Spuren eines Unfassbaren: Prager Stolperstein erinnert an Dadaisten Walter Serner

Nikolai Venn (2. von links)

Er war ein radikaler Freigeist des Dadaismus, ein Großstadtdandy und literarischer Provokateur. Mit seinem Manifest „Letzte Lockerung“ schuf er einen Meilenstein der literarischen Avantgarde: Walter Serner. Geboren im böhmischen Karlovy Vary / Karlsbad, zog es ihn später in viele Städte Europas – von Wien, Berlin und Zürich bis Paris und Barcelona. Nun ist der Kosmopolit symbolisch in seine letzte Heimat zurückgekehrt. Seit Mitte Juni erinnert ein Stolperstein in der Prager Straße V Kolkovně 5 an den Autor, der 1942 von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Zur feierlichen Verlegung hielt Nikolai Venn von der Internationalen Walter-Serner-Gesellschaft eine Ansprache.

Herr Venn, hier in der Prager Altstadt wurden gerade Stolpersteine für Walter Serner und für seine Frau Dorothea Serner verlegt. Von wem wurde dieses Gedenken an beide initiiert?

„Das haben wir als Internationale Walter-Serner-Gesellschaft organisiert und bei der Stolperstein-Organisation in Tschechien beantragt, die freundlicherweise am nächsten Tag gleich eine Zusage gegeben hat. Dann hat es aus organisatorischen Gründen noch etwas gedauert, aber heute war es endlich soweit, und wir sind darüber sehr glücklich.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Eine Initiative aus Berlin

Was ist eigentlich diese Internationale Walter-Serner-Gesellschaft?

„Das ist ein Verein, den unser Präsident Andreas Moosbacher vor vielen Jahren gegründet hat. Wir möchten an das Werk dieses Dadaisten und Schriftstellers erinnern, aber auch an sein Leben, das sehr interessant und abwechslungsreich war. Er war ein Pazifist, ein Pan-Europäer, der in vielen europäischen Städten gelebt hat. Und diese Idee wollen wir in die heutige Zeit tragen.“

Und wie machen Sie das?

„Durch kulturelle Veranstaltungen, durch die Verlegung von Stolpersteinen wie heute, aber insbesondere auch durch eine Website unserer Vereinigung, die das größte Sammelbecken der Serner-Forschung in Europa ist und auf der alle Informationen versammelt sind.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Wie viele Mitglieder hat die Gesellschaft, und wo ist Ihr Sitz?

„Der Sitz ist in Berlin, aber wir sind, wie der Name sagt, international. Wir haben also Mitglieder aus den USA, Italien, Tschechien, aus ganz Europa, und wir sind sehr froh darüber. Es sind zurzeit ungefähr 50 aktive Mitglieder.“

Der Mann hinter den Masken

Sie haben es schon angedeutet, Serner war ein Schriftsteller, ein Pazifist. Wer war er eigentlich?

„Ja, das wird man nie klären können, und das ist eine ewige Aufgabe auch für uns, sein Leben und sein Werk zu erforschen. Vieles ist ungeklärt, und das wird auch immer so bleiben. Das macht es aber auch so spannend. Er hat immer mit Masken gespielt. Er hat nicht erkennen lassen, wer er wirklich war. Und so ist er auch durchs Leben gegangen, hat die Gesellschaft sehr fein beobachtet und das in seinen sehr spannenden Geschichten aufgeschrieben.“

Walter Serner wurde in Karlsbad geboren. Er lebte an vielen Orten Europas. Sein Stolperstein liegt seit heute aber hier in Prag. Wieso?

„Nun, das war seine letzte Wohnanschrift. Von hier wurden er und seine Frau Dorothea nach Theresienstadt und von dort nach Riga deportiert, wo sie ermordet wurden. Daher ist der Stolperstein hier an der letzten Stelle, an der sie von 1939 bis zum August 1942 gewohnt haben.“

V Kolkovně 5: Die letzte Adresse vor der Deportation

Was hat Serner in diesen Kriegsjahren in Prag gemacht?

V Kolkovně 5 | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Sehen Sie, das ist eines der Mysterien, die wir nicht genau aufklären können. Er hat vermutlich Übersetzungen gemacht und davon gelebt, aber wir wissen es einfach nicht genau. Die Schriftstellerei hatte er schon viel früher aufgegeben. Jedenfalls hat er nichts mehr veröffentlicht. Vielleicht hat er noch etwas geschrieben, was noch nicht entdeckt wurde. Aber das ist so eines der vielen unbekannten Rätsel.“

Worin besteht die Bedeutung der Verlegung von Stolpersteinen heute?

„Es ist einfach eine fantastische Idee, die Gunter Demnig vor über 30 Jahren hatte, weil es dezentrale Mahnmale in ganz Europa sind. Sie erinnern uns im Alltag immer wieder daran, was geschehen ist. Dies geschieht einerseits auf eine sehr dezente, unauffällige Weise und andererseits auf eine sehr persönliche Weise, weil wir die Namen und die Geburtsdaten sowie die Daten der Verschleppung und Ermordung einzelner Menschen auf den Steinen lesen können.“