Sinkende Geburtenrate: Tschechiens demografische Pyramide gleicht einer Urne

Im vergangenen Jahr ist die Geburtenrate in Tschechien auf ein historisches Tief gesunken. Manche Experten schlagen Alarm, dass sich das demografische Gefüge der Gesellschaft ungünstig verschiebe, der Staat darauf aber nicht vorbereitet sei. Warum entscheiden sich junge Menschen hierzulande immer seltener, Kinder zu bekommen? Und wie steht Tschechien dabei im internationalen Vergleich da?

Eva Waldaufová | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

Es ist noch keine 20 Jahre her, da war Tschechien einer der demografischen Spitzenreiter in Europa. 2008 wurden hierzulande fast 120.000 Kinder geboren. Im vergangenen Jahr waren es den vorläufigen Schätzungen zufolge nur 77.000. Eva Waldaufová vom Lehrstuhl für Demografie und Geodemografie an der Prager Karlsuniversität kommentierte diesen Trend in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:

„Im natürlichen Bevölkerungsaustausch sterben wir schon seit mehreren Jahren aus. Etwas ermutigend ist jedoch, dass die Mehrheit der Tschechen weiterhin Kinder haben will. Ein idealer Durchschnittswert ist für sie 2,1 Kinder pro Frau. Wenn es also gelingen würde, einfach nur umzusetzen, was sich die Menschen wünschen, dann wäre die Population gerettet. Die realen Familienplanungen liegen allerdings auf einem niedrigeren Niveau.“

Der Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit ist in Tschechien tatsächlich ziemlich groß. Denn zuletzt wurde im Jahr 2024 statistisch erhoben, dass hierzulande nur 1,37 Kinder pro Frau zur Welt kamen.

Foto: Tschechisches Statistikamt

Dabei gebe es gar nicht so viele junge Menschen, die überhaupt keine Kinder wollen, merkt Waldaufová an. Mit ihren Kollegen hat sie die Studie „Současná česká rodina“ (Die tschechische Familie von heute) erstellt, und demnach wollen nur sechs Prozent der Frauen unter 30 Jahren ausdrücklich nicht schwanger werden. Trotzdem sinkt die Zahl der Geburten hierzulande dramatisch. Dies liege daran, so die Demografin, dass eine Familiengründung heutzutage lediglich als eine Wahloption angesehen werde:

„Für die jungen Generationen ist die Elternschaft heute nicht mehr das Kriterium für ein erfülltes Leben. Das ist ein großer Unterschied zu den älteren Menschen. Ein Kind zu haben, ist nur eine von mehreren Möglichkeiten. Und wenn es dazu nicht kommt, dann ist das für die jungen Leute kein Versagen. Sie können sich im Leben auch anders verwirklichen. Kinder sind keine Pflicht.“

Zwischen zwei Extremen

Die Geburtenrate lag in der Tschechischen Republik noch nie auf dem Ideal von mehr als zwei Kindern pro Frau. In den letzten fünf Jahren allerdings ist ein rapider Rückgang zu beobachten – ausgehend vom Höchstwert 1,83 Kindern pro Frau, gemessen 2021, bis auf rund 1,3 heute. Ähnliche Trends sind weltweit in den entwickelten Ländern zu beobachten, und das sogar schon wesentlich länger. Tschechien reihe sich erst jetzt in die Staaten mit rückläufigen Statistiken ein, betont Jiřina Kocourková, die den Lehrstuhl leitet, an dem auch Waldaufová tätig ist:

Jiřina Kocourková | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

„Die meisten westeuropäischen Staaten erlebten schon nach der Wirtschaftskrise 2012 einen Geburtenrückgang. Tschechien hob sich damals hervor, weil es von der Krise nicht so stark betroffen war und immer noch ein Konjunkturwachstum verzeichnen konnte. In der Zeit vor der Corona-Pandemie gab es hier, anders als in Westeuropa, noch gute Bedingungen für eine Familiengründung. Die politischen Maßnahmen führten zum Beispiel zu einer Flexibilisierung der Elternzeit. Es wurde also mehr Aufmerksamkeit auf ein gutes Zusammenspiel von Arbeit und Familie gelenkt. Der Umschwung bei den Geburtenzahlen kam bei uns erst mit großer Verspätung an und wurde durch einen echten Aufprall hervorgerufen, nämlich durch die Corona-Pandemie. Und nicht nur dadurch. Wir wurden Zeugen einer Mehrfachkrise, die sich in Tschechien am dramatischsten zeigte – sei es im Bereich Energiepreise, Inflation oder Sicherheit. Wir bewegen uns hierzulande also zwischen den Extremen.“

