#MeToo-Vorläufer in Tschechien: Sexueller Missbrauch im Mädchenchor als Filmstoff
Vor rund zwanzig Jahren wurde die Gesellschaft in Tschechien durch einen Fall sexuellen Missbrauchs von minderjährigen Mädchen in einem Prager Chor durch dessen Leiter erschüttert. Die Causa diente nun als freie Vorlage für den Film „Sbormistr“ (auf Deutsch „Der Chorleiter“).
Im Jahr 2004 hat der Drehbuchautor und Regisseur Ondřej Provazník einen bizarren Vorfall in einer Prager Bar erlebt: Eine Gruppe junger Frauen habe dort plötzlich angefangen, mit klaren Stimmen ein Lied ins Handy zu singen, schildert er. Einige Monate zuvor war der Chorleiter des renommierten Prager Jugendchors Bambini di Praga festgenommen worden. Die jungen Damen waren ehemalige Mitglieder des Ensembles und sangen für ihren Ex-Chorleiter von der Bar aus in die Zelle der Untersuchungshaft. Zu diesem Erlebnis kehrte Provazník 2018 zurück:
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„Die Situation, deren Zeuge ich damals war, illustrierte klar einen Widerspruch: Die Chormitglieder waren gespalten. Ein Teil der Sängerinnen verteidigte ihren Chorleiter mit großem Einsatz, ein anderer Teil beschuldigte ihn des sexuellen Missbrauchs und anderer schrecklicher Taten. Diese beiden Gruppen trafen vor Gericht aufeinander. Als später die #MeToo-Bewegung ausbrach, erinnerte ich mich an den Fall Bambini di Praga und dachte mir, dass dieser ein Vorläufer von #MeeToo war. Ich beschloss, dass die Geschichte es wert ist, erzählt zu werden.“
Der Chorleiter wurde schließlich 2009 zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Die Affäre um ihn diente als Inspiration für den Filmautor, gleichzeitig wollte Provazník aber die allgemeingültige Situation eines Autoritätsmissbrauchs präsentieren. Dargestellt wird nicht das Gerichtsverfahren, sondern das Geschehen in dem Jugendchor, das dem Prozess vorausgegangen war.
Aus der Sicht einer Außenseiterin
Die Handlung spielt in den 1990er Jahren. Geschildert wird sie aus der Perspektive der 13-jährigen Karolína. Sie kommt in die Elite-Abteilung eines berühmten Mädchenchors. Das Ensemble wird geleitet von Vítězslav Mácha, einem 35-jährigen charismatischen Mann, der als brillanter, aber auch autoritärer Chorleiter gilt. Karolína lernt allmählich die Beziehungen und Regeln kennen, die im Chor herrschen. Sie versucht, sich in der hart umkämpften Gruppe durchzusetzen und ihrer älteren Schwester gleichzukommen. Dann fahren die dreißig Mädchen mit ihrem Chorleiter in eine abgelegene Berghütte, wo intensiv geübt und am Konzertprogramm gearbeitet wird. Alle sehnen sich danach, für die anstehende Konzertreise nach New York ausgewählt zu werden. Doch nur für Zwanzig von ihnen geht der Traum in Erfüllung. Sind eine klare Stimme und sauberes Singen die einzigen Kriterien für die Auswahl?
Der Drehbuchautor wollte das Geschehen im Chor zunächst aus der Sicht der älteren der beiden Schwestern erzählen.
