Bunker, Escape Room, Stadtführung: Wie der Kommunismus in Prag für Touristen inszeniert wird
Prag wird jedes Jahr von mehreren Millionen Touristen besucht. Nicht wenige interessieren sich für die jüngere Geschichte des Landes – die Zeit des Kommunismus in der Tschechoslowakei und die Samtene Revolution von 1989. Kein Wunder, dass die Auseinandersetzung mit dem Staatssozialismus längst schon zu einem Geschäftsmodell geworden ist. Großer Beliebtheit erfreuen sich etwa sogenannte „Kommunismustouren“. Die Kulturwissenschaftlerin Sabine Stach vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) in Leipzig hat sich mit diesen besonderen Stadtführungen auseinandergesetzt. Im Folgenden ein Interview mit Stach über die Ergebnisse ihrer Forschung.
Frau Stach, Sie haben in den letzten Jahren intensiv zur kommerziellen Vermarktung des Staatssozialismus in Polen, Tschechien und der Slowakei geforscht. 2015 haben Sie damit begonnen. Was war der Auslöser dafür?
„Ich hatte mich bereits zuvor viel mit Erinnerungskultur und -politik auseinandergesetzt, dabei aber eher staatliche oder zivilgesellschaftliche Gedenkinitiativen betrachtet. Irgendwann wurde mir aber klar, dass mir damit ein großer Teil der Geschichtskultur fehlt – nämlich alles, was sich weniger an moralischen oder identitätsstiftenden Prinzipien orientiert, sondern vor allem an der Nachfrage und daran, wie gut sich etwas verkaufen lässt. Solche Dinge werden von Historiker*innen oft als trivial angesehen und von oben herab betrachtet. Mich hat das aber total interessiert, denn ich dachte mir, dass der Tourismus ein unglaublich wichtiger Vermittler von Geschichte ist. Das zeigt sich etwa in Prag. Der Overtourismus liegt zum Teil auch im Geschichtstourismus begründet.“
Sie haben sich vor allem mit geführten Stadtspaziergängen auseinandergesetzt, sogenannten ‚Kommunismustouren‘ – und das in Prag, Warschau und Bratislava. An wie vielen solcher Touren haben Sie teilgenommen?
„Mitte der 2000er tauchten die ersten Kommunismustouren auf. Das erste professionelle Format gab es meines Wissens in Krakau.“
„Den Begriff der ‚Kommunismustouren‘ verwende ich in dem Buch, das ich zu diesem Thema geschrieben habe. Es geht mir dabei um spezielle Stadtführungen, die sich der Zeit des Staatssozialismus widmen. Auf Englisch heißen sie oft ‚communism tour‘, ‚red tour‘ oder ‚post-socialist tour‘. Ich war bei 37 Rundgängen dabei, wobei dazu auch Vergleichstouren zu anderen Themen zählen. Und manche Rundgänge habe ich auch zweimal absolviert, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich dieselbe Tour unterscheidet, wenn sie von unterschiedlichen Stadtführer*innen gegeben wird.“
Nehmen Sie seitdem auch öfter an Stadtführungen teil, wenn Sie selbst irgendwo im Urlaub sind?
„Ein bisschen schon. Meine Familie ist manchmal ein wenig genervt davon, weil sie immer mit muss.“
Wann hat die Kommerzialisierung der historischen Phase des Kommunismus eingesetzt? Ist das ein neues Phänomen?
„Ganz allgemein setzte die populärkulturelle Auseinandersetzung mit der Zeit des Kommunismus in den postsozialistischen Ländern relativ zeitig ein. In Ostdeutschland etwa gab es recht schnell eine ‚Ostalgiewelle‘. In Tschechien, der Slowakei und Polen fanden schon früh Flohmärkte statt, auf denen Relikte aus der Zeit angeboten wurden – Gebrauchsgegenstände, Insignien, Urkunden, Militaria. Parallel entstanden Ende der 1990er Jahre die ersten Filme, die sich mit dieser Epoche auseinandersetzten. Für Tschechien ist das etwa der Film ‚Pelíšky‘, der 1999 erschien. Was die Kommerzialisierung des Phänomens anbelangt, spielten zunächst Museen eine wichtige Rolle. Das ‚Museum of communism‘ in Prag war Anfang der 2000er Jahre eine der ersten derartigen Einrichtungen in Ostmitteleuropa. Mitte der 2000er tauchten dann die ersten Kommunismustouren auf. Das erste professionelle Format gab es meines Wissens in Krakau, und bald darauf folgten überall zwischen Berlin und Moskau weitere nach.“
Welche Angebote gibt es in diesem Bereich neben Stadtführungen und Museen heute noch in Prag?
