestapo festgenommen wurde, lieferte sie sich am Sitz der Geheimpolizei in Prag sogar eine Rangelei mit den Ermittlern. Bernášková unternahm einen Selbstmordversuch, der aber fehlschlug. Und vor Gericht nahm sie alle Schuld auf sich. Damit rettete sie das Leben aller anderen, die nur KZ-Haft bekamen. Sie war sehr tapfer und dickköpfig. Als ihr Todesurteil gesprochen war, sagte sie noch im Gerichtssaal, dass auch so die Tschechoslowakische Republik wiederauferstehen werde. Irena Bernášková war die erste Tschechin und überhaupt die erste Frau, die im sogenannten ‚Dritten Reich‘ als Widerstandskämpferin hingerichtet wurde.“

Das Urteil wurde am 26. August 1942 vollstreckt. Bernášková wurde mit der Guillotine enthauptet. In der offiziellen Mitteilung des Oberreichsanwaltes beim Volksgerichtshof hieß es:

Jan B. Uhlíř | Foto: Petr Machan,  Goethe-Institut

„Die vom Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung zum Tode und zum dauerhaften Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilte Irene Bernášek aus Prag ist heute hingerichtet worden.“

Jan Boris Uhlíř ordnet den Inhalt der Mitteilung ein:

„Bei den Tschechen oder Bürgern der Tschechoslowakei, die in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurden, geschah dies hauptsächlich wegen einer oder mehrerer der drei Straftatbestände ‚Hochverrat‘, ‚Landesverrat‘ und ‚Feindbegünstigung‘. Diese Menschen waren vom Volksgerichtshof verurteilt worden, der 1934 als politische Gerichtsinstanz gerade für diese Fälle eingerichtet worden war. Das erste Todesurteil gegen einen Tschechen wurde dort im September 1940 vollstreckt, das letzte im Januar 1945.“

Kommunistische Propaganda um Fučík

Dass Tschechen nach Deutschen die zweitgrößte Gruppe der Opfer in Plötzensee bildeten, hält der Historiker für einen wichtigen und bemerkenswerten Umstand.

Ehemaliger Hinrichtungsraum | Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

„Es zeugt von der Kraft des tschechischen Widerstandes, der allgemein unterschätzt wird. Denn das Protektorat entstand noch zu Friedenszeiten, rund ein halbes Jahr vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Deswegen konnte der Widerstand nicht auf Kampfhandlungen aufbauen, seine Gruppen hatten zunächst keine Waffen zur Verfügung. Letztlich ist das Gebiet Böhmens und Mährens nicht sonderlich groß und von seiner Geographie her nicht für einen längeren Partisanenkampf geschaffen – wie etwa Frankreich, Italien oder das frühere Jugoslawien“, so Uhlíř.

Obwohl der Widerstand gegen den Nationalsozialismus auch ein wichtiges Narrativ in der kommunistischen Tschechoslowakei war, ist er bisher noch nicht umfassend in einer Monographie dargestellt worden. Jan Boris Uhlíř ist bei seinen Nachforschungen auf rund 2800 hingerichtete Gegner Hitlers aus dem „Protektorat Böhmen und Mähren“ gestoßen. Denn es gab auch weitere Orte für die Vollstreckung der Todesurteile:

„Nach Plötzensee kamen in der überwiegenden Zahl Menschen aus dem böhmischen Landesteil, wohingegen jene aus Mähren meist nach Breslau gebracht wurden. Ihre Zahl war etwa ähnlich hoch wie in dem Berliner Strafgefängnis. An erster Stelle stand aber Dresden. Außerdem wurden die Urteile noch an fünf weiteren zentralen Hinrichtungsstätten vollstreckt.“

Ausstellung 'Die tschechischen Opfer von Plötzensee' | Foto: Hana Slavická,  Radio Prague International

In Plötzensee wiederum wurde auch jener Mann hingerichtet, der in der kommunistischen Propaganda dann eine zentrale Stellung einnahm: der Journalist Julius Fučík, geboren 1903 im damaligen Prager Vorort Smíchov. Er war Kommunist und schrieb für unterschiedliche Organe der KPTsch. Ab 1939 war er im Widerstand aktiv. Die Gestapo verhaftete ihn im April 1942 in Prag. Zunächst kam er ins Gefängnis Pankrác. Im Prager Gestapo-Hauptquartier, dem Palais Petschek, wurde Fučík verhört und gefoltert. Während seiner Haft in Prag verfasste er seine „Reportage, unter dem Strang geschrieben“, die von Wärtern nach draußen geschmuggelt wurde. Warum avancierte gerade er zum antifaschistischen Märtyrer?