Illustrationsfoto: Candid_Shots,  Pixabay,  Pixabay License

Und das nur innerhalb von fünf Jahren. Plötzlich platziert sich Tschechien beim Tempo des Geburtenrückgangs weltweit an fünfter und europaweit an dritter Stelle. Im Unterschied zu den Menschen, die um den kleinen Babyboom 2008 herum Eltern geworden sind, hätten die jungen Leute in Tschechien heute keine positive Zukunftsvision mehr, erläutert Kocourková. Zu dieser allgemeinen Unsicherheit trügen vor allem der Klimawandel, aber etwa auch der Krieg in der Ukraine bei.

Als Folge dessen würden viele potentielle Eltern das Kinderkriegen aufschieben, sagt Eva Waldaufová. Sie fügt hinzu, dass auch die Politik in Tschechien derzeit wenig für junge Familien tue:

„Eine große Rolle spielen die wirtschaftlichen Unsicherheiten. Man kann zwar nicht alles darauf schieben, aber es ist wirklich sehr schwer für junge Menschen, sich abzusichern. Eine Wohnungskrise etwa gibt es irgendwie immer. Jetzt hat sie sich aber so verändert, dass in Tschechien kaum noch günstige Wohnungen für junge Familien vorhanden sind. Zugleich wird betont, man müsse seine eigene Immobilie haben. Da geraten die Dinge also aneinander. Wir wollen Wohneigentum und verstehen es als Voraussetzung dafür, um Kinder zu bekommen. Es gibt jedoch keine günstigen Wohnungen.“

Die jungen Generationen in Tschechien würden unter einer hohen Erwartungshaltung aufwachsen, ergänzt Waldaufová und bestätigt aus eigener Erfahrung, dass sie einen großen gesellschaftlichen Druck verspüre. Kinder sollten demnach erst geboren werden, wenn die künftigen Eltern fertig studiert und schon eine gewisse Karriere aufgebaut haben. Es werde suggeriert, so die Demografin, dass vorher nicht der richtige Zeitpunkt sei. Dies sieht auch Jiřina Kocourková so:

Illustrationsfoto: Pixabay,  Pixabay License

„Immer mehr jungen Menschen richten sich danach aus, dass sie auf das Kinderkriegen perfekt vorbereitet sein müssen – also eine feste Wohnung und ein sicheres Einkommen brauchen. Das gesellschaftliche System zwingt sie dazu. Denn es macht sie dafür verantwortlich, Kinder erst zu bekommen, wenn die Umstände stimmen. Ich weiß nicht, ob dies nicht gerade der Stein des Anstoßes ist – dass hierzulande extrem darauf geachtet wird, ausreichend gut vorbereitet zu sein. Also ein Auto zu haben und eine Wohnung, psychisch bereit zu sein und auch den richtigen Partner zu haben. Das Kind ist dann das Sahnehäubchen auf der Torte.“

Noch eine Generation zuvor sei eine Geburt einfacher in das laufende Leben integriert worden, fügt die Uniprofessorin hinzu. Und auch Eva Waldaufová spricht davon, dass Kinderkriegen früher viel intuitiver passiert sei.

Illustrationsfoto: Pexels,  Pixabay,  CC0 1.0 DEED

Beide Wissenschaftlerinnen nennen die sozialen Medien als starken neuen Faktor, der die heutigen Einstellungen junger Menschen in Tschechien beeinflusse. Waldaufová schildert:

„Man spricht etwa von dem Trend der intensiven Elternschaft. Er ist überall um uns herum zu beobachten, und die sozialen Netzwerke verstärken dies noch. Was heißt es eigentlich, gute Eltern zu sein? Wieviel Zeit sollte man mit dem Kind verbringen? Man sollte alle möglichen Freizeitangebote bezahlen und ständig zur Verfügung stehen. Dies deckt sich dann aber nicht mit der Realität, in der ein Kind zu einem sehr teuren Projekt wird.“

Die Gesellschaft altert von unten

Junge Menschen in Tschechien fühlen sich in ihrem Wunsch, Kinder großzuziehen, von der Politik und nicht selten auch von der Gesellschaft alleingelassen, konstatieren die Demografinnen der Karlsuniversität. Dabei liege ein Positivtrend bei der Fortpflanzung doch im öffentlichen Interesse, unterstreicht Jiřina Kocourková:

„Wir sollten uns darüber klar werden, dass eine rückläufige Geburtenrate, die hierzulande gerade dramatisch ist, das Problem der demografischen Alterung beschleunigt. Dieser Vorgang ist das Ergebnis von zwei Phänomenen: einerseits der Verlängerung der durchschnittlichen Lebenserwartung, was positiv ist, und andererseits eben des Geburtenrückgangs. Wir sprechen dabei von einer Alterung vom unteren Ende der Pyramide her. Und wenn der Negativtrend sich noch beschleunigt, wird dies immer dringendere Bedürfnisse hervorrufen. Die Generationspyramide sieht bei uns schon gar nicht mehr wie eine Pyramide aus, sondern erweckt den Eindruck einer Urne.“

Das ist durchaus bezeichnend. Laut den Prognosen wird Tschechien in den Jahren 2035 bis 2040 einen bisher nicht gekannten Zuwachs an Senioren im Alter von 80 Jahren plus erleben. Die zunehmenden Bedürfnisse, von denen Kocourková spricht, beziehen sich vor allem auf Gesundheits- und Pflegedienste. Es braucht mehr Krankenhausbetten, mobiles Pflegepersonal – und vor allem mehr Geld, um dies alles zu finanzieren.

Tschechien stehe bezüglich der Gesundheitspolitik und Vorsorge im europäischen Vergleich eher schlecht da, informiert Kocourková. Ihr ist eine gewisse Frustration anzumerken:

„Die demografische Wissenschaft arbeitet mit Zahlen und hat Instrumente, um vorauszusagen, was geschehen wird. Die Politiker hören allerdings oft nicht darauf und reflektieren dies nicht. Häufig wird uns vorgeworfen, dass wir sie nicht gewarnt hätten. Das haben wir aber. Es ist vielmehr so, dass die Politik sich auf kurzfristige Angelegenheiten konzentriert. Die demografischen Trends sind jedoch eine langfristige Angelegenheit. Niemand will sich aber zukünftigen Fragen mit einem langen Vorlauf widmen, denn damit sind keine schnellen Punkte für die politische Leistung zu gewinnen.“

Der Journalist und Kommentator David Klimeš fasste dies alles in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks mit sehr deutlichen Worten zusammen:

David Klimeš | Foto: Kateřina Cibulka,  Tschechischer Rundfunk

„Es ist ein doppelter Betrug. Oder man kann auch von zwei Lügen sprechen. Einmal sagt man den Menschen im aktiven Alter, dass sie noch nicht ausreichend vorbereitet seien und einem Kind noch nicht ausreichend Sicherheit geben könnten – darum sollten sie es aufschieben. Dann kommen die Menschen aber ins Rentenalter und werden Opfer der zweiten Lüge – dass nämlich ab dem Alter von 65 nun die Ruhe einkehre. Die nächsten 20 oder mehr Jahre werde nun der Staat sponsern, jetzt komme also die Erholung. Tatsächlich kann das so sein. Aber die Zahl der Senioren, die sich schon jetzt ohne Zuverdienst ihre 20 Jahre Ruhestand gönnen und für Wohnen sowie Verpflegung problemlos aufkommen können, ist gering.“

Wie zum Beispiel in den skandinavischen Ländern auch, müssten sich in Tschechien die meisten Menschen im Rentenalter etwas hinzuverdienen, wenn sie ein glückliches Leben führen wollten, hebt Klimeš hervor.

Letztlich könnte der allgemeine Geburtenrückgang immerhin in globaler Hinsicht als positiv bewertet werden – wird doch oft von Überbevölkerung gesprochen, weil die menschliche Population rasant zunimmt. Aber auch dazu positioniert sich Demografin Jiřina Kocourková skeptisch:

„Mit Blick auf die weltweite Bevölkerungsentwicklung werden auch solche Fragen an uns gerichtet. Aber regional gesehen ist der Negativtrend eine Bedrohung. Sogar der Anteil der europäischen Bevölkerung geht zurück und liegt inzwischen bei acht bis neun Prozent in der Welt. Dadurch werden wir immer abhängiger von Migration, etwa auf dem Arbeitsmarkt. Regional müssen demografische Probleme also anders betrachtet werden als global.“

Autor: Daniela Honigmann | Quelle: Český rozhlas
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