„Das erste, was einem da einfällt, ist sicher tatsächlich das Kommunismusmuseum, das von Tourist*innen gerne besucht wird – von Einheimischen eher weniger. Ansonsten sind etwa noch Bunkermuseen zu nennen, etwa unter dem Hotel Jalta am Wenzelsplatz oder im Stadtteil Žižkov. Kürzlich bin ich zudem über einen Escape Room gestolpert, der das Thema des Kalten Krieges zum Ausgangspunkt nimmt und sich in einem Atomschutzbunker befindet.“
Wer ist die Zielgruppe solcher Angebote? Wen haben Sie bei den Spaziergängen angetroffen?
„Diese standardisierten Formate werden in der Regel auf Englisch angeboten. Das heißt, sie richten sich an ein westliches Publikum, nicht an ein einheimisches. Junge Leute sind sicherlich eine der wichtigsten Zielgruppen. Ich habe aber auch einige ältere Menschen auf den Touren getroffen. Diese Teilnehmer kamen etwa aus den USA, Australien oder Spanien und konnten ihre eigenen Perspektiven auf den Kalten Krieg einbringen.“
Wer sind die Menschen, die hinter den Angeboten stehen? Und wer führt die Stadtführungen durch?
„Im Wesentlichen wird eine stark westlich geprägte Fortschrittserzählung vermittelt. 1989 wird gewissermaßen als Happy End erzählt.“
„Die Kommunismustouren werden meist von kleineren Anbietern offeriert. Diese haben häufig auch noch andere thematische Rundgänge im Angebot, in Prag können das etwa Touren zum Mittelalter oder zum jüdischen Leben sein. Bei diesen kleineren Unternehmen sind die Betreiber meist auch selbst als Guides tätig. Route und Skript haben sie teilweise selbst entwickelt und an ihre Mitarbeiter weitergegeben. Die Stadtführer sind ansonsten meist freiberuflich tätig und eher jung. Die meisten, die ich getroffen habe, sind in den 1980er oder 1990er Jahren geboren und Einheimische.“
Das heißt, sie sind keine Zeitzeugen…
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„Genau. Zeitzeugen sind nur sehr selten als Guides aktiv. Die jüngeren Stadtführer beziehen sich vor allem auf Erfahrungen aus ihrer Kindheit oder – und das passiert ganz besonders häufig – sie erzählen Geschichten und Anekdoten, die sie über ihre Eltern kennen und die im familiären Gedächtnis zirkulieren. Vereinzelt kommt es zudem vor, dass es Gäste gibt, die selbst Erfahrungen aus einem staatssozialistischen Land haben. Solche Personen werden von den jungen Guides dann immer aktiv eingebunden. Sie werden nach ihren Erfahrungen befragt oder um eine Bestätigung der Erzählung gebeten. Das ist auch mir selbst öfter passiert, weil ich den 1980er Jahren in der DDR geboren wurde.“
Konnten Sie zwischen Prag, Warschau und Bratislava konkrete Unterschiede feststellen? Oder ist das Muster der Touren immer das gleiche?