Julius Fučík,  1942 | Foto: ÚSTR

„Es handelte sich um reine Propaganda. Ich will nicht leugnen, dass Fučíks ‚Reportage, unter dem Strang geschrieben‘ als Zeitzeugnis dienen kann. Und es ist unglaublich, dass sie erhalten ist. Aber er wurde vom kommunistischen Regime einfach als Ikone ausgewählt. Eine ganze Reihe an Kommunisten wurde damals hingerichtet, so hätte sich auch der Schriftsteller Vladislav Vančura angeboten. Es scheint aber, dass Fučík wegen seines fotogenen Äußeren zu seiner Rolle erkoren wurde. Er war jung, ob er hübsch war, kann ich nicht beurteilen. Aber bekannt ist, dass er Erfolg bei Frauen hatte. Er besaß auch Humor. Mich würde interessieren, wie er seine Propagandarolle gesehen hätte. Ich denke, er wäre amüsiert gewesen und hätte über den Dingen gestanden“, sagt Uhlíř.

Nach der politischen Wende von 1989 kehrte sich das Bild Fučíks komplett, und ihm wurde Kollaboration mit den Nazis vorgeworfen. Doch der Experte rückt dies wieder ins richtige Licht:

„Bei den Verhören sprach Julius Fučík erst nach einem Monat. Damit erfüllte er die wichtige Vorgabe, mindestens drei Tage lang gegenüber seinen Peinigern zu schweigen, und ließ sich dafür fast totfoltern.“

Julius Fučík wurde vom Volksgerichtshof unter dem Vorsitz des berüchtigten Strafrichters Roland Freisler wegen Hochverrats verurteilt. Er wurde am 8. September 1943 in einer der sogenannten Blutnächte von Plötzensee hingerichtet. Wenige Tage zuvor war das Fallbeil der Guillotine bei einem Luftangriff beschädigt worden. Deswegen beschleunigten die Nazis die Vollstreckung der Todesurteile – was später zum Ausdruck „Blutnächte“ führte. Und da die Guillotine nicht benutzt werden konnte, wurde am Galgen vollstreckt, wobei die Opfer qualvoll erstickten.

Besuch der Gedenkstätte

Uhlíř beschäftigt sich allerdings nicht zufällig mit den Tschechen in Plötzensee. Denn auch sein Urgroßvater Jan Uher gehört zu den Opfern. Dessen Sohn – und damit der Großvater des Historikers – durfte erstmals 1972 die Gedenkstätte Plötzensee im damaligen West-Berlin besuchen. Damals sei er selbst erst zwei Monate alt gewesen, erzählt Jan Boris Uhlíř. Aber zehn Jahre später habe sein Opa ihn dahin mitgenommen…

Ausstellung 'Die tschechischen Opfer von Plötzensee' | Foto: Hana Slavická,  Radio Prague International

„Was würde man erwarten, wohin ein Großvater seinen Enkel in West-Berlin führt? In den Zoo, zum Spaziergang auf den Kurfürstendamm, zum Eis-Essen. Wir sind aber zur Hinrichtungsstätte gegangen. Und dort hat sich bei mir etwas gedreht. Ich nahm damals eine Broschüre mit, obwohl ich kein Deutsch konnte. Mein Großvater war aber zweisprachig und hat mir den Text übersetzt. Die Folge war, dass ich ab meinem elften Lebensjahr Graf Stauffenberg als großen Helden des deutschen Widerstandes bewundert habe. Erst später begannen sich die Geschichten der deutschen Widerstandskämpfer, die ihre Leben nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 dort ließen, mit denen der tschechischen zu verbinden.“

Der Urgroßvater Jan Uher war Professor für Erziehungswissenschaften an der Masaryk-Universität in Brno / Brünn. Nach der nationalsozialistischen Besetzung des Landes im März 1939 schloss er sich der Widerstandsgruppe „Obrana národa“ (Verteidigung der Nation) an. Noch im November desselben Jahres wurden er und seine Mitstreiter deswegen verhaftet. Erst 1942 kam es zum Prozess, wobei man das Urteil genau an jenem Tag verkündete, als Reinhard Heydrich beerdigt wurde. Das war der 9. Juni 1942. Heydrich war stellvertretender Reichsprotektor gewesen und bei einem Attentat durch tschechoslowakische Fallschirmspringer schwer getroffen worden. Acht Tage später erlag er seinen Verletzungen. Laut Historiker Uhlíř bildete dies den Hintergrund der Gerichtsverhandlungen in Berlin-Moabit, wie er in den Akten einsehen konnte:

