Wie wurden Juden zu „J.“? Nathalie Frank erforscht visuellen Antisemitismus

Nathalie Frank, 'Menschen wie alle anderen'

Nathalie Frank ist Comic-Autorin und Kulturreporterin für das Arte-Journal. Sie wurde in Frankreich geboren, heute lebt sie in Berlin. Derzeit arbeitet sie an einer Publikation, die sich mit der visuellen Seite von Antisemitismus beschäftigt. Die Grundlage dafür bildet das Arthur-Langerman-Archiv – eine Sammlung von 11.000 antisemitischen Darstellungen. Den September verbrachte Nathalie Frank mit einem Stipendium in Prag.

Frau Frank, Sie verbringen derzeit einen Monat in Prag, im Rahmen einer Residenz des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren. Sie kennen die Stadt bereits gut. Was ist Ihre Verbindung zu Prag?

Nathalie Frank | Foto: Alexis Rosenzweig,  Radio Prague International

„Ich habe insgesamt fünf Jahre hier gewohnt. 2004 habe ich in Prag ein einjähriges Erasmusstudium absolviert. Und dann habe ich noch vier Jahre hier gearbeitet, am Theater Minor und bei der Quadriennale. Ich habe Marketing und Pressearbeit im Kulturbereich gemacht. Und ein kleines bisschen habe ich auch Beiträge für den französischsprachigen Auslandssender des Tschechischen Rundfunks geschrieben.“

Heute leben Sie als Journalistin und Comiczeichnerin in Berlin. Sie fertigen dokumentarische Comics an. Wie sieht so etwas aus? Und welche Themen verarbeiten Sie?

Nathalie Frank,  'Menschen wie alle anderen' | Foto: Archiv von Nathalie Frank

„Der Comic ist meine Ausdrucksform, ich mag ihn sehr gerne, denn ich kann damit am besten Sachen erzählen, die mich interessieren. Da ich Politikwissenschaft studiert habe, ist es naheliegend, dass ich gern politische Themen verarbeite. ‚Dokumentarischer Comic‘ ist ein Begriff, der jetzt immer öfter verwendet wird. Manchmal spricht man auch von ‚Comicjournalismus‘. Aber was ich mache, trifft die erste Bezeichnung besser. Denn es sind keine tagesaktuellen Comics. Vielmehr ähnelt das Ganze dem Dokumentarfilm oder auch dem dokumentarischen Theater. Ich will Dinge auf der Basis von nichtfiktionalen Dokumenten erzählen.“

In Prag arbeiten Sie an Ihrem neuen Projekt „Menschen wie alle anderen“. Worum geht es dabei?

Nathalie Frank,  'Menschen wie alle anderen' | Foto: Archiv von Nathalie Frank

„Der Comic, den ich derzeit erstelle, ist eine Arbeit, für die ich vor zwei Jahren den Auftrag vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin bekommen habe. Dieses Zentrum hat vor ein paar Jahren eine Sammlung von 11.000 sogenannten Antisemitika geschenkt bekommen. Es handelt sich um antisemitische Bilder und Objekte, die Arthur Langerman seit den 1960er gesammelt hat und bis heute sammelt. Am Zentrum entstand ein Forschungsinstitut, das ALAVA (Arthur Langerman Archiv für die Erforschung des visuellen Antisemitismus, Anm. d. Red.). Dessen Aufgabe ist es, mit diesem einzigartigen Material zu arbeiten, es zu erforschen, aber auch zu vermitteln. Eine Idee, die dort entstand, war ein Comic, denn es handelt sich ja um eine antisemitische Bilderwelt. Es wird generell sehr viel Antisemitismusforschung betrieben, Bilder sind dabei aber eher eine Nische. Dabei sind sie sehr wichtig. Sie haben die antisemitische Weltvorstellung entscheidend mitgeprägt. Ich denke, das ist zwar kein leichtes, aber ein sehr interessantes Feld. Mein Auftrag ist, einen Comic auf Basis der Sammlung zu machen, ich soll aber sehr frei damit umgehen.“

Die Sammlung von Arthur Langerman ist unfassbar groß…

„Es sind sehr viele Postkarten dabei, deswegen nimmt sie auch nicht so viel Platz ein. Aber es gibt auch Objekte, Poster und Malereien. Und sehr viel Presse. Natürlich sind auch Wiederholungen darunter, denn manche Bilder etwa wurden in verschiedenen Ländern gedruckt.“

Wie hat Arthur Langerman diese Bilder gesammelt?

