Als öffentlicher Lesesaal gegründet: Die Alte Bibliothek im Erzbischöflichen Schloss von Kroměříž
Schon Ende des 17. Jahrhunderts hatten die Menschen in Ostmähren die Möglichkeit, eine öffentliche Bibliothek zu nutzen. Die bis heute erhaltene Büchersammlung im Erzbischöflichen Schloss von Kroměříž / Kremsier war in der tschechischen Geschichte nämlich eine der ersten, die für die Bevölkerung zugänglich war. Und heute hat das Schloss sogar Unesco-Status.
Wer Kroměříž hört, denkt vermutlich zuerst an den wunderbaren Blumengarten. Nicht nur dieser, sondern auch der Erzbischöfliche Palast im Stadtzentrum steht seit 1998 auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes. Touristenführer Tomáš Kočař lädt in einen ganz besonderen Raum des Schlosses ein:
„Wir befinden uns in der Alten Bibliothek des Erzbischöflichen Schlosses von Kroměříž. Sie war eine der ersten öffentlichen Bibliotheken in den Böhmischen Ländern und wurde noch bis 1950 ausgeweitet. Dies alles fand auf Wunsch ihres Gründers, Karl II. von Liechtenstein-Kastelkorn, statt. Er hatte sie 1694 angelegt, und heute zählt sie zu den größten und bedeutendsten Büchersammlungen Tschechiens.“
Karl II. von Liechtenstein-Kastelkorn war ab 1664 Bischof von Olomouc / Olmütz. Die Schlossbibliothek gründete er ein Jahr vor seinem Ableben. Bis dahin hatte er bereits den Umbau des früheren Burggebäudes initiiert, das im Dreißigjährigen Krieg schwer beschädigt worden war. Dadurch erhielt es seinen barocken Charakter, mit dem es heute noch besticht. Kočař hebt die weiteren Besonderheiten der ehemaligen Adelsresidenz hervor:
„Zum Schloss gehören unbedingt die berühmten Gärten. Die Anlage direkt hinter dem Gebäude hat Kroměříž in ganz Mähren berühmt gemacht, weil dort Orangen angebaut wurden. Der Palast ist in Tschechien, aber auch weltweit bekannt, weil wir hier das wertvolle Tizian-Gemälde ‚Die Häutung des Marsyas‘ haben. Außerdem ist das Bild ‚David mit dem Haupt Goliaths‘ von Artemisia Gentileschi zu sehen, das zweitberühmteste Werk hier im Schloss.“
Der Palast hat vier Büchersäle. Zwei bilden die Alte Bibliothek, ein weiterer die Neue Bibliothek. Ein vierter, modernerer Raum wird Tresorbibliothek genannt und präsentiert den Besuchern zudem eine umfangreiche Münzsammlung. Des Weiteren gibt es noch die sogenannte Waldbibliothek, die jedoch zur Forstverwaltung gehört und nicht öffentlich zugänglich ist.
Němcovás „Babička“, der Koran und ein Sakramentar
In der Schlossbibliothek von Kroměříž sind insgesamt rund 90.000 Bücher untergebracht. Etwa 25.000 Bände sind in den beiden historischen Sälen zu sehen. Sie gehören zu den typischen Wissenschaften der frühen Neuzeit, vor allem zur Theologie und zur Rechtswissenschaft, aber auch zu Geschichte oder Pädagogik. Darüber hinaus gibt es eine beachtliche Sammlung an Kochbüchern. Und in der Abteilung für Belletristik steht zum Beispiel Božena Němcovás „Großmutter“. Tomáš Kočař fährt fort:
„Jeder dürfte erwarten, dass am häufigsten die lateinische oder die deutsche Sprache vertreten sind. So ist es auch. Zu finden ist hier aber auch Griechisch. In sehr kleinem Umfang, nämlich dank unseres einzigartigen Koranexemplars, gibt es zudem Arabisch. Die Toras sind natürlich auf Hebräisch, und in der Kategorie ‚Galio et Italici‘ unter den Buchstaben M und N finden sich Französisch und Italienisch. Wer Bücher in Tschechisch betrachten möchte, der muss sich in die neueren Bibliotheksräume begeben.“
Der erwähnte Koran gehöre zu den wertvollsten Stücken im gesamten Bestand, erläutert Kočař und macht auch auf einige christliche Bücher aufmerksam:
„Dazu gehört eine Bibel aus dem 13. Jahrhundert, die voller Illustrationen ist, sowie das Sakramentar von Kroměříž aus dem 9. Jahrhundert. Dies ist sozusagen unser Vorzeigestück. Noch bis 1965 hielt man diese Schrift für ein Pontifikale, also ein Buch für christliche Rituale wie etwa Messen oder Firmungen.“
Das Sakramentar enthält jedoch Gebetstexte. Es wurde von Friedrich Egon von Fürstenberg angekauft, der 1853 bis 1892 Erzbischof von Olmütz war.
