Tschechische Grenzregionen: Wer pendelt zur Arbeit nach Deutschland und warum?
Menschen, die ganz im Westen und Norden Tschechiens leben, haben oft die Wahl, einen Beruf in Tschechien für weniger Geld oder in Deutschland für mehr Geld auszuüben. Um die Vorteile des Arbeitsmarktes im Nachbarland zu nutzen, muss man aber mobil sein und einen höheren Zeitwaufwand in Kauf nehmen. Für viele Bewohner der Kreise Karlovy Vary / Karlsbad oder auch Ústí nad Labem ist die tägliche Fahrt über die Grenze normal. Aber wer pendelt eigentlich? Und welche Auswirkungen hat dies auf ihre Heimatregionen in Tschechien? Dazu forschen Wissenschaftler an tschechischen Universitäten.
„Schauen wir uns das Beispiel Aš an: Dort sind es rund 30 Prozent der wirtschaftlich aktiven Menschen, die nach Deutschland zum Arbeiten pendeln. Und dies ist natürlich nicht die einzige Stadt in Tschechien. In dem Falle ist es aber so, dass die Grenze wirklich sehr nah ist.“
Tatsächlich sind es nur zwei Kilometer Landstraße, die vom Stadtrand in Aš zum nächsten Grenzübergang im bayerischen Neuhausen führt. Darum sei Pendeln für die Tschechen in dieser Gegend etwas ganz Normales, sagt Daniel Bečvár. Er macht nicht nur gerade seinen Doktor in Geografie an der Westböhmischen Universität in Plzeň / Pilsen, sondern beschäftigt sich auch mit den sozioökonomischen Fragen des Kurbäderbetriebs rund um Karlsbad.
Dieser Kreis ist nur einer von fünf in Tschechien, die an Deutschland grenzen. Und je näher die Menschen an dieser wohnen, desto weiter reicht der potentielle Arbeitsmarkt auch in das Nachbarland hinein. Anja Decker interessiert sich gerade für solche ländlichen Räume und Peripherien. Am Soziologischen Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften forscht sie zu den Lebensqualitäten sowie zur Frage sozialer und räumlicher Benachteiligung. Zum Thema Pendeln erläutert sie:
„Innerhalb der Regionen gibt es sehr große Unterschiede. Wir haben die Daten aus dem Zensus genommen und uns angeschaut, wie viele Menschen als Wohnort einen der grenznahen Kreise angeben – also zum Beispiel Pilsen, Karlsbad oder Ústí nad Labem – und als Arbeitsort Deutschland. Und das sind gar nicht so viele. 2,9 Prozent aller dieser Erwerbstätigen pendeln nach Deutschland aus. Das ist erst einmal sehr wenig. Aber wenn wir das regional betrachten und Aš als den Spitzenreiter, dann gibt es auch noch andere Gemeinden, für die ähnlich hohe Zahlenordnungen gelten.“
Und der Trend verstärkt sich. Der Vergleich der Jahre 2011 und 2021 weise auf eine hohe Dynamik hin, fährt Decker fort:
„In diesen zehn Jahren gab es im Kreis Karlsbad ein Plus von 400 Prozent und in den beiden Kreisen Pilsen und Usti ein Plus von jeweils rund 200 Prozent. Dies ist also tatsächlich ein Phänomen, das sehr gewachsen ist. Ich kann jetzt nicht sagen, wie es in der Zukunft weitergeht. Aber es ist auf jeden Fall ein Thema, das für viele Menschen auch deswegen interessant ist, weil sie sehen, dass sich da etwas verändert.“
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Was sich kaum verändert, ist hingegen die Tatsache, dass das Lohnniveau in Deutschland höher ist als in Tschechien. Man könne mit niedrigqualifizierter Arbeit im Nachbarland mehr Geld verdienen, als in einem qualifizierten Job in der hiesigen Heimatregion, konstatiert Decker. In zahlreichen Gesprächen mit den Bewohnern der tschechischen Grenzgebiete hat die Soziologin herausgefunden, dass es nicht eventuell fehlende Jobangebote im eigenen Land seien, die die Menschen über die Grenze pendeln lassen…
