Von Dorftennisplätzen zum Wimbledon-Sieg: Der besondere Weg von Linda Nosková

Linda Nosková

Für tschechische Tennisfans war der vergangene Samstag ein ganz besonderer Tag. Im rein tschechischen Wimbledon-Finale siegte Linda Nosková über ihre Landsfrau Karolína Muchová mit 6:2, 5:7 und 6:3.

„Die Siegerin im Dameneinzel ist Linda Nosková aus der Tschechischen Republik“, meldete die Moderatorin, und die Siegerehrung begann. Mit der Venus Rosewater Dish – der Siegertrophäe – in den Händen dankte die 21-Jährige allen, die sie unterstützt haben, darunter ihrem Vater, ihrem Team und allen Fans. Die Wimbledon-Siegerin erinnerte zudem an ihre verstorbene Mutter.

„Es sei noch eine Person, der sie danken wolle, ihrer Mama“, sagte die frischgebackene Wimbledon-Siegerin und fügte hinzu, ohne sie hätte sie nicht hier gestanden. Sie blickte mit Tränen in den Augen nach oben und schickte einen Handkuss in den Himmel. Nach der Siegerehrung sagte sie:

„Das war schwer. Ich wollte meine Mama erwähnen, denn mein Sieg war auch für sie bestimmt. Mein Weg in die Tennisspitze unterscheidet sich vielleicht vom Weg vieler anderer Spielerinnen. Es war nie sicher, dass ich so weit kommen werde. Jeden Sieg nehme ich ernst.“

Noskovás Mutter Ivana starb vor zwei Jahren kurz vor dem Start des Turniers in Wimbledon. Damals gewann ihre Tochter bei dem prestigeträchtigen Rasenturnier ihr erstes Spiel.

An diesem Samstag saß auch Tennislegende Martina Navrátilová in der sogenannten Royal-Box. Nicht nur sie, sondern auch viele Zuschauer im Publikum waren zu Tränen gerührt. Nosková gewann Wimbledon als dritte Tschechin in vier Jahren. Zudem ist sie die jüngste Siegerin seit 2011. Ihre Landsfrau Petra Kvitová war damals nur ein paar Monate jünger, als sie zum ersten Mal das Rasenturnier in London gewann. Im Publikum in Wimbledon drückte Noskovás Vater Drahoš Nosek seiner Tochter die Daumen. Im Gespräch für die Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks sagte der stolze Vater:

„Ich dachte, ich würde so etwas niemals erleben. Jemand hat aber einmal gesagt, diese Kraft stecke in ihr.“

Linda Nosková mit ihrem Vater Drahoš Nosek | Foto: Dubreuil Corinne/ABACA / Abaca Press / Profimedia

Der Weg zum Wimbledon-Sieg war für seine talentierte Tochter gar nicht einfach. Laut Nosek waren es Jahre voller Unsicherheit und schweren Kampfes, um die außerordentlich begabte Linda unterstützen zu können.

„Meine Frau hatte nichts. Ich arbeitete bei der Bahn als Fahrdienstleiter, zudem sammelte ich Altmetall, um zu überleben. Ein Freund lieh mir dann Geld. Ich gab ihm den Betrag zurück, nachdem ich das kleine Haus nach dem Tod meiner Eltern verkaufte. Anschließend konnte ich wenigstens auch ein Auto kaufen. Wir hatten ein großes Glück, dass Linda nie sagte, sie wolle nicht trainieren. Wir haben in verschiedenen Dörfern Tennis gespielt. Wenn wir irgendwo einen Tennisplatz sahen, gingen wir dort hin, um kostenlos trainieren zu können. Als Linda elf oder zwölf Jahre alt war, half ihr Herr Pavelka viel beim Training. Er erzählte, Linda habe immer alles gleich verstanden, er habe nie etwas wiederholen zu müssen. Heute ist er über 80 Jahre alt, früher spielte er Tennis, er war Bergarbeiter von Beruf.“

Drahoš Nosek erinnerte nicht nur an den befreundeten Tennisenthusiasten, sondern auch an Melanie Molitor, die Mutter der berühmten Tennisspielerin Martina Hingis. Linda sei mehrmals zu der Trainerin in die Schweiz gereist, erzählt Nosek.

„Melanie Molitor brachte Professionalität und eine ganz bestimmte Einstellung mit ein. Einmal kamen meine Frau und Linda drei Minuten später zum Training. Drei Tage lang betonte Melanie immer wieder: Sollte das noch einmal vorkommen, bräuchten sie gar nicht erst wiederzukommen. Linda mochte sie. Sie war hart und zeigte uns, dass Tennis eben harte Arbeit ist.“

Jeder der Trainer trug zu Lindas Entwicklung bei. Zuerst trainierte Vater Nosek seine Tochter, jedoch nur bis zu einem bestimmten Moment, wie er schildert:

„Ich konnte mit ihr Ballwechsel spielen, bis sie zehn oder elf war. Als sie 13 war, spielte sie absichtlich mit linker Hand gegen mich und fegte mich vom Platz – mit sechs zu null. Ich habe dann gesagt: Gegen dich spiele ich nicht mehr.“

Seit etwa sechs Jahren trainiert Tomáš Krupa die diesjährige Wimbledon-Siegerin. Er hatte nur lobende Worte für Linda:

Tomáš Krupa | Foto: Milan Kammermayer,  Profimedia

„Es ist brutal, wie stark sie ist. Karolína Muchová hatte keine Zeit, um ihr eigenes Spiel aufzuziehen. Dann gab es im zweiten Satz Probleme, denn Linda ist nur 21 Jahre alt. Wir wussten alle, dass sie stark ist, aber jetzt wissen wir, dass sie noch stärker ist.“

Die erfolgreiche tschechische Tennisspielerin Barbora Strýcová ist Kapitänin der Mannschaft für den Billie-Jean-King-Cup. Sie räumte ein, das Wimbledon-Finale sei für sie sehr emotional gewesen.

„Zum Schluss hatte ich Tränen in den Augen. Erstens war das ein herrliches Tennisspiel, zweitens war das Lindas erstes Grand-Slam-Finale. Es ist unglaublich, wie stark Linda im Kopf ist. Bei Karolína fand ich glänzend, dass sie nicht aufgegeben hat. Ich weiß nicht, was im dritten Satz entschied, vielleicht das erste Game. Es war ein unglaubliches Finale. Für Karolína ist es jetzt natürlich schwer. Ich habe das Spiel jedoch genossen. Es ist eine schöne tschechische Geschichte. Sie können beide stolz sein.“

Linda Nosková | Foto: Reuters
Autoren: Martina Schneibergová , Jaroslav Plašil | Quelle: Český rozhlas
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