Mehr als 200 Jahre Tradition: Tschechisches Laientheater ist immaterielles Unesco-Kulturerbe

Über 100.000 Begeisterte spielen in Tschechien regelmäßig in Amateurtheatern. Hierzulande haben solche Laienensembles eine große Tradition. Und das hat die Unesco nun auch offiziell gewürdigt. Denn am Mittwoch wurde das tschechische Laientheater in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Martin Pisařík | Foto: Elena Horálková,  Tschechischer Rundfunk

Der Schauspieler Martin Pisařík ist in Tschechien beliebt. 2020 kehrte er zumindest online mit einem Stück für Kinder zurück in das Theater, in dem er als kleiner Junge begonnen hat: das Divadlo Radar im Prager Stadtteil Holešovice. Dort treten schon seit 1937 Schauspiellaien auf. Eliška Toperczerová leitet das Theater und sagte in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:

„Wir haben theaterpädagogische Gruppen sowie Ensembles für Kinder und Erwachsene. Schnell überschlagen sind das 320 Mitglieder – von den dreijährigen Wichten bis zu den Ältesten.“

Jan Julínek | Foto: Lukáš Řezník,  Tschechischer Rundfunk

Solche Institutionen wie das Divadlo Radar haben nun auch die Anerkennung der Unesco. Sie hat das Laientheater in Tschechien zum immateriellen Kulturerbe erkoren. Dazu Jan Julínek vom Nationalen Institut für Kultur:

„Damit wird die lange Tradition ausgezeichnet und die Einzigartigkeit, weil dieses Phänomen des Laientheaters nirgendwo anders auf der Welt dieses Ausmaß hat wie bei uns. Wir sind wahnsinnig froh, dass die Unesco durch den Eintrag bestätigt hat, dass Tschechien im Rahmen des Laientheaters eine Sonderstellung einnimmt.“

Rund 3500 Amateurensembles sind hierzulande aktiv. Und die Geschichte einiger von ihnen reicht bis weit ins 19. Jahrhundert...

Foto: Miroslav Kobza,  Tschechischer Rundfunk

„Die Entstehung geht auf die Zeit der Nationalen Wiedergeburt zurück. Das tschechische Laientheater hatte einen großen Einfluss darauf, dass sich die tschechische Sprache weiterentwickelt und verbreitet hat. Einige der ältesten Amateurbühnen hierzulande bestehen seit mehr als 200 Jahren. Die Tradition wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Das Laientheater hatte, hat und wird immer ein großes Potenzial haben, um Menschen zusammenzubringen. Und es reicht auch dorthin, wo das Profitheater nie hinkommen kann: in kleine Gemeinden auf dem Land“, so Julínek.

Die besten Inszenierungen von Amateurtheatern in Tschechien werden jedes Jahr zu einem Festival eingeladen. Es heißt Jiráskův Hronov und findet immer im Sommer in der ostböhmischen Stadt Hronov statt.

Jiráskův Hronov | Foto: Ivo Mičkal

Eliška Toperczerová vom Divadlo Radar in Prag schildert, was ihrer Meinung nach die Amateurbühnen von den professionellen Einrichtungen unterscheidet:

„Der größte Unterschied liegt wohl darin, dass die Laien das Glück haben, Theater aus eigenem Wunsch heraus spielen zu können. Sie machen dies ja in ihrer Freizeit. Bei uns im Theater nehmen wir sogar Mitgliederbeiträge, weil wir zum Kinder- und Jugendhaus des siebten Stadtbezirks gehören. Unsere Mitglieder spielen meist das ganze Leben lang auf der Bühne. Sie beginnen mit vier Jahren und hören bis zum Ende ihres Lebens nicht mehr damit auf.“

Vojtěch Dyk | Foto: Elena Horálková,  Tschechischer Rundfunk

Einige wie eben Martin Pisařík oder auch Vojtěch Dyk im Fall des Divadlo Radar entscheiden sich sogar für eine Karriere als Profi-Schauspieler.

Für Tschechien ist die Tradition des Laientheaters der zehnte Eintrag in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes. Es reiht sich etwa ein neben das tschechische Puppenspiel, die Glasherstellung oder den Tanz Verbuňk aus der Region Slovácko.

Autoren: Till Janzer , Martin Hrnčíř | Quellen: Český rozhlas , ČTK
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