Mutige Selbstbefreiung vom Nationalsozialismus: Der Prager Aufstand vom Mai 1945
In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs erhoben sich die Tschechen gegen die Besatzer aus Deutschland. Dies ist als Prager Aufstand in die Geschichte eingegangen.
Im Hintergrund sind Detonationen zu hören, als am Mittag des 5. Mai 1945 im Radio ein verzweifelter Appell gesendet wird:
„Wir rufen die tschechische Polizei, die Gendarmerie und die Regierungstruppen, dem Tschechischen Rundfunk zur Hilfe zu kommen. Die SS ermordet Tschechen.“
In diesem Moment erfährt auch die Öffentlichkeit, dass in Prag ein Aufstand gegen die nationalsozialistische Besatzung begonnen hat – befeuert durch das absehbare Ende des Zweiten Weltkriegs.
František Bystřický ist damals 15 Jahre alt. Der Teenager ist an diesem Samstag gerade auf dem Weg vom Wenzelsplatz nach Hause. Seine Familie wohnt zwei Häuser oberhalb des Rundfunkgebäudes in der damaligen Fochstraße, der heutigen Vinohradská. Als er am Rundfunk vorbeikommt, sieht er zu seiner Überraschung drei Soldaten vor dem Eingang...
„Dann wanderten meine Augen hoch zur Fahne, und da hing aus dem dritten Stock bereits eine tschechoslowakische Trikolore. Ich ging schnell am Eingang vorbei, als ich vom Wenzelsplatz her Motorengeknatter hörte. Ich drehte mich um und sah die tschechische Polizei in einem offenen Wagen heranfahren. Ein kurzer Halt vor dem Rundfunk, und einer warf eine Granate in den Eingang. Das Auto fuhr weiter, bog um die Ecke in die Straße Balbínova. Die Polizisten sprangen heraus und gingen auf den Rundfunk zu – sowohl in Richtung Haupteingang als auch des Nebeneingangs in der Balbínova“, so schilderte Bystřický vor über 20 Jahren in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks, wie er vom Prager Aufstand erfuhr.
Seinen Aussagen nach ist es damals 12:31 Uhr. Das wisse er genau, weil er auf die Uhr geschaut habe, sagt der Zeitzeuge. Einer der bewaffneten tschechischen Aufständischen ruft ihm dann zu, er solle schnell nach Hause laufen. Was der Teenager auch macht – und er schaltet in der Wohnung sofort das Radio ein:
„Zunächst lief noch klassische Musik. Ich hörte weiter zu, auf einmal machte es so ein Knacken, wie wenn die Schallplatte hängenbleibt. Und in dieses Geräusch hinein rief der Moderator dann um Hilfe.“
Spontane Erhebung
Bereits am Tag zuvor haben die Menschen in der Hauptstadt des sogenannten „Protektorats Böhmen und Mähren“ damit begonnen, sich gegen die deutschen Besatzer zu richten. Es sind zunächst hauptsächlich symbolische Akte, aber man versorgt zum Beispiel auch die Gefangenen von Todestransporten oder versteckt sie. Am Samstagmorgen dann ertönt im Rundfunk die eigenartige Meldung: „Je právě sechs hodin“. Mit diesem Kauderwelsch beginnen erstmals seit dem Einmarsch der Deutschen im März 1939 die Moderatoren wieder, Tschechisch in ihren Sendungen zu sprechen. Aus dem „Sender Böhmen“ wird der „Tschechische Rundfunk“. Tomáš Jakl ist Geschichtswissenschaftler am Militärhistorischen Institut des tschechischen Verteidigungsministeriums in Prag und erläutert:
„Am 5. Mai war die Lage im Protektorat schon am Siedepunkt. Am Tag zuvor hatte Verkehrs- und Technikminister Jindřich Kamenický ein Telegramm an die Stationen von Gendarmerie und Polizei sowie die Bahnhöfe und Postämter geschickt, in dem er anwies, Deutsch als Amtssprache im Protektorat abzuschaffen. Darauf wurden deutsche Aufschriften entfernt, tschechoslowakische Flaggen gehisst und Wehrmachtssoldaten angegriffen. Am Vormittag des 5. Mai bewertete General František Slunečko die Lage, er war der letzte verbliebene Landesvorsteher der Widerstandsgruppe ‚Obrana národa‘(Verteidigung der Nation, Anm. d. Red.) in Böhmen. Und um zehn Uhr entschied er, mit den geplanten Umsturzaktionen zu beginnen. Denn es drohte, dass die spontane Erhebung des tschechischen Volkes von den Deutschen in Blut erstickt wird.“
Deshalb hätten die Polizisten und Gendarmen in Prag strategisch wichtige Orte besetzt, sagt der Historiker. Und dazu gehörte damals auch der Rundfunk, das einzige Massenmedium der Zeit. Allerdings habe nur das Zusammenspiel mehrerer Umstände dazu geführt, dass in den Sendungen zum Aufstand aufgerufen wurde, fährt Jakl fort...