Foto: Blavatnik Archive

„Laut seiner Erzählung hat er in den 1960er Jahren angefangen, bei Antiquariaten danach zu fragen. Manchmal waren diese Bilder mehr oder weniger versteckt. Mitunter hat sich Herr Langerman auch an Menschen gewendet, die Judaika verkaufen, und gefragt, ob sie nicht auch gemeine Bilder hätten. Und manchmal hatten sie welche. Mit dem Internet ist das natürlich viel leichter geworden. Denn man findet durchaus Leute, die so etwas online verkaufen.“

Sie haben bereits gesagt, dass Sie den Auftrag vor zwei Jahren bekommen haben. Ihre Arbeit mit der Sammlung und Ihre Beschäftigung mit den Bildern ist also recht intensiv. Haben Sie schon eine Idee, wie der Comic am Ende aussieht? Gibt es schon eine Story?

Nathalie Frank,  'Menschen wie alle anderen' | Foto: Archiv von Nathalie Frank

„Ich mich entschieden, eine Ich-Erzählung zu machen, in der mein Alter Ego diese Bilderwelt erforscht. Es gibt sieben Kapitel, die den Tagen der Woche entsprechen, und jeweils gibt es eine Frage, die einen Aspekt dieses Themas erläutert. Mir war relativ schnell klar, dass ich einen besonderen Begriff für diese Bilder erfinden muss. Ich wollte nicht von ‚Juden‘ in Anführungszeichen oder von ‚Karikaturen‘ sprechen. Ich weiß, dass das umstritten ist und dass man üblicherweise von ‚Karikaturen‘ spricht. Aber wortwörtlich ist damit eine humorvolle Art etwas darzustellen gemeint. Mein Anliegen ist aber zu zeigen, dass diese Bilder nichts mit Juden und Jüdinnen zu tun haben. Es handelt sich um Fiktionen, die uns mehr über jene Personen erzählen, die die Bilder geschaffen haben, als über echte Juden und Jüdinnen. Viele Menschen, die die Bilder gezeichnet haben, haben noch nie eine jüdische Person gesehen. Deswegen war es mir wichtig, Wörter wie ‚jüdisch‘, ‚Juden‘ oder ‚Jüdinnen‘ nicht dafür zu nutzen. Ich habe stattdessen entschieden, diese Bilder mit ‚J.‘ zu bezeichnen. Das ermöglicht mir, die antisemitische Weltanschauung von realen Jüdinnen und Juden zu entkoppeln.“

Können Sie dafür Beispiele geben?

„Ein Kapitel heißt etwa ‚Wer sind J., und wer sind Juden und Jüdinnen?‘ Darin erzähle ich ein bisschen etwas über die dargestellten Menschen, die mehr oder weniger alle gleich aussehen – sie sind alle männlich und haben große Nasen, wir alle kennen diese Bildsprache. Zugleich wollte ich zwar nicht klar definieren, aber doch darlegen, wer Juden und Jüdinnen sind. Ein anderes Kapitel heißt ‚Wie sind Juden und Jüdinnen zu J. geworden?‘ Darin erzähle ich etwas über die Geschichte dieser Bilder. Sie haben eine lange Tradition, die mindestens bis ins Mittelalter zurückreicht, wenn nicht noch weiter. Ich finde es wichtig, dass man versteht, wo diese Bilder herkommen, die dann an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten verwendet wurden. Wir kennen alle die Darstellungen des Naziregimes, aber diese waren angelehnt an Bilder, die viel früher entstanden sind. Das Buch soll dabei kein illustriertes Referat sein. Es ist ein Comic. In dem historischen Kapitel läuft meine Figur deshalb etwa durch ein Museum der Geschichte der ‚J.‘ und lässt sich von einer Kuratorin zum Beispiel erklären, wie das Klischee mit dem Geld entstanden ist, denn diese und weitere Vorstellungen sind heute immer noch sehr wirksam.“

Nathalie Frank,  'Menschen wie alle anderen' | Foto: Archiv von Nathalie Frank

Sie haben bereits diese Bilder erwähnt, die man irgendwie kennt – etwa die Männer mit Geld und langen Nasen. Aber wurden auch Frauen dargestellt? Und wenn nicht, warum nicht?

