„Königreich der Seifenblasen“: Film schildert Geschichte der Aussiger Unternehmerfamilie Schicht

Königreich der Seifenblasen

„Království mýdlových bublin“ („Königreich der Seifenblasen“) – so heißt ein neuer Dokumentarfilm, der die bewegte Geschichte der Familie Schicht aus Ústí nad Labem / Aussig erzählt. Diese begründete einst ein bedeutendes Unternehmen, das sich vor allem durch seine Seifen weltweit einen Ruf machte – bis die Mitglieder der Familie nach 1945 aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden. Vergangene Woche hatte der Film in Prag Premiere.

Johann Schicht und seine Familie wohnten nach der Gründung der Fabrik in dem ursprünglichen Verwaltungsgebäude in Střekov,  Ústí nad Labem | Foto: Gabriela Hauptvogelová,  Tschechischer Rundfunk

Die Unternehmerfamilie Schicht hatte einst in Böhmen einen ähnlichen Ruf wie die Firmendynastien Škoda oder Baťa. Der Konzern war vor allem im Seifenbusiness tätig – und verkaufte seine Pflegeprodukte auf der ganzen Welt. Die Geschichte der Schichts reicht zurück ins Jahr 1848, als Georg Schicht das Unternehmen begründete – damals noch in der nordböhmischen Gemeinde Rynoltice / Ringelshain. Später wurde der Firmensitz nach Aussig verlegt. Die Rohstoffe für die Seifenproduktion wurden Ende des 19. Jahrhunderts direkt aus Afrika dorthin verschifft. Im Laufe der Geschichte wuchs die Firma zum größten chemischen Betrieb Europas an und produzierte nicht nur Seife, sondern etwa auch 90 Prozent des Speisefetts in Österreich-Ungarn.

Foto: Martina Schneibergová

1929 gründeten die Schichts gemeinsam mit mehreren anderen Unternehmen das Konglomerat Unilever. Das ist heute einer der größten Hersteller von Verbrauchsgütern weltweit. Die Firmengeschichte der Schichts endete jedoch abrupt nach dem Zweiten Weltkrieg. Denn die Familie war deutschsprachig und wurde so wie Millionen andere Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei vertrieben.

Dieses bewegte Schicksal und seine Auswirkungen auf die Nachfahren sind nun das Thema eines neuen Dokumentarfilms. Er trägt den Namen „Království mýdlových bublin“ („Königreich der Seifenblasen“). Taťána Marková ist die Regisseurin des Films. Im Interview für Radio Prag International schilderte sie, wie es zur Idee für das Projekt kam.

Königreich der Seifenblasen | Foto: Krutón

„Bei der Arbeit an meinem vorhergehenden Film bin ich das erste Mal auf die Geschichte der Familie Schicht aufmerksam geworden. Ich habe nämlich Constantin Werner getroffen. Er lebt in Amerika und hat einen Spielfilm über die böhmische Fürstin Libuše gedreht. Mich hat interessiert, was ihn mit Böhmen verbindet. Und zum Dreh brachte er ein Werbeschild der Seife mit dem Hirsch mit. Die kennen heute alle in Tschechien. Kaum jemand kennt aber das ganze Schicksal der Familie Schicht, das hinter dieser Marke steht.“

Marková ließ die Geschichte nicht mehr los. Und ihr war klar, dass sie auf das Material für einen Film gestoßen war. Um sich weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen, fuhr die Regisseurin 2018 nach Nordböhmen.

Martin Krsek und Taťána Marková | Foto: Elena Horálková,  Tschechischer Rundfunk

„Ich habe eine Ausstellung des ‚Schicht-Epos‘ in Ústí nad Labem besucht. Kuratiert wurde sie von Martin Krsek. Er ist Historiker im dortigen Regionalmuseum und mittlerweile auch Senator. In meinem Film übernimmt er die Rolle eines Fremdenführers, der durch Ústí auf den Spuren der Familie Schicht führt.“

Zu sehen sind dabei unter anderem die einstigen Werkshallen, die heute ein trauriges Dasein fristen und verlassen sind. Gedreht wurde allerdings nicht nur in Ústí nad Labem. Denn in dem Dokumentarfilm kommen auch die Nachfahren der Unternehmerdynastie zu Wort – und die leben heute in aller Welt verstreut.

Königreich der Seifenblasen | Foto: Krutón

„Wir haben in Brasilien, in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich gedreht. Die österreichischen Aufnahmen sind am Ende aber nicht im Film gelandet“, sagt Marková. Die geschichtlichen Ausführungen und die Schilderungen der Nachfahren sind gekonnt durch historische Filmaufnahmen ergänzt, die die Unternehmerfamilie Schicht einst selbst anfertigen ließ. Zumeist handelt es sich dabei um Reklamefilme.

