Zwei Weltpremieren im Prager Nationaltheater: Choreografien von Goecke und Bondara

Tereza Podařilová, Anna Inchausti und Christian Flori (4 Seasons)

Ein Tanzabend mit dem Titel „Avant-Garde“ wurde am Donnerstag im Prager Nationaltheater uraufgeführt. Zwei der drei Choreografien des Ballettabends – die eine von Robert Bondara und die andere von Marco Goecke – erlebten in Prag die Weltpremiere. Martina Schneibergová hat während der Generalprobe mit dem Chef des Ballettensembles des Nationaltheaters, Filip Barankiewicz, mit dem deutschen Choreografen, Marco Goecke, und mit dem Ballettsolisten Paul Irmatov gesprochen. Die Interviews hören Sie im folgenden Kultursalon.

Herr Barankiewicz, was haben die drei Stücke, die unter dem Titel „Avant-Garde“ aufgeführt werden, gemeinsam?

Filip Barankiewicz | Foto: Michael Erhart,  Tschechischer Rundfunk

„Es sind die Kreation ,4 Seasons‘ von Robert Bondara, Jiří Kyliáns Choreografie ,27‘52‘‘ und die ,Lovebirds‘ von Marco Goecke. Das, was sie gemeinsam haben, ist die Frage der Immortalität. Mit dem Leben und dem Tod befasste sich Jiří Kylián in seinen Stücken schon immer. Auch Robert Bondara geht in seiner Choreografie darauf ein, dass wir irgendwann aus dieser Welt verschwinden. Ich denke, das ist das verbindende Thema. Die drei Stücke zusammenzustellen und sie an einem Abend aufzuführen, war meine Idee. Ich bin sehr begeistert, denn damit hat sich mein Traum erfüllt. Ich wollte schon in meiner ersten Spielzeit im Prager Nationaltheater – 2017/2018 – eine Choreografie von Marco Goecke haben. Damals hat das nicht funktioniert. Jetzt bin ich froh. Ich glaube, dass wir als Tanzensemble damals darauf noch nicht vorbereitet waren.“

Ein Stück von Marco Goecke wurde im Nationaltheater vor etwa drei Jahren aufgeführt. Dieses war jedoch nicht speziell für Prag kreiert worden…

Nana Nakagawa  (4 Seasons) | Foto: Serghei Gherciu,  Nationaltheater Prag

„Genau. Ich bin begeistert, dass es nun mit einer Choreografie für unser Ensemble geklappt hat.“

Der erste Teil des Tanzabends stammt vom international anerkannten polnischen Choreograf Robert Bondara. Kennen Sie ihn schon länger persönlich?

„Ja, ich kenne ihn persönlich. Ich habe seine Arbeit verfolgt und verschiedene seiner Stücke gesehen, zuletzt sein ,Rite of Spring‘ in Chemnitz. Ich habe ihn gefragt, ob er Lust hätte, etwas für uns zu machen.“

Marco Piraino  (4 Seasons) | Foto: Serghei Gherciu,  Nationaltheater Prag

Wie entsteht ein Stück, das speziell für eine konkrete Ballettkompanie kreiert wird?

„Jeder Choreograf unterscheidet sich ein bisschen von seinen Kollegen. Robert war sehr gut vorbereitet. Er wusste ganz genau, was er machen möchte. Marco ist erstmal angereist und hat Gespräche mit den Tänzern geführt, um sie kennenzulernen.“

War die Bühne des Nationaltheaters die erste Wahl für den Ballettabend?

Marco Piraino  (4 Seasons) | Foto: Serghei Gherciu,  Nationaltheater Prag

„Es war logistisch kompliziert. Das Orchester sollte dabei sein. Im Gespräch mit den beiden Choreografen einigten wir uns auf die Musik, die gespielt wird. Für das erste Stück ,Vier Jahreszeiten‘ wird Vivaldis Musik genutzt, die von Max Richter neu interpretiert wurde. Dafür muss das Orchester schon eine spezielle Qualität haben. Ich wollte, dass der Ballettabend in diesem Theater und mit diesem Orchester stattfindet.“

Denken Sie vielleicht daran, „Avant-Garde“ auch im Ausland auf einer Tournee aufzuführen?

„Momentan ist es so, dass wir bis 2027/2028 so viel zu tun und so viele Anfragen haben, dass wir nicht alle wahrnehmen können. Im Augenblick muss ich spontan sagen, ich weiß es noch nicht.“

Natsuki Nishiyama und Nana Nakagawa  (4 Seasons) | Foto: Serghei Gherciu,  Nationaltheater Prag

Herr Goecke, in Prag findet nun die Weltpremiere des Stücks „Lovebirds“ statt, das Sie speziell für das Ensemble des Nationaltheaters kreiert haben. Wie entstand die Idee?

