100 Jahre SOČR: Komponiert für das Prager Radio-Symphonieorchester

Das Radio-Symphonieorchester Prag (SOČR) war von Anfang an Interpret und Inspirationsquelle zugleich. Dutzende Werke wurden eigens für seine Musiker und Sendeformate komponiert – von den ersten Radioopern über symphonische Uraufführungen bis hin zu zeitgenössischen Experimenten.

Die ersten Radio-Opern

Otakar Jeremiáš | Foto: APF Tschechischer Rundfunk

In den 1930er Jahren leistete das Prager Radio-Symphonieorchester Pionierarbeit für Kompositionen, die direkt für das Mikrofon konzipiert waren. Rudolf Kubín, damals Mitglied des Radiojournal-Orchesters, schuf eine eigens für das Studio bestimmte Oper. Seine „Letní noc“ („Die Sommernacht“) wurde am 26. September 1931 ausgestrahlt und ging als erste tschechische Radio-Oper in die Musikgeschichte ein. Wenig später folgte Bohuslav Martinů, der im Auftrag des Rundfunks zwei einaktige „Radio-Opern“ komponierte: „Hlas lesa“ („Die Stimme des Waldes“) und „Veselohra na mostě“ („Komödie auf der Brücke“). Beide Werke wurden von Otakar Jeremiáš uraufgeführt, er prägte als Dirigent das Radioorchester von 1929 bis 1945.

Kompositionen im Auftrag des Rundfunks

Foto: Verlag Praga

Das Radio beschränkte sich nicht nur auf experimentelle Opernformen. Sondern es etablierte sich auch als wichtiger Auftraggeber für groß besetzte Werke, darunter Martinůs Radiokantate „Kytice“ („Der Blumenstrauß“). Die Uraufführung fand im Mai 1938 unter der Leitung von Otakar Jeremiáš statt. In den 1940er und 1950er Jahren folgten weitere Premieren. Die Oper „Stará historie“ („Eine alte Geschichte“) und die Kinderoper „O Smolíčkovi („Vom Patzerchen“) von Karel Hába, dem Geiger des Radioorchesters und Komponisten, wurden eigens für die Ausstrahlung im Rundfunk komponiert.

Otakar Jeremiáš | Foto: APF Tschechischer Rundfunk

Symphonische Uraufführungen

Miloslav Kabeláč | Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks

Das Radio-Symphonieorchester hat sich zu einer wichtigen Plattform für die Präsentation neuer Orchesterwerke entwickelt. So wurden etwa Miroslav Kabeláčs 1. und 4. Symphonie, Otakar Jeremiášs Kantate „Zpěv o rodné zemi“ („Gesang von der Heimat“), Iša Krejčís 20 Variationen für Orchester, Viktor Kalabis‘ Symphonie für großes Orchester, Karel Bohuslav Jiráks 4. Symphonie, Otmar Máchas Oratorium „Odkaz J. A. Komenského“, Zdeněk Lukášs 4. Symphonie, Eugen Suchoňs „Symfonietta Rustica“, Petr Ebens symphonische Sätze „Vox clamantis“, Ján Cikkers „Meditation für Orchester“, Ilja Hurníks „Ezop“ („Aesop“) und Luboš Fišers „Patnáct listů podle Dürerovy Apokalypsy“ („15 Blätter nach der Apokalypse von Albrecht Dürer“) aufgeführt. Diese Liste ist nur ein Bruchteil und deutet an, welch wichtige Rolle das Ensemble in der Entwicklung der tschechischen symphonischen Moderne spielte.

Neue Werke für Radio-Orchester im 21. Jahrhundert

Lukáš Hurník | Foto: Khalil Baalbaki,  Tschechischer Rundfunk

Die Tradition der Auftragskompositionen wird bis heute fortgeführt. In den letzten Jahren entstanden so beispielsweise Jana Vöröšovás „Chlapeček a Dálka“ („Der Knabe und die Ferne“), Lukáš Hurníks „Radio“, Jan Klusáks „Continuo“ und Jiří Kadeřábeks „S-C-S“. Einige Kompositionen wurden direkt dem Orchester gewidmet – Pavel Zemeks Sinfonie Nr. 6 „Stvoření“ („Schöpfung“), Jan Ryant Dřízals „Narzissus“, Martin Smolkas „Presto e lento“, Ondřej Štochls „Tři věty o přijetí“ („Drei Sätze über die Annahme“) und Šimon Vosečeks „Poltron V. que tu es“.

Der Komponist Pavel Zemek Novák,  Uraufführung der Sinfonie „Lob der Schöpfung“,  6. Februar,  Rudolfinum | Foto: Tomáš Vodňanský,  Tschechischer Rundfunk/SOČR

Erstaufführungen in Tschechien

Miroslav Srnka | Foto: Vojtěch Brtnický,  SOČR

Neben Weltpremieren tschechischer Kompositionen sorgte das Orchester ebenso für Erstaufführungen bedeutender Werke der Weltmusik in Tschechien. Dies betrifft etwa Aram Chatschaturjans Suite aus dem Ballett „Gajane“, Dmitrij Schostakowitschs 2. Klavierkonzert sowie seine 3. und 8. Sinfonie, Béla Bartóks 1. Violinkonzert, Arthur Honeggers „Jeanne d’Arc“, Strawinskys „König Ödipus“, Sergej Prokofjews 4. Sinfonie und sein 4. Klavierkonzert, Benjamin Brittens Cellokonzert, Luigi Nonos Kantate „Spanien im Herzen“ und Toshio Hosokawas Violinkonzert, das der Komponist direkt für das Orchester schrieb. In den letzten Jahren gab es zudem Erstaufführungen von Werken  tschechischer Gegenwartskomponisten wie Miroslav Srnka oder Ondřej Adámek.

Neue Horizonte: Klassische Musik trifft Jazz

Zu nennen sind auch die Projekte „Neue Horizonte“, in denen das Radio-Symphonieorchester Prag systematisch klassische Musik mit Jazz und weiteren Genres verbindet. Beispiele sind Kompositionen von Karel Růžička („Lovebird“), Tomáš Sýkora („Hidden Songs Suite“), Štěpánka Balcarová (Life and Happiness of Julian Tuwim), Michal Rataj und Oskar Török („Letters from Sounds“), Beata Hlavenková („Good Morning, Night“) und Ondřej Pivec („Selection of Songs“).

Autor: Milan Pokorný
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