„Man kann immer etwas tun“: Stolperstein für Pavel Tigrid

Stolperstein für Pavel Tigrid

Pavel Tigrid war einer der bekanntesten tschechischen Exilanten. Obwohl er das Land 1948 sofort verließ, als die Kommunistische Partei an die Macht kam, blieb Tigrids Name in der ČSSR präsent. Für viele Menschen war er ein wichtiger Kritiker und Impulsgeber aus dem Ausland, für das Regime jedoch ein Staatsfeind, der in Abwesenheit zu einer hohen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Eine erste Exilerfahrung hatte Tigrid allerdings schon während des Zweiten Weltkriegs machen müssen. Und an diese Flucht vor den deutschen Nationalsozialisten erinnert seit vergangener Woche ein Stolperstein in Prag. Bei der Verlegung waren alle drei Kinder von Pavel Tigrid anwesend.

Kouřimská 5 – an dieser Adresse im Prager Stadtteil Vinohrady liegt seit Mittwoch vergangener Woche ein Stolperstein. Er trägt den Namen Pavel Tigrid (1917–2003), und laut František Bányai vom tschechischen Stolperstein-Verein ist es das 899. Denkmal dieser Art, das in Prag je verlegt wurde. Initiator und Geldgeber ist diesmal der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds, und die Co-Vorsitzende Petra Ernstberger sagte gegenüber Radio Prag International:

Petra Ernstberger und Tomáš Jelínek vor dem Haus Kouřimská 5.jpg | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Dieses Jahr war ja ein Jahr des Erinnerns an 80 Jahre Kriegsende, und wir hatten das Jahresthema ‚Nie wieder Krieg‘. Das Erinnern ist für den Fonds eine ganz wichtige Aufgabe, weil wir die Auszahlung an die Opfer des Krieges in früheren Jahren organisiert hatten. Die Zwangsarbeiter-Entschädigung ist in diesem Jahr 25 Jahre her. Und das alles hat dazu geführt, dass wir gerne auch einen Stolperstein legen lassen wollten.“

Dieser soll nun die Aufmerksamkeit der Vorbeigehenden in der Kouřimská-Straße wecken. Direkt gegenüber liegt bereits ein Stolperstein, nämlich für die Journalistin und Kafka-Vertraute Milena Jesenská (1896–1944). Ihr mag der Jurastudent Pavel Tigrid öfter auf der Straße begegnet sein, bevor er 1939 ins Exil flüchtete, weil die Deutschen in Prag einmarschiert waren.

Tochter Deborah spricht während der Stolperstein einbetoniert wird | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Tigrids Kinder – Deborah, Kateřina und Gregory – sind mit der Geschichte und der Muttersprache ihres Vaters aufgewachsen. Alle drei waren aus Frankreich zur Stolpersteinverlegung nach Prag angereist und hielten Ansprachen. Während der Messingquader in den Bürgersteig vor dem Haus Nummer 5 einbetoniert wurde, berichtete Deborah den Anwesenden:

„Kateřina, Gregory und ich haben erst heute erfahren, dass unser Vater hier vor dem Krieg gewohnt hat. Die Forscher konzentrieren sich ja immer darauf, was er in der Emigration gemacht hat und dann in Tschechien, nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war. Aber diese Adresse, an der er als Student lebte, kannten wir bisher nicht. Es war uns immer ein Rätsel, wie er und sein bester Freund Pepík Švarc als so junge Menschen diesen Mut hatten und nach der Invasion der deutschen Truppen 1939 erkannten, dass die Lage nicht gut sei für zwei jüdische Jungs. Und dass sie sich auf ein Motorrad setzten und über Deutschland nach London fuhren.“

Tigrids Kinder am Stolperstein | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Die Flucht in das lebensrettende Exil habe jedoch auch bedeutet, den Rest der Familie zurückzulassen, fügte Deborah hinzu. Dass die meisten Angehörigen einschließlich seiner Mutter in Konzentrationslagern umkamen, habe in Pavel Tigrid eine tiefe Wunde hinterlassen.