„Mein Eindruck aus diesen Gesprächen ist, dass die Motivation wirklich ökonomisch ist. Andere Themen wie Spracherwerb oder eine höhere Qualifizierung, also Karriereaussichten, spielen da eine untergeordnete Rolle. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand betont hätte, seine oder ihre Motivation zum Pendeln nach Deutschland sei es, Deutsch zu lernen. Eher geht es wirklich um ein höheres Gehalt. Es wird immer wieder darüber gesprochen, wie groß die Gehaltsunterschiede zwischen der tschechischen und der deutschen Seite sind.“
Pflegeaufgaben sind mit Pendeln nicht vereinbar
Nicht jeder, der gern zur Arbeit über die Grenze pendeln würde, könne dies auch tun, konstatieren die beiden Wissenschaftler im Interview für Radio Prag International. Denn obwohl diese Möglichkeit grundsätzlich als Bereicherung für das Leben in der Grenzregion angesehen werde, seien sich die dortigen Bewohner auch der Nachteile bewusst, wirft Bečvár ein. Dazu gehört vor allem ein hoher Zeitaufwand. Morgens und nachmittags längere Fahrten mit dem Auto zu absolvieren, ist seltener möglich für Menschen, die zu Hause Pflege- und Erziehungsaufgaben haben. Dies sei ein Grund dafür, warum die Gruppe der Pendler große geschlechtsspezifische Unterschiede aufweise, so Anja Decker:
„Männer arbeiten vor allen Dingen in manuellen Berufen. Sie sind zum Beispiel Montagearbeiter, Bauarbeiter oder auch Berufskraftfahrer. Bei Frauen ist vor allen Dingen der Service- und Pflegebereich ganz stark. Als Beispiele könnte man den Reinigungsdienst nennen. Oder sie arbeiten als Haushaltshilfen, in der Gastronomie und natürlich in der Pflege. Aber man muss auch sagen, dass es ebenfalls viele Montagearbeiterinnen gibt. Gerade im Grenzgebiet – und das gilt wohl für beide Seiten der Grenze – entstehen viele Industriearbeitsplätze in Fabriken, die im Schichtsystem funktionieren und auch Frauen viele Arbeitsmöglichkeiten bieten.“
Auch hier stelle sich jedoch die Frage nach der Flexibilität, fügt Decker hinzu. Wer etwa Kinder zu erziehen hat, könne oft keinen Arbeitsplatz mit Schichtarbeit annehmen. Da die Arbeitstaufeilung in den Familien immer noch stark geschlechtsspezifisch sei, betreffe diese Einschränkung zumeist Frauen, so die Soziologin.
Dies dürfte ein Grund sein, warum Arbeiten hinter der tschechischen Grenze vor allem ein männliches Phänomen ist. Decker berichtet, dass die größte Gruppe unter den tschechischen Pendlern Männer zwischen 40 und 49 Jahren bilden, nämlich knapp 37 Prozent. Und außerdem seien wesentlich mehr verheiratete oder geschiedene Männer darunter als ledige. Daniel Bečvár hat eine Erklärung:
„In diesem Alter macht sich oft ein finanzieller Mangel bemerkbar, weil die Kinder langsam groß werden. Sie brauchen zwar nicht mehr die grundlegende tägliche Betreuung, aber trotzdem muss man sich noch um sie kümmern. In der heutigen Gesellschaft ist es weiterhin so, dass dies die Frauen übernehmen – also sind es die Männer, die arbeiten gehen oder auch pendeln können. Das passiert oft in der Altersspanne von 40 bis 49 Jahren, weil die Kinder schon größer sind und das eben seine finanziellen Auswirkungen hat. Es wird mehr Geld gebraucht. Und darum sind die Pendler gar nicht so häufig junge Leute, wie wir es wohl erwarten würden, sondern eher Menschen mittleren Alters.“
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Seine Forschungen in Aš und Umgebung hätten weiterhin ergeben, dass die Arbeitsmöglichkeit jenseits der Grenze für die Bewohner schon so normal sei, dass sie gar nicht mehr nur als Vorteil gelte. Die meisten Pendler würden sie nur als etwas Vorübergehendes betrachten. Und Anja Decker beschreibt noch eine weitere Wahrnehmung:
„Einerseits gibt es diesen Diskurs, pendeln zu müssen. Jemandem bleibt nichts anderes übrig, weil das Gehalt zu gering ist. Oder es ist auch eine Sache der persönlichen Würde, dass man nicht unter quasi ausbeuterischen Bedingungen arbeiten möchte. Vor allem im Kreis Karlsbad haben wir festgestellt, dass die Gehälter in Regionen, die sehr weit von den Industriegebieten entfernt liegen, teilweise sehr gering sind. Da ist Pendeln eine Art widerständige Strategie. Andererseits haben wir auch festgestellt, dass dieses Pendelnkönnen durchaus die Gefahr bringt, dass Leute abgewertet werden, die das nicht machen. Pendeln wurde oft dargestellt als ein Beweis einer proaktiven Einstellung. Überspitzt gesagt habe ich mehrmnals gehört: ‚Wer nicht faul ist, der arbeitet in Deutschland.‘“
Dies seien allerdings erste, nicht-repräsentative Beobachtungen, fügt die Soziologin hinzu – mit dem Hinweis, dass dazu noch mehr Forschung nötig sei.
Das Geld kommt nicht nach Tschechien
Wozu es jedoch schon Zahlen gibt, sind einige negative Effekte, die das Wegpendeln der Bewohner für die Heimatregion hat. Zwar senke dies die dortige Arbeitslosenquote, aber der Infrastruktur tue es nicht unbedingt gut, schildert Bečvár:
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„Nach Deutschland pendeln Menschen sowohl mit niedriger als auch mit höherer Qualifikation und auch jene, die Ambitionen auf ein eigenes Unternehmen haben. Darum beobachten wir in Aš eine sehr geringe Bereitschaft, dort eine Geschäftsidee umzusetzen und Firmen zu gründen. Die Zahl der Gaststätten ist zum Beispiel sehr niedrig angesichts dessen, dass die Stadt mit 12.000 Einwohnern schon eine gewisse Größe hat. Damit gehört sie fast zu den 100 größten Städten in Tschechien, das ist nicht zu unterschätzen.“
Zudem komme das Geld, das in Deutschland verdient werde, nicht den Dienstleistern in der Heimatregion zugute, fährt der Geograf fort. Dies liege an den stark eingeschränkten zeitlichen Möglichkeiten der Pendler:
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„Neben der Tatsache, dass diese Menschen ihre Besorgungen teilweise in Deutschland machen, spielen auch Onlinekäufe und überhaupt die verringerte Nutzung von Läden eine große Rolle. Dies ist ein Grund, warum in Aš keine neuen Geschäfte aufmachen und alte schließen. Wenn die Leute einen etwas weiteren Arbeitsweg haben, dann kehren sie erst abends nach Aš zurück. Dazwischen müssen sie noch die Kinder abholen und ähnliches. Also schaffen sie es nicht mehr, den örtlichen Friseur, die Cafés oder andere Dienstleistungen zu nutzen – so wie es Leute können, die nicht pendeln und mehr Zeit haben.“
So hat die Bewegungsfreiheit und freie Jobwahl innerhalb der EU also nicht nur positive Auswirkungen für Tschechien. Immerhin ist eine offene Grenze heute aber Normalität. Dabei kennt ein großer Teil der Bevölkerung sowohl Tschechiens als auch Deutschlands den Eisernen Vorhang noch aus eigener Erinnerung. Zu diesem Aspekt des Pendelns merkt Anja Decker abschließend an:
„Die Grenze wird dadurch bewusster. Und was vor allen Dingen bewusster wird, sind die extrem großen Unterschiede und das Gefälle in den Einkommen, also in der sozialen Lage innerhalb Europas. An der bayerisch-tschechischen Grenze ist der Unterschied noch stärker als zwischen Sachsen und Tschechien. Dies ist einfach ein Beispiel für die riesigen sozialen und ökonomischen Unterschiede im europäischen Raum. Und da ist noch ganz viel zu tun.“
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