Der Klang verschwundener Kirchenglocken: Tschechischer Rundfunk veröffentlicht historische Aufnahmen

Foto: Archiv des Museums der Haupstadt Prag

Die Deutschen haben während des Zweiten Weltkriegs einen Großteil der tschechischen Kirchenglocken eingeschmolzen – um aus ihnen Waffen herzustellen. Doch der Klang dieser verschwundenen Glocken ist jetzt wieder zu hören – durch ein Projekt des Tschechischen Rundfunks zusammen mit Wikimedia.

Die drei früheren Glocken der Wenzelskirche im ostböhmischen Dobruška / Gutenfeld stammten aus der Gießerei von Rudolf Manoušek in Brno / Brünn. Sie waren erst 1931 in der barocken Kirche installiert worden. Im April 1942 requirierten die deutschen Besatzer diese Glocken, um sie zu Kriegsgerät zu verschmelzen. Es gibt aber eine Aufnahme des Geläuts der Wenzelskirche, die aus dem Archiv des Tschechischen Rundfunks stammt, sie wurde 1940 gemacht.

Das alles ist auf einer speziellen Website bei Wikimedia zu lesen. Insgesamt 90 heute nicht mehr existente Glockengeläute aus tschechischen Städten und Dörfern sind dort dokumentiert. Das Projekt heißt „Zaniklé zvony“ (Verschwundene Glocken) und ist eine Kooperation des Rundfunkarchivs mit Wikimedia. Tomáš Dufka leitet das Archiv und sagte gegenüber Radio Prag International:

Miloslav Turek | Foto: Tschechischer Rundfunk

„Ein bisschen war da auch Zufall im Spiel. Wir wussten jedoch, dass es die Aufnahmen von den Glocken in unserem Archiv gibt. Trotzdem verdanken wir das Projekt vor allem unserem Mitarbeiter Miroslav Turek. Er hat korrekt bewertet, dass die Aufnahmen auf den Bändern von Anfang der 1940er Jahre, die sich bei uns gefunden haben, eine wertvolle Sammlung sind und systematisch sowie auf einmal durchforstet werden sollten. Er hat sie aus dem entsprechenden Fonds des Archivs herausgenommen, mit dessen Bearbeitung wir gerade erst begonnen haben. Die Aufnahmen wurden daher schon vor zwei Jahren digitalisiert.“

Die historischen Aufnahmen stammen vor allem aus dem böhmischen Landesteil des sogenannten „Protektorats Böhmen und Mähren“. Und sie waren regelmäßig in einer eigenen Radiosendung zu hören.

Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague International

„Diese Sendung hieß ‚Glocken meines Kreises‘ und wurde 1940 und 1941 ausgestrahlt. Das geschah aber bereits nicht mehr im Tschechoslowakischen, sondern im Tschechischen Rundfunk, weil es sich ja ums Protektorat handelte. Der Radioreporter Václav Růt hatte die Verantwortung für die Sendung. Und er verfolgte damit ein klares Ziel: ein wenig das tschechische Nationalbewusstsein zu heben, nachdem das Land von den Deutschen besetzt worden war. Durch die Glocken sollte auch die Geschichte der jeweiligen Regionen anklingen, in denen die Aufnahmen gemacht wurden“, so Dufka.

Der Tschechische Rundfunk im Protektorat wurde allerdings von den Nazis kontrolliert. Und diese hätten die Sendung später dann abgesetzt, als das Regime seine Politik gegenüber den Bewohnern verschärfte, berichtet Dufka.

Dabei habe gerade Radiotechnik aus Deutschland erst die Aufnahmen der Glocken ermöglicht, sagt er:

„Das ist ein weiterer interessanter Aspekt. Die Klänge der Glocken wurden auf Magnetbändern festgehalten. Das war damals eine große technische Neuerung, die gerade durch die deutsche Besatzung zu uns kam. Sie vereinfachte die Aufnahmen immens gegenüber den ansonsten bis dahin genutzten Wachsplatten. Allerdings wurden die Tonbandaufnahmen zu Archivzwecken anschließend auf Wachsplatten überspielt.“

Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague Int.

