Vom Buch auf die Leinwand: Frankfurter Buchmesse beim Filmfestival in Karlsbad

Links Juergen Boos

Das Bild eines Filmfestivals ist geprägt von Zuschauermassen, die von einem Kino zum anderen laufen, um Filme zu sehen. Im Hintergrund läuft jedoch noch ein weiteres Programm, das sich an die Fachleute des Kinomarktes richtet. Es werden Kontakte geknüpft, Verhandlungen geführt und Verträge ausgehandelt. Beim 59. Internationalen Filmfestival Karlovy Vary war in der vergangenen Woche auch der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos, zu Gast.

Herr Boos, wir treffen uns diesmal ein bisschen ungewöhnlich, nicht bei einer Literatur- oder Buchmesse, sondern beim Filmfestival in Karlsbad. Was hat Sie hierher geführt?

Hotel Thermal | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Wir arbeiten sehr lange mit verschiedenen Filmfestivals auf der Welt zusammen, mit der Berlinale und auch mit den Festspielen in Cannes. Denn den Geschichten ist es egal, wie sie erzählt werden, ob als Buch oder als Film. Das heißt, wir versuchen immer die Buchleute mit den Filmleuten zusammenzubringen, für den Rechtehandel, aber auch um neue Ideen zu bekommen. Und wir sprechen seit längerer Zeit mit den Kollegen hier vom Filmfestival Karlovy Vary, ob wir nicht auch ein gemeinsames Projekt machen.“

Jetzt aber wollen Sie hier eine neue Initiative vorstellen, und zwar „Books at Vary“

Juergen Boos  (in der Mitte) | Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary

„Ja, wir würden sehr gerne Formate, die wir an anderen Orten auf der Welt machen, auch hier entwickeln. Das heißt, wir wollen die Menschen zusammenbringen, also Matchmaking, wir wollen gerne die Buchbranche professionalisieren, das heißt, wie wir mit den Filmleuten zusammenarbeiten können. Denn der Bereich bewegter Bilder sucht immer mehr nach Inhalten – und es ist einfacher ist, ein Buch, das schon erfolgreich war, zu einen Film zu machen, als einen ganz neuen Stoff zu schreiben. Daher überlegen wir jetzt, wie wir das im nächsten Jahr hier umsetzen können.“

Können Sie ein Beispiel nennen, wie solch eine Zusammenarbeit aussehen kann?

„Ich kann Ihnen beschreiben, wie wir das in Berlin oder in Cannes machen. Wir wählen zusammen mit Verlagen Stoffe aus, die für die Filmindustrie von Bedeutung sein könnten. Wir trainieren dann tatsächlich auch die Verleger und die Rechte-Leute, wie man das gegenüber den Filmleuten, den Produzenten darstellt. Wir haben in der Regel zehn bis 15 Buchstoffe, wir haben 200 bis 250 Produzenten, und denen werden dann diese Stoffe vorgestellt. Danach setzt man sich zusammen: Wir haben einen großen Raum mit vielen kleinen Tischchen, und die Autoren und die Verleger gehen von einem Tisch zum anderen, an denen Filmproduzenten sitzen, und umgekehrt.“

Es geht also ganz konkret um die Verfilmung von Buchstoffen…

„Genau. Es geht aber auch um zum Teil Charaktere. Vielleicht kann man mit den Personen innerhalb von einem Buch nochmal ein ganz anderes Thema entwickeln. Mit der Bedeutung von Fernsehen, Streaming und Serien wird das immer wichtiger, weil alle nach Stoffen schauen, die funktionieren könnten.“

Geht es um deutsche Bücher oder ist das international?

„Grundsätzlich international. Die Frankfurter Buchmesse ist die internationalste Buchmesse der Welt. Und unser Netzwerk hilft einfach auch, Stoffe aus Ländern, die nicht so bekannt sind, bekannt zu machen. Normalerweise schauen wir immer nach Amerika, nach Hollywood. Durch die Streamingdienste wirft man tatsächlich aber auch sehr stark den Blick auf regionale Inhalte.“

Juergen Boos | Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary

Die Tatsache, dass Sie jetzt in Karlsbad sind, hängt wohl damit zusammen, dass Tschechien im kommenden Jahr Gastland bei der Frankfurter Buchmesse ist. Oder ist das ein Zufall?

