Wo Bücher erstmals in Regale gestellt wurden: Die Lokschan-Bibliothek auf Schloss Březnice

Lokschan-Bibliothek auf Schloss Březnice

Für viele Adelsfamilien gehörte eine Bibliothek im eigenen Schloss zum guten Ruf. Heute sind solche Sammlungen für Touristen vor allem wegen der räumlichen Gestaltung interessant. Durch diese sticht auch die älteste Schlossbibliothek in Tschechien hervor – die Lokschan-Bibliothek (Lokšanská knihovna) auf Schloss Březnice.

Schloss Březnice | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Der eigentliche Schatz von Schloss Březnice ist im Turm untergebracht. Aber das Anwesen, das unweit von Příbram liegt und heute im Renaissance-Stil gestaltet ist, bietet dem Besucher zunächst eine interessante Geschichte...

„Die ältesten Nachrichten gehen auf die Mitte des 13. Jahrhunderts zurück. Damals entstanden hier an der Handelsroute Goldener Steig, die Passau mit Prag und den nördlichen Ländern wie Preußen verband, eine Siedlung und eine Festungsanlage. Sie gehörten dem Geschlecht der Buzic.“

Jan Hus | Quelle: public domain

So weiß es Robert Barták zu berichten, der Kastellan von Schloss Březnice. Bis Ende des 14. Jahrhunderts hätten die Buzic-Nachkommen vor Ort gelebt, dann sei der Sitz an die Familie Zmrzlík gegangen:

„Peter Zmrzlík von Schweißing war zu Herrschaftszeiten von Wenzel IV. der höchste Münzmeister des Königreichs Böhmen. Das Schloss blieb das gesamte 15. Jahrhundert über im Besitz dieser Familie. Peter Zmrzlík war ein Freund von Jan Hus. Und interessant ist, dass Hus ihm einen Tag vor seinem Tod am 5. Juli 1415 aus Konstanz zum Abschied noch einen Brief geschrieben hat.“

Lokschan-Bibliothek auf Schloss Březnice | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Somit gibt es in Březnice also eine Spur, die zu der Verbrennung des Predigers Hus als Märtyrer auf dem Scheiterhaufen in Konstanz führt. Bei den anschließenden Hussitenkriegen in Böhmen wurde auch das Schloss der Zmrzlíks in Mitleidenschaft gezogen und brannte mehrfach aus. Darauf folgte eine kurze Episode im Besitz der Familie Malovec von Chýnov, die jedoch wegen politischer Unliebsamkeit durch Befehl des Habsburgerkönigs Ferdinand I. enteignet wurden. Weiter schildert Barták:

Robert Barták | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Damals kam das Anwesen in den Besitz der loyalen Adelsfamilie Lokschan. Georg Lokschan war ein bedeutender böhmischer Adliger in Diensten des Habsburger Hofes. Als Vizekanzler der Böhmischen Hofkanzlei in Wien hatte er eine sehr hohe Regierungsfunktion inne. Er kaufte Ferdinand I. das Schloss Březnice ab. Danach kam es in der bisher gotischen Festungsanlage zu den ersten wichtigen Umbauten im Stile der Renaissance. Der dreistöckige Turm wurde gebaut, und darin entstand die berühmte Schlossbibliothek, die den Namen Lokschans trägt und heute die älteste in ganz Tschechien ist.“

Reich verzierter Bibliotheksraum

Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Um die Lokschan-Bibliothek zu besichtigen, muss man sich in Březnice also in den Schlossturm begeben. Sie befindet sich in einem einzigen Raum, der 1558 eingerichtet wurde. Sind die beiden Bücherschränke geschlossen, verbergen sie ihren literarischen Schatz und wirken wie Wände. Öffnet man ihre Türen jedoch, präsentiert sich dem Besucher quasi die Ur-Bibliothek Tschechiens. Kastellan Barták erläutert:

Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Es ist belegt, dass hier das erste Mal überhaupt Bücher in Schränke und Regale gestellt wurden. Das war bis dahin nicht so. Zuvor dienten Truhen zur Lagerung von Dingen und Gegenständen, einschließlich von Geschirr, Bekleidung und Büchern. In Březnice gab es erstmals Bücherregale, die auch bis heute erhalten sind. Ihre Echtheit beweisen etwa die Malereien. Die Bemalung der Wände geht in jene auf der Oberfläche der Bücherschränke über.“

Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Der gesamte Raum ist reich dekoriert. Besonders schön ist die bunt gestaltete Balkendecke. Die Wände und die beiden Schränke sind vorrangig in grünen Farbtönen verziert und zeigen Blätter- und Pflanzenmotive.

Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

„Die Bibliothek ist auch deshalb einzigartig, weil die ursprüngliche Form des Raums aus der Renaissance erhalten ist. Er wurde nie umgestaltet oder übermalt. Früher hatte er große Bedeutung wegen seines historischen Bücherbestands, der sich einst hier befand. Es handelte sich um wertvolle mittelalterliche Handschriften und Erstdrucke, die zum Goldenen Fonds des tschechischen Literaturerbes gehören. Jetzt werden sie in der Abteilung für Schlossbibliotheken im Prager Nationalmuseum aufbewahrt.“

Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Denn die Schlosseigentümer schenkten die Büchersammlung im 19. Jahrhundert dem neugegründeten Nationalmuseum. Zu der Zeit residierte in Březnice schon lange nicht mehr die Familie Lokschan. Die Enkel von Bibliotheksgründer Georg stellten sich zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges auf die Seite der Stände, die die Habsburger-Monarchie bekämpften. Nach der Schlacht am Weißen Berg mussten sie emigrieren, und Březnice wurde 1623 konfisziert. In der Schlosshistorie wechselten sich im Folgenden mehrere Adelsgeschlechter als Eigentümer ab, bis es 1945 zur Verstaatlichung kam.

Lokschan-Bibliothek auf Schloss Březnice | Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Das 20. Jahrhundert gut überstanden

Schloss Březnice | Foto: Natalie Máchová,  Tschechischer Rundfunk

Zum neuen Verwalter wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Nationalausschuss der Stadt Březnice. Er ordnete die Unterbringung der Exponate des Heimatmuseums im Schloss an. Dadurch war die Anlage für die Öffentlichkeit zugänglich, und ihr blieb ein ähnliches Schicksal erspart, wie es viele frühere Herrensitze zu sozialistischen Zeiten erlebten. Weiter referiert Robert Barták:

Schloss Březnice | Foto: Natalie Máchová,  Tschechischer Rundfunk

„Trotzdem wurde sich nicht besonders sorgfältig um die Anlage gekümmert, denn nicht das gesamte Schloss gehörte zum Museum. Auch mehrere Büroräume wurden hier eingerichtet sowie Klassenräume der Grundschule und der Musikschule. Das Anwesen wurde in den 1950er und 1960er Jahren sehr vernachlässigt und praktisch verwüstet, und um den Park sorgte sich auch niemand. Ein Teich wurde als städtische Müllhalde genutzt, der Umgang war also nicht besonders gut. Allerdings wurde das Schloss nicht geplündert. Dadurch blieb die ursprüngliche Ausstattung erhalten, die die Adelsfamilien hier über die Jahrhunderte angesammelt hatten.“

Schloss Březnice | Foto: Natalie Máchová,  Tschechischer Rundfunk

Noch in den 1980er Jahren wurde der Schlossturm restauriert. Nach der politischen Wende bekam die Anlage dann ein neues Dach, und die Ausbesserungsarbeiten an Außenmauern und Parkanlage gehen bis heute weiter.

Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

So wird auch die älteste Schlossbibliothek Tschechiens in restauriertem Zustand präsentiert. Heute beherbergen die beiden altehrwürdigen Bücherschränke 300 Bände, etwa 5700 weitere historische Bücher sind in anderen Räumen des Anwesens untergebraucht. Sie bilden die gesamte Sammlung des Adelsgeschlechts Schlik und sind eine Leihgabe des Schlosses Kopidlno.

Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Bisher kämen nicht viele ausländische Touristen nach Březnice, um die bedeutsame Bibliothek zu besichtigen, räumt Kastellan Barták ein:

„Das bewegt sich im einstelligen Prozentbereich unserer gesamten Besucherzahlen. Aber vor allen in den Sommermonaten schauen auch Menschen aus anderen Ländern vorbei. Wir befinden uns ja auf der Strecke von Pilsen und Westböhmen nach Südböhmen, also nach Tábor oder Budweis. Die Autobahn führt hier entlang. Und im Umfeld gibt es Campingplätze und Ferienlager.“

Foto: Barbora Navrátilová,  Radio Prague International

Und das ist nicht der einzige Tipp, den Robert Barták für potentielle Besucher hat. Auch die Schlossanlage selbst halte noch mehr bereit:

„Wir bieten hier eine besondere Besichtigungstour an, die wir ‚Renaissance zum Anfassen‘ nennen. Diese wichtigste Epoche für Schloss Březnice wird dabei in eher ungewohnter Weise präsentiert. Wir haben versucht, dem Rundgang eine andere, unterhaltsamere Form zu geben. Es ist ein audiovisuelles, interaktives Erlebnis mit der Möglichkeit, den Bauverlauf des Schlosses durch eine holografische Darstellung mitzuverfolgen. Außerdem gibt es Filme zu historischen Ereignissen auf dem Schloss, wie etwa der geheimen Liebesgeschichte zwischen Erzherzog Ferdinand und Philippine Welser.“

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