Studie: Gewalt und Vernachlässigung sind in tschechischen Seniorenheimen keine Seltenheit
Dass die Bewohner von Seniorenheimen in Tschechien vernachlässigt werden oder unterschiedliche Formen von Gewalt ertragen müssen, ist nicht außergewöhnlich. Dies geht aus einer aktuellen Erhebung hervor.
Ein Drittel der Beschäftigten in tschechischen Senioren- oder Pflegeheimen denkt, dass es unter den Bewohnern ihrer Einrichtung solche gibt, die Vernachlässigung, Missbrauch oder weitere Formen von Gewalt erleben. Dies zeigt eine Umfrage, die das Forschungsinstitut für Arbeit und Soziales am Montag veröffentlicht hat. Am häufigsten werden die Bewohner der Alterswohnsitze von Mitbewohnern oder von ihren Familienmitgliedern schlecht behandelt. Lucie Vidovičová ist Vorsitzende des Regierungsausschusses für die Rechte älterer Menschen (RILSA):
„Es hat sich gezeigt, dass aus der Sicht der befragten Mitarbeiter die Heime nicht einmal dann ein sicherer Ort sind, wenn es um Übergriffe auf die Bewohner durch deren eigene Familienangehörige geht. Typische Beispiele sind finanzielle Erpressung oder die Veruntreuung von Finanzen des Senioren oder der Seniorin.“
Aber auch ein Zehntel der Betreuer bekannte, sich gegenüber den Klienten schon unangebracht verhalten zu haben. Das betraf sowohl die Wahl der Sprache, als auch etwa Fehlverhalten in der Pflege. Das Personal wechselte beispielsweise die Inkontinenzwindeln nicht oder verweigerte die Hilfe beim Aufstehen, Hinlegen, Essen oder dem Gang zur Toilette. Simona Bagarová ist Gründerin und Leiterin der Seniorenhilfsorganisation Mila. Als Ursache für den schlechten Umgang mit den Klienten sieht sie, dass das Personal von tschechischen Senioren- oder Pflegeheimen teils frustriert oder überlastet ist.
„Man muss sich dabei den Hintergrund dieser Gefühle bewusst machen. Hier in Tschechien bestehen keine guten Bedingungen für die Pflegearbeit. Praktisch jeder, der eine Grundschulausbildung hat, kann nach dem Absolvieren eines 160-stündigen Umschulungskurses diese Tätigkeit ausüben“, so Bagarová.
Immerhin hat andererseits die Mehrheit des befragten Personals in den Heimen weitergemeldet, wenn sie Zeuge von Misshandlungen wurde. In mehr als der Hälfte der Fälle habe dies auch geholfen, hieß es.
Die Opfer selbst haben hingegen häufig Angst, sich jemandem anzuvertrauen. Teils wissen sie auch einfach nicht, wem sie das sagen sollen. Oder sie fürchten sich vor den Reaktionen im Umfeld beziehungsweise wollen ihren Familienangehörigen nicht schaden. Das sagt zumindest Terezie Šmídová. Sie ist Managerin des Sozialdienstes der Organisation Život 90 und spricht jeden Tag mit Senioren – ob bei den Dienstbesuchen oder über das Sorgentelefon für ältere Menschen. In den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks erläuterte sie:
„Aus der Praxis wissen wir, dass die Isolation, die Abhängigkeit von anderen und der Verlust von Bezugspersonen die Menschen besonders verletzlich machen. Und das trifft auf alle gleichermaßen zu, egal ob sie allein zu Hause bleiben, von der Familie gepflegt werden, in einem Heim leben oder in einer unausgeglichenen Beziehung gefangen sind.“
Um Senioren vor Misshandlungen besser zu schützen, müssen laut der Menschenrechtsbeauftragten der Regierung, Klára Šimáčková Laurenčíková, auch systematische Änderungen erfolgen. Eine solche ist ihren Worten nach das neue Gesetz über häusliche Gewalt, das im Juli in Kraft tritt. Es definiert nun erstmals, was unter dem Begriff überhaupt zu verstehen ist.
„Demnach gilt als häusliche Gewalt auch, wenn jemand Externes in einen Haushalt kommt und dort übergriffig wird. Das heißt, dass Aggressor und Opfer nicht notwendigerweise unter einem Dach leben müssen“, sagt die Menschenrechtsbeauftragte.
An der Umfrage des Forschungsinstituts für Arbeit und Soziales nahmen fast eintausend Beschäftigte von Institutionen der Langzeitpflege teil. Zu ihnen gehörten sowohl das Pflegepersonal selbst, als auch Führungspersonen. Die Erhebung erfolgte im Rahmen eines größer angelegten Forschungsprojektes, mit dem schon 2023 begonnen wurde und das noch bis kommendes Jahr weiterlaufen soll.
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