Radovan Auer | Foto: Tereza Kunderová,  Tschechischer Rundfunk

„Nein, das ist kein Zufall. Natürlich intensivieren sich die Kontakte. Wir arbeiten jetzt schon seit über zwei Jahren sehr eng zusammen mit den tschechischen Verlagen, mit den Autoren. Dadurch entstehen neue Kontakte. Radovan Auer, der die Buchmesse in Prag leitet, hat zehn Jahre lang hier in Karlovy Vary für das Filmfestival gearbeitet. Und so kommt eines zum anderen.“

Sie sind jetzt in Karlsbad beim Internationalen Filmfestival. Gibt es etwas, was ein Filmfestival und eine Buchmesse miteinander verbindet?

„Ganz sicher weiß ich, was Frankfurt und Karlovy Vary miteinander verbindet. Einerseits sind es die Leser oder hier die Kinogeher. Und auf der anderen Seite ist es das professionelle Programm – dass es also zwei Seiten gibt. Einerseits geht es um wirtschaftliche Zusammenhänge, und andererseits geht es auch um Filme oder Bücher als Unterhaltung.“

Wie ist der aktuelle Stand der Vorbereitungen auf den Gastlandauftritt Tschechiens bei der Frankfurter Buchmesse? Wir haben uns im Januar gesehen, als das Programm ganz allgemein vorgestellt wurde. Wie weit sind Sie fortgeschritten?

„Wir haben uns jetzt hier heute auch noch einmal mit dem Goethe-Institut aus Prag getroffen. Dabei haben wir sehr viel über Projekte gesprochen, die in Tschechien stattfinden werden. Wir wünschen uns, dass deutsche Autoren nach Tschechien fahren, dass es keine Einbahnstraße ist. Es sind drei Projekte mit deutschen Autoren geplant. Es wird Autorenresidenzen, Künstlerresidenzen hier geben. Wir haben aber auch über das Programm in Frankfurt gesprochen. Beginnen werden wir indes schon im Februar auf der Berlinale in Berlin. Es sind nicht nur die fünf Tage im Oktober, sondern wir werden das ganze Jahr über gemeinsame Projekte machen.“

Planen Sie in der nächsten Zukunft auch weitere Reisen nach Tschechien und weitere Veranstaltungen wie diese beim Filmfestival in Karlsbad?

Juergen Boos  (in der Mitte) | Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary

„Ja, ganz sicher. Jetzt ist ein bisschen Sommerpause, und alle sind im Urlaub. Aber danach, im September, haben wir wieder Präsenz hier geplant. Und, wie gesagt, wir haben mit dem Goethe-Institut verschiedene Projekte geplant. Danach erwarten wir schon zahlreiche Autoren und Verlegerfreunde im Oktober in Frankfurt. Es wird also jetzt jeden Monat Begegnungen geben.“

Waren Sie schon mal hier in Karlsbad bei dem Filmfestival, oder ist es das erste Mal?

„Es ist mein zweites Mal, aber das erste Mal ist über 30 Jahre her. Und ich erkenne die Stadt nicht wieder und wie international das Festival geworden ist. Es war damals viel kleiner und ruhiger. Ich habe das auch sehr gemocht, aber jetzt ist es ein tolles Erlebnis.“

Juergen Boos | Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary

Planen Sie hier auch, sich Filme anzuschauen?

„Ich habe gestern Abend eine Filmpremiere gesehen, aber das wird die einzige sein, weil jetzt so viele Treffen anstehen. Wir treffen jetzt gleich den Direktor des Filmfestivals Karlovy Vary, Herrn Mucha. Dann ist eine Einladung von German Film, die ja auch sehr präsent sind. Und es gibt noch ein Abendessen mit Verlegern, bevor es dann morgen früh wieder zurückgeht.“

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