„Die Schichts veranstalteten im damaligen Aussig die erste Vorführung eines Tonfilms in der Tschechoslowakei. Sie glaubten an die Zukunft dieses Mediums und daran, dass sie damit ihre Produkte bewerben können. Das war im Übrigen nicht nur Seife, sondern etwa auch das Fett Ceres und die Kosmetikmarke Elida. Die Schichts unterstützten neben dem Tonfilm noch andere innovative Erfindungen wie die Luftfahrt und weitere technische Entwicklungen. Die Werbung war bei all dem sehr wichtig. Deshalb brachten sie den amerikanischen Reklamestil nach Europa und waren auch die ersten, die hierzulande Billboards verwendeten.“

Martin Krsek und das Modell einer Seife von Schicht | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Die ikonische Seife mit dem Hirschsymbol wird bis heute in Tschechien produziert, wenngleich die Marke „Jelen“ (Hirsch) keine Verbindung mehr zur Familie Schicht hat. Ihr Dokumentarfilm richte sich an alle, die mehr über die bewegte Geschichte dieser Marke erfahren wollen, sagt Marková und fügt hinzu:

„Ich denke, es ist wichtig, die eigene Geschichte zu kennen. Und die Geschichte der Deutschböhmen ist noch nicht so weit aufgearbeitet, wie das der Fall sein sollte. Es gab Bestrebungen, den Namen Schicht für immer vergessen zu machen. Dieser Film richtet sich an diejenigen, die mehr über all das erfahren wollen und die der Beitrag der Deutschböhmen zur Industrie der Zwischenkriegszeit interessiert.“

Einstige Familienvilla heute in den Händen der Nachfahren

Königreich der Seifenblasen | Foto: Krutón

Die feierliche Premiere von „Königreich der Seifenblasen“ fand vergangene Woche in Prag statt. Zugegen war dabei auch eine der Protagonistinnen des Films, Leonore Novotny-Schicht. Sie ist eine der Nachfahren der berühmten Unternehmerdynastie aus Aussig. Im Interview für Radio Prag International schilderte sie vor der Filmvorführung zunächst die genauen Familienverhältnisse:

Königreich der Seifenblasen | Foto: Krutón

„Am besten fange ich ganz oben an, sonst werde ich verwirrt. Es gab den Georg Schicht, das ist gewissermaßen der Obervater von allen. Sein Sohn Johann ging nach Ústí nad Labem, beziehungsweise Aussig, und gründete dort die Schichtwerke. Er hielt die Lage an der Elbe für günstig für einen Industriebetrieb. Johann hatte neun Kinder, einer seiner Söhne heiratete Martha. Die beiden ließen das Haus in Ústí nad Labem bauen, das auch im Film zu sehen ist. Ihr Sohn Heinrich ist mein Großvater. Er heiratete Eleonora Schicht, was ja auch mein Name ist. Deren gemeinsamer Sohn Hans Heinrich Schicht war mein Vater. Georg Schicht war also ungefähr mein Urururgroßvater.“

Foto: Martina Schneibergová

Wann haben Sie erfahren, dass Sie aus einer so bedeutenden Familie stammen? War das schon in Ihrer Kindheit ein Thema?

„Ja, wir wussten schon als Kinder, dass wir früher Seifenproduzenten waren und dass es einen Zusammenhang mit Unilever gibt. Und ich wusste auch, dass mein Vater ein Flüchtling war. In meiner Pubertät, als ich 13 oder 14 Jahre alt war, kam das erste Mal das Tagebuch meiner Großmutter in meine Hände. Sie beschreibt darin unter anderem die Flucht. Ihre Aufzeichnungen werden auch im Film erwähnt.“

Haben Sie heute auch Kontakt zu anderen Nachfahren der Familie Schicht?

Königreich der Seifenblasen | Foto: Krutón

„Wir hatten vor allem Kontakt mit unseren näheren Verwandten, zum Beispiel mit den Cousins ersten und zweiten Grades. Die Familie ist wahnsinnig groß und auf dem ganzen Globus verteilt. Es gab früher Schicht-Tage, an denen viele der Nachfahren zusammenkamen. Zum Teil waren 100 Leute dabei. Ich habe diese Veranstaltungen aber verpasst, weil ich selbst lange im Ausland gelebt habe.“

Sie haben bereits gesagt, dass die Mitglieder der Familie heute in aller Welt leben. Wo wohnen Sie?

„Ich lebe – ganz banal – in Zürich. Das ist einer der Orte, an dem die Schichts früher bereits Geschäftsaktivitäten hatten. Nach der Flucht sind Heinrich und Martha Schicht in die Schweiz gekommen und waren lange in Chur. Meine Großmutter Eleonore wohnte in Zürich. Mein Großvater war im Krieg gefallen.“

Sie sind selbst in dem Film zu sehen. Warum haben Sie sich entschieden, bei dem Projekt mitzumachen?