„Die Polizisten, die etwa gegen halb eins zum Rundfunk kamen und begannen, ihn zu besetzen, stellten im Schussgefecht fest, dass die Deutschen das Gebäude mit mehreren Dutzend SS-Leuten verteidigten. Sie wollten daher bei ihrer Führung in der Bartolomejská-Straße mehr Kräfte anfordern. Dafür wandten sie sich an die Rundfunktechniker und baten diese, Verstärkung zu rufen. Im damaligen Radio-Jargon hieß rufen aber, ins Mikrofon beziehungsweise in der Sendung zu sprechen. Die Techniker nahmen also nicht das Telefon, sondern gaben den Zettel mit der Bitte an die Radiosprecher weiter, und diese verkündeten im Äther den Prager Aufstand“, so der Experte.
Der Aufruf kommt, als das Ende des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besatzung des Landes schon absehbar ist. Das dürfe nicht verwundern, sagt Eduard Stehlík, Jakls Kollege am Militärhistorischen Institut. Denn erst die herannahenden Truppen der USA und der Roten Armee geben damals die Sicherheit, dass die deutschen Verbände nicht mehr mit voller Kraft zurückschlagen können. Dabei verweist Stehlík auf die besondere Lage des tschechischen Widerstandes:
„Die Aufständischen hatten fast keine Waffen. Während des gesamten Zweiten Weltkriegs hatte der tschechische Widerstand genau dieses Handicap. Das resultierte daraus, dass Böhmen und Mähren schon im März 1939 und ohne Kriegshandlung besetzt worden war. Im Gegensatz zu anderen Ländern wie Jugoslawien oder Polen lagen nicht irgendwo auf den Feldern nach Schlachten Dutzende oder Hundert Waffen, die der Widerstand dann an sich nahm und versteckt hielt. Sicher gab es einige Jagdgewehre, einiges war vielleicht auch aus den Armeelagern gerettet oder aus Rüstungsfabriken abgezweigt worden. Ansonsten aber war der hiesige Widerstand unbewaffnet.“
Und so versuchen die Tschechen in den ersten Stunden des Aufstands, eben gerade an Schusswaffen zu gelangen. Teilweise werden verstreute deutsche Uniformierte überfallen und entwaffnet. Zahlreiche von ihnen geben ihre Waffen auch ohne Widerstand heraus.
František Bystřický, der Teenager aus der Nähe des Rundfunks, ist auch bei solch einer Entwaffnung dabei. Zwar habe ihm sein Großvater den Umgang mit dem Jagdgewehr beigebracht, dennoch habe er selbst letztlich nicht direkt an den Kämpfen in den Prager Straßen teilgenommen, gesteht Bystřický...
„Bei uns im Haus waren zwei deutsche Offiziere. Der Hausmeister, Herr Chaloupka, und ich haben sie entwaffnet. Wir klingelten bei ihnen und sagten, dass es zu Ende sei und sie sich ergeben sollten. Herr Chaloupka kam dadurch an zwei Pistolen, und die Offiziere nahmen ihre Aufschläge an den Uniformen ab. Im Café Nizza war ein Sammellager eingerichtet, in das die beiden Offiziere abgeführt wurden. Die Pistolen griffen sich aber sofort die Soldaten der Regierungsarmee“, schildert František Bystřický.
Telefonverbindungen der Deutschen gekappt
Doch viele Einheiten der Wehrmacht und vor allem der SS leisten erbitterten Widerstand. Die Aufständischen errichten in der ganzen Stadt Barrikaden. Und ein Häuserkampf bricht los. So habe sich die blutigste Schlacht entfesselt, in die tschechoslowakische Soldaten im Zweiten Weltkrieg verwickelt waren, ordnet Historiker Stehlík ein:
„Oft wird über die blutige Schlacht um den Dukla-Pass in den slowakischen Karpaten gesprochen. Dort lagen die Verluste bei 2000 bis 2500 Soldaten. In Prag kamen während der nur fünf Tage des Aufstands insgesamt 3000 Menschen ums Leben. Das war eine unglaubliche Zahl. Sie fielen aber gar nicht alle in den Kämpfen auf den Barrikaden. Vielmehr wurden viele Zivilisten – darunter Frauen und Kinder –von SS-Einheiten ermordet, die vor allem um den Stadtteil Pankrác herum in der Siedlung ‚Grüner Fuchs‘ wüteten.“
Eine Erhebung gegen die deutsche Besatzung war schon seit dem Frühling 1939 vorbereitet worden. Allerdings wurden in den folgenden Jahren viele Widerstandskämpfer von den deutschen Sicherheitskräften aufgespürt und hingerichtet. Maximal zehn Leute aus der Führung des tschechischen Widerstands sind demnach im Mai 1945 noch am Leben. Sie seien jedoch sehr überlegt vorgegangen, so Stehlík:
„Als eine der ersten Vorbereitungen kappten die Aufständischen in den Telefonzentralen die Verbindungen zwischen Gestapo, SS und Wehrmacht in Prag. Das heißt, die Deutschen verloren plötzlich die Übersicht über die Lage. Die Aufständischen waren hingegen gut telefonisch vernetzt und hatten genügend Leute, die sie über die Entwicklung der Lage informierten. Meiner Meinung nach war wichtig, dass erfahrene Militärs relativ schnell begannen, die Verbände der Aufständischen anzuleiten. Es machte also nicht jeder, was er wollte, sondern es gelang, das Vorgehen zu koordinieren.“
Vor allem der pensionierte Brigadegeneral Karel Kutlvašr übernimmt die Leitung der Kämpfenden. Zugleich werden in diesen Tagen im Tschechischen Rundfunk immer wieder Appelle an die deutschen Einheiten gesendet. So auch dieser:
„Hier spricht ein deutscher Wehrmachtsangehöriger. Alle Kameraden des Heeres und der Waffen-SS: Ich bitte euch dringend, stellt den nutzlos gewordenen Kampf in und um Prag ein! Es wird dadurch das Leben Tausender deutscher Frauen, Kinder und Flüchtlinge nicht weiter nutzlos gefährdet.“
Während am 8. Mai die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht in Kraft tritt, starten die Deutschen jedoch den schwersten Angriff auf Prag. Mit dem Einsatz von Panzern, Kanonen und Flugzeugen gelangen sie bis auf den Altstädter Ring. Zugleich aber verhandeln der Tschechische Nationalrat, der als politisches Organ die Macht in der Stadt übernommen hat, und eine US-amerikanische Delegation mit den Deutschen über eine Kapitulation. Erst um 16 Uhr wird diese vom Bevollmächtigten der Wehrmacht und Befehlshaber im Wehrkreis Böhmen und Mähren, Rudolf Toussaint, unterschrieben. Vertreter des Nationalrats und General Kutlvašr nehmen das Dokument entgegen. Die Vereinbarung sieht vor, dass die bewaffneten deutschen Kräfte die Stadt in Richtung Plzeň / Pilsen verlassen können, um in US-amerikanische und nicht in russische Gefangenschaft zu kommen. Auch 25.000 deutschen Zivilisten wird der Weggang ermöglicht.
Obwohl die meisten Deutschen die Vereinbarung respektieren, wollen Teile der SS ihre Waffen nicht niederlegen. Und so dauern die Kämpfe in Prag bis 9. Mai an. Erst dann trifft auch die Rote Armee ein und setzt dem ein Ende.
Noch mehr Opfer verhindert
Angesichts der vielen Todesopfer stellt sich indes die Frage nach dem Sinn des Prager Aufstands. Eduard Stehlík entgegnet den Zweifeln aber ziemlich deutlich...
„Der Aufstand hat zwar den Krieg nicht entscheidend verkürzt. Aber er half dabei, die Verluste an Menschenleben deutlich geringer zu halten, als wenn zwischen den nationalsozialistischen Einheiten und den vorrückenden Truppen der Roten Armee um die Stadt gekämpft worden wäre“, so der Historiker.
Ergänzend holt Stehlík noch etwas weiter aus und schildert seine Gedankenführung:
„Der Aufstand hat zweifellos dazu geführt, dass wir Prag so kennen, wie es heute noch ist. Hätten sich die deutschen Truppen in und um die Stadt so verteidigt, wie sie das in anderen Hauptstädten gemacht haben, wäre ein wichtiger Teil Prags sicher dem Erdboden gleichgemacht worden. Denn das war das gängige Vorgehen der Roten Armee in den Schlachten um Städte. Dabei wurden schwere Geschütze und Bombenflieger eingesetzt. Dadurch hätten sich die Verluste – und damit meine ich nicht nur die architektonischen, sondern auch Menschenleben – in anderen Dimensionen bewegt, als es letztlich der Fall war.“
Und so wird jedes Jahr in Prag an den Mut der Bewohner erinnert, die sich trotz der Gefahren gegen die Besatzer erhoben. Den Auftakt der Feierlichkeiten macht dabei immer ein Gedenkakt vor dem Hauptgebäude des Tschechischen Rundfunks in der Vinohradská-Straße am 5. Mai um halb eins.