„Aber das Schreiben ging nicht voran. Ich steckte einen Monat lang fest, hatte fünf Seiten und konnte nicht weitermachen. Dann fing ich an, die Geschichte aus der Sicht der 13-Jährigen zu erzählen, der Jüngeren, der Außenseiterin, die sich bemüht, in diese Umgebung hineinzukommen. Plötzlich hat es sich von selbst ergeben: Denn sie hat etwas, wonach sie streben kann, sie muss Hindernisse überwinden, um ihr Ziel zu erreichen. Auf einmal bekam die Geschichte ihren grundlegenden Sinn.“
Der Dreh fand an mehreren Orten Tschechiens, aber auch in den USA statt. Viele Szenen wurden in der Baude Výrovka am Bergkamm des Riesengebirges aufgenommen. Der Regisseur:
„Es waren wahrscheinlich die extremsten Bedingungen, die ich mir hätte vorstellen können. Ich bin mit dreißig Teenagerinnen ins Riesengebirge gefahren, und um Schnee zu haben, mussten wir uns an einem möglichst hoch gelegenen Ort zum Drehen aufhalten. Wir mussten alles mit dem Schneemobil dorthin bringen. Das war in jeder Hinsicht knifflig. Aber ich wollte diese Atmosphäre des Schnees sowie einer Loslösung von der Umgebung und einer gewissen Klaustrophobie im Film haben. Darauf habe ich bestanden, und ich denke, das kommt im Film auch sehr gut rüber.“
Der Dreh im Riesengebirge und in New York
Der Dreh in New York sei dann noch extremer gewesen, ergänzt Provazník:
„Ich wollte, dass der Chor auf eine Konzertreise geht, die den Sängerinnen wirklich die Motivation gibt, um ihren Platz zu kämpfen, der für sie einen wahrgewordenen Traum bedeutet. In den 1990er Jahren wäre München sicher toll gewesen, Paris wäre auch super gewesen, aber ich wollte etwas Spektakuläres. So kam ich auf New York. Das ist leicht zu erfinden, aber nicht leicht umzusetzen. Kurzum: Wir haben sechs Monate damit verbracht, die vier Drehtage vorzubereiten. Es war dann eine Kombination aus extremer Vorbereitung und extremer Improvisation.“
Die Hauptrolle spielt Kateřina Falbrová. Sie war zur Zeit des Drehs 13 Jahre alt und es war ihr Debüt als Schauspielerin. Der Regisseur stieß im Prager Kühn-Kinderchor auf sie, in dem er für sein Drehbuch recherchierte:
„Ich ging zu den Proben, zu den Konzerten, ich wollte das Umfeld wirklich gründlich kennenlernen. Wir haben nach und nach das Thema besprochen und sind uns allmählich näher gekommen. Der Chor sah, dass es mir nicht um eine billige Ausbeutung geht. Schließlich kam es dazu, dass die Chormitglieder selbst an dem Film mitarbeiten wollten. Das habe ich sehr geschätzt, ich denke, sie waren sehr mutig. Ich bin überzeugt, dass ihre Beteiligung sich positiv auf die Qualität des Films ausgewirkt hat.“
Die Arbeit mit den jungen Mädchen brachte große Herausforderungen während der Dreharbeiten mit sich.
„Wir wussten, dass wir einen Film über ein Trauma machen, und wir wollten niemanden traumatisieren. Und schon gar nicht unsere Schauspielerinnen. Also haben wir versucht, alles gut vorzubereiten. Ich habe mit allen Eltern der Mädchen in den Haupt- und Nebenrollen gesprochen, ich habe dafür gesorgt, dass sie das Drehbuch gelesen haben, damit sie wussten, was am Set passieren würde, aber auch, wie etwa das Publikum reagieren würde. Denn die Reaktionen können verschieden sein. Es war für die Mädchen schon schwer, aber ich habe versucht, den Druck von ihnen zu nehmen, damit sie sich während des Drehs leicht und entspannt fühlen konnten.“
Die Autoritätsperson muss in ihrer Rolle bestehen
Die Filmemacher bezeichnen „Der Chorleiter“ als einen typologischen Film über den Missbrauch von Autorität. Inwieweit ist es wichtig, dass er in einem Jugendchor spielt, also in einem Umfeld, in dem die Disziplin besonders stark und die Autorität des Chorleiters besonders groß ist?