Tochter Kateřina spricht,  im Vordergrund der Stolperstein | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Die Flucht vor den deutschen Nationalsozialisten sollte zudem nicht die einzige Exilerfahrung bleiben, die er machen musste. Gefragt nach der Bedeutung des Stolpersteins für sie und ihre Familie, sagte Tochter Kateřina im Interview:

„Das ist eine schwere Frage und eine ganz einfache zugleich. Der Stein ist sehr wichtig, denn es geht um unsere Wurzeln und unsere Eltern. Das alles ist sehr bewegend, und es ist wichtig für uns, hier zu sein. Zugleich bedeutet der Stolperstein, dass es die Erinnerung an dieser Stelle nun immer geben wird. Und die Tatsache, dass dies auch andere Leute interessiert, ist fantastisch.“

Deutschland – USA – Frankreich

Pavel Tigrid | Foto: Paměť národa

Deborah, Kateřina und Gregory wurden in den USA geboren, und alle drei leben in Frankreich. Diese Stationen beschreiben die weitere Exilgeschichte von Pavel Tigrid. Nach der Rückkehr in die Heimat 1945 konnte er keine drei Jahre lang in der Tschechoslowakei bleiben. Als Journalist, Intellektueller und Demokrat sah er bei der Machtübernahme der Kommunistischen Partei 1948 keine andere Möglichkeit, als erneut ins Ausland zu gehen. Inzwischen verheiratet, lebte er mit seiner Ehefrau Ivana kurze Zeit in München und war am Aufbau von Radio Free Europe beteiligt.

'Zeugnis'

In den USA war Tigrid dann Mitbegründer der Vierteljahreszeitschrift „Svědectví“ (Zeugnis), die von tschechischen Exilanten betrieben und in die ČSSR geschmuggelt wurde. Tochter Kateřina beschreibt diese Tätigkeit ihres Vaters als Möglichkeit, zu jenen Menschen Kontakt zu halten, die auf der anderen Seite haben bleiben müssen:

„Es war nicht leicht, all die Menschen in der schwierigen Lage zurückzulassen und selbst draußen zu sein. Das war der Preis für die Freiheit und dafür, nicht mehr in diesem ekelhaften Regime zu leben, in dem man sich nicht bewegen, nicht denken und nicht schreiben konnte. Ich habe es immer so verstanden, dass das Leben meiner Eltern in Frankreich – und davor in Deutschland und den Vereinigten Staaten – dazu da war, für die Menschen in der Tschechoslowakei zu sprechen. Und auch, um ihnen etwas zurückzugeben und dabei zu helfen, selbstständig zu denken und dafür zu kämpfen, dass das Regime eines Tages endet.“

Etwas drastischer drückt es Jiří Suchý aus, Mitbegründer des Prager Theaters Semafor sowie erst Leser und dann Freund von Pavel Tigrid. Der Exilant sei ein Dorn im Auge des tschechoslowakischen Regimes gewesen, lässt Suchý in einer schriftlichen Botschaft bei der Stolpersteinverlegung mitteilen und verweist damit auf die unermüdlichen publizistischen Tätigkeiten des gebürtigen Pragers.

Zusammen mit der Redaktion von „Svědectví“ siedelten die Tigrids Mitte der 1960er Jahre dann nach Paris über. Erst mit der Wende kehrten Pavel und Ivana in die alte Heimat zurück. Daran erinnerte der Diplomat und spätere tschechische Botschafter in Berlin, Tomáš Kafka, bei der Zeremonie vergangene Woche:

Tomáš Kafka | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Als Pavel Tigrid und seine Frau im Übergang von 1989 zu 1990 das erste Mal wieder nach Prag kamen, war das für viele von uns der Beweis, dass die Samtene Revolution erfolgreich und nicht mehr umkehrbar war. Die Rückkehr des von uns am meisten verehrten Exilanten – und aus Sicht der kommunistischen Ideologie des am meisten verfluchten – war für uns eine wunderbare Nachricht.“

Und Tigrids Tochter Kateřina beschreibt im Interview dieses Erlebnis ihrer Eltern wie folgt:

„Sie hatten nicht daran geglaubt, dass dies eines Tages noch passieren würde. Darum war es einfach toll. Sie zogen wirklich zurück nach Prag, und wir wussten nicht, ob sie wieder nach Frankreich zurückkommen würden. Wir haben sie hier auch besucht. Es war also ein echtes Wunder – und eine große Freude.“

Pavel Tigrid sollte später nach Frankreich zurückkehren, er starb 2003 auch in dem Land. Zuvor war er in Tschechien jedoch als enger Mitarbeiter des Nachwende-Präsidenten Václav Havel tätig sowie von 1994 bis 1996 als Kulturminister unter Premier Václav Klaus.