„Das ist eine interessante Frage. Es gibt Darstellungen von Frauen in der Sammlung, aber es sind sehr wenige. Ich habe keine wirkliche Erklärung dafür, ich denke aber, es ist naheliegend. Frauen sind einfach weniger präsent in der Öffentlichkeit. Die ‚J.‘-Figur ist sehr oft als eine Art Supermacht dargestellt, und davon sind Frauen von vornherein ausgeschlossen.“

Sie haben bereits über die Postkarten mit antisemitischen Motiven gesprochen. Wurden sie auch verschickt? Sind Sie im Archiv auf irgendwelche Botschaften gestoßen?

Foto repro: J. Hauser,  E. Janáčová,  'Obrazy nenávisti,  Vizuální projevy antisemitismu ve střední Evropě'/Artefactum

„Viele Postkarten in der Sammlung sind beschriftet. Das war für mich eine Neuheit. Denn wie gesagt, man kennt die Bilder und Naziplakate aus den Geschichtsbüchern – diese Postkarten aber eher weniger. Sie hatten auch hier in Tschechien eine große Tradition, es gab hier den sogenannten Bäder-Antisemitismus. Das waren Postkarten aus Karlsbad oder Marienbad. Sie zeigen ‚J.‘ in diesen Städten, es sind wirklich eklige Figuren, die dort Zeit verbringen. Und auf der Rückseite steht zum Beispiel ‚Grüße aus Karlsbad!‘ Manchmal wird in den Texten auch darauf Bezug genommen, etwa dass es an dem Ort solche Menschen gebe. Aber oft ist das nicht der Fall, und das sagt viel über die Banalität dieser Bildsprache aus.“

Sie müssen die Bilder teilweise reproduzieren und in Ihrem Comic wiedergeben. Wie gehen Sie dabei vor?

„Ich habe relativ früh entschieden, dass ich sie nicht einfach scannen und einfügen will. Ich reproduziere sie trotzdem, aber ich zeichne sie nach. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen erhöht das die Kohärenz, der Lesefluss wird dadurch erleichtert. Es geht aber auch darum, die Bilder zu kontextualisieren und ihnen ihre originale Kraft zu nehmen.“

Nathalie Frank,  'Menschen wie alle anderen' | Foto: Archiv von Nathalie Frank

Sie beschäftigen sich auch mit verschiedenen Zeichnern, die die Bilder angefertigt haben. Darunter ist auch jemand aus der Tschechoslowakei: Karel Rélink. Wie ist er zum Zeichnen dieser Darstellungen gekommen? Und was wissen wir heute überhaupt über ihn?

Buch von Karel Rélink mit antisemitischen Illustrationen

„Karel Rélink war ein tschechischer Zeichner, der sehr viele antisemitische Zeichnungen gemacht hat. Er war offensichtlich ideologisch sehr fanatisch unterwegs. Das ist nicht bei allen Zeichner*innen der Fall. Die Motive waren sehr unterschiedlich, manche wollten damit wohl auch einfach nur Geld verdienen. Aber Rélink war ganz klar antisemitisch aktiv, auch politisch. Viel wissen wir aber nicht über sein Leben, was auf fast alle dieser Zeichner*innen zutrifft. Bekannt ist, dass er Kunst studierte. Soweit ich weiß, wurde eine seiner Ausstellungen in der Masarykzeit verboten. In den 1930er Jahren hatte er mehr Erfolg, er arbeitete sogar mit Goebbels zusammen. 1945 beging er Selbstmord, was auch etwas über seine politische Einstellung aussagt.“

Wann soll Ihr Buch erscheinen?

„Mein Comic soll 2026 herauskommen. Ich kann noch keinen Monat nennen, aber ich arbeite hart daran, dass er nächstes Jahr erscheint.“

Nathalie Frank,  'Menschen wie alle anderen' | Foto: Archiv von Nathalie Frank
schlüsselwörter:
abspielen