Die Gestapo im „Protektorat Böhmen und Mähren“: Wer waren ihre Befehlshaber?
Schon das Wort ließ die Menschen erzittern: Gestapo. Dank einer neuen Fachpublikation der Historiker Jan Vajskebr und Jan Zumr können wir nun nach 80 Jahren den Tätern ins Gesicht blicken. Das Buch mit dem einfachen Titel „Gestapo“ wurde vor Kurzem symbolisch im Petschek-Palais in Prag vorgestellt, in dem die nationalsozialistische Geheime Staatspolizei im sogenannten „Protektorat Böhmen und Mähren“ einst ihr Hauptquartier hatte.
Die Truppen der Geheimen Staatspolizei, kurz Gestapo, sind am 15. März 1939 im „Protektorat Böhmen und Mähren“ eingetroffen, unmittelbar nach den Wehrmachtseinheiten. In Kürze wurde eine eigene Organisationsstruktur ausgebaut, mit den Leitstellen in Prag und Brno / Brünn sowie Außenstellen im gesamten Protektorat. Die Historiker Jan Vajskebr und Jan Zumr vom Institut für das Studium totalitärer Regime (Ústav pro studium totalitních režimů) in Prag beschreiben auf mehr als eintausend Buchseiten die Organisation und Entwicklung der Gestapo hierzulande in den Jahren 1939 bis 1945.
120.000 Verhaftungen im Protektorat
Die Aufgabe der Gestapo war es, Gegner des Nationalsozialismus zu bekämpfen. Während der sechsjährigen Besatzungszeit nahm sie in Böhmen und Mähren etwa 120.000 Verhaftungen vor. Jan Vajskebr:
„Es war nicht so, dass nur diejenigen verfolgt wurden, die sich etwas zu Schulden kommen ließen. Die Gestapo hatte genau definierte Gruppen, die als Feinde galten. Eine typische Kategorie waren etwa die Juden.“
Es gab Abteilungen unter anderem für die Bekämpfung des linken Widerstands, des rechten Widerstands, der Widerstandskämpfer in der Armee oder in Kirchen, für Wirtschaftsdelikte, aber auch für die Fahndung von den im Protektorat ausgesetzten tschechoslowakischen Fallschirmspringern.
In dem Gestapo-Apparat hätte es allerdings nicht ausgereicht, lediglich Befehle von oben auszuführen, betont der Historiker:
„Wenn man Karriere machen wollte, wenn man befördert, bewertet und belohnt werden wollte, dann musste man Eigeninitiative zeigen. Es reichte nicht aus, nur ein Rädchen im Getriebe zu sein. Diese Männer brauchten aber nicht ermutigt zu werden, sie waren von sich aus sehr ehrgeizig. Ihr Handeln wurde von einem sehr unsteten Gemisch aus eigenem Karrierestreben und gleichzeitig ideologischer Überzeugung geprägt, denn sie waren wirklich überzeugte Nazis.“
Gegen den Widerstand wurden drei grundlegende Methoden eingesetzt. Jan Zumr erläutert:
„Die erste war die sogenannte verstärkte Vernehmung – das heißt die Möglichkeit, inhaftierte Widerstandskämpfer legal zu foltern. Es gab eine bestimmte Anzahl von Schlägen, die dem Häftling verabreicht werden durfte. Diese Zahl wurde jedoch regelmäßig überschritten, bis die Widerstandskämpfer auf sehr brutale Weise gefoltert wurden.“
Ein weiteres Instrument war die sogenannte Schutzhaft. In diesem Fall handelte es sich um die Einweisung eines Menschen in ein Konzentrationslager ohne Gerichtsbeschluss und nur auf der Grundlage einer Entscheidung der Gestapo. Zumr fährt fort:
„Und das dritte und schlimmste Mittel war die sogenannte Sonderbehandlung. In diesem Fall handelte es sich um eine außergerichtliche Hinrichtung, die nur von der Polizei angeordnet wurde. Das erste Beispiel für diese Sonderbehandlung im Protektorat stammt vom November 1939, als die damaligen Studentenführer hingerichtet wurden. Während des Krieges wurde diese Methode der Liquidierung von Widerstandskämpfern dann immer häufiger angewandt.“
Wer waren die Männer? 207 Porträts
Wer waren die Menschen, die während des Protektorats bei der Gestapo dienten? Was waren ihre Lebensgeschichten, und worin beruhte ihre Motivation? Das Buch mit dem Titel „Gestapo“ und dem Untertitel „Das Führungskorps der Geheimen Staatspolizei im Protektorat Böhmen und Mähren“ enthält 207 Porträts der höchsten Gestapo-Beamten, die zwischen 1939 und 1945 im Protektorat tätig waren. Auf dieser Grundlage ließe sich das Profil eines typischen Gestapo-Beamten skizzieren, sagt Jan Vajskebr. Er teilt die Gruppe in zwei Kategorien ein:
„In den Spitzenpositionen waren meist junge Männer, rund 30 Jahre alt, die gerade ihr Studium abgeschlossen hatten, am häufigsten in den Fächern Jura und Staatswissenschaften. Sie waren bereits Mitte der 1930er Jahre, also noch vor der Besetzung der Tschechoslowakei, der Gestapo beigetreten, und später kamen sie als erfahrene Gestapo-Beamte in Führungspositionen in das Protektorat.“
Die Befehlshaber blieben fast nie den ganzen Krieg über in einem Posten. Der Terminus „kämpfende Verwaltung“ wurde dafür verwendet: Man musste in mehreren besetzten Gebieten aktiv sein und wurde immer wieder zu neuen Aufgaben eingesetzt.