Von der Wehrmacht zu Waffen eingeschmolzen

In den Aufnahmen ist ab und zu auch festgehalten, wie eventuell Václav Růt oder einer seiner Mitarbeiter den Startschuss gibt für die Aufzeichnung. Dass Stimmen zu hören sind macht die Einspielungen vergleichsweise lebendig für die damalige Zeit. Tomáš Dufka streicht dabei vor allem die Aufnahme einer Totenglocke aus dem ostböhmischen Česká Skalice / Böhmisch Skalitz heraus:

Foto: Hana Řeháková,  Radio Prague Int.

„Während der Einspielung ging gerade eine ältere Frau, wohl eine Großmutter mit ihrem Enkelkind, an der Glocke vorbei und rief nach ihm. Solche Aufnahmen aus den ersten Jahrzehnten der Radiotechnik sind eine Rarität, da ansonsten immer alles perfekt vorbereitet war und authentische Klänge nicht vorkamen.“

Viele der Glocken, die in der damaligen Sendung erklangen, gibt es heute jedoch nicht mehr. Das macht diesen Fundus aus dem Archiv des Tschechischen Rundfunks so wertvoll.

„Diese Glocken waren meist nicht sonderlich alt, manche waren erst zehn oder zwanzig Jahre zuvor installiert worden. Die ursprünglichen Glocken in den Gemeinden wurden bereits zu Ende des Ersten Weltkriegs requiriert. Also ließ man neue anfertigen. Und diese wurden aber auch wieder requiriert und im Zweiten Weltkrieg zu Waffen eingeschmolzen“, erläutert Dufka.

Genau diesen Umstand habe eine weitere Mitarbeiterin des Archivs bei ihren Recherchen herausgefunden, sagt der Leiter. Und zwar klemmte sich Jana Bartošová dahinter und kontaktierte all die Gemeinden, deren Glockengeläut auf den Aufnahmen zu hören ist.

Jana Bartošová | Foto: Tomáš Vodňanský,  Tschechischer Rundfunk

„Sie fand heraus, dass es sich nicht nur um Einzelfälle handelte. Denn tatsächlich wurden ja laut den Informationen von Historikern fast 90 Prozent der Glocken im Protektorat eingezogen.“

Der entsprechende Beschluss der nationalsozialistischen Verwaltung erging bereits Ende November 1941. Im darauffolgenden Sommer schritten die Behörden zur Tat. Insgesamt 9800 Glocken verschwanden aus Kirchen und Rathäusern in Böhmen und Mähren. Sie wurden nach Deutschland verschifft und dort eingeschmolzen. Man verschonte nur die ältesten und wertvollsten Stücke, die als Kategorie D gekennzeichnet waren.

Pilotprojekt mit Wikimedia

Die Recherchen von Jana Bartošová hätten indes gut zu einem Vorhaben gepasst, mit dem sich Wikimedia Tschechien an das Archiv des Tschechischen Rundfunks wandte, schildert Dufka:

„Vor einem Jahr sprach uns Wikimedia auf offiziellem Weg an, ob man nicht eine Kooperation anknüpfen könnte – so wie diese in anderen europäischen Ländern schon mit Erinnerungsinstitutionen oder Galerien besteht. In diesem Aufruf nannten die Vertreter von Wikimedia sogar als mögliches Beispiel die Klänge von Glocken – ohne zu wissen, dass wir gerade dabei waren, das entsprechende Projekt zu Ende zu bringen.“

So entstand „Zaniklé zvony“ als Pilotprojekt der Zusammenarbeit zwischen dem Tschechischen Rundfunk und Wikimedia. Und im Archiv war man froh darüber, dass die Klänge der Glocken auf diese Weise allgemein zugänglich gemacht werden konnten…

