Von „Anofert“ bis „zemandrtálec“: Dem zeitgenössischen Tschechisch auf der Spur

Martin Kavka

Die Website Čeština 2.0 ist so etwas wie das Urban Dictionary des Tschechischen. Sie sammelt Neologismen, also Wortneuschöpfungen, die manchmal schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, mitunter aber auch Eingang in die Alltagssprache finden. Wir haben mit dem Gründer des Portals gesprochen und nachgefragt, wie die Plattform entstanden ist und wie sich die Sprache der Tschechen in den letzten Jahren verändert hat.

Seit 2008 sammelt Martin Kavka Wörter. Zunächst schrieb er sie in ein Notizbuch, dann in ein geteiltes Online-Dokument, bis er schließlich seine Website Čeština 2.0 onlineschaltete. Die wird mittlerweile fünf Millionen Mal im Jahr angeklickt und umfasst rund 30.000 Stichwörter – was schon eine ordentliche Zahl sei, wie Kavka mit einem Augenzwinkern im Interview anmerkt:

„Ein akademisches Wörterbuch des Tschechischen hat vielleicht 60.000 oder 70.000 Stichwörter. Das heißt, ich bin eigentlich schon bei der Hälfte angekommen.“

Die Wörter, die Kavka zusammenträgt, sind allesamt Neologismen, also Neuschöpfungen der tschechischen Gegenwartssprache. Auf die Idee, Trend- und Slangbegriffe zu sammeln, kam Kavka durch das englischsprachige Urban Dictionary, das ähnlich aufgebaut ist. Wer alles sein Nachschlagewerk verwende, überrasche ihn regelmäßig, sagt Kavka:

„Es wird von Historikern und Übersetzern genutzt, aber auch von Lehrern an Grund-, Mittel- und Hochschulen. Und einige Leute verwenden es nur zum Spaß an der Freude.“

Martin Kavka | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Derzeit würden vor allem viele neue Begriffe rund um US-Präsident Donald Trump auftauchen, sagt der Hobby-Lexikograph weiter:

„Das Wort ‚trumpeta‘ ist etwa ein schönes Beispiel. Es beschreibt nicht nur das Musikinstrument, die Trompete, sondern auch einen fanatischen Anhänger Donald Trumps. Die Bezeichnung wird natürlich abwertend gebraucht. Es gibt aber auch viele Wörter aus dem Alltagsleben der Tschechen. Mir gefällt zum Beispiel ‚tichá pošta‘ (stille Post, Anm. d. Red.). Das beschreibt eine Sendung, die einem nicht zugestellt wird, obwohl man zuhause ist. Man findet später lediglich die Benachrichtigung im Briefkasten.“

Kreative Blütezeit während der Corona-Pandemie

Die Einträge im Online-Nachschlagewerk beschreiben vor allem Wörter oder Wortfolgen, die sogenannte Okkasionalismen sind. Das heißt: So schnell, wie sie entstehen, verschwinden sie häufig auch wieder. Die Einträge mit den dazugehörigen Definitionen und Beispielsätzen seien allerdings eine Art Feuilleton der jeweiligen Zeit, meint Kavka. So stößt man im Buch „Hacknuta čeština“ (Gehacktes Tschechisch), das Martin Kavka 2018 gemeinsam mit dem Linguisten Michal Škrabal veröffentlicht hat und das gewissermaßen eine gedruckte Version des Online-Wörterbuches darstellt, auf zahlreiche Anspielungen auf das politische Leben in Tschechien. Der Neologismus „Anofert“ etwa soll ein politisches, wirtschaftliches oder anderes Subjekt beschreiben, das von Andrej Babiš beherrscht wird – verwiesen wird dabei auf dessen Partei Ano und das Unternehmen Agrofert. Mit „zemandrtálec“ – einem Kofferwort aus dem Nachnamen des ehemaligen Präsidenten und „neandertálec“, also dem tschechischen Wort für „Neandertaler“ – wird ein „primitiv-aggressiver Anhänger Miloš Zemans“ beschrieben. Besonders kreativ waren die Tschechen in Sachen Neologismen auch während der Corona-Pandemie…

„Eine Zeitlang habe ich die Corona-Wörter gezählt. Bei 1700 oder 1800 habe ich aufgehört. Wenn man das mit dem Gesamtbestand von 30.000 Wörtern vergleicht, ist das sehr viel. Kein Politiker, kein Olympia-Gewinn und keine Goldmedaille im Eishockey kommt da heran.“

Quelle: Čeština 2.0

Die Neologismen bezogen sich häufig auf das Wort „rouška“, die tschechische Bezeichnung eines Mund-Nasen-Schutzes. So bezeichnete man mit „rouškovník“ einen Baum, an dem selbstgenähte Masken aufgehängt und somit anderen zur Verfügung gestellt wurden. Eine „mateřírouška“, angelehnt an das tschechische Wort für „Thymian“ und eine gleichnamige Kinderzeitschrift, war eine von der Mutter genähte Maske. Ein „naroušitel“ wiederum war jemand, der gegen die Vorschrift zum Tragen des Mund-Nasen-Schutzes verstieß. Die Steilvorlage für den Wortwitz bot hier das Lexem „narušitel“, das so viel wie „Störer“ bedeutet.