Pavel Tigrid | Foto: Pavel Tigrid,  nepřítel č. 1/Tschechisches Fernsehen

Präsidentenberater für tschechisch-deutsche Beziehungen

Vor allem aber engagierte sich der Rückkehrer in dieser Zeit für die tschechisch-deutschen Beziehungen. In einem Interview für das öffentlich-rechtliche Tschechische Fernsehen (ČT) berichtete Tigrid, er habe dies zunächst abgelehnt, da er sich angesichts seiner Familiengeschichte für dieses Thema nicht geeignet fühlte. Havel habe ihn jedoch mit den Worten überredet, dass es sonst doch niemand machen wolle. Und so übernahm Tigrid 1998 den Vorsitz des neugegründeten Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums. Petra Ernstberger betont, dass er gerade deshalb nun mit dem Stolperstein geehrt werde:

Verlegung des Stolpersteins für Pavel Tigrid | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Uns ist Pavel Tigrid eingefallen, weil er von Anfang an versucht hat, für Deutschland ein gutes Wort einzulegen – auch gegen den Widerstand innerhalb der tschechischen Gesellschaft kurz nach dem Krieg. Damals gab es eher noch Wut und Zorn über die Massaker, die während der Nazizeit passiert sind. Tigrid war dann für die deutsch-tschechische Verständigung bei Václav Havel beratend tätig. Er hat in seinem Leben und auch beim Radio wirklich diese deutsch-tschechische Verständigung – und damit ebenso die europäische Verständigung, weil er viel weiter gedacht hat als nur bilateral – nach vorne zu bringen versucht.“

So wie Petra Ernstberger heute war Tomáš Kafka Ende der 1990er Jahre Vorsitzender des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. In dieser Funktion hielt er auch engen Kontakt mit Pavel Tigrid. Für diesen sei es nach der langen Zeit als Exilpublizist anstrengend gewesen, auf einmal mit vielen Leuten zusammenzuarbeiten, blickte Kafka zurück:

Pavel Tigrid | Foto: Profimedia

„Ich muss sagen, dass Tigrid immer freundlich und offen war, obwohl er auch klar sagen konnte, was er denkt. Wenn ich es zusammenfassen soll, dann hat er uns nicht nur beigebracht, uns selbst zu artikulieren, sondern auch anderen zuzuhören und den demokratischen Diskurs zu mögen. Wir sollten den Respekt zu anderen lernen und die Freude daran, dass wir das nun tatsächlich so praktizieren können.“

Sohn Gregory legt den Stolperstein | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

Heute sei es nicht immer einfach, anderen zuzuhören und sich dabei nicht aufzuregen, fügte der langjährige Diplomat hinzu. Er rief die Anwesenden bei der Stolpersteinverlegung auf, es im Andenken an Pavel Tigrid dennoch zu versuchen und die Verschiedenheit der Menschen auszuhalten. Denn, so Kafka, die Zeiten würden wohl nicht einfacher – und gerade Tigrids Leben sei ein Lehrstück in der Bewältigung von schwierigen Epochen.

Davon zeugt auch das Lebensmotto von Pavel Tigrid, mit dem der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds die Stolpersteinverlegung überschrieben hatte. Petra Ernstberger:

Stolperstein für Pavel Tigrid | Foto: Daniela Honigmann,  Radio Prague International

„Sein Motto war: Man kann immer etwas tun. Viele Menschen ziehen sich heute zurück und sagen, dass sie überhaupt nichts machen können. Doch! Jeder kann an seiner Stelle eine Kleinigkeit tun. Man muss bloß die Augen offen halten. Und die Verlegung eines Stolpersteins ist eben auch ein Zeichen, dass man etwas machen kann. Ich würde gerne alle auffordern – in Deutschland wie in Tschechien –, sich das zum Motto zu machen, damit wir die Spaltung der Gesellschaft überwinden und wieder enger zusammenstehen.“