Liberec klimaneutral: Realitätsfremder Traum oder zukunftsweisende Vision?
Städte sind für 70 Prozent der globalen CO2-Emmissionen verantwortlich. Aber wie können urbane Räume umweltfreundlicher werden? Diese Frage beschäftigt gerade 100 Städte in Europa ganz besonders. Denn sie haben sich im Rahmen einer EU-Mission entschlossen, bis 2030 klimaneutral zu werden. Die einzige tschechische Stadt, die sich dem ambitionierten Vorhaben angeschlossen hat, ist Liberec. Unser Redakteur hat der nordböhmischen Stadt einen Besuch abgestattet und bei den Verantwortlichen nachgefragt, welche Fortschritte bisher erzielt wurden und ob der Traum der Klimaneutralität bis 2030 realistisch ist.
Blühende Landschaften – so stellt sich die Europäische Union die Stadt von morgen vor. Im Rahmen des Projekts NetZeroCities sollen 100 EU-Städte und zwölf Orte in weiteren Ländern bis 2030 klimaneutral werden. In einem Imagevideo sind Fahrräder und Züge zu sehen, Solaranlagen und Windräder, begrünte Dachgärten.
Die einzige tschechische Stadt, die sich an der Mission beteiligt, ist Liberec. Vojtěch Prachař sitzt für die dort mitregierende Partei Ano im Stadtrat. Als stellvertretender Oberbürgermeister ist er mit der Agenda Energie und Smart City betraut. Zudem ist er laut der Website der Stadt Vorsitzender der Kommission für die EU-Mission. Zu einem Interview zu diesen Themen ist der Lokalpolitiker aber nicht bereit. Zu komplex sei die Angelegenheit, zu knapp seine Zeit. Man könne ihm Fragen schicken, und er würde dann einen fertigen Artikel zusenden, teilt Prachař mit. Ich lehne ab und rufe stattdessen Pavlína Tvrdíková an. Sie leitet im Magistrat von Liberec das Referat für die Entwicklungskonzeption. Wird ihre Stadt 2030 klimaneutral sein?
„Ich denke nicht, dass das bis 2030 realistisch ist. Das verheimlichen wir aber auch nicht. Und das war nie unser primäres Ziel.“
Stattdessen gehe es darum, sich gemeinsam mit dem Privatsektor, dem tschechischen Staat und der EU der Klimaneutralität möglichst schnell anzunähern.
Eine Million Euro
Liberec schloss sich 2022 der in Brüssel erdachten Mission an. Wie Tvrdíková einräumt, sei die Aussicht auf EU-Subventionen eines der Hauptargumente für die Bewerbung gewesen. Allerdings – und das betont die Beamtin – habe es nach der erfolgreichen Anmeldung noch nicht automatisch Geld über Liberec geregnet. Vielmehr taten sich der Stadt auf einmal Fördertöpfe auf, an die man sich zuvor nicht herangetraut hätte – etwa aus dem „Horizon Europe“-Programm, sagt Tvrdíková:
„Wenn ich die Zuwendungen addiere, konnten wir in den letzten zweieinhalb Jahren auf diese Weise eine Summe von etwas über einer Million Euro erhalten.“
Doch bei NetZeroCities geht es nicht nur um Gelder, sondern auch um eine Vernetzung der teilnehmenden Städte untereinander. Auf ihrem Weg zur Klimaneutralität sollen sie Erfahrungen austauschen und sich gegenseitig inspirieren.
„Im Januar hatten wir die Gelegenheit, in Berlin die Vertreter anderer europäischer Städte zu treffen und mit ihnen über unsere Aktivitäten und die gemeinsamen Probleme zu sprechen. Wir haben uns schließlich in einem sogenannten ‚Cluster‘ mit einigen Partnern zusammengetan. Das sind Den Haag, Ljubljana, Nantes und Turku. Wir werden uns künftig online treffen und wollen uns auch besuchen. Im Idealfall können wir dann einige Maßnahmen übernehmen, die woanders bereits erfolgreich umgesetzt wurden.“
Klimaneutralität, was ist das eigentlich?
Zu den 112 beteiligten Städten zählen neben Liberec und dessen Partnern im Cluster etwa das österreichische Klagenfurt, das luxemburgische Differdingen sowie acht Städte in Deutschland. Aber was kann man sich unter einer klimaneutralen Stadt eigentlich vorstellen?