Die zweite Gruppe der Gestapo-Beamten bildeten Berufspolizisten. Diese Männer, etwa ein Jahrzehnt älter als die Spitzenfunktionäre, waren schon im Ersten Weltkrieg im Einsatz gewesen. Vajskebr fährt fort:
„Sie hatten ihre Schulzeit in den Schützengräben verbracht und keine richtige Ausbildung bekommen. Sie kannten nicht viel anderes, als in Uniform zu dienen. Es lag daher nahe, dass sie nach dem Krieg zur Polizei gingen. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland wurden diese Männer in die Reihen der Gestapo aufgenommen. Sie bildeten sozusagen den erfahrenen Fachkader und dienten oft als Stellvertreter jener jungen, ideologisch geprägten Karrieristen und Fanatiker.“
Die allerhöchsten Positionen der Geheimen Staatspolizei im „Protektorat Böhmen und Mähren“ wurden ausschließlich von Reichsdeutschen besetzt. In niedrigeren Posten spielten auch manche Österreicher eine wichtige Rolle. Von den einheimischen Deutschen, den Sudetendeutschen, hatten hingegen nur vier Männer eine Spitzenposition in der Gestapo inne. Laut dem Historiker Jan Zumr war der Grund einfach:
„Es lag nicht an ihrer mangelnden ideologischen Zuverlässigkeit, denn die Sudetendeutschen gehörten im Gegenteil zu den am stärksten nationalsozialistisch geprägten Deutschen im gesamten Dritten Reich. Die Ursache muss auf eine strikte Einhaltung der Karriereordnung zurückgeführt werden. Die Sudetendeutschen hatten in den sechs Jahren des Protektorats einfach nicht genug Zeit, um in der Gestapo-Hierarchie so hoch aufzusteigen, um eine Führungsposition bekleiden zu können.“
Aus den Sudetendeutschen rekrutierte sich allerdings das untere Beamtenpersonal und das Hilfspersonal der Gestapo wie Kriminalbeamte, Sekretärinnen oder Fahrer.
