Bei den Pygmäen Afrikas: Der Ethnologe Paul Joachim Schebesta

Paul Joachim Schebesta

Er war tschechischer Herkunft, wurde aber in Österreich zum Missionar ausgebildet. Seine Aufgabe sah er jedoch in der Arbeit als Ethnologe. Paul Joachim Schebesta ist durch große Teile Asiens und Afrikas gereist. Dabei verbrachte er viele Jahre bei Pygmäenvölkern und betrieb grundlegende Forschung über sie.

Der Ethnologe Paul Joachim Schebesta, auf Tschechisch Pavel Jáchym Šebesta, begann seine wichtigsten Forschungsreisen erst, als er bereits 42 Jahre alt war. Im Jahr 1929 brach er auf zu den Pygmäen in Zentralafrika.

Paul Joachim Schebesta | Foto: Österreichische Nationalbibliothek,  Wien

Auf insgesamt vier Expeditionen erkundete Schebesta die kleinwüchsigen Völker in diesem Teil der Welt. Dabei lebte er mitten unter ihnen. So konnte er wirklich lernen, sie zu verstehen.

Zu den ethnologischen Forschungen kam Paul Schebesta über seine Tätigkeit als Missionar. Geboren wurde er 1887 in Groß Peterwitz (Polnisch: Pietrowice Wielkie) in Oberschlesien. Obwohl er den größten Teil seiner Studien auf Deutsch verfasste und in Österreich ausgebildet wurde sowie dort tätig war, soll er sich selbst als oberschlesischen Mährer bezeichnet haben. Wie sein Weg zur Ethnologie war, erzählt die Anthropologin Linda Hroníková von der Prager Karlsuniversität. Sie hat sich mit Schebestas Forschungen über die Pygmäen eingehend beschäftigt:

„Aus seinen eigenen Erinnerungen und denen seiner Freunde wissen wir, dass sich Paul Joachim Schebesta schon zu Mittelschulzeiten in seiner Heimatstadt Groß Peterwitz für Folklore interessiert hat. Die Gesellschaft war multikulturell, es lebten dort Polen, Tschechen und Deutsche. Er sammelte Sprichwörter und Märchen. Damit gab er sich aber nicht zufrieden, sondern veröffentlichte alles in einer katholischen Kirchenzeitung im Hultschiner Ländchen. Da er ein sehr begabter Schüler war, ging Schebesta nach seinem Abitur zum Studium nach Mödling nahe Wien. An der dortigen Ordenshochschule St. Gabriel studierte er Theologie und Philosophie.“

Wilhelm Schmidt | Foto: Weltkulturmuseum,  public domain

Unter anderem lernte er bei Wilhelm Schmidt, einem Sprachwissenschaftler, Ethnologen und Historiker. Dieser begründete die „Wiener Schule“ der Kulturkreislehre. Sie wird heute als Rassentheorie angesehen und dementsprechend kritisiert. Laut einigen Experten begann sich Schebesta aber schon im Laufe seiner ersten Reise zu den Pygmäen von der Kulturkreislehre abzuwenden.

In jedem Fall erwarb Paul Joachim Schebesta einen Großteil seiner Fremdsprachenkenntnisse bei Schmidt und wollte diese für seine Arbeit als Missionar nutzen.

„Schebesta promovierte an der Hochschule in Theologie und trat der Gesellschaft des Göttlichen Wortes bei. Dies war eine Ordensgemeinschaft der katholischen Kirche, die sich auf die Missionarstätigkeit in den am schwersten zugänglichen Gegenden der Welt spezialisiert hatte. Das fand Schebesta wohl sehr interessant. Denn gerade Missionare gelangten häufig als Erste an neue Orte“, so Hroníková.

Zeitschrift Anthropos,  Band 1  (1906) | Foto: Anthropos Institute

1911 ging Paul Joachim Schebesta nach Mosambik. Das afrikanische Land war damals eine portugiesische Kolonie. Dann brach der Erste Weltkrieg aus – und Portugal stand an der Seite von Großbritannien und Frankreich, während Österreich-Ungarn ein Verbündeter Deutschlands war. 1916 wurde Schebesta deswegen zusammen mit weiteren Missionaren interniert und nach Lissabon gebracht. Dort beschäftigte er sich weiter mit Sprachen und fremden Kulturen.

