Film, Musik und ein Besuch von Jaroslav Rudiš: Tschechisches Kulturfestival „So macht man Frühling“
Das Festival „So macht man Frühling“ bringt in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal tschechische Kultur nach Bremen. Die Journalistin und Kulturmanagerin Libuše Černá ist eine der Initiatoren der Veranstaltung. Radio Prag International hat mit ihr über die Geschichte des Festivals, das diesjährige Programm und die Zukunftsaussichten gesprochen.
Frau Černá, das Festival „So macht man Frühling“ findet in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal statt. Wie ist es damals zur Gründung dieser Kulturveranstaltung gekommen?
„Die Initiative ging vor zehn Jahren vom damaligen deutschen Botschafter in Prag aus. Er hatte die Idee, dass man einmalig einen Kulturfrühling machen könnte, sowohl in Deutschland wie auch in Tschechien. Es haben sich einige Institutionen daran beteiligt, wir gehörten auch dazu. Das Goethe-Institut hat damals eine Landkarte erstellt, auf der man nachschauen konnte, wer was macht. Das Problem war aber, dass wir zu weit weg waren, um auf diese Karte zu passen. Man musste sehr viel scrollen, bis man Bremen gefunden hat, weil wir eben so weit im Norden sind. Das hat uns irritiert. Denn wir hatten uns so viel Mühe gegeben und nun waren wir nicht einmal sichtbar. Deswegen haben wir uns gesagt, dass wir das Festival weiterführen. Und mittlerweile sind zehn Jahre vergangen.“
Erklärt dieser Kulturfrühling auch den Namen Ihres Festivals – „So macht man Frühling“? Denn dieser Titel ist ja doch eher ungewöhnlich. Sie könnten ja auch einfach „Deutsch-tschechisches Festival Bremen“ heißen…
„Das wäre natürlich selbsterklärend und vermutlich auch einfacher. Denn in Westnorddeutschland ist Tschechien weniger präsent als in Sachsen oder Bayern. Aber wir wollten eben wegen des Namens ‚Kulturfrühling‘ zeigen, wie man das macht. So entstand der Titel.“
Obwohl Bremen so weit im Norden liegt, dass Sie am Anfang nicht auf die Landkarte gepasst haben, habe ich das Gefühl, dass es in der Stadt eine recht aktive deutsch-tschechische Blase gibt. Das liegt womöglich auch an Ihnen, Sie sind dort seit vielen Jahrzehnten kulturell aktiv. Aber was sind noch weitere Gründe dafür?
„Wir waren am Anfang drei Institutionen, die dieses Festival organisiert und den Verein gegründet haben. Wir vertraten zum einen ein internationales Literaturfestival – das Festival globale, hinter dem ich stehe und das in diesem Jahr zum 20. Mal stattfindet. Dann waren noch zwei Mitarbeiterinnen vom Theater Bremen dabei und eine Professorin von der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen. Im Laufe der Zeit konnte der Verein neue Mitglieder gewinnen, vor allem Menschen von der Bremer Uni, sodass wir heute einen recht jungen Vorstand haben, der aus Historikern und Literaturwissenschaftlern besteht.“
Sie meinten bereits, dass das Interesse an tschechischer Kultur in Sachsen und Bayern vielleicht größer ist als in Bremen. Kommt denn jemand zu Ihrem Festival? Oder reisen Menschen aus Tschechien an, nur um dann vor einem Publikum von fünf Menschen aufzutreten?
„Wie viele Leute kommen, ist immer die große Frage. Wir versuchen, das durch viele Kooperationen zu lösen. Um ein Beispiel aus diesem Jahr zu nennen: Wir haben unter anderem Peggy Mädler eingeladen, eine ostdeutsche Schriftstellerin, die in Leipzig lebt. Im Rahmen eines Programmes war sie im vergangenen Herbst in Ústí nad Labem und hat darüber einen Text geschrieben. Für die Lesung haben wir uns mit der Plattform Frauenseiten Bremen zusammengetan. Diese lädt also auch Publikum ein und hat im Vorfeld ein Interview mit Peggy Mädler veröffentlicht. Und so versuchen wir eben, die Menschen hier anzusprechen. In den zehn Jahren, in denen wir das machen, haben uns mittlerweile auch schon einige Leute kennengelernt. Wir sind also zufrieden mit der Teilnahme. Aber ich muss auch sagen, dass es in der Tat nicht einfach ist.“
Das Programm, dass Sie dieses Jahr anbieten, ist unfassbar breit und groß. Wie wählen Sie die Veranstaltungen aus? Und welche Bereiche wollen Sie abdecken?
„Literatur, Musik, Spiel- und Dokumentarfilme sind von Anfang an dabei. Wir wollen aktuelle Sachen abseits des Mainstream zeigen – also Entdeckungen, zumindest für Deutschland. Es ist uns aber auch wichtig, politische Debatten anzubieten und die politische Ebene abzubilden.“
Die Eröffnung Ihres Festivals wird in diesem Jahr durchaus prominent besetzt sein. Wie wird der Abend ablaufen?
„Wir freuen uns natürlich sehr darauf, und es sind bereits viele Anmeldungen bei uns eingegangen. Wir werden den tschechischen Botschafter zu Gast haben. Und es kommen auch Herr Jelínek und Frau Ernstberger vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. Unser Gastredner ist Jaroslav Rudiš. Er reist aus der Schweiz an, weil er gerade in Zürich eine Gastprofessur hat. Er wird etwas aus seinem bisher unveröffentlichten Buch vortragen und eine Art Laudatio auf uns halten. Außerdem gibt es tschechische Musik von den Studierenden der Hochschule für Musik.“
Ein Highlight des Festivalprogramms wird sicher die Lesung mit Judith Hermann sein. Warum kommt sie nach Bremen zu einem tschechischen Kulturfestival?
„Judith Hermann war genau wie Peggy Mädler im vergangenen Jahr in der Tschechischen Republik – und zwar für einen Monat in Brünn. Sie ist dort keine Unbekannte, da sie schon mehrmals in Brünn war. Und nun hat sie einen Text über ihre Zeit dort geschrieben. Wir dachten, es wäre schön, wenn sie darüber erzählen könnte. Und vor Kurzem ist ihr neues Buch in Deutschland erschienen. Im Herbst wird es auch eine tschechische Übersetzung davon geben. Sie versucht in dem Roman, die Geschichte ihres Großvaters zu erforschen, der ein Nazi war.“
Gibt es noch weitere Programmpunkte, die Ihrer Meinung nach besonders spannend werden könnten?
„Ich freue mich besonders, dass zwei Mitorganisatoren von der NGO Milion chvilek pro demokracii (Eine Million Augenblicke für die Demokratie) nach Bremen kommen und ihre Aktivitäten vorstellen. Sie wollen sich auch mit NGOs hier in Deutschland treffen. Ich hoffe, dass dadurch transnationale Kontakte entstehen, denn meine Beobachtung ist, dass inzwischen in Europa sehr viel national passiert und man sehr wenig voneinander weiß.“
Und es reisen zudem viele Künstler und Literaten aus Tschechien an…
„Ja. Wir versuchen immer, Autorinnen und Autoren einzuladen, die mindestens ein Buch in deutscher Übersetzung haben. So können sich die Menschen das Buch kaufen und es mit nach Hause nehmen. In diesem Jahr reisen etwa Eli Beneš und Alice Horáčková an. Horáčkovás jüngstes Buch ‚Rozpůlený dům‘ erscheint allerdings leider erst im Herbst bei Diogenes auf Deutsch. Jan Novák wird sein Comicbuch über Věra Časlávská vorstellen, das von Jaromír 99 illustriert wurde. Und abseits jenes Programms, das sich hauptsächlich an erwachsene Besucher richtet, bieten wir auch Workshops an Schulen an. Dafür kommen zwei Kinderbuchautoren nach Bremen: Radek Malý und Marek Rubec. Sie werden eine Woche lang in verschiedenen Bremer Grundschulen mit den Kindern Gedichte schreiben und Comics malen. Im Jahresverlauf werden wir auch über den Rahmen des Festivals hinaus noch weitere tschechische Autoren vorstellen, weil Tschechien Gastland der Frankfurter Buchmesse ist.“
Beim Durchblättern des Programms ist mir eine Veranstaltung aufgefallen, die dem Bremer Bündnis für deutsch-tschechische Zusammenarbeit gewidmet ist, welches das Festival organisiert. Der Programmpunkt steht unter dem Namen „10 Jahre Bündnis – Und wie weiter?“. Wie sehen Sie die Zukunft des Festivals und der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit in Bremen und Norddeutschland?
„Das ist eine ganz wichtige Frage. Denn inzwischen ist es nicht einfacher geworden, internationale Beziehungen aufrechtzuerhalten – auch, wenn man das denken könnte. Wir wollen künftig auf Kooperationen setzen und mit ähnlichen Vereinen in der Tschechischen Republik intensiver zusammenarbeiten. Und auch in Deutschland suchen wir entsprechende NGOs. Wir wollen lokal, national und transnational kooperieren. Denn nur mit gemeinsamen Kräften können wir viel erreichen.“
Das Festival „So macht man Frühling“ beginnt an diesem Freitag und dauert bis Sonntag kommender Woche. Das gesamte Programm findet sich unter www.bremer-buendnis.de/somachtmanfruehling.