Marco Goecke | Foto: Profimedia

„Normalerweise wird man angefragt, ein Stück zu machen. Und in Prag ist ja schon ein älteres Stück von mir aufgeführt worden. Filip Barankiewicz hat mich gefragt, ob ich etwas Neues mache, und da habe ich zugesagt. Und das war gut so.“

Es gilt sozusagen als Ihre choreografische Handschrift, dass Sie den Oberkörper sehr betonen, die Bewegungen von Armen und Händen. Wie entwickelte sich diese „Handschrift“?

Kristýna Němečková und Marco Piraino  (Lovebirds) | Foto: Serghei Gherciu,  Nationaltheater Prag

„Ich glaube, dass man, wenn man sich im Leben trifft, erst einmal mit dem Gesicht, mit den Händen und mit dem Oberkörper kommuniziert – mehr als mit den Beinen. Natürlich ist es im klassischen Ballett und in vielen anderen Tanzrichtungen so, dass die Beine eine große Rolle spielen. Für mich ist das nicht weit weg, weil ich ja auch Balletttänzer war. Die Beine haben in meinen Stücken eine Rolle, aber sie sind nicht im Vordergrund. Ich glaube, was Kommunikation und das Sich-Begegnen angeht, hat das immer irgendetwas mit dem oberen Teil der Körpers zu tun.“

Die Verbindung der Musik von Bohuslav Martinů mit James Browns Melodien finde ich gelungen, die Musikstücke ergänzen sich gegenseitig überraschend gut. Wie kamen Sie auf diese besondere Kombination?

Sami Gossart  (Lovebirds) | Foto: Serghei Gherciu,  Nationaltheater Prag

„Ich glaube auch, dass die Kombination gut ist. So etwas ist immer ein Risiko, weil wir Live-Musik haben, aber auch Musik vom Band. Das ist nie ganz einfach, es gibt immer einen Bruch. Es ist auch mutig, so etwas zu brechen – die Orchestermusik und dann auch etwas vom Band einzuspielen. Da steckt natürlich die Hoffnung drin, dass es sich ergänzt, und dass es verschiedene Schichten gibt. James Brown ist zunächst unerwartet an so einem Abend. Aber er hat sicherlich seine Berechtigung in so einem Stück und mit der Live-Musik zusammen. Diese Art Brüche finde ich interessant. Sie sind aber schwierig zu machen und auch immer mit einem Risiko verbunden.“

Marco Piraino und Kristýna Němečková  (Lovebirds) | Foto: Serghei Gherciu,  Nationaltheater Prag

Inwieweit ist es für Sie wichtig, die Mitglieder des Ensembles kennenzulernen?

„Das ist sehr wichtig. Einige von ihnen haben schon ein Stück von mir hier getanzt. Das neue Stück ist nicht kurz. Ich war acht Wochen hier. Es geht immer darum, den Tänzern nahe zu kommen, um überhaupt ein Stück einzustudieren. Ich würde sagen, erst jetzt, wenn man sich wirklich kennt, wäre die Zeit, ein Stück zu machen. Das ist immer so.“

Entwickelt sich das Stück während der Arbeit, verwandelt sich die Choreografie?

„Meine Stücke haben nie nur etwas mit der Fantasie der Schönheit zu tun, die ausschließt, was auf der Welt gerade relevant ist.“

„Ich komme meistens ohne eine Idee. Ich habe die Musik und dann meine kleine Notizen, die ich über Wochen oder Tage mache, was mir so einfällt. Das ist immer ein Spiegel der Zeit, in der ich mich befinde und in der wir uns alle befinden. Es ist auch ein Spiegel dessen, wo sich die Welt gerade befindet. Das kann man nicht ausschließen. Meine Stücke haben nie nur etwas mit der Fantasie der Schönheit zu tun, die ausschließt, was auf der Welt gerade relevant ist. So entwickelt sich ein Stück aus der Zeit, die ich mit den Menschen verbringe – und nicht als Idee, die ich vorher habe. Die habe ich nicht. Es entwickelt sich von Tag zu Tag. Das ist mühsam, intuitiv und dadurch auch sehr anstrengend, weil ich keinem Plan folge.“

Wenn Sie das Werk mit einem anderen Ensemble kreieren, sieht es also anders aus?

Die Kunst sollte doch ein Angebot sein, etwas zu fühlen.

