Dirigent Bäumer über Reimanns „Lear“: Genremix zwischen Oper und Schauspielmusik

Am Samstag, den 7. Juni, wird die Oper „Lear“ von Aribert Reimann zum ersten Mal in Tschechien aufgeführt. Die Premiere findet in der Prager Staatsoper statt. Die musikalische Leitung hat der designierte Musikdirektor der Staatsoper, Hermann Bäumer, inne. 

Herr Bäumer, Sie haben in Prag bereits „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitri Schostakowitsch einstudiert. Diesmal erarbeiten Sie eine Oper, die das Prager Publikum kaum kennt. Denn sie erlebt ihre Erstaufführung in Tschechien, obwohl sie fast 50 Jahre alt ist. Wie ist es für Sie, dem Publikum etwas völlig Neues vorzustellen?

Hermann Bäumer | Foto: Felix Broede

„Das ist immer spannend, weil man natürlich nicht weiß, wie das Publikum das Werk aufnimmt. Dazu muss man sagen, dass die Opern von Aribert Reimann eine ganz eigene Sprache haben. Im Fall von ,Lear‘ ist es für mich eine Verbindung zwischen dem Genre Oper und dem Genre Schauspielmusik, wie man sie eigentlich von Mendelssohn und Schumann kennt. Reimann ist fast wie ein Musikmaler, der Farben unter den Text legt, um eine Atmosphäre zu erzeugen.“

Shakespeares Werke inspirierten viele Komponisten. Aber „König Lear“ wurde wahrscheinlich von niemandem vertont außer von Aribert Reimann…

Foto: Petr Neubert,  Oper des Nationaltheaters und Staatsoper

„Es gibt eine Filmmusik von Schostakowitsch zu ,König Lear‘. Man weiß, dass Giuseppe Verdi, der in Prag sehr viel gespielt wird, ,König Lear‘ vertonen wollte. Aber er hat immer gesagt, er komme mit der großen Sturmszene nicht klar und wisse nicht, wie er sie in Musik umsetzen sollte. Damit hatte Aribert Reimann kein Problem. Es gibt bei ihm ein sehr großes Orchester mit vielen Schlagzeugern, die zum Teil auch auf der Bühne und für das Publikum sichtbar sind. Reimann entfacht eine unglaubliche Klangstärke. Das Schauspiel ,Lear‘ ist ein fantastisches Stück, aber oft auch sehr brutal. Darin geht es um Vereinsamung, um familiäre Konflikte und sogar um Hass. Im Stück ist viel Brutalität enthalten, wenn zum Beispiel Gloster die Augen ausgerissen werden. Reimann nutzt für die Szene ganz schrille, hohe Bläserklänge. In der Oper finden sich aber auch versöhnliche Momente, wenn nur ganz leichte Wellen so wie am Strand schwappen und sich darüber eine kleine Bassflötenkantilene erhebt. Die Bassflöte ist ein Instrument, das in Opern sehr selten eingesetzt wird. Ich glaube, das Ganze lebt sehr stark von dem Inhalt. Mit der Szene zusammen kann das ein großartiges Erlebnis sein.“

Wie finden Sie das Libretto von Claus Henneberg?

Foto: Petr Neubert,  Oper des Nationaltheaters und Staatsoper

„Das finde ich super. Reimann fordert die Sänger durch sehr große Sprünge und ganz spezielle Gesangslinien, hält sie aber stark am Text. In der Oper gibt es eine  kleine Schauspielrolle, den Narren. Er spricht mit einer Sprechstimme und wird  von einem Streichquartett begleitet. Das finde ich sehr ungewöhnlich. Ab und zu hebt er fast zu einem Gesang an, der einen mittelalterlichen Charakter hat.“

Den Narren spielt die renommierte tschechische Opernsängerin Dagmar Pecková, die in Deutschland lebt. Sie widmet sich in den letzten Jahren mehr dem Schauspiel und trat in einigen Theaterstücken auf…

„Sie ist wunderbar. Ich kenne ihren Mann von früher, denn er war genauso wie ich Posaunist. Alle unsere Sänger haben sich mit Reimanns Musik auseinandergesetzt und versuchen, die sehr schwierige Partitur lebhaft umzusetzen.“

Foto: Petr Neubert,  Oper des Nationaltheaters und Staatsoper

Die Mehrheit der Solisten kommt vom hiesigen Opernensemble. Sie hatten vermutlich kaum Erfahrungen mit Reimanns Musik…

Foto: Petr Neubert,  Oper des Nationaltheaters und Staatsoper

„Nein. Außer den Darstellern von Lear (Tómas Tómasson, Anm. d. Red.), Edmund (Andreas Conrad, Anm. d. Red.) und Edgar (Hagen Matzeit, Anm. d. Red.) hatte niemand Erfahrung mit Reimann. Für mich ist das die erste Oper dieses Komponisten, die ich dirigiere. Ich habe zuvor zwei seiner Symphoniewerke aufgeführt, dabei habe ich ihn kennengelernt. Das war sehr hilfreich für die jetzige Arbeit. Wir hatten alle ein bisschen Zeit, um das Werk gemeinsam vorzubereiten und einzustudieren. Ich finde toll, was die Kollegen und Kolleginnen auf der Bühne leisten. Für das Orchester ist es auch eine komplett neue Art von Tonsprache. Man braucht eine gewisse Zeit, um sich an sie zu gewöhnen oder sie ein bisschen zu verstehen. Es ist sehr anspruchsvoll für das Orchester. Aber wenn das Ganze so zusammenwächst, wie das in den letzten Wochen passiert ist, dann ist das wunderbar.“

Die Premiere von Aribert Reimanns Oper „Lear“ findet am 7. Juni in der Prager Staatsoper statt. Die Vorstellung beginnt um 19 Uhr. Die zweite Premiere steht am 12. Juni auf dem Programm. Reprisen gibt es am 17., 21. und 27. Juni. Für alle Vorstellungen gibt es noch Restkarten.