Ausstellung 'Die tschechischen Opfer von Plötzensee' | Foto: Hana Slavická,  Radio Prague International

„Als mein Urgroßvater und seine Mitstreiter vor dem Volksgerichtshof standen, sagte der Richter: ‚Sie sind zwar die tschechische Intelligenz, die schon seit 1939 im Gefängnis ist, aber jetzt gerade zieht unter dem Fenster des Gerichtsgebäudes der Trauerzug des meuchlerisch ermordeten stellvertretenden Reichsprotektors vorbei. Und Sie haben das tschechische Volk in dem Geist erzogen, dass dieses Attentat möglich war.‘ Von den zwölf Angeklagten wurden acht oder neun zum Tod verurteilt.“

In der Regel wurden die Todesurteile innerhalb von 99 Tagen vollstreckt. Im Fall der Beteiligten des Stauffenberg-Attentats lagen nur zwei Stunden zwischen Urteil und dem Galgen. Bei Jan Uher dauerte es länger, und die ganze Zeit war er im Strafgefängnis Plötzensee inhaftiert.

Ausstellung 'Die tschechischen Opfer von Plötzensee' | Foto: Hana Slavická,  Radio Prague International

„Die Bedingungen dort waren fürchterlich. Es war kalt, das Essen war schlecht, insgesamt gab es zu wenig Nahrung. Mein Urgroßvater verlor in dieser Zeit etwa 30 Kilogramm Gewicht, dabei war er nur 1,80 Meter groß“, so der Geschichtswissenschaftler.

Wie Jan Boris Uhlíř weiß, gab der Gefängnispfarrer Harald Poelchau seinem Urgroßvater das letzte Mahl. Jan Uher wurde am 27. Oktober 1942 enthauptet. Und Poelchau sagte darauf der Witwe, er habe noch nie einen so tapferen und todesgefassten Menschen erlebt.

Perfide war, dass die Hinterbliebenen danach noch eine Rechnung für Gefängnis- und Hinrichtungskosten erhielten. Diese belief sich bei den Uhers auf 1935 Reichsmark. Wie der Historiker aber erzählt, verweigerte seine Familie die Zahlung.

Ausstellung 'Die tschechischen Opfer von Plötzensee' | Foto: Hana Slavická,  Radio Prague International

Archivbestände in Prag

Im Übrigen hat erst der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Johannes Tuchel, Historiker Uhlíř dazu angeregt, sich mit den tschechischen Opfern in Plötzensee zu beschäftigen. Erstaunlich aber ist, dass dies noch nicht früher geschehen ist. Schließlich wurden die grundlegenden Archivbestände bereits 1957 aus der DDR nach Prag überstellt:

Ausstellung 'Die tschechischen Opfer von Plötzensee' | Foto: Hana Slavická,  Radio Prague International

„Es waren 70 versiegelte Säcke. Daraus entstand der Fonds ‚Deutsche Gerichte im Reich, Nr. 141‘. Zunächst hatte ihn die Staatssicherheit unter ihren Fittichen. Dadurch war er bis 1990 nicht einzusehen, erst danach wurde er zugänglich gemacht. Es handelt sich um einen der bedeutendsten Archivbestände zur gegebenen Problematik auf tschechischem Boden, allerdings wird er kaum genutzt.“

Jan Boris Uhlíř selbst hat begonnen, genau daran etwas zu ändern. Schon demnächst sollen alle rund 2800 Tschechen und Tschechinnen, die auf den Hinrichtungsstätten der Nationalsozialisten ihr Leben ließen, auf einer eigenen Website ein Kurzporträt erhalten. Neben dem Namen und einem kurzen Lebenslauf gehören dazu dann auch Fotos und die entsprechenden Archivinformationen.

Die Ausstellung „Die tschechischen Opfer von Plötzensee“ im Prager Goethe-Institut läuft noch bis 30. April. Dabei wird jeweils ein Vertreter oder eine Vertreterin der wichtigsten tschechischen Widerstandsgruppen porträtiert. Auf 23 großformatigen Tafeln sind zudem die Faksimiles von Todesurteilen und persönliche Dokumente zu sehen. Die Ausstellung ist auf Deutsch und Tschechisch.