Zu den Bibliotheksräumen im Schloss gehört des Weiteren eine geheimnisvolle Kammer. Hier werden die einst verbotenen Bücher – Libri prohibiti – aufbewahrt…
„Unsere Libri prohibiti sind vor allem evangelische Schriften. Solche Bücher wurden damals beschlagnahmt, in Mähren war ihre Anfertigung ab 1628 verboten. Darum fand der Druck neuer, auf Tschechisch verfasster evangelischer Bände im sächsischen Zittau statt. Wir haben außerdem eine umfangreiche Sammlung an deutschen Schriften von Martin Luther. Dieser Bestand stammt jedoch nicht aus Beschlagnahmungen, sondern wurde angekauft.“
Die Kammer mit den „verbotenen Büchern“ ist leider nicht für Besucher geöffnet. Zu besonderen Anlässen führt aber der Bibliotheksleiter Cyril Měsíc höchstpersönlich durch den geheimnisvollen Raum.
Wertvolle Gastgeschenke
Die Alte Bibliothek im Erzbischöflichen Schloss ist nicht nur durch ihre literarischen Bestände interessant, sondern auch durch ihre zeitgenössische Ausstattung. Tomáš Kočař zeigt auf vier Globen:
„Die beiden kleineren sind aus Venedig, die beiden größeren aus Holland. Interessant ist, wie sie hierhergebracht wurden. Sie kamen nämlich als leere Holzkugeln an, die erst vor Ort beklebt wurden. Jedes Paar besteht aus zwei Modellen – eines ist ein Sternglobus, das zweite ein Erdglobus. An letzterem kann man toll erkennen, wie die Welt damals gerade entdeckt wurde. Betrachtet man etwa Nordamerika, dann ist Niederkalifornien bereits als Halbinsel dargestellt. Aber die arabische Halbinsel ist im Gegensatz zu Afrika absolut überdimensioniert.“
Womöglich wurden diese Globen auch schon von den berühmten Besuchern des Palastes bewundert. Dazu gehörte etwa Maria Theresia, die hier im Jahr 1747 empfangen wurde. Besondere Betonung findet bei den Schlossführungen aber das Treffen des russischen Zaren Alexander III. mit dem österreichischen Kaiser Franz Joseph I. Die beiden Staatsoberhäupter hielten sich am 25. und 26. August 1885 in der Residenz in Kroměříž auf. Obwohl der Besuch kurz gewesen sei, habe er doch eine deutliche Spur im Gebäude hinterlassen, betont Kočař. Diese werde bei den Führungen durch die repräsentativen Räumlichkeiten des Schlosses thematisiert:
„Eines der Gastgeschenke ist eine 300 Kilogramm schwere Vase aus Ophicalcit. Bei der Bestimmung des Minerals ist man sich aber noch nicht sicher, da werden immer noch Analysen durchgeführt. Es könnte also auch Malachit oder Serpentin sein. Die Vase wurde vom russischen Zar mitgebracht, und sie ist einer der wenigen Gegenstände im Schloss, die nicht bewegt werden. Alexander III. ließ zudem sein Porträt hier, aber leider keines seiner Frau. Das mussten wir uns, vereinfacht gesagt, aus der Kopie einer zeitgenössischen Zeitung ausschneiden.“
Echt ist hingegen das Gemälde, das Franz Josef I. als Geschenk in Kroměříž hinterließ. Es zeigt das kaiserliche Hochzeitspaar mit der erst 16-jährigen Sissi. Dass Elisabeth von Österreich selbst gern las und eigene Gedichte verfasste, kann man gern im Kopf behalten beim Besuch der Alten Bibliothek im Erzbischöflichen Schloss von Kroměříž.
Wir danken wir der Verwaltung des Erzbischöflichen Schlosses und der Gärten Kroměříž sowie dem Erzbistum Olmütz.
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