1920 kehrte Schebesta nach Mödling zurück und schloss sich der Redaktion von „Anthropos“ an. Es war wieder Wilhelm Schmidt, der diese internationale Zeitschrift für Völkerkunde im Jahr 1906 gegründet hatte. Schebesta bildete sich weiter fort und promovierte 1926 an der Universität in Wien. Und sein ehemaliger Lehrer wurde zu seinem Kollegen und guten Freund. Schmidt überantwortete Schebesta die Forschung zu den Pygmäen. Allerdings wurde der Begriff damals anders ausgelegt als heute. Linda Hroníková:

„Als Pygmäen wurden früher alle kleinwüchsigen Völker bezeichnet, nicht nur jene in Zentralafrika. So kam es, dass Schebestas erste Reisen zu den Pygmäen nach Asien führten. Erst 1929 besuchte er dann die Pygmäenvölker in Afrika. Bis Mitte der 1950er Jahre unternahm er vier Expeditionen zu ihnen.“

Gipsabzüge von Gesichtern und Körpern

Worin sind die Pygmäen aber so besonders? Sie gelten als sehr alte Gruppe von Menschen, bei denen sich ursprüngliche Lebensformen erhalten haben. Vor allem sind sie Jäger und Sammler. Und natürlich zeichnen sie sich auch durch ihre Körpergröße von im Schnitt maximal 1,40 Meter aus sowie durch bestimmte kulturelle Eigenschaften. Zuzana Schierová leitet die anthropologischen Sammlungen der Naturwissenschaftlichen Fakultät an der Prager Karlsuniversität, das sogenannte Hrdlička-Museum des Menschen (Hrdličkovo muzeum člověka). Dort befinden sich Gipsabzüge von Gesichtern und Körperteilen der Pygmäen, die Schebesta bei seinen Expeditionen angefertigt hat...

Zuzana Schierová | Foto: Hrdlička-Museum des Menschen / FB

„Mit diesen Abdrücken von Gesichtern sowie Armen und Beinen, die hier zu sehen sind, wollte Schebesta die ethnischen und kulturellen Spezifika der Pygmäen illustrieren. Auf dem Abdruck von Brust und Oberarm ist eine Narbentätowierung zu sehen, die er einfangen wollte. Bei den Abdrücken von Händen und Füßen fallen die Proportionen auf. Sie erinnern im Vergleich zu einem normalgroßen Europäer eher an die Hände und Füße von Kindern. Bei den Gebissen sticht hervor, dass die oberen Schneidezähne angespitzt sind“, erläutert Schierová.

Aus heutiger Perspektive sind diese Abdrücke eine zweifelhafte Methode, auch weil dahinter die zeitgenössischen Rassetheorien standen. Das Verfahren selbst hatte Schebesta beim Anthropologen Aleš Hrdlička in Prag gelernt. Bei seiner zweiten Reise in den Dschungel von Belgisch Kongo in den Jahren 1934 und 1935 fertigte Paul Joachim Schebesta insgesamt 120 Abdrücke an. Zudem machte sich der Ethnologe detaillierte Notizen und sammelte viele Gegenstände. Um seine Gipsabzüge machen zu können, musste Schebesta aber erst einmal das Vertrauen der Indigenen gewinnen. Wie Linda Hroníková schildert, hatte der Wissenschaftler ein großes Charisma und konnte Menschen leicht für sich gewinnen. Und weiter:

Sammlung über Pygmäen im Hrdlička-Museum des Menschen | Foto: Martina Otčenášková,  Tschechischer Rundfunk

„Aber es spielten noch weitere Faktoren eine Rolle. Er stellte sich beispielsweise nicht über die Pygmäen, wie das einige andere Missionare, Reisende oder Ethnologen taten. Sondern er pflegte aufrichtige Beziehungen zu ihnen, was sie sicher gemerkt haben. Er interessierte sich wirklich für sie und wollte ihnen helfen – und zwar nicht nur darin, das Wort Gottes zu finden, sondern in ihrem Alltag. Der Westen hatte einiges zu bieten, wie etwa Medikamente. Wenn also gesundheitliche Probleme auftraten, half Schebesta, was die Sympathien noch einmal erhöhte.“

Zudem kam dem Missionar seine Sprachbegabung zugute...

„Ihm gelang es, auch einige Sprachen der Pygmäen zu lernen. Denn sie sprechen nicht nur ein Idiom, sondern mehrere unterschiedliche. Das öffnete ihm die Herzen der Pygmäen“, so Hroníková.

Nicht zuletzt aber bestach der Ethnologe die indigenen Bewohner auch einfach mit billigen Geschenken, um an seine Abdrücke zu kommen.

