Frankfurter Buchmesse: Tschechien übernimmt Gastrolle von den Philippinen

Grüße von der Frankfurter Buchmesse

„Willkommen in Bohemia, einem Land ohne Meer – und doch an einer Küste. Hier rollen die Wellen der Inspiration an, und von hier brechen Gedanken zu neuen Wegen auf.“ Mit diesen Worten werden die Leserinnen und Leser zur nächsten Ausgabe der Frankfurter Buchmesse 2026 eingeladen, bei der Tschechien im Fokus stehen wird. Der nächste Ehrengast wurde am Donnerstag in Frankfurt offiziell vorgestellt.

Foto: Hana Connor,  Frankfurter Buchmesse

Der aktuelle nationale Stand Czechia befindet sich in der Halle 4.1. Die tschechische Literatur wird dort anhand einer Auswahl aus aktuellen Erscheinungen und deren Übersetzungen ins Deutsche und ins Englische präsentiert. An diesem Stand und an mehreren Orten auf dem Messegelände und in der Stadt finden auch Lesungen und Autorentreffen statt. Mehr dazu im Interview mit Programmdirektor Martin Krafl:

Herr Krafl, der diesjährige Auftritt bei der Frankfurter Buchmesse steht unter einem besonderen Zeichen. Denn Tschechien wird als nächster Ehrengast vorgestellt. Wie prägt diese Tatsache das diesjährige Programm?

Martin Krafl | Foto: Frankfurter Buchmesse

„Sehr stark. Eigentlich beeinflusst es fast alles. Wir hatten die allererste Pressekonferenz, bei der wir hier in Deutschland unser Logo vorgestellt haben. Wir mussten natürlich auch ein bisschen erklären, was ‚ein Land an der Küste‘ heißt für ein Land, das überhaupt gar keine Küste hat. Aber ich glaube, das macht es spannend. Das geht ja zurück zu Shakespeare und zu dem Theaterstück ‚Das Wintermärchen‘. Wir haben AutorInnen nach Frankfurt mitgebracht, die bereits deutsche Übersetzungen haben. Unter anderem sind hier Ondřej Buddeus und Jindřich Janíček mit dem Buch ‚Fahr Rad‘ in der wunderbaren Übersetzung von Lena Dorn, erschienen beim Karl-Rauch-Verlag in Deutschland. Und dieses Buch ist nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Wir drücken die Daumen, das ist sehr spannend. Wir haben hier zwei Doyens der tschechischen literarischen Szene: Michal Ajvaz und Petr Hruška haben viele Auftritte. Wir haben auch die Preisträgerin des Preises für die Literatur der Europäischen Union, Bianca Bellová, mit uns. Und Viktorie Hanišová stellt in Frankfurt ihren Roman ‚Sonntagnachmittag‘ vor, ausgerechnet am Sonntagvormittag, und zwar in der Buchhandlung Weltenleser.“

Der tschechische Dichter und Schriftsteller Petr Hruška | Foto: Frankfurter Buchmesse

Sie haben das Motto für das nächste Jahr erwähnt, ein Land ohne Meer, aber doch an der Küste. Das müssen Sie auch für uns ein bisschen erklären...

„Naja, der Shakespeare hat gedacht, dass Bohemia eigentlich am Meer liegt. Und wir haben gedacht, diese Küste, das ist eigentlich etwas, womit man gut spielen kann. Ich frage mich zum Beispiel immer, ob die Küste ein Ort der Begegnung oder der Trennung der Menschen ist? Jeder von uns hat eine Wahrnehmung und Vorstellung von einer Küste. Und ich glaube, in unserem Programm wird sich widerspiegeln, dass diese Küste sehr viel beeinflussen kann. Wir werden diese Wahrnehmungen präzisieren. Und verschiedene Geschichten der tschechischen Autorinnen und Autoren werden dann damit verbunden.“

Der diesjährige Ehrengast sind die Philippinen. Zwischen den Philippinen und Tschechien wird hier in Frankfurt eigentlich eine Brücke geschlagen. Ist dies aber überhaupt möglich? Gibt es etwas, was die beiden Länder verbindet? Übrigens, die Philippinen sind ein Land, das viel Küste hat, im Unterschied zu Tschechien.