Tvrdíková erklärt, dass zunächst die Menge von CO2 und anderen Treibhausgasen betrachtet würde, die in der Stadt produziert oder dorthin importiert werden. Dann rechnet man Faktoren gegen, die vor allem Kohlenstoffdioxid binden.
„Das kann etwa ausreichend große Biomasse sein. Bäume etwa binden CO2 sehr gut. Eine weitere Möglichkeit sind moderne Technologien, mit denen Kohlenstoffdioxid gebunden und gespeichert werden kann.“
Klimaneutralität bedeutet, dass sich die beiden Seiten die Waage halten. Wobei die EU dieses Ziel in der Form gar nicht von den beteiligten Städten fordert.
„Die EU-Mission sieht vor, dass die Städte ihre Treibhausgasemissionen um mindestens 80 Prozent reduzieren. Liberec hat sich zu 82 Prozent im Vergleich zum Jahr 2019 verpflichtet. Bis 2030 bedeutet das, dass 600.000 Tonnen CO2-Äquivalente eingespart werden müssen.“
Mächtig ambitioniert, dieses Ziel. Allerdings könne man auch schon erste Erfolge verzeichnen, sagt Tvrdíková. Die Innenstadt sei verkehrsberuhigt worden, man habe Grünanlagen angelegt, würde Sparmaßnahmen in städtischen Gebäuden anregen, und die Gründung von Energiegemeinschaften stehe bereits in den Startlöchern. Auch ein großer Solarpark soll gebaut werden.
All diese Projekte hätten laut Tvrdíková zwar auch ohne die EU-Challenge stattgefunden. Die Mission habe aber geholfen, die Prozesse zu beschleunigen. Und als wichtigste Änderung der letzten zweieinhalb Jahre nennt die Magistratsmitarbeiterin noch einen anderen Aspekt:
„Die größte positive Veränderung ist, dass sich unser Mindset geändert hat. Wir gehen an die Dinge jetzt anders heran, so wie eine hochentwickelte europäische Stadt.“
Als zentrale Herausforderung sieht Tvrdíková derzeit die Einbindung der Bürger der Stadt. Denn bisher, so räumt sie ein, habe man dahingehend noch nicht die Hausaufgaben gemacht. So wie auch im Rest Tschechiens stünden die Einwohner von Liberec Begriffen wie „Green Deal“ oder „Klimawandel“ kritisch gegenüber. Dabei ist es gerade der Privatsektor, also Bewohner und Firmen, die einen Großteil der Investitionen tragen sollen. Denn der Wechsel eines Heizungssystems oder der Bau einer Solaranlage auf dem Dach kostet viel Geld, das die Stadt allein nicht zur Verfügung stellen kann.
Dass den Amtsträgern in Liberec der Wille fehle, umweltpolitische Vorhaben umzusetzen, findet Pavlína Tvrdíková nicht. Die städtische Kommission für die EU-Klima-Mission hat allerdings im Dezember 2024 ihre Tätigkeit eingestellt. Man will nun ein neues Beratungsgremium ins Leben rufen. Es soll sich mehr aus Experten und Steakholdern zusammensetzen und weniger aus politischen Würdenträgern.
Busse und Lkw sollen mit Strom fahren
Ortsbesuch in Liberec. Das Wärmekraftwerk der Stadt, die Teplárna Liberec, versorgt über 13.000 Haushalte. Das Unternehmen ist einer der Akteure, die im Rahmen der EU-Mission im Herbst 2024 den Klimavertrag unterschrieben haben. In dem Schriftstück wird aufgelistet, welche konkreten Ziele Liberec bis 2030 erreichen will. Die Unterzeichner sind neben dem Magistrat Industriekonzerne, die Verkehrsbetriebe (DPMLJ), das Krankenhaus, die Universität, aber auch der Kreis Liberec und die tschechischen Ministerien für Umwelt sowie für Regionalentwicklung.
Für das Wärmekraftwerk hat Jan Sedláček seine Unterschrift unter das Dokument gesetzt, und wir haben uns zum Interview verabredet. Auf dem Gelände des Kraftwerks steigt aus hohen Schornsteinen weißer Rauch auf. Vorn befinden sich einige Ladesäulen für E-Fahrzeuge. Sedláček, der Vorstandsvorsitzende, hat sein Büro im dritten Stock eines schlichten Bürogebäudes. Ein wenig wirkt es so, als könnte es mit dem nächsten Windstoß umgeworfen werden.