Paul Joachim Schebesta | Foto repro:  Pavel Šebesta,  Sína Lvová,  “Mezi nejmenšími lidmi světa” / Mladá fronta

Bei den Bambuti am Fluss Ituri

Trotz solch bedenklichen Vorgehens knüpfte der Forscher besonders mit dem Stamm der Bambuti am Fluss Ituri freundschaftliche Beziehungen. Von ihnen erhielt er sogar den Titel „Baba wa Bambuti“, das bedeutet „Vater der Bambuti“. Und er nannte sie seine „Onkel und Tanten“, was wiederum die Bambuti stolz machte.

Foto: AbeBooks

Gerade die Angehörigen dieses Stammes begleitete Schebesta zu ihren Jagden und Sammlertouren, und er brachte auch viel Zeit in ihren Lagern zu. So wurde er zum wohl besten Kenner dieser indigenen Völker des zentralafrikanischen Urwaldes – zumindest in seiner Zeit. Sein Wissen gab er in vielen Dutzenden Zeitschriftenartikeln und in zahlreichen Büchern weiter. Eines heißt „Die Bambuti-Pygmäen vom Ituri“ und erschien nach der zweiten Reise. Im ersten Teil des zweiten Bandes geht es um die Wirtschaft dieses Stammes. Schebesta beschreibt dabei, wie die Frauen am Vormittag losziehen und in Begleitung der Kinder fünf bis sechs Stunden im Urwald nach Essbarem suchen. Unter anderem schreibt er:

„Auf solchen Waldzügen sammelt die Frau auch animalische Nahrungsmittel; alle irgendwie essbaren Kleintiere wie Schnecken, Larven, Schlangen wandern in den Rückenkorb. Diese Dinge werden aber nicht wahllos zwischen die Vegetabilien gesteckt, sondern jeweils in Tüten aus Kerenu- oder Duru-Blättern gewickelt und im Korb verstaut. Die Raupen, die, wie schon erwähnt, nestartig um den Stamm oder um einen Baumast dicht aneinandergelagert sitzen, werden in Körbchen abgestreift, mit Blättern zugedeckt und heimgetragen. Frauen erklettern nicht selten selbst höhere Bäume, um dieser kostbaren Beute habhaft zu werden.“

Angehörige der Bambuti | Foto: e-Sbírky,  Národní muzeum - Náprstkovo muzeum,  CC BY 4.0

Diese wie andere Bücher verfasste Schebesta auf Deutsch. Aber er brachte auch tschechische Ausgaben heraus. Allerdings hatte der Ethnologe mit der Schriftsprache so seine Mühe, da er in Kindertagen selbst eher den mährischen Dialekt seiner Heimat gelernt hatte. Und weiter Zuzana Schierová:

„Schebesta arbeitete immer mit jemandem zusammen, der ihm bis zu einem gewissen Grad dabei half, sein Tschechisch für den Leser angenehmer zu machen.“

Bei seiner letzten Reise in den zentralafrikanischen Urwald – in den Jahren 1954 und 1955 – beschäftigte sich der Ethnologe unter anderem mit den Sprachen der Pygmäen. Seine Erkenntnis war, dass keines der Völker mehr seine ursprüngliche Sprache spreche.

Zwölf Jahre nach dieser Expedition – also 1967 – starb Paul Joachim Schebesta in Mödling an den Folgen eines Herzinfarkts. So blieb sein letztes Buch unvollendet. Begraben ist er auf dem Klosterfriedhof in der Stadt bei Wien.

Anthropologin Linda Hroníková | Foto: YouTube / Fakultät für Geisteswissenschaften,  Karlsuniversität

In den vergangenen 60 Jahren hat sich die ethnologische oder anthropologische Feldforschung stark verändert. Inzwischen wird eher mit Genanalysen nach der Herkunft und Verwandtschaft von Volksgruppen gefragt. Dennoch sagt Linda Hroníková, dass niemand, der sich heutzutage mit den Pygmäen beschäftige, an Paul Joachim Schebesta vorbeikomme:

„Die Informationen, die er zusammengetragen hat, gleichen einer Zeitreise. Denn die Pygmäen leben heute meist nicht mehr auf traditionelle Weise. Schebesta gelangte damals noch an Orte, wo die Menschen noch nie einen Weißen gesehen hatten. Er zeichnete ihre Tänze auf, ihre Mythologie und ihre Sprachen. Das alles schilderte er in seinen Büchern und Zeitschriftenartikeln. Es ist ein Schatz, auf den die heutige Anthropologie ohne Schebesta nicht zurückgreifen könnte.“

Außerdem machte er rund 900 Fotos und nahm 3000 Meter Filmmaterial auf.

Autoren: Till Janzer , Kateřina Havlíková | Quelle: Český rozhlas
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