„Brexitovat“ beschreibt einen Abschied, der keiner ist

Wie aber gelangen diese und weitere Wörter in die Datenbank? Früher habe er alle Einträge selbst verfasst, sagt Kavka, der neben seinem zeitaufwendigen Hobby auch noch Marketing- und Schreibworkshops anbietet und Brettspiele entwickelt. Auf der Suche nach neuen Wörtern hat er früher die Diskussionen in Internetforen durchforstet und in persönlichen Gesprächen immer wieder das Notizbuch gezückt. Mittlerweile hat er aber die Unterstützung einer breiten Community.

„Am Anfang gab es das noch nicht, da stammte alles von mir. Aktuell kommen pro Jahr aber 3000 bis 4000 Wörter hinzu. Und das würde ich allein nicht schaffen. Ich bin deshalb froh, dass es Dutzende Unterstützer gibt.“

Die Verfasser kenne Kavka meist nicht persönlich, es seien aber auch einige Tschechisch-Dozenten aus seinem Bekanntenkreis dabei, sagt er. Nach einer Eintragung werde der Beitrag aber nicht sofort online gestellt:

„Jedes Wort geht vorher durch meine Hände, ehe es im Wörterbuch veröffentlicht wird. Ich habe mir also alle 30.000 Einträge durchgelesen und oft auch bearbeitet, da die Definition mitunter noch nicht publizierbar war.“

Quelle: Čeština 2.0

Zudem lehne er auch einige Vorschläge ab, so der Lexikon-Experte. Wenn es aber ein Begriff in die Datenbank schafft, kann er von den Nutzern mit einem Daumen nach oben oder nach unten bewertet werden. So ist auf der Website dann auch die Rangliste der beliebtesten Neologismen zu sehen. Auf Platz eins steht derzeit „powerpoint karaoke“, womit das auch im deutschsprachigen Raum bekannte improvisierte Vortragen mit fremden, unbekannten Folien zu Unterhaltungszwecken beschrieben wird. Relativ weit oben im Ranking findet sich auch das Verb „brexitovat“. Es beschreibt, dass sich jemand unaufhörlich verabschiedet, ohne jedoch zu gehen.

Einige Einträge sind vulgär und rassistisch

Nicht immer sind die hochgeladenen Wörter aber derart harmlos. Denn mitunter spiegeln sie auch Sexismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus wider. So findet sich für Deutschland etwa der Eintrag „štauland“. Mit Verweis auf die Geschichte stößt man zudem auf die Begriffe „rajch“ und „náckoland“, also „Naziland“. Als weiterer Begriff wird aber auch „gorilsko“ angeführt, was sich als „Gorillaland“ übersetzen lässt. Die Definition zu dem 2017 online gestellten Wort lautet: „beleidigende Bezeichnung für Deutschland, die auf die hohe Anzahl von Immigranten mit dunkler Hautfarbe verweist“.

Martin Kavka betont im Interview, er wolle die Schwelle für neue Einträge möglichst niedrig halten. Wenn ein Wort gut erklärt und für die breite Masse verständlich sei, werde es meistens veröffentlicht. Kavka sagt aber auch:

„Meine Wahrnehmung hat sich dahingehend ein wenig geändert. Ich will den Menschen nicht vorschreiben, wie sie zu reden haben und was sie dort eintragen sollen. Aber ich habe Grenzen, und wenn ein Wort zu vulgär oder beleidigend ist, berate ich mich mitunter mit Kollegen aus der akademischen Sphäre. Ich bin mir manchmal immer noch unklar, ob ich nur trocken die Sprache beschreiben will oder ob ich auch eine Barriere aufbauen will.“

Englische Neologismen sind gerade sehr „lit“

Martin Kavka betreibt sein Wörterbuch nunmehr seit fast 20 Jahren. Wie hat sich die Sprache in dieser Zeit verändert?

Martin Kavka | Foto: Jana Myslivečková,  Tschechischer Rundfunk

„Ich würde sagen, dass der Wortschatz heute schneller bereichert wird. Die jungen Leute leben in einem ganz anderen Rhythmus als wir – und das sage ich als jemand, der noch kein Greis ist. Die Jugend konsumiert online Unmengen an Inhalten und Videos, vieles davon kommt aus dem Ausland. Englisch ist deshalb häufig die natürlichere Sprache als Tschechisch.“

Und das spiegelt sich natürlich in den Neologismen wider…

„Mich fasziniert, wie oft meine Kinder die Bezeichnung für etwas verändern, das toll ist. Zunächst war das ‚banger‘, dann ‚fire‘, jetzt ist es ‚lit‘.“

Die Beeinflussung des Tschechischen durch das Englische sieht Kavka keinesfalls kritisch. So verweist er darauf, dass es früher zahlreiche Entlehnungen aus dem Deutschen gegeben habe, die heute kaum noch als solche wahrgenommen werden würden. Zudem dürfte eine Vielzahl der Begriffe wieder verschwinden, meint der Experte – wenngleich er auch auf Ausnahmen hinweist…

„Die jungen Leute haben das Wort ‚random‘ eingeführt. Sie sagen zum Beispiel: ‚Da saß irgendein randomák.‘ Das höre ich nun auch schon bei Vertretern meiner Generation im mittleren Alter. Meine Mutter sagt das zwar noch nicht, aber wer weiß, vielleicht erlebe ich das auch noch irgendwann.“

abspielen

Verbunden