„Hätten wir diese Aufnahmen nur digitalisiert, hier in Prag aufbewahrt und nicht veröffentlicht, hätte das Projekt seinen Sinn verloren. Denn es handelt sich ja um Einspielungen aus kleineren Gemeinden und Kleinstädten in den Regionen. Deswegen haben wir zugesagt. Auch bestehen keine autorenrechtlichen Probleme. Also ging es nur doch darum zu entscheiden, was wir wann veröffentlichen. Wir haben alle unsere Informationen dann Wikimedia zur Verfügung gestellt. Denn je mehr wir an Erkenntnissen teilen, desto mehr können wir künftig noch ergänzen“, sagt der Archivchef.

Freigeschaltet wurde die Website symbolisch am 2. Oktober, dem Internationalen Tag der Glocken.

Doch damit ist das Projekt noch nicht zu Ende. Denn laut Tomáš Dufka haben sich weitere Aufnahmen gefunden:

„Wir haben schon gedacht, dass wir alle Folien gefunden hätten. Aber mein Kollege hat aus einem anderen Regal noch weitere Aufnahmen herausgezogen. Das heißt, es könnte sein, dass wir einige zusätzliche Klänge dem Projekt hinzufügen. Zudem besitzen wir Schellack-Platten, auf denen Glocken zu hören sind. Diese Einspielungen wurden allerdings nicht erst in den 1940er Jahren gemacht, sondern schon im Jahrzehnt davor. Und sogar der deutsche Rundfunk hat sich diese Aufnahmen angeschafft, weil augenscheinlich auch Glocken aus den Sudetengebieten zu hören waren.“

Tomáš Dufka | Foto: Khalil Baalbaki,  Tschechischer Rundfunk

Glocken aus dem Sudetenland

Aber das ist nicht alles, denn auch in Mähren könnten solche Einspielungen angefertigt worden sein. Und dieser Schatz wird gerade erst gehoben.

„Ein großer Archivbestand, den wir noch nicht bearbeitet haben, ist der aus Mähren. Bisher sind die Aufnahmen vorrangig aus dem böhmischen Landesteil. Nur einige wenige sind aus der Gegend von Šumperk, aus dem heutigen Mährisch-schlesischen Kreis und von der Böhmisch-Mährischen Höhe. Es dominieren ansonsten Nord-, Ost- und Südböhmen. Das hängt damit zusammen, dass die Redakteure von Prag aus losgefahren sind und es meist eben nicht nach Mähren geschafft haben. Aber es bietet sich an, auch im Rundfunkarchiv in Brünn nach Aufnahmen von Glocken zu suchen“, so Dufka.

Laut Archivar sind bisher aus dem Brünner Archiv vor allem jüngere Bestände durchgehört worden. Seinen Worten nach lagern dort aber auch Schellack-Platten, auf denen wohl unter anderem Klänge von Glocken gespeichert sind. Diese Platten würde man jetzt gerade in Prag nach und nach bearbeiten, wie Tomáš Dufka sagt.

Und selbst das ist nicht alles. Denn vor Ort in den Gemeinden, Pfarrämtern und Klöstern könnten ebenfalls noch Aufnahmen lagern. So wie aus dem Kloster Plasy / Plaß in Westböhmen. Dort wurde eine Kopie des Radio-Originals gefunden. Sie wurde anschließend im Rundfunkarchiv digitalisiert und zu den restlichen auf der Website hinzugefügt. Und der Archivchef ergänzt:

„Da deutet sich an, dass wir dank des Projekts vielleicht noch Aufnahmen weiterer Glocken finden, die wir nicht in unserem Archiv haben, die aber bei den Gemeinden lagern, ohne dass sich diese dessen bewusst sind. Falls sich also dort so etwas findet, rufe ich auf diese Weise dazu auf, uns die Aufnahmen zur Verfügung zu stellen. Obwohl dies im Ausland wohl eher nicht der Fall sein dürfte.“

Oder etwa doch – nämlich in sudetendeutschen Kreisen?