„Tschechien ist ein Land mit unglaublichem Potenzial“ – Komponistin Unsuk Chin bei Prague Offspring

Unsuk Chin

Die Koreanerin Unsuk Chin weilt derzeit zum ersten Mal zu Besuch in Prag. Sie gilt als eine der bedeutendsten Komponistinnen der Gegenwart. Aktuell nimmt sie am Projekt Prague Offspring teil, das im Rahmen des internationalen Musikfestivals Prager Frühling initiiert wurde. Das Ensemble Modern, das seit dem vergangenen Jahr das Residenzensemble des Festivals ist, spielt außer Unsuk Chins Werken auch Kompositionen von einigen jungen Tschechen. Das Orchester leitet Ilan Volkov. Mit Unsuk Chin und dem künstlerischen Leiter des Ensembles Modern, Christian Fausch, hat Martina Schneibergová am Donnerstag nach der Pressekonferenz gesprochen.

Frau Chin, Sie leben vielen Jahre in Deutschland und haben auch in Deutschland studiert. War für Sie der Grund, dass Deutschland heute als das Land der klassischen Musik gilt?

„Alles, was ich im Leben erlebe, kann inspirierend sein.“

„Ja, für uns koreanische Musiker ist Deutschland halt das Vaterland der klassischen Musik. Deswegen kamen sehr, sehr viele koreanische Musiker und Komponisten nach Deutschland, um zu studieren. Ich war auch so, ich wollte nach Deutschland – und dann bin ich geblieben.“

Sie haben einmal gesagt, Sie würden Ihre Inspirationen in Träumen finden. Dieser Satz wird seitdem oft wiederholt. Wo suchen Sie sonst als Komponistin nach Inspiration?

Unsuk Chin | Foto: Michal Vencl,  Musikfestspiele Prager Frühling

„Die Inspiration hole ich aus allem, was ich so in meinem Leben tue. Ein sehr großer Teil der Inspiration kommt natürlich aus der Musik. Ich höre viel Musik – Verschiedenes, von Scarlatti bis zur Moderne. Auch Jazz und zum Teil auch Pop-Musik höre ich. Für mich gibt es einfach keine Grenze zwischen diesen Genres, für mich gibt es nur gute Musik und schlechte Musik. Auch wenn ich Kunstausstellungen besuche, kriege ich Inspiration. Und ebenso lese ich viele Bücher. Zudem finde ich im Alltäglichen meine Inspiration – von den menschlichen Beziehungen, von den Freunden. Alles, was ich im Leben erlebe, kann inspirierend sein.“

Sie sind zum ersten Mal in Prag. Haben Sie überhaupt Zeit, etwas von der Stadt oder dem Musikleben mitzubekommen?

„Ich bin ein großer Fan von Kunderas Novellen.“

„Ich habe nur vom Flughafen bis zum Hotel bei der Autofahrt ein bisschen etwas gesehen. Und ich hoffe, dass ich morgen und übermorgen etwas Zeit habe, die Altstadt zu besuchen. Ich bin sehr gespannt.“

Sie haben zuvor erwähnt, dass Sie von Kundera oder anderen Autoren über Tschechien und Prag schon einiges erfahren hätten…

„Ja, ich bin ein großer Fan von Kunderas Novellen. Ich habe sehr viel von ihm gelesen. Wie ich zuvor erzählte, wurden viele gute Filme in Prag gedreht. Dadurch habe ich bereits gesehen, wie wunderschön diese Stadt ist. Ich will Prag unbedingt mehr kennenlernen.“

Während der Pressekonferenz erklang der Name Janáček. Wie ist Ihre Beziehung zur tschechischen Musik?

„Ich liebe natürlich tschechische Musik – den Großmeister Dvořák, die Opern von Janáček und Martinů. Von den zeitgenössischen Komponisten liebe ich beispielsweise die Musik von Martin Smolka. Vor drei Jahren war ich beim Festival Présence in Paris. Dort habe ich den Leuten seinen Namen gesagt, sodass er dort ein neues Stück präsentieren konnte. Mit Ondřej Adámek bin ich seit langem gut befreundet. Ich habe ihn vor drei Jahren nach Korea eingeladen, und er hatte dort ein großes Porträtkonzert. Auch damals war das zusammen mit dem Ensemble Modern. Miroslav Srnka kenne ich ebenso. Ich liebe seine Musik. Tschechien ist ein Land mit unglaublichem Potenzial.“

Dabei muss man zugeben, dass zum Beispiel Srnka viel bekannter im Ausland ist als hierzulande…

„Ja, das ist merkwürdigerweise ähnlich wie in Korea. Ich lebe ja nicht in Korea, sondern schon sehr lange im Ausland. Und meine Kompositionen werden im Ausland viel häufiger als in Korea gespielt.“

Sie schreiben auch Opern. In einer zeitgenössischen Oper wird damit gerechnet, dass der Darsteller nicht nur singt, sondern auch rezitiert und zudem ein guter Schauspieler ist….

