Schule schwänzen: Ein wachsendes Problem in Tschechien?
In Tschechien bleiben immer mehr Heranwachsende dem Schulunterricht fern. Was sind die Gründe für das Phänomen? Und wie reagieren die Bildungseinrichtungen darauf?
Oftmals würden Kinder schwänzen, deren Eltern hinsichtlich der Bildung ihres Nachwuchses nicht sonderlich motiviert seien, sagt Marie Gottfriedová. Sie ist die Direktorin einer Grundschule im nordböhmischen Trmice. Dort kommt es der Schulleiterin zufolge vor allem in den höheren Jahrgängen vor, dass die Jugendlichen dem Unterricht fernbleiben. Die Gründe dafür seien häufig komplex, sagt Gottfriedová und nennt einige Beispiele:
„Es kommt vor, dass ein Erstklässler nicht in der Schule erscheint, weil seine Mutter nachts arbeitet und deshalb am Morgen verschläft. In kinderreichen Familien kann es auch passieren, dass sich ein älteres Kind um sein jüngeres Geschwisterkind kümmert, während die Mutter mit einem anderen zum Arzt geht.“
In solchen Fällen würden die Kinder oft entschuldigt werden, sagt Gottfriedová. Komme es allerdings zu einer auffälligen Häufung, würde der Klassenlehrer die Eltern zu einem Gespräch einladen.
„Wenn sich die Lage nicht verbessert, finden weitere Treffen statt, an denen dann auch ich als Schulleiterin teilnehme. Wir versuchen dabei, die wirklichen Gründe für das Fernbleiben vom Unterricht herauszufinden.“
Dass das Schulschwänzen in Tschechien zunehmend um sich greift, bestätigt Anna Brzybohatá, Sprecherin der tschechischen Schulinspektion:
„Im Schuljahr 2020/21 waren 42 Prozent der Grundschulen betroffen. Drei Jahre später waren es 55,5 Prozent. Bei den Mittelschulen melden bereits seit Längerem rund 60 Prozent der Einrichtungen, dass das Schwänzen bei ihnen ein Problem darstellt.“
Statt repressiver Maßnahmen ist laut Brzybohatá am wichtigsten, gefährdete Schüler rechtzeitig zu identifizieren und den Nachwuchs zum Lernen zu motivieren. Ondřej Macura, Sprecher des Bildungsministeriums, betont zudem, dass die Direktoren auch weitere Stellen einbinden sollten, wenn es zum Schwänzen komme.
„In erster Reihe sollte man sich an den Träger der Schule wenden, also an die Gemeinde oder den Stadtteil. Das Wegbleiben vom Unterricht wird standardmäßig auch dem Jugendamt gemeldet. Zudem können noch weitere Organisationen eingeschaltet werden, die sich um die Menschen vor Ort kümmern.“
Eine solche Organisation, die in Prag aktiv ist, nennt sich „Beztíže“. Lucie Hrušková leitet deren Streetwork-Programme:
„Die Schulen vermitteln uns in der Regel einen konkreten Schüler. Unser Angebot ist freiwillig. Wenn Interesse besteht, nehmen wir Kontakt mit dem Betroffenen auf. Wir versuchen, seiner Geschichte auf den Grund zu gehen und herauszufinden, was hinter schlechten Noten oder dem Schwänzen steckt.“
An Beztíže können sich dabei nicht nur die Schulen wenden, sondern auch Eltern sowie die Kinder und Jugendlichen selbst. Im Rahmen der Arbeit mit den Heranwachsenden sucht die Organisation zudem innerhalb der jeweiligen Familien nach Unterstützung und lädt manchmal etwa die Großmütter der Schüler ein. Laut Lucie Hrušková sind die Gründe für das Schulschwänzen nicht selten psychische Probleme.
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