Forschung an der Universität Budweis: Was historische Sargschlüssel über das Erinnern erzählen

Der Schlüssel zum Sarg von Otilie Suk-Dvořák

Forscher von der Südböhmischen Universität in České Budějovice / Budweis beschäftigen sich mit einer ganz besonderen Erinnerungskultur. Weil es früher noch keine Fotos gab, haben Menschen andere Andenken an ihre verstorbenen Angehörigen und Freunde aufbewahrt – zum Beispiel den Schlüssel zum Sarg.

Eva Paulová vom Tschechischen Musikmuseum | Foto: Eva Kézrová,  Tschechischer Rundfunk

Wenn jemand stirbt, bleiben den Hinterbliebenen heute zur Erinnerung eine Menge Fotos oder auch Videoaufnahmen. In früheren Jahrhunderten hingegen bewahrten die Angehörigen als Andenken oft einen Schlüssel zum Sarg des Verstorbenen auf. Und von diesem persönlichen Gegenstand gab es immer nur ein Exemplar.

Im Tschechischen Musikmuseum in Prag kann eine besonders wertvolle Anfertigung besichtigt werden...

„Dies ist das Lederetui, in dem der Bronzeschlüssel zu Paganinis Sarg aufbewahrt wird. Der berühmte tschechische Geiger Jan Kubelík bekam das Stück bei einem Besuch in Italien von Paganinis Enkel Andrea.“

Eva Paulová, Abteilungsleiterin für die Verwaltung und Pflege der Sammlung im Musikmuseum, trägt weiße Stoffhandschuhe. Vorsichtig öffnet sie das Kästchen in ihren Händen, und zum Vorschein kommt ein Schlüssel von etwa zehn Zentimetern Länge. Er ist also gar nicht so klein, wie die tschechische Bezeichnung erwarten lässt. Denn hierzulande wird das Wort „klíček“, also die Verniedlichung von „klíč“, benutzt.

Paganinis Schlüssel | Foto: Eva Kézrová,  Tschechischer Rundfunk

„Dies ist wirklich kein Schlüsselchen. Denn so ein Sarg ist ja auch eine recht große Sache. Der Schlüssel sieht auch ganz normal aus. Allerdings ist ihm ein Gedenkpapier beigelegt“,

schildert Paulová und zitiert die französische Inschrift: „Baron Niccolò Paganini, Träger und Ritter vieler Orden“.

Wurde ein Sarg mit einem Schloss versehen, gab es dazu immer nur einen Schlüssel. Der erste historische Beleg für einen solchen Gegenstand stamme aus der Zeit von Kaiser Ferdinand II. (1578–1637), berichtet Dana Kühnová. Sie ist Mitarbeiterin am Institut der Kunst- und Kulturwissenschaften an der Südböhmischen Universität:

„Wir wissen mit Sicherheit, dass die Habsburger solche Schlüssel besaßen. Durch das Kaisergeschlecht ließen sich dann nach und nach auch die niedrigeren Schichten inspirieren. Wir haben Belege, dass es Schlüssel in Adelsfamilien und auch beim Bürgertum gab. Man kann davon ausgehen, dass das damals eine recht teure Investition war.“

Je nachdem wie reich jemand war oder welche Stellung er in der Gesellschaft hatte, seien die Schlüssel zudem verschieden verziert worden, ergänzt Kühnovás Kollege Peter Demeter:

„Auf dem Schlüsselkopf waren etwa katholische Symbole oder die Initialen eingraviert. Das Etui zierte meist ein Kreuz als vergoldete Gravur, es konnte aber auch eine Grafenkrone sein oder andere Adelssymbole. So lässt sich durch den Schlüssel und das Etui die Person in dem Sarg identifizieren.“

Dana Kühnová und Peter Demeter | Foto: Eva Kézrová,  Tschechischer Rundfunk

Tatsächlich wurde der Sarg mit diesem Schlüssel verriegelt. Offenbar sei es für die Angehörigen ein wichtiges Ritual gewesen, den Sarg – symbolisch und praktisch – abzuschließen, so Demeter. Und zeitgenössische Dokumente belegen, dass dies als pietätvoller angesehen wurde, als Nägel in den Sarg zu schlagen. Weiter schildert Kühnová:

„Das Wichtigste an dem Ganzen war überhaupt, wen der Sterbende dafür auserwählen würde, den Schlüssel an sich zu nehmen. Bei Familienangehörigen war es jemand, der ihm sehr nahe stand und dem er den Gegenstand anvertrauen wollte. Im Falle von gesellschaftlich höhergestellten Persönlichkeiten oder Künstlern konnte das aber auch eine andere vertrauenswürdige Person sein.“

Anzeige der Tischlerei Kristian Risso in Narodni listy vom 6. August 1862,  in der u. a. Schlüssel für Särge angeboten werden | Foto: Tschechische Nationalbibliothek

Mit der Zeit seien Sargschlüssel sogar zu einer Art Modeobjekt geworden, haben die Forscher herausgefunden. Dies folgt etwa aus 200 Jahre alte Werbeanzeigen, die dieses Produkt in tschechischen Zeitungen anpriesen. Sein Zweck lasse sich auch heute noch nachvollziehen, meint Demeter:

„Zusammen mit Fotografien, die von den Toten aufgenommen wurden, oder mit einer abgeschnittenen Haarsträhne war der Schlüssel eine Erinnerung an den Verstorbenen. Genauso wie wir heute Fotos anschauen, hatte der Schlüssel offenbar die gleiche Funktion.“

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen die Sargschlüssel dann wieder aus der Mode. Die tschechischen Forscher sehen dies durch den Ersten Weltkrieg und das Auseinanderfallen der Donaumonarchie begründet und auch durch das Aufkommen von Papierfotos.

Autoren: Daniela Honigmann , Eva Kézrová | Quelle: Český rozhlas
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