Feldtelefon und Schellackplatten: Wie im Tschechoslowakischen Rundfunk von den Nürnberger Prozessen berichtet wurde

Der Nürnberger Prozess - ein Blick in den Gerichtssaal

Vor genau 80 Jahren begannen die Nürnberger Prozesse. Ein halbes Jahr, nachdem der Zweite Weltkrieg durch die Kapitulation Deutschlands zu seinem Ende gekommen war, standen ab 20. November 1945 die noch lebenden und inhaftierten Vertreter des Deutschen Reiches und der NSDAP vor einem internationalen Militärgericht. Im Justizpalast in Nürnberg waren auch Journalisten aus der Tschechoslowakei anwesend, die für ihre Heimatmedien berichteten. Sie hielten Auszüge aus dem Prozessverlauf sowie die Aussagen einiger Frauen und Mädchen aus dem böhmischen Dorf Lidice auf Schallplatten fest.

Hermann Göring vor dem Nürnberger Tribunal | Foto: Topfoto / Profimedia

Rundfunkreporter František Gel meldet sich aus dem Nürnberger Justizpalast und berichtet vom ersten Tag des dortigen Prozesses gegen die NS-Kriegsverbrecher. Er stellt den britischen Richter Geoffrey Lawrence vor und kündigt den Hörern des Tschechoslowakischen Rundfunks an, was sie gleich vernehmen werden: Es würden die schweren Schritte von Hermann Göring zu hören sein, der an das Zeugenpult tritt und zu einer Rede anhebt, schildert Gel. Göring werde aber durch die Hammerschläge des Richters unterbrochen, der darauf hinweise, dass der Angeklagte nur antworten solle, ob er sich schuldig oder nicht schuldig fühle. Nach dieser Einführung folgen die Originalaufnahmen aus diesem Nürnberger Prozess.

František Gel | Foto: APF Tschechischer Rundfunk

Es ist die einzige erhaltene zeitgenössische Aufnahme jener Übertragungen, mit denen František Gel im Tschechoslowakischen Rundfunk über den ersten Nürnberger Prozess berichtete. Der Reporter nutzte dafür ein Feldtelefon – so wie er es aus der Kriegsberichterstattung noch gewohnt war. Gel, der 1901 eigentlich als František Feigel geboren wurde, war zunächst Zeitungsredakteur in Brno / Brünn. 1939 musste er als Jude aber sein Land verlassen und wurde Kriegsreporter bei der 1. Tschechoslowakischen Division in Frankreich. 1945 kehrte er in seine Heimat zurück und kam zum Tschechoslowakischen Rundfunk. Dieser machte Gel zu seinem ersten Auslandskorrespondenten und entsandte ihn im November desselben Jahres nach Nürnberg.

Schicksale aus Lidice

Neben František Gel waren noch weitere Reporter aus der Tschechoslowakei in Nürnberg akkreditiert und hatten einen ständigen Arbeitsplatz im Presseraum des Justizpalastes. Darunter war auch František Sachs von der Zeitung Právo lidu (Recht des Volkes). Er stellte dem Tschechischen Rundfunk nach Beendigung des ersten Prozesses mehrere Schallplatten zur Verfügung, die vom Archiv mit dem Datum 1. November 1946 versehen wurden.

Auf den Platten sind mehrere Aussagen zu hören von Zeuginnen, die aus Lidice stammten. Das mittelböhmische Dorf wurde am 10. Juni 1942 von den deutschen Nationalsozialisten überfallen und im Folgenden dem Erdboden gleichgemacht. Dies war eine der Vergeltungsaktionen nach dem Attentat auf den stellvertretenden NS-Reichsprotektor Reinhard Heydrich. 173 männliche Bewohner von Lidice wurden vor Ort erschossen, die Frauen und Kinder zunächst in das Gymnasium im nahegelegenen Kladno verschleppt. Die meisten Kinder wurden daraufhin durch Gas ermordet, die Frauen ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert.

Auch dieses Verbrechen wurde beim Nürnberger Prozess geschildert – etwa von Růžena Petránková, die mit ihren drei Kindern nach Kladno kam. Ihre Aussage wurde parallel ins Englische gedolmetscht. In einem großen Raum der Schule habe jede Frau eine Ecke für sich und ihre Kinder gefunden, berichtet die Zeugin. Ihnen sei gesagt worden, dass sie dort drei Tage lang bleiben würden, und sie hätten gehofft, nach den Verhören entlassen zu werden. Als Petránková anfügt, dass die Kinder nach ihren Vätern gerufen hätten, kann sie nicht weitersprechen, und es ist ein verhaltenes Schluchzen zu hören.

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Die Zeugin ergänzt, dass die Kinder das Essen verweigert hätten und immer nur nach Hause wollten. Auf Nachfrage des Richters schildert Růžena Petránková, wie die Mütter dann von ihren Kindern getrennt wurden. Es sei der frühe Abend des 12. Juni 1942 gewesen, als ein Gestapo-Mann den Frauen auf Tschechisch ankündigte, sie würden für einige Zeit ins Arbeitslager kommen, und ihre Kinder würden in Autos hinterhergebracht.

