Protest gegen Antisemitismus in Prag – Überlebende des Hamas-Massakers berichten
Am Sonntag wurde in Prag gegen Antisemitismus protestiert. Dabei wurde der Opfer des Hamas-Massakers vom Oktober 2023 sowie der Holocaust-Opfer gedacht.
Der Prager Chor Mišpacha trat einige Male während der Versammlung im Prager Wallenstein-Garten auf. Der Garten war das Ziel eines Umzugs, an dem Hunderte Menschen teilnahmen. Sie gingen vom Altstädter Ring durch die Josefstadt und über die Moldau auf die Kleinseite. Viele hatten israelische Flaggen dabei. Im Wallenstein-Garten warteten weitere Menschen auf die Teilnehmer des Umzugs. Nachdem diese angekommen waren, konnte die Veranstaltung unter dem Motto „Mit Kultur gegen Antisemitismus“ beginnen. Unter den Rednern war etwa der Vizevorsitzende des Senats, Jiří Drahoš (parteilos). Er erklärte, er sei davon überzeugt, dass er auch im Namen von anderen Vertretern des tschechischen Staates spreche:
„Wir schätzen die jüdische Community sehr und werden immer jede Form des Antisemitismus und des Hasses ablehnen – hierzulande und anderswo in der Welt. Wir werden Schritte unterstützen, die dazu führen, dass der Antisemitismus nicht nur gesetzeswidrig, sondern auch gesellschaftlich inakzeptabel wird. Ich bringe hier meinen Wunsch zum Ausdruck, dass alle Hamas-Geiseln freigelassen werden und dass im Nahen Osten Frieden einkehrt.“
Die israelische Botschafterin in Tschechien, Anna Azari, erinnerte daran, dass die Weltöffentlichkeit vor 80 Jahren zum ersten Mal von den Schrecken des Holocaust erfahren hat. Es scheine, dass die Erinnerungen an dieses dunkle Kapitel verblassen, sagte die Botschafterin.
„Eine Umfrage, die vor kurzem von der US-amerikanischen Anti-Defamation League durchgeführt wurde, enthüllt eine schreckliche Realität: Bei fast der Hälfte der erwachsenen Weltbevölkerung, also mehr als zwei Milliarden Menschen, sind antisemitische Haltungen tief verwurzelt. Dies muss eine Warnung sein. Denn innerhalb der letzten zehn Jahre ist die Zahl auf das Doppelte gewachsen.“
Der Hass gegenüber Juden erreicht laut Azari ein ungeheuer hohes Niveau. Noch schlimmer sei, dass vor allem die jüngere Generation zu antisemitischen Haltungen neige, merkte die Botschafterin an und fuhr fort:
„Wir können uns damit trösten, dass der Hass gegenüber Juden in Tschechien im Vergleich mit anderen Ländern viel weniger verbreitet ist. Dies ist jedoch ein schwacher Trost. Für das jüdische Volk ist dieser globale Tsunami von Antisemitismus nicht traurig, sondern gefährlich. 80 Jahre haben gereicht, damit moralische Werte, die aus der Asche von Auschwitz hervorgegangen sind, zerfallen. Antisemitismus und Rassismus sind kein Tabu mehr, sie dringen ins politische und öffentliche Leben ein. Wir sollten darüber nachdenken, wie diese Denkweisen nicht nur mit Worten, sondern vor allem auch mit Taten zu stoppen sind. Darum bin ich dem Senat als Gastgeber der heutigen Veranstaltung, der Tschechischen Republik und allen Teilnehmern sehr dankbar.“
Auf dem Podium trat auch ein junges Ehepaar aus dem israelischen Kibbuz Mefalsim auf, das seine Erinnerungen an den 7. Oktober 2023 schilderte. Die Frau war damals im neunten Monat schwanger und allein zu Hause. Es gelang ihr, in einem Schutzraum zu überleben. Ihr Mann, der gerade mit dem Auto unterwegs war, wurde von den Terroristen schwer verletzt. Dank zwei mutigen Männern gelang es, ihn zu retten. Einige Tage nach dem Hamas-Angriff kam der Sohn der beiden zur Welt. Noa erklärte, warum sie und ihr Mann nach Prag gekommen sind:
„Das Wichtigste, warum wir da sind, sind unsere 59 Mitbürgerinnen und Mitbürger, die ohne Essen, Wasser und Licht irgendwo in Gaza sind. Sagen Sie mit uns: Bring them home now!“
Die Veranstaltung „Mit Kultur gegen Antisemitismus“ findet seit 22 Jahren immer um den Tag der Schoah herum statt. Dieser fällt nach dem hebräischen Kalender auf den 27. Tag des Monats Nissan, der im Jahr 1943 dem 19. April entsprach. Damals brach der Aufstand im Warschauer Ghetto aus. Im Hebräischen heißt der Gedenktag Jom haScho’a, das heißt Tag der Schoah. Initiiert wurde die Veranstaltung in Prag von der tschechischen Zweigstelle der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ). Mojmír Kallus leitet die Zweigstelle und sagte gegenüber Radio Prag International:
„Die Veranstaltung konzentrierte sich wie jedes Jahr auf das Gedenken an die Shoah-Opfer und auch an die Opfer des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober 2023, weil das das größte Massaker an Juden seit dem Holocaust war. Im Fokus stand diesmal der Besuch einer jungen Familie aus Israel, die das Massaker überlebt hat.“
Sie haben als tschechische ICEJ-Zweigstelle einen der von den Terroristen überfallenen Kibbuze finanziell unterstützt. Wie wurden die Gelder genutzt?
„Wir haben uns entschieden, alle Spenden, die wir sammeln, dem Kibbuz Be’eri zu schenken. Bis heute haben wir über fünf Millionen Kronen zusammengetragen. Wir haben inzwischen viele kleinere Projekte unterstützt, beispielsweise mobile Klassenräume oder die Ausstattung für Kindergärten. Derzeit beteiligen wir uns gemeinsam mit anderen Ländern an einem größeren Projekt, dem Bau eines neuen Jugendzentrums in Be’eri. Wir besuchen den Kibbuz regelmäßig und sind mit der Leitung in Kontakt. Darum können wir die finanziellen Mittel dort investieren, wo sie am meisten benötigt werden. Die konkreten Ergebnisse haben wir bereits gesehen.“