Tschechische Schriftstellerin mit bulgarischen Wurzeln Bianca Bellová | Foto: Frankfurter Buchmesse

„Schauen Sie sich zum Beispiel die Fahne der Philippinen an, da werden Sie sehr viel Ähnliches entdecken. Die Philippinen sind weit weg und haben eine sehr komplizierte Geschichte. Vielleicht ist das auch ein Zeichen, dass da eine Brücke funktionieren kann. Auf jeden Fall freut mich, dass wir bereits zwei AutorInnen in der philippinischen Delegation haben, weil sie im Programm der Philippinen auftreten werden. Das ist zum einen Bianca Bellová, ihr Roman ‚Am See‘ wurde ins Filipinische übersetzt. Und zum anderen ist es Martin Vopěnka mit seinem Science-Fiction-Roman ‚Der neue Planet‘, der ins Englische übersetzt wurde. Damit habe ich zwei Sprachen erwähnt, die auf den Philippinen dominieren. Aber es gibt da 170 Sprachen auf 7000 Inseln. Ich glaube, da hat es Tschechien ein bisschen einfacher.“

Der Staffelstab wird zum Abschluss der diesjährigen Buchmesse feierlich übergeben. Wie wird diese Zeremonie aussehen?

„Zwei Dichter treffen sich dazu auf der Bühne, einer aus Tschechien, ich habe schon Petr Hruška erwähnt, und einer von den Philippinen. Sie werden einen Austausch haben. Danach liest jeder von ihnen zwei Gedichte. Und zum Schluss singt Anna Vaverková, eine in Berlin lebende Solistin.“

Anna Vaverková | Foto: Thobias Humble

Der Dichter Petr Hruška wird die Ehrenrolle am Sonntag übernehmen.

„Allzu lauten Einsamkeit“ / „Příliš hlučná samota“ | Foto: Verlag Mladá Fronta

„Der Staffelstab hat die Form einer Art Glasröhre, in die eine endlose Schriftrolle eingelegt ist. Auf diese werden Textauszüge aus der Literatur geschrieben, die gerade Ehrengast ist. Für die tschechische Literatur wurde also ein Absatz aus Bohumil Hrabals Buch ‚Allzu laute Einsamkeit’ eingefügt. Diese Rolle in der Glasröhre wird am Sonntag am Ende der diesjährigen Ausgabe der Frankfurter Messe überreicht, um zu symbolisieren, dass das nächste Jahr im Zeichen der tschechischen Literatur steht.“

Was es bedeutet, Ehrengast bei der großen Literaturveranstaltung in Frankfurt zu sein, erläutert der Sprecher der Buchmesse, Torsten Casimir:

Torsten Casimir | Foto: Frankfurter Buchmesse

„Es bedeutet mehrere Sachen gleichzeitig. Vor allem bedeutet es, dass man mit seiner eigenen Literatur und auch mit der anderen weiteren Kultur – denn es passiert ja viel mehr als nur Literatur hier in Frankfurt – eine internationale Sichtbarkeit bekommt. Man kann seinen Buchmarkt anderen Buchmärkten vorstellen, kommt in den Lizenzhandel kommt, um die eigenen Literaturen in Übersetzungen zu bringen. Und es ergeben sich dadurch natürlich auch ökonomische Effekte. Eine zweite, nicht zu unterschätzende Bedeutung ist einfach, dass in Frankfurt Netzwerke und Freundschaften entstehen, die sich dann fortsetzen. Man denkt immer, das Wichtigste sei dieser Oktober des Gastlandauftritts selbst. Ich bin mir da aber unsicher. Vielleicht kommt das Wichtigste erst in den Jahren danach.“

Und was bedeutet für den Dichter Petr Hruška persönlich der Gastauftritt?

„Für mich ist es auch ein Ausdruck der guten Nachbarschaft zwischen Tschechien und Deutschland. Wir sind Nachbarn, und solange wir solche Dinge tun, solange wir uns gegenseitig Bücher verleihen und uns für die Bücher des anderen interessieren, werden wir Freunde bleiben. Denn unter Freunden hat tauscht man auch immer Bücher aus. Nächstes Jahr werden wir den Deutschen unsere Bücher leihen und werden gespannt sein, was sie sagen, ob sie sie interessant finden, so wie wir. Und dann werden wir erwarten, dass auch sie uns ihre Bücher leihen. Solange wir uns gegenseitig Bücher leihen, bleiben wir Freunde. Und das ist gut so. “

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