„Da wir als Tschechen gewohnt waren, die Wahrheit zu sagen, glaubten wir auch ihm. Trotzdem gaben wir unsere Kinder nur unter großen Schmerzen in die Hände der Gestapo-Leute, die mit ihnen sehr grob umgingen. Ich war die Mutter von drei Kindern, und ich musste mich von ihnen verabschieden. Eines lief zu mir zurück, woraufhin ein Gestapo-Mann zu ihm sprang und es zurückschleuderte. Und mir trug er auf, mich hinzuknien. Als wir unsere Kinder abgaben, haben wir alle geweint. Zur Abschreckung schoss einer von ihnen an die Decke.“

Als eine der wenigen überlebte Petránková das KZ Ravensbrück. Drei Jahre lang habe sie gehofft, danach wieder ein normales Leben mit ihrem Mann und ihren Kindern führen zu können, so ihre Aussage in Nürnberg. Erst bei ihrer Rückkehr in die Tschechoslowakei habe sie erfahren, dass es ihr Heimatdorf nicht mehr gibt. Und ihre verlorenen Angehörigen könne sie nicht einmal in einem Grab beerdigen, klagte Růžena Petránková.

Lidice | Foto: Militärhistorisches Institut in Prag

Mädchen berichten von ihrer Eindeutschung

Vor dem internationalen Militärgericht in Nürnberg sagten auch mehrere Mädchen aus Lidice aus, so die 15-jährige Marie Doležalová. Auch sie verbrachte die zwei Tage in dem Gymnasium in Kladno. Sie hätten auf Stroh geschlafen und ihr Schicksal abgewartet, beschreibt Marie die dortige Lage. Dann sei sie von ihrer Mutter getrennt worden, und auch ihren Bruder habe sie in Kladno das letzte Mal gesehen. Und weiter:

Nürnberger Tribunal | Foto: National Archives,  College Park,  MD,  USA

„Am Abend des zweiten Tags führten sie uns in einen Klassenraum und schrieben unser Alter auf. Wir bekamen einen Zettel um den Hals, auf dem eine Nummer stand. Danach führten sie uns in einen Autobus, der uns zu einem unbekannten Bahnhof fuhr.“

Marie Doležalová kam zunächst in die sogenannte Einwandererzentralstelle im polnischen Łódź. Das Mädchen überlebte wahrscheinlich nur, weil es als eines von nur sieben Kindern aus Lidice für die Verschickung nach Deutschland ausgewählt wurde. Sie wurden zunächst ins Kinderheim in Puschkau (polnisch Pastuchów) gebracht. Dort sei ihr verboten worden, ihre Muttersprache zu nutzen, schildert Marie:

Marie Šupíková,  geborene Doležalová  (in der Mitte) | Foto: Privatarchiv von Marie Šupíková / Paměť národa

„Wenn ich versucht habe, mit meinen Freundinnen Tschechisch zu sprechen, dann wurden wir brutal geschlagen. Oder wir bekamen drei Tage lang kein Essen.“

Von dort kam Marie dann nach Posen zu deutschen Pflegeeltern, dem kinderlosen Ehepaar Schiller. Sie musste diesen Namen annehmen und nach eigenen Aussagen an eine deutsche Schule und zur Hitlerjugend gehen. Nach dem Krieg halfen die Schillers dem Mädchen jedoch, wieder in seine Heimat zurückzukehren. Es war der 8. August 1946. Marie berichtet:

Marie Doležalová mit ihrer Mutter Alžbeta Doležalová in einem Krankenhaus in Prag im Jahr 1946 | Foto: Privatarchiv von Marie Šupíková / Paměť národa

„Das lief über das tschechische Amt in Berlin. Die Zeitungen schrieben, dass die tschechischen Kinder gesucht würden, die zur Umerziehung in andere Familien gegeben worden waren. Also fuhr Schiller mit mir nach Berlin. Auf dem Amt zeigte man mir Fotografien aus Lidice, die ich sofort erkannte. Sie verhörten mich, und dann brachte mich der Herr Major in die Tschechoslowakei.“

Vater und Großmutter der Familie Doležal aus Lidice waren schon in den Tagen des Überfalls umgekommen, der Bruder verschollen. Die Mutter überlebte das Kriegsende schwerkrank und nur um vier Monate. Marie heiratete bald, gründete eine Familie – und kehrte in das neuaufgebaute Lidice zurück, um wieder zu Hause zu sein. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod 2021.

Marie Šupíková,  geborene Doležalová | Foto: Archiv Post Bellum

Erster Ausdruck von Gerechtigkeit

Nürnberger Urteil | Foto: Tschechisches Fernsehen,  ČT24

Der erste der Nürnberger Prozesse ging am 1. Oktober 1946 zu Ende. Zwölf Kriegsverbrecher wurden zum Tode verurteilt, darunter der NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop, NS-Innenminister Wilhelm Frick, der Leiter der NSDAP-Parteikanzlei, Martin Bormann, oder der Oberkommandeur der Wehrmacht, Wilhelm Keitel. Hermann Göring, einst Luftwaffen-Oberbefehlshaber und offizieller Nachfolger Adolf Hitlers, entzog sich der Vollstreckung der Todesstrafe durch Selbstmord.

František Gel | Foto: APF Tschechischer Rundfunk

Bis 1949 folgten zwölf weitere Prozesse. Rundfunkreporter František Gel schickte etwa 800 Meldungen und Reportagen aus Nürnberg in das Prager Funkhaus. Zeitzeugen berichteten, dass diese Beiträge beim einheimischen Publikum auf großes Interesse stießen. Die Tschechen und Slowaken empfanden die Kriegsverbrecherprozesse nach der NS-Zeit als ersten Ausdruck von Gerechtigkeit. Und in diesem Sinne schloss auch Gel seinen Bericht vom ersten Prozesstag am 20. November 1945 ab: Zu hören seien die ersten Worte gewesen, so Gel, die die größten Verbrecher der Weltgeschichte vor dem Völkertribunal gesprochen haben. Es werde ein großer Tag sein, wenn sie ihre letzten Worte sprechen, fügte der erste Auslandsreporter des Tschechoslowakischen Rundfunks hinzu.

Autor: Daniela Honigmann | Quelle: Archiv des Tschechischen Rundfunks
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