Königreich der Seifenblasen | Foto: Krutón

„Ich wurde angefragt und bin meistens ein Ja-Sager und denke mir: Warum auch nicht?“

Wie war das für Sie zu wissen, dass da ein großer Film entsteht, der in Kinos läuft, bei dem Sie nicht nur mitgemacht haben, sondern der auch die Geschichte Ihrer Familie behandelt?

„Es ist ja ein Dokumentarfilm. Und ob es ein ‚großer Film‘ wird, wissen wir noch nicht. Wir hatten immer das Gefühl, dass sich sowieso niemand für unsere Familiengeschichte interessiert und dass es wahrscheinlich kein Blockbuster werden wird. Für mich war das Projekt allerdings auch spannend, weil ich im Zuge dessen viele Dinge wieder ausgegraben und aus dem Gedächtnis geholt habe. Und interessant war auch, dass die Leute vom Museum in Ústí viel mehr über die Familie wussten als ich. Ich konnte viel von ihnen lernen.“

Foto: Martina Schneibergová

In dem Film ist auch eine Villa zu sehen, die von der Familie Schicht gebaut wurde. Sie wurde vor einigen Jahren von den Nachfahren gekauft. Was ist die Geschichte dieser Villa, und wie ist der Stand dort derzeit?

Königreich der Seifenblasen | Foto: Krutón

„Ich gehöre zu den Leuten, die die Villa gekauft haben. Sie wurde von Martha und Heinrich gebaut, die dort zusammen unter anderem mit meiner Großmutter lebten. Mein Vater war in der Villa, bis er acht war. Auch sein Bruder Volker und seine Schwester Bettina lebten dort. Es gibt also eine enge Beziehung zu diesem Ort. Mein Vater erzählte manchmal Geschichten, wie er die Weihnachtskarpfen in der Badewanne gewässert hat und mit ihnen schwimmen ging. Später war die Villa in kommunistischen Händen. Sie gehörte zur Universität und wurde als Bürogebäude genutzt. 1992 gingen mein Mann und ich erstmals dort hin. Wir durften uns das Haus anschauen, zumindest einen Teil davon. 2018 waren wir dann in Ústí und bekamen eine Führung durch die Villa, die damals schon verlassen war. Als sie auf den Markt kam, dachten wir uns: Warum auch nicht? Alleine hätte das niemand von uns gewagt, aber ein paar Mitglieder der Familie taten sich zusammen und erstanden schließlich das Haus. Nun versuchen wir, etwas Gescheites daraus zu machen.“

Haben Sie schon konkrete Ideen, wohin der Weg gehen soll?

Königreich der Seifenblasen | Foto: Krutón

„Konkrete noch nicht. Aber es gibt erste Überlegungen. Für uns ist wichtig, dass etwas entsteht, das am Ende selbsttragend ist und wie von selbst funktioniert. Denn keiner von uns wohnt in Ústí, und wir können auch kein Tschechisch – zumindest noch nicht. Aber wir finden, dass es ein großes, schönes und repräsentatives Gebäude ist. Und unser Vorfahr Johann Schicht hat sehr viel für die Gemeinschaft in Ústí gemacht. Er ließ dort ein Schwimmbad errichten, schaute, dass die Arbeiter anständige Wohnhäuser hatten. Es wäre also schön, nun wieder etwas zu schaffen, das der Gemeinschaft in Ústí einen Mehrwert bietet. Aber in welche Richtung es genau gehen soll, wissen wir noch nicht.“

Villa Schicht in Ústí nad Labem-Vaňov | Foto: Archiv des Amtes für die Vertretung des Staates in Eigentumsfragen

In jedem Fall ist das ein aufregendes und spannendes Projekt, für das ich Ihnen die Daumen drücke. Und für Sie persönlich ist es ja vielleicht auch ein Anlass, öfter nach Tschechien zu reisen. Oder sind Sie ohnehin öfter im Land?

„Interessanterweise habe ich einen Tschechen geheiratet.“

Das erklärt Ihren Nachnamen, Novotny-Schicht…

„Genau. Eigentlich müsste es ja ‚Novotná‘ heißen. Wir sind ein paar Mal gemeinsam nach Tschechien gefahren, deshalb war ich auch 1992 hier. Seit wir das Projekt machen, macht mein Mann immer Witze, dass ich mehr in Tschechien bin als er. Wir versuchen, alle drei Monate hierherzukommen. Wenn man solch ein Projekt hat, kann man nicht alles aus der Ferne steuern. Man muss auch vor Ort sein, mit den Leuten sprechen und Netzwerke aufbauen.“

„Königreich der Seifenblasen“ – Vorführtermine

09.02., 19 Uhr – Ústí nad Labem, Veřejný sál Hraničář

10.02., 17 Uhr – Letohrad, Dům kultury

11.02., 17.45 Uhr – Prag, Kino Atlas

14.02., 17.15 Uhr – Prag, Kino Atlas

17.02., 18.15 Uhr – Prag, Kino Atlas

25.03., 18.00 Uhr – Ústí nad Orlicí, Malá scéna

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