32 Todesstrafen in der Tschechoslowakei
Die Prager Gestapo-Leitstelle mit mehr als 800 Mitarbeitern – ein Drittel davon Frauen – war die größte im Deutschen Reich. Erst danach folgten Wien, Berlin und Brünn. An ihrer Spitze lösten sich im Laufe des Krieges zwei Männer ab. Der erste war Hans-Ulrich Geschke, der von 1939 bis 1942 in Prag tätig war. Jan Zumr:
„Nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich wurde Geschke versetzt. Er diente zunächst in Breslau, dann in Dresden und dann als Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD im besetzten Ungarn. Das Ende des Krieges erlebte er irgendwo an der ungarisch-österreichischen Grenze. Wir wissen nicht genau, was mit ihm passiert ist. In den 1950er Jahren wurde er offiziell für tot erklärt. Wahrscheinlich starb er am Ende des Krieges, entweder durch eigene Hand oder im Kampf gegen die sowjetische Armee.“
Der zweite Leiter der Prager Gestapo war Dr. Ernst Gerke. Dieser Mann habe den Krieg überlebt, sagt Zumr:
„Es gelang ihm, unter ziemlich dramatischen Umständen aus Prag zu fliehen. Er wurde am Ende des Krieges verwundet und geriet in tschechische Gefangenschaft, wurde aber nicht erkannt. Gerke floh aus dem Lazarett und schlug sich über die sowjetischen Linien nach Norddeutschland durch. Dort ließ er sich nieder, arbeitete als Lateinlehrer und Prokurist sowie für die evangelische Kirche. Wegen seiner Verbrechen, sowohl im Protektorat als auch in Polen, wurde er mehrfach von der westdeutschen Justiz angeklagt. In keinem der Fälle wurde jedoch ein Gerichtsurteil getroffen. Er starb 1982 ungestraft.“
Was bedeutete das Kriegsende für die Gestapo-Beamten im Protektorat? Wie gestaltete sich ihr weiteres Schicksal? Die Maitage 1945 seien eine sehr dramatische Zeit gewesen – nicht nur für die europäische Gesellschaft im Allgemeinen, sondern auch für die Gestapo, sagt Jan Vajskebr:
„Die Gestapo-Beamten durften sich nicht zu früh im Voraus evakuieren, weil sie als Deserteure gegolten hätten. Sie gingen also sozusagen in letzter Minute weg. Die meisten zogen sich in Richtung der vermuteten Demarkationslinie zurück. Aus offensichtlichen Gründen wollten sie in die Hände der West-Alliierten fallen. Den meisten gelang das – allerdings mussten sie erfahren, dass die Amerikaner gar nicht so nachsichtig mit ihnen waren, wie sie erwartet hatten. Sie wurden umgehend an die Rote Armee und manche von ihnen später an die tschechoslowakischen Behörden ausgeliefert.“
Gute Karriere nach dem Krieg
Nach dem Krieg wurden diese Gestapo-Befehlshaber vor Gericht gestellt, um sich für ihre Verbrechen während des Krieges zu verantworten. Jan Zumr fasst zusammen:
„Ein Viertel dieser Offiziere überlebte den Zweiten Weltkrieg nicht beziehungsweise starb unmittelbar nach dem Krieg entweder durch eigene Hand oder an einer Erkrankung. Etwa 80 der ausgelieferten Männer wurden in verschiedenen Ländern zu unterschiedlich langen Haftstrafen verurteilt – die größte Gruppe, mehr als 50 Gestapo-Beamte, in der Tschechoslowakei. Hierzulande wurden 32 Todesstrafen verhängt und 30 davon auch vollstreckt. Aber Mitte der 1950er Jahre wurden die NS-Täter – nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern im ganzen Ostblock und auch im Westen – bis auf wenige Ausnahmen alle freigelassen.“
Die Unfähigkeit der Justiz in der Bundesrepublik und in Österreich, diese Täter zu verurteilen, sei eine der großen Überraschungen, die seine Forschung ihm bereitet habe, sagt Jan Vajskebr:
„Es gab offensichtlich entsprechende Bemühungen, einige der Justizbehörden waren sogar sehr aktiv. Aber das generelle Versagen der westdeutschen und österreichischen Justiz war für uns ziemlich schockierend. Wenn die Täter die unmittelbaren Nachkriegsjahre überlebten, führten viele von ihnen unter ihrem eigenen Namen ein Leben als anständige Bürger mit einem guten Ruf. Oft waren sie Mäzene, Lokalpolitiker oder Beamte. Sie wurden hin und wieder zu einem Verhör vorgeladen, damit war es aber erledigt. Man kann sagen, dass sie nach dem Krieg eine recht gute Karriere machten.“
Sämtliche Dokumente der Gestapo, sowohl in Prag als auch in Brünn, wurden am Kriegsende komplett vernichtet. Die Historiker mussten daher in Archiven übergeordneter Institutionen recherchieren, an die die Gestapo ihre Materialien während des Krieges weitergeleitet hatte. Im Bundesarchiv in Berlin sichteten sie etwa die so genannten Offiziersakten der SS. Wertvolle biografische Angaben lieferten auch Akten des sogenannten Rassen- und Siedlungshauptamtes, das die Eheschließungen der Gestapo-Männer genehmigte. Zudem standen kleinere Quellen wie Telefonbücher, Amtsblätter und weitere halbamtliche Dokumente zur Verfügung. Diese wurden durch Quellen aus der Nachkriegszeit ergänzt, wie etwa Materialien der Volksgerichte in der Tschechoslowakei und Hunderttausende von Protokollseiten zu Vernehmungen durch die westdeutsche Justiz.