„Das Grundnarrativ ist schon erstaunlich ähnlich. Im Wesentlichen wird eine stark westlich geprägte Fortschrittserzählung vermittelt. 1989 wird als Überwindung des Kommunismus und gewissermaßen als Happy End erzählt. Zudem sind die Führungen immer gespickt mit Geschichten über die Absurditäten des Lebens im Staatssozialismus und bizarre Anekdoten. Außerdem finden wir in allen drei Städten regelmäßig Bezüge auf die westliche Populärkultur. Damit knüpft man an das Vorwissen und die Erfahrungen der Besucher*innen an. In Prag bietet sich dafür etwa die John-Lennon-Mauer an. In meiner Forschung zeige ich aber auch, dass der konkrete Stadtraum und die Art, wie man sich fortbewegt, ob zu Fuß oder per Auto, großen Einfluss auf die Erzählung und die Interpretation hat. In Warschau gibt es etwa einen ganz klaren städtebaulichen Fokus, einfach, weil es dort diesen dominanten Kulturpalast gibt. Man besucht die Parteizentrale oder den Verfassungsplatz, und das gibt bereits die Themen vor, über die gesprochen wird: Ideologie, Propaganda, die Rolle Moskaus. In Prag ist das total anders. Die Touren führen meist ins Zentrum, dort gibt es in Prag aber kaum Originalbauten aus dieser Zeit. Deshalb liegt der Fouks hier stärker auf der Ereignisgeschichte. Man wird an die Schauplätze von 1948, 1968 und 1989 geführt. In Bratislava ist es ein Mix aus beidem, und weil die Stadt so nah am Eisernen Vorhang lag, spielen Geschichten über Flucht und den sehnsuchtsvollen Blick in den Westen eine große Rolle.“
Ich kann mir vorstellen, dass im Urlaub viele Menschen vor allem abschalten wollen. Wollen sie sich überhaupt mit den dunkleren Kapiteln dieser Zeit befassen? Und wie wird über den Staatssozialismus erzählt?
„Natürlich soll das Ganze kurzweilig sein und gute Unterhaltung liefern. Der Diktaturcharakter dieser Regime ist aber durchaus präsent und natürlich auch die Basis für das Befreiungsnarrativ, das in den Touren vorkommt. Die Grunderzählung der Überwindung des Kommunismus braucht diese dunklen Seiten, sei das der Stalinismus, die Schauprozesse, Repressionen oder im Falle Bratislavas Fluchtgeschichten und ihre Todesopfer. Spannend finde ich diese Gleichzeitigkeit. Auf der einen Seite sind da die nostalgischen Elemente, auf der anderen die Auseinandersetzung mit diesen dunkleren Kapiteln. Ich glaube aber, dass sich das nicht ausschließt. In der Forschung spricht man auch vom ‚dark tourism‘. Es hat schon immer seinen festen Platz im Tourismus gehabt, über Gewalt zu reden und sich für Verbrechen zu interessieren. Bei den Kommunismustouren wird diese negative Seite im Sinne der Erlebnisorientierung mitunter sogar ein bisschen überspitzt oder als Sensation dargestellt.“
Würden Sie Menschen, die nach Prag reisen, eher von solchen Touren abraten? Oder waren Sie positiv überrascht und sehen in den Angeboten vielleicht sogar einen Ersatz für den klassischen Museumsbesuch?
„Das kommt wirklich ganz auf den Geschmack und das jeweilige Ziel an. Es gibt unterschiedlichste Angebote, und das Spektrum ist sehr groß. Wenn es darum geht, dass man einfach einmal in einen Bunker hereinschauen will, ist so eine Tour eine gute Möglichkeit. Ich persönlich würde Angebote bevorzugen, die multiperspektivisch sind und weniger schlagwortartig. Generell würde ich aber jedem empfehlen, einmal bei solch einer Tour mitzugehen, denn man kann viel dabei lernen. In Prag würde ich raten, eine Route herauszusuchen, deren Radius etwas größer ist als nur durch die Innenstadt. Denn dabei wird sich mehr Zeit genommen, um tatsächlich ein differenziertes Bild zu vermitteln.“
Ihre Forschungsergebnisse aus Prag, Bratislava und Warschau hat Sabine Stach im Buch „Original Ostblock. Der Staatssozialismus in touristischen Stadtführungen“ festgehalten. Die Publikation hat 361 Seiten und ist im Wallstein Verlag erschienen. Das Buch ist als Print-Version verfügbar, zudem kann es online kostenfrei heruntergeladen werden.









