„Identita“: Ausstellung in Berlin zeigt tschechisches Grafikdesign

Michal Gregorini und Simona Binko

Das großangelegte Projekt „Identita“ (Identität) erzählt die Geschichte des tschechischen Grafikdesigns. Nun macht die gleichnamige Wanderausstellung in Berlin halt. Radio Prag International hat darüber mit Simona Binko vom dortigen Tschechischen Zentrum gesprochen.

Simona, das Tschechische Zentrum in Berlin zeigt derzeit im bauhaus reuse am Ernst-Reuter-Platz eine Ausstellung über das tschechische Grafikdesign. Sie war vorher auch schon in Prag zu sehen. Was hat es damit auf sich?

Foto: Tschechisches Zentrum Berlin

„Die Ausstellung ist Teil eines viel größeren Projekts mit dem Namen ‚Identita‘. Sie war vergangenes Jahr bereits in Prag im Museum Kampa zu sehen, wo sie Besucherrekorde gebrochen hat. Jetzt geht sie in Zusammenarbeit mit den Tschechischen Zentren in einer kleineren Version auf Wanderschaft. Die Schau hat etwa schon in Taipei, London und Warschau Halt gemacht. Das zeigt, dass die Kuratoren (Linda Kudrnovská, Filip Blažek und Michal Gregorini, Anm. d. Red.), das Thema des tschechoslowakischen und tschechischen Grafikdesigns auf eine Art und Weise behandelt haben, die auch einem breiteren Publikum zugänglich ist. Denn die Ausstellung richtet sich auch an Menschen, die sich normalerweise keine Gedanken über Grafikdesign und Bildsprache machen.“

Foto: Tschechisches Zentrum Berlin

Ich habe gerade auf dem Weg vom Büro ins Studio darüber nachgedacht, wo mich visuelle grafische Eindrücke umgeben – und sie sind überall. Was zeigt Ihr alles?

Foto: Tschechisches Zentrum Berlin

„Zum Beispiel das Buchdesign, das in Tschechien auf einem sehr hohen Niveau ist. Es geht um die zeitgenössische Gestaltung, aber auch um den historischen Rahmen. Ein anderer Bereich sind zum Beispiel Filmplakate, vor allem aus der Zeit des Kommunismus. Denn damals gab es die Tradition, dass jeder Film, der aus dem Ausland importiert wurde, ein eigenes Design bekam. Eigentlich waren die Poster aber gar nicht so wichtig, weil die Kinos sowieso ausgebucht waren. Deswegen genossen die Künstler bei der Gestaltung eine sehr große Freiheit. Erwähnenswert ist außerdem noch der Bereich der Typographie. Die tschechische Typographie hat eine lange Tradition. Aber auch die zeitgenössischen Künstler in dem Bereich sind international auf einem sehr hohen Niveau.“

Aus welcher Zeitspanne stammen die vorgestellten Werke?

„Es geht vor allem um die visuelle Identität, und diese hängt mit der Entstehung der Tschechoslowakei als moderner Staat zusammen. Durch die Eigenständigkeit gab es nicht nur im Grafikdesign, sondern auch in der Architektur und der bildenden Kunst den Drang, eine Visualität zu entwickeln, die modern war, zugleich aber nationale Traditionen widerspiegelte. Die Zeitspanne reicht deshalb ungefähr von 1918 bis heute. Ein Beispiel aus der aktuellen Zeit ist das neue Fußgängerleitsystem in der Prager U-Bahn und der ganzen Stadt. Dafür gab es 2022 einen großen Wettbewerb. Das ausgewählte Grafikdesign ist an die Originale aus den 1970er Jahren angepasst. Berücksichtigt wird dabei natürlich, dass es damals noch keine digitalen Medien gab.“

Bei der Ausstellung geht es vor allem um den Einfluss von Grafikdesign auf die Identität eines Landes. Ist Tschechien in dieser Hinsicht besonders?

„Ich denke schon. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war die Identität ein wirklich großes Thema, weil die Tschechoslowakei als kleiner Staat unabhängig wurde. Und bis heute ist das Grafikdesign ein Bereich, auf den Wert gelegt wird. Das merkt man etwa im städtischen Raum, in den Medien oder bei der Ausbildung an den Kunstakademien, wo dieses Handwerk bis heute vorhanden ist.“

Die Ausstellung wird im bauhaus reuse auf dem Ernst-Reuter-Platz in Berlin gezeigt. Was ist das für ein Ort?

Foto: Tschechisches Zentrum Berlin

„Ein ganz besonderer. Es handelt sich um einen Glaspavillon inmitten einer Verkehrsinsel. Diese Insel wurde von Werner Düttmann entworfen. Und die Kollegen haben dort eben einen Pavillon aufgebaut, dessen Fenster aus einem Bauhausgebäude stammen. Wir arbeiten schon länger mit dieser Institution zusammen, weil sie auch einen Fokus auf der Architektur der Moderne und auf Mitteleuropa hat – unsere Aufträge überschneiden sich also mitunter. Wir sind froh, dass wir bauhaus reuse auch als Partner für das aktuelle Projekt gewinnen konnten.“

Gibt es im Rahmen der Ausstellung noch ein Begleitprogramm?

Foto: Tschechisches Zentrum Berlin

„Ja. Die Ausstellung ist Teil eines größeren Projekts – es ist auch noch ein Film entstanden und eine Serie für das Tschechische Fernsehen. Den Film zeigen wir am 29. Mai im Kino Klick in Charlottenburg. Der Regisseur Petr Smělík wird vor Ort sein und für Fragen zur Verfügung stehen. Und dann ist da noch eine wichtige Sache: Zu dem Projekt ist nämlich eine umfangreiche Publikation über das tschechoslowakische und tschechische Grafikdesign entstanden. Auch sie trägt den Titel ‚Identita‘. Die englische Ausgabe kann man momentan während der Laufzeit der Ausstellung im Bücherbogen am Savignyplatz erstehen – und das zu einem Sonderpreis, der so schnell nicht wiederkommt.“

Die Ausstellung „Identita“ ist noch bis zum 7. Juni im bauhaus reuse zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 12 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Die Station der Ausstellung in Berlin wird durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gefördert und ist Teil des Jahres der Tschechischen Kultur anlässlich der Frankfurter Buchmesse, bei der Tschechien 2026 Gastland ist.