„Es ist ein sehr heikles Thema. Es geht um einen Jugendchor, die Mitglieder sind Mädchen bis junge Frauen, vielleicht 13 bis 18 Jahre alt. Natürlich muss man eine solche Gruppe bis zu einem gewissen Grad autoritär führen, man muss zum Beispiel subtile manipulative Techniken anwenden, um sie zu Höchstleistungen zu bringen. Das ist ja auch meine Aufgabe als Filmregisseur. Aber man darf nicht zu einem giftigen oder kriminellen Ende kommen. Das ist natürlich inakzeptabel. Ich habe im Laufe des Schreibens und der Dreharbeiten begriffen, wie groß die Verantwortung der Autoritätsperson ist, die einen solchen Chor anführt, wie schwer es für sie sein mag. Aber sie muss in dieser Rolle bestehen.“
Die Musik ist ein sehr starkes Element des Films. Sie wurde ohne Playback vom Kühn-Kinderchor aufgenommen:
„Die Musik vermittelt einen besonderen Kontrast zwischen der schönen Musik, die die Mädchen gemeinsam üben und produzieren, und dem Dunklen, was dahinter verborgen ist. Ich wollte daher, dass die Musik großartig ist.“
Auf Tschechisch heißt der Streifen „Sbormistr“ („Der Chorleiter“). Für das Ausland wurde der englische Titel „Broken Voices“ gewählt, also „Gebrochene Stimmen“.
„‚Der Chorleiter‘ ist ein einfacher, prägnanter Titel. Und für einige Kinobesucher hierzulande, die meist etwas älter sind, erinnert er an den realen Fall und könnte sie in den Film locken. Der Chorleiter ist einfach der Hauptantagonist des Films. Aber ich persönlich habe nach einem subtileren Titel gesucht, der mehr auf die Tatsache hinweist, dass diese Karolína und diese Mädchen Protagonisten sind. Ich wollte etwas, was die Empfindlichkeit des Films ausdrücken würde.“
„Gebrochene Stimmen“
Bei der Vorbereitung auf den Dreh traf sich Provazník auch mit einigen ehemaligen Mitgliedern. Er suchte dabei nach der Antwort auf die Frage, warum die Wahrnehmung des Falls so zweigespalten war. Durch seine Gespräche habe er begriffen, wie schwer es sei, mit einer solchen Erfahrung umzugehen, wenn sie ans Licht komme, sagt er:
„Denn für viele dieser Frauen waren die Erfahrungen im Chor prägende Erlebnisse in ihren Teenagerjahren. Sie haben dort Großartiges erlebt, und auch einige dunkle Dinge. Wenn es sich um etwas ganz Dunkles handelte, setzten sie sich direkt damit auseinander. Aber manche hatten vielleicht nur eine Ahnung davon. Es ist schwer, die besten Erinnerungen an das Alter von zwölf bis achtzehn Jahren mit so etwas zu beschmutzen. Das will man einfach nicht.“
Soweit der Regisseur Ondřej Provazník. „Der Chorleiter“ ist sein Debüt. Die Arbeit an dem Film dauerte sieben Jahre lang, gebremst durch die Corona-Pandemie sowie die Suche nach Finanzmitteln. Die ursprüngliche Causa ist mehr als zwanzig Jahre alt. Der Regisseur ist überzeugt, dass die Gesellschaft in der Wahrnehmung ähnlicher Vorfälle inzwischen fortgeschritten ist:
„Denn schließlich gab es seitdem noch mehr Fälle wie diesen, bei denen sich herausstellte, dass eine exponierte Autorität sich auf eine toxische oder sogar kriminelle Weise verhält. Wir kennen den Fall eines Politikers oder eines Psychiaters, und die Gesellschaft führt eine Debatte darüber. Diese ist sicherlich noch nicht abgeschlossen, hat sich aber mittlerweile weiterentwickelt.“
Der Streifen hatte am Sonntag beim Internationalen Filmfestival Karlovy Vary seine Premiere und kämpft dort im Hauptwettbewerb um den Kristallglobus.
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