Offspring Ensemble Modern | Foto: Katharina Dubno,  Musikfestspiele Prager Frühling

„Ja, wenn heutzutage ein Sänger eine zeitgenössische Oper singt, ist das eine sehr große Herausforderung. Man muss nicht nur singen, sondern man muss alles Mögliche machen – etwa eine Stimmakrobatik oder auch schreien. Heutzutage gibt es jedoch sehr viele Sänger, die all das sehr gut meistern.“

Haben Sie vielleicht eine Idee für eine nächste Oper?

„Meine zweite Oper (,Die dunkle Seite des Mondes‘, Anm. d. Red.) wurde letztes Jahr in Hamburg uraufgeführt. Für die Zukunft habe ich eher so ein Theaterprojekt, was ganz anders ist als die vorangegangenen Opern.“

Wie kam Ihre Teilnahme am Festival Prager Frühling zustande?

„Ich glaube, das Ensemble Modern hat mit dem Festival eine Diskussion darüber gehabt, wen sie einladen sollen. Und glücklicherweise wurde ich ausgewählt.“

Sie sind die Komponistin-in-Residenz des Festivals geworden…

„Ja, ich bin sehr glücklich.“

Foto: Michal Vencl,  Musikfestspiele Prager Frühling

Herr Fausch, Sie haben angemerkt, es sei zu früh, um eine Bilanz der Residenz des Ensembles Modern beim Prager Frühling zu ziehen. Wie fanden Sie also die Teilnahme des Ensembles am Festival im vergangenen Jahr?

„Für uns war das ein wunderbarer Auftakt im letzten Jahr, es war sehr intensiv. Wir haben uns auch entschieden, drei Werke vom letzten Jahr in Frankfurt zu präsentieren. Tschechien wird ja in diesem Jahr Gastland bei der dortigen Buchmesse sein. Aus diesem Anlass haben wir die Werke von Pavel Šabacký, Slavomír Hořínka und Barbora Tomášková, die 2025 beim Prague Offspring erklangen, für Frankfurt übernommen. Wir werden sie in unserer Abonnementreihe in der Alten Oper im Oktober zur Aufführung bringen. Wir freuen uns sehr, dieses Fenster aufzumachen und zu zeigen, was wir hier beim Prague Offspring kennengelernt haben.

Ich denke, es ist für die Komponisten wichtig, auch im Ausland gespielt zu werden…

Christian Fausch | Foto: Michal Vencl,  Musikfestspiele Prager Frühling

„Ja, einerseits im Ausland gespielt zu werden und andererseits glaube ich auch, dass wir nochmal an den Werken arbeiten werden. Nach einem Jahr, in dem wir die Werke verdauen konnten und sie in uns weitergearbeitet haben, gehen wir wieder an den Probenprozess ran. Wir kennen die Stücke jetzt, wir arbeiten natürlich von einem ganz anderen Startpunkt aus. Es ist wahnsinnig wichtig für diese Werke, dass sie immer wieder neu einstudiert werden und damit auch weiterwachsen und man immer näher an ihre wirkliche Kernsubstanz rankommt.“

Kam die Teilnahme von Unsuk Chin am Prager Frühling dank ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit Ihrem Ensemble zustande?

„Das war ein Austausch mit Josef Třeštík (künstlerischer Leiter des Prager Frühlings, Anm. d. Red.), als wir uns überlegt haben, was für Komponistinnen und Komponisten für das Festival interessant sind und bei denen es auch Sinn hat, dass wir als Ensemble Modern sie spielen. Im letzten Jahr war das George Benjamin, mit dem wir über 30 Jahre zusammenarbeiten. Jetzt ist es Unsuk Chin, mit der wir ebenso 30 Jahre zusammenarbeiten.“

Hatten Sie schon die Möglichkeit, die Komponisten kennenzulernen, von denen einige Werke jetzt uraufgeführt werden?

„Ich persönlich war leider nicht in Frankfurt, als die Komponisten dort waren. Michael Nejtek und Jiří Kadeřábek waren dort für die Proben. Da war ich leider gerade auf Reise. Aber das Ensemble hat sie natürlich kennengelernt. Und für uns ist es ganz wichtig, dass wir den direkten Kontakt und die direkte Arbeit mit den Komponistinnen und Komponisten haben dürfen.“

Für das Konzert, das am Samstag um 16 Uhr im Zentrum für Gegenwartskunst DOX stattfindet, gibt es noch Restkarten. Die Abendkonzerte am Freitag und Samstag sind ausverkauft. Das Festival Prager Frühling dauert noch bis 4. Juni.