Er glaube an die klimaneutrale Zukunft seiner Stadt und die Dekarbonisierung seines Betriebes, macht Sedláček gleich zu Beginn des Interviews klar. Und das nicht nur wegen der Rettung der Umwelt, sondern auch wegen der Kosteneinsparungen für die Nutzer. Im Rahmen von NetZeroCities beteiligt sich seine Firma etwa am Ausbau der Ladeinfrastruktur für elektrische Busse, aber auch für Lastkraftwagen.
„Liberec ist eine wichtige Industriestadt. Der hiesige Güterverkehr geht zu einem Großteil zu Škoda Auto nach Mladá Boleslav, aber auch nach Leipzig und Dresden in die Volkswagen-Werke. Diese Ziele kann man auch mit Elektrofahrzeugen erreichen, dafür müssen keine fossilen Brennstoffe zum Einsatz kommen.“
Vor allem aber ist Sedláček mit der Dekarbonisierung seines eigenen Unternehmens beschäftigt.
„Derzeit stammen 60 Prozent der Energie aus der Müllverbrennungsanlage, 10 Prozent sind komplett erneuerbar, und 30 Prozent sind fossile Brennstoffe.“
Erneuerbare? Ja! Windkraft? Nein, danke!
Fossile Energieträger sollen künftig nur noch einen sehr geringen Anteil bilden, als Reserve für den Fall, dass die anderen Quellen nicht reichen. Der Anteil der Verbrennungsanlage soll hingegen auf 80 Prozent steigen, und die „komplett Erneuerbaren“ sollen laut Sedláček 15 bis 20 Prozent ausmachen. Aber was genau meint der Vorstandschef mit diesem Begriff?
„Solarenergie, Geothermie, Wärmepumpen – eben die Verwendung dessen, was um uns herum ist“, sagt Sedláček. Was in seiner Aufzählung nicht zu finden ist, ist die Windenergie, die im Klimavertrag aber explizit genannt ist. Welche Rolle wird sie also spielen? Auf diese Frage will der Unternehmer nicht antworten – zumindest nicht, während das Aufnahmegerät läuft. Als es ausgeschaltet ist, berichtet Jan Sedláček, dass Windenergie in Liberec ein kontroverses Thema sei. Und die Stadt ist damit keine Ausnahme. Vielerorts fehlt in Tschechien der Wille zum Ausbau von Windrädern. So machte die Windenergie 2024 auch nur einen Prozent des Strommixes hierzulande aus. Europaweit lag der Anteil hingegen bei 20 Prozent. Das Potential der Windkraft in Tschechien ist mehreren Studien zufolge allerdings durchaus gegeben. Wie blickt Pavlína Tvrdíková auf den Ausbau der Windenergie in Liberec?
„Es gibt da zahlreiche Faktoren. Die Orte müssen für die Anlagen technisch geeignet sein und sich zugleich in ausreichender Entfernung von Wohnhäusern und Infrastruktur befinden. Außerdem sind da ja noch die Grundstückseigentümer… Ein Problem ist auch, dass wir ans Isergebirge grenzen und es hier viele Naturschutzgebiete gibt. Also ehrlich gesagt: Viele passende Orte für Windenergie gibt es bei uns nicht.“
Parkhaus statt Park
Anna Kšírová arbeitet als Anästhesistin in einem Krankenhaus und ist nebenberuflich Kommunalpolitikerin – seit 2022 sitzt sie für das lokale, oppositionelle Bündnis Liberec otevřený lidem (Liberec offen für die Menschen) in der Stadtverordnetenversammlung. Für das Interview hat sie einen besonderen Ort vorgeschlagen: einen steilen Hang mit hohen Bäumen. Warum treffen wir uns gerade hier?
„Weil hier künftig ein Parkhaus stehen soll. Die Technische Universität wünscht es sich, da es oben auf dem Uni-Gelände nur wenige freie Stellflächen gibt. Die Stadt unterstützt das Vorhaben. Aber wie Sie sehen, gibt es hier einen Spielplatz und einen Park mit viel Grün. Das für ein Parkhaus zu opfern, finde ich nicht nur schade. Es stellt für mich auch einen Widerspruch dazu dar, dass Liberec klimaneutral werden will.“
Der Kampf gegen den Klimawandel ist Anna Kšírová schon lange ein wichtiges Anliegen. Sie ist Mitglied der grünen Partei (Zelení) und gründete 2019 eine Bürgerinitiative, die Eltern aus Liberec vereinte. Ziel war es, auf die Klimakrise aufmerksam zu machen – denn die werde in ihrer Stadt und der Region immer deutlicher, sagt Kšírová:
„Im Kreis Liberec hat zuletzt während einer Dauer von fünf Jahren die Niederschlagsmenge eines ganzen Jahres gefehlt. Es gab also 20 Prozent weniger Niederschlag – über eine sehr lange Zeit. Flüsse, die sonst auch im Sommer Wasser führten, waren ausgetrocknet. In den Wäldern vertrockneten Bäume wie etwa Buchen und warfen vorzeitig ihre Blätter ab. Dann kam es noch zu einer Borkenkäferplage. All das konnte man sofort sehen, wenn man vor die Tür trat.“
Dass Liberec Mitglied des Projekts NetZeroCities ist und sich dafür als einzige tschechische Stadt beworben hat, begrüßt die Kommunalpolitikerin.
„Als ich die Verhandlungen verfolgt habe, ist mir aber aufgefallen, dass nicht wirklich ein Bewusstsein dafür herrschte, was diese Mission wirklich bedeutet und welch grundlegende Änderungen nötig sind, um klimaneutral zu werden.“
Greenwashing made in Nordböhmen?
Die drei Jahre, die Liberec bei NetZeroCities dabei ist, haben laut Kšírová etwas bewegt. Die Initiative zur Gründung von Energiegemeinschaften etwa sei löblich. Die Medizinerin führt zudem an, dass man mit der Mitgliedschaft in der Mission erfolgreich gegen einen weiteren Ausbau des Skigebiets auf dem Ještěd argumentieren konnte. Und zudem habe die Stadt seit neuestem einen Klimamanager:
„Das ist ein ganz wichtiger Mensch. Seine Aufgabe ist, den Stromverbrauch in städtischen Gebäuden wie Schulen, Theatern oder dem Rathaus zu überwachen. Der Klimamanager arbeitet dabei mit den Verwaltern der einzelnen Gebäude zusammen und sucht Wege, den Energieverbrauch zu senken.“
Doch es gebe weiterhin zahlreiche Probleme, meint Kšírová. So fehle nach wie vor eine Fahrradinfrastruktur zur emissionsfreien und aktiven Fortbewegung in der Stadt. Vor allem aber würden die Einwohner nicht ausreichend mitgenommen, klagt die Politikerin. Viele Bürger wüssten schlichtweg nichts von der Mission – und wenn doch, dann hielten sie sie für bizarr und hirnrissig, meint Kšírová. Sie fordert deshalb, dass man mit den Menschen ins Gespräch über den Klimawandel und dessen Lösungen treten muss. Dass dies derzeit noch nicht in ausreichender Form passiert, liegt ihrer Ansicht nach vor allem am mangelnden politischen Willen:
„Die Stadtführung sollte diese Angelegenheit als große Priorität ansehen, die einen Einfluss auf alles hat. Bei jeder Haushaltsentscheidung muss man sich fragen, ob wir dadurch unserem Ziel näherkommen oder uns davon entfernen.“
Das Beispiel des geplanten Parkhauses zeigt, dass man sich diese Frage häufig wohl noch nicht stellt. Nicht nur, dass dafür eine weitere Grünfläche verschwindet und Boden versiegelt wird. Es werde auch wieder einmal der automobile Individualverkehr vor anderen Fortbewegungsmitteln bevorzugt, meint Kšírová.
Auf dem Spielplatz, der nun bald der neuen Abstellfläche für Pkw weichen soll, ist derweil neben der Wippe, einem Karussell und einigen Fitnessgerätschaften für Erwachsene auch eine Steintafel zu finden. In der ersten Jahreshälfte 2014 sei die zweieinhalb Hektar große Anlage mit dem Waldstück revitalisiert worden, heißt es darauf. Finanziert wurde das Vorhaben unter anderem von der EU.
Noch skurriler werden die Pläne allerdings durch eine weitere Beobachtung: Am nördlichen Ende werden der Spielplatz und der Park nämlich von einer Straße begrenzt. Und hier, am rechten Rand der Fibichova, gibt es bereits über 80 Parkplätze. Mehr als eine Handvoll Autos steht dort an diesem Donnerstagmorgen allerdings nicht.