„Jeder Abend sieht anders aus, weil wir keine Filme machen, sondern Live-Performance. Wenn man so etwas an eine andere Tanzkompanie gibt, ist es zwar möglich, aber es muss genauso wachsen wie ein neues Stück. Klar, man hat eine Grundlage, weil man das Stück kennt. Man kann es mit anderen Leuten einstudieren. Ich glaube nicht, dass Kunst ein Dogma sein sollte. Ich gehe nicht auf die Bühne und sage: So ist das. Es gibt sicherlich Choreografen, die das tun. Obwohl ich eine strikte Form und einen Rahmen verfolge, in dem alles stattfindet, ist das nur ein Angebot an Menschen, die etwas empfinden oder aber nichts empfinden. Erklärungen sind schwierig. Natürlich leben wir von klein auf so, dass wir alles erklärt haben möchten. Wir möchten auch alles verstehen. Was aber in der Kunst unbedingt wegfallen muss, ist das Verstehen. Verstehen tue ich die Nachrichten im Fernsehen, oder ich verstehe, wie mein Konto aussieht. Das muss ich verstehen. Aber die Kunst sollte doch ein Angebot sein, etwas zu fühlen. Wenn man nichts fühlt, ist es auch gut. Aber es gibt viele Leute, die eben etwas fühlen. Und ich mache das für diese Menschen,  um ihnen mit der Arbeit zu begegnen.“

Kristýna Němečková und Marco Piraino  (Lovebirds) | Foto: Serghei Gherciu,  Nationaltheater Prag

Wie fanden Sie die Zusammenarbeit mit dem Ballettensemble und auch mit dem Orchester des Prager Nationaltheaters?

„Was auf der Bühne geschieht, ist oft weit weg von dem, was im Orchester geschieht. Es sind leider immer noch zwei Welten, in denen die Kommunikation nicht immer einfach ist. Mit den Tänzern war alles perfekt. Erst habe ich natürlich gedacht, es sei eine sehr klassische Ballettkompanie. Dabei bedeutet es meistens mehr Arbeit, weil sie doch auch Repertoire tanzt, die meinem nicht so nahe sind. Aber in diesem Fall können die Tänzer alles. Vor zehn, fünfzehn Jahren war das vielleicht noch schwieriger. Die Tänzer wissen nun durch die sozialen Medien und durch mehr Kenntnisse, was relevant ist. Diese Art von Tänzern wie hier kann alles tanzen.“


Herr Irmatov, Sie tanzen in zwei Choreografien, die beim Tanzabend „Avant-Garde“ aufgeführt werden. Zuerst treten Sie im Stück „27‘52‘“ von Jiří Kylián auf. Wie ist Ihre Erfahrung mit Werken von diesem legendären tschechischen Choreografen?

Paul Irmatov | Foto: aus dem Archiv von Martina Schneibergová

„Ich habe schon mit Jiří Kylián gearbeitet und in einigen Stücken von ihm getanzt. Er ist, denke ich, ein sehr starker Künstler und sehr schlauer Mensch und weiß wirklich immer, was er macht.“

Sie tanzen zudem in dem neuen Stück von Marco Goecke, das er speziell für Prag kreiert hat. Haben Sie in seinem Werk getanzt, das vor etwa drei Jahren im Nationaltheater aufgeführt wurde?

„Ja, ich habe das erste Solo in ,Fly Paper Bird‘ getanzt. Das was meine erste Erfahrung mit einer Choreografie von Marco Goecke.“

Marco Goecke betont in seinen Stücken stark den Oberkörper. Ist dies etwas Spezielles?

„Ja, es ist definitiv etwas Anderes. Der Oberkörper ist für das Tanzen sowieso mit das Wichtigste. Er ist das, worauf das Publikum eigentlich schaut. Der Choreograf hat es geschafft, dass man die ganzen Emotionen am Oberkörper ablesen kann. Marco Goecke ist ein erfahrener Choreograf. Bei seiner Ankunft sagte er, er wisse nicht, wer wir sind, und müsse uns erst einmal kennenlernen. Es ist schon genial, dass er uns während dieser Zeit, in der er hier war, so lesen konnte, dass er aus uns – aus dem rohen Stoff, der wir sind – ein Riesenstück machen konnte. Ich finde, es ist ein sehr schönes Stück geworden, und es wird dem Publikum hundertprozentig gefallen.“

Die zweite Premiere des Ballettabends „Avant-Garde“ mit Choreografien von Robert Bondara, Jiří Kylián und Marco Goecke findet am Freitag, 13. März, im Prager Nationaltheater statt. Die Vorstellung beginnt um 19 Uhr. Es gibt noch Restkarten. Reprisen finden am 15. und 21. März sowie am 21., 